ROMAN Karfreitag, 18.4.03

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Franz hatte noch nie einen Roman gelesen. Jedenfalls wollte er sich an keinen erinnern. …

So oder ähnlich sollte das Buch anfangen, das lauter leichtfertige Ausflüge in die Theorie aufnähme, denen anderswo eine solche Aufnahme verweigert würde. Vermutete er jedenfalls. Man weiß ja nie.

Dabei dachte er an Marx, Robert Musil und andere unglückliche Schriftsteller. Schriftsteller – war diese Kennzeichnung seiner Wünsche überhaupt klug, die ihn zugleich der Lächerlichkeit preisgäbe und mit Legionen ambitionierter Eintagsfliegen in eine Reihe stellte? Wohl nicht.

Heute wollte er mit seinem Plastikschwert über eine verschmockte Supervisorin mit linksanalytischem Gehabe herfallen, übrigens über einen seiner wenigen sozialen Kontakte außerhalb der Berufstätigkeit. Denn ohne eine solche kam unser Held vorläufig noch nicht aus.

Er hatte ihr ein Buch empfehlen wollen, ihr der eindeutig fortschrittlicheren Frau fortgeschritteneren Alters, und dies von einem sattsam bekannten Standpunkt eines antianalytischen Quertreibertums aus: Er versprach ihr also mit Gabriel Kolko den Überblick auf „Das Jahrhundert der Kriege“, frei von Parteilichkeit gegenüber oder verstrickender Nähe zu den handelnden Personen und Mannschaften. Alles zu dem erklärten Zweck, die vielfältigen eigenen Gedächtnisinhalte und Emotionen anhand diverser Kapitel in eine sachliche Ordnung zu bringen und dabei neu zu sichten.

Sie interessiere allein ein bestimmter Zugang zu der ganzen Geschichte, beschied sie ihn.

Später fiel ihm auf, wie missverständlich und auch wieder verfänglich sein Angebot gewesen war. Und doch: Er hatte ihr ja nicht eine Weltanschauung, sondern Daten im Sinne von Größenverhältnissen vermakeln wollen. Aber war nicht gerade das der Anfang jeder Aufrechnung: Opfer gegen Opfer, Kalorie gegen Kalorie, BIP gegen BIP?

An dieser Stelle ging es ihm freilich allein um eine einzige Einsicht, für die eine Seite weitschweifigen Textes im Nachhinein unangemessen erscheint: Über der Verdrängung, möglichst kollektiven Verdrängung sollte die Zensur als gesellschaftliches Machtmittel nicht übersehen werden. Es lassen sich auch (politisch) Verantwortliche ausmachen und Profiteure der vermeintlichen Traumatisierung. Berechtigt oder nicht, er mochte liebend gern – zudem aus ihrem Lager – Mario Erdheims Begriff der gewollten Herstellung kollektiver Unbewußtheit ins Feld führen oder ihr auch eintrichtern, schon damit ihr der überfeinerte Appetit auf naturnahe Delikatessen verginge, den sie mit jener unseligen Marie-Antoinette von Frankreich teilte.

 

(Der Roman ist leider Gottes Fragment geblieben)

 

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