Höhenweg über dem Flusser-Tal

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Weggenosse Vilém Flusser 

Irgendein Autor findet sich bei mir eigentlich immer ein. Unvermutet macht er oder sie sich bemerkbar, etwa bei der Begegnung mit anderen Autoren oder überhaupt vor anderen Leuten.  Früher kam es so weit, dass ich unaufgefordert auf den gerade aktuellen Begleiter angesprochen wurde. Jahrelang waren das Hegel und seine Dialektik, ein wirklich charmantes Tier, später Mao, noch später Feyerabend und Luhmann. Seit ein paar Jahren taucht Flusser mit schöner Regelmäßigkeit auf. Und da ein solcher zur Gewohnheit gewordener Umgang andernorts selten publik gemacht wird, will ich aus ihm das Beste machen und unsere Beziehung in ihrem Auf und Ab indiskret veröffentlichen. Unverstellt wie sie sind,  mögen diese Aufzeichnungen der akademischen Jugend nützlich sein, und vielleicht nicht nur ihr. Sollten Sie ein bestimmtes Zeugnis einmal zwischenzeitlich vermissen, fragen Sie hier ruhig nach.              9.11.2013

 

Ein Beispiel aus dem Mai diesen Jahres:

Höhenweg mit Ausblicken auf das Vilém Flusser Tal

Von Zeit zu Zeit sollte man Abstand gewinnen. Ein Höhenweg mit interessanten Aussichtspunkten bietet sich an. Den idealen Rundweg gibt es nicht. Oft ist die Aussicht ganz verstellt. Manchem mag der Gedanke schon vermessen erscheinen, auf Flusser herab zu blicken. Doch wir sollten das Unterfangen nicht mit Herablassung verwechseln, es geht eher um Zusammenschau. Flusser stand mitten in den geistigen Strömungen und den – nicht nur technologischen – Revolutionen seiner Zeit. Er suchte seinen persönlichen Weg, fand ihn in der Crème der Philosophenkünstler, im Kreis der charismatischen Solitäre.

Heinz Schlaffers Stilanalyse Nietzsches („Das entfesselte Wort“) eignet sich dazu, auch Flusser in den Kontext zeitgenössischer philosophischer Rhetorik zu stellen. Umso mehr, als Nietzsches Stil in der Zwischenkriegszeit und darüber hinaus großen Einfluss hatte. Flusser selber hat ihm einen hohen Stellenwert für sein Schreiben eingeräumt. Wenn man noch zu Lebzeiten ‚verstanden’ werden will, ist der Anpassungsdruck beträchtlich. Das Problem hatte schon Arthur Schopenhauer bei der Abfassung seiner neuen Philosophie.

Wolf Lepenies’ soziologische Studie „Melancholie und Gesellschaft“ thematisiert  unter anderem zwei Themen, die Bedeutung für Flussers Denken gewonnen haben:

Erstens im Kapitel über Paul Valerys „Monsieur Teste“: In dessen zukunftsweisender Art zu wohnen war Flussers Konzept vom revolutionären Hausbau bereits vorgedacht – ohne jede eletronische Verkabelung.

Zweitens die Langeweile, die von programmierten Abläufen ausgeht. So die entsprechende Problematik in den Szenarien utopischer Literatur, auch wozu auch Flussers Vision einer „telematischen Gesellschaft“ gehört.

Nach Hans Blumenberg (Der Prozess der theoretischen Neugierde, 1966-1980, stw 24) begann die institutionalisierte wissenschaftliche Neugierde mit Bacon und und verbreitete sich im 18.Jahrhundert zugleich mit einer Trennung der Erkenntnis von den existentiellen Menschheitsfragen. Es musste also nicht erst die postindustrielle Revolution kommen, um den „Funktionär“ und sinnentleerte Fragen entstehen zu lassen. Klagte darüber nicht auch schon Friedrich Nietzsche?

Ein Rundweg? Immer wieder steht Flussers ‚Verortung’ an. Sie ist auch mit dem subjektiven Interesse verknüpft, den Ertrag der Flusser-Lektüre immer neu zu bilanzieren.

 

(28.5.13 am Ende eines Arbeitsurlaubs geschrieben)

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