‘Wang Lu Tai’ (Wang Yuanqi, XVII) von F.W.

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'Wang Yuan-ch'i - 17. Jht.' - auf dem Rücken des Papierabzugs (Wgm.)

‘Wang Yuan-ch’i – 17. Jht.’ – auf dem Rücken von Wiegmanns Handabzugs                   2X KLICKEN UND WANDERN!

Unbetiteltes handschriftliches und undatiertes (1936?) Vortrags(?)-Manuskript im Stadtarchiv Frankfurt/M; Transkription Gv, Rechtschreibung beibehalten

Lu Tai war eines der Pseudonyme, der Freundschaftsname, von Wang Yüan-ch’i (王原祁, Wang Yuanqi), der von 1652 bis 1715 unter dem Kangxi -Kaiser lebte und arbeitete. Der deutsche und der französische Wikipedia-Eintrag sind sehr informativ und führen auch zu zahlreichen weiteren Abbildungen!

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Fritz Wiegmann : Wang Lu Tai

In dem Fluss der chinesischen Tradition erscheint Wang Lu Tai eine aussergewöhnliche Erscheinung. – Unter den 4 Wang die stärkste Individualität, was im chinesischen Sinne wahrscheinlich kein Lob ist.

Es soll beleuchtet werden seine Stellung bzw. sein Abweichen von der Tradition 1. in der Anschauung (bei aller Gebundenheit in chin. Kultur, im Hervortreten der Persönlichkeit. 2. im Bildbau. Endlich soll eine Beziehung zur europäischen Kunst (Impression. Cezanne) versucht werden.

Es ergeben sich bei näherem Studium bei Wang Lu Tai einige auffallende Besonderheiten. Unter einer grossen Menge vorliegender Reproduktionen lassen sich seine Bilder leicht herausfinden. Bei allen dieselbe Sicherheit im persönlichen Stil, ob die einzelnen Bilder nach Huang Kung Wang oder anderen gemalt wurden (chin. Tradition aller Maler bis heute, jedes Bild als im Stil eines berühmten Malers früherer Epochen gemalt zu signieren).

Fast alle Landschaften zeigen dieselben wenigen Requisiten, Felsen Wasser Bäume Häuser und Nebel. Unter den Bäumen gibt es 3 – 5 aus der chinesischen Malerei bekannte Typen, die Felsen sind in den Formalien nicht so charakterisiert nach Material wie bei den Zeitgenossen üblich. Unter den Häusern treten 2 – 3 Typen auf – stets nur im Mittel- und Hintergrund, keine Pagoden oder Tempel, das Wasser ist fast garnicht behandelt, es erscheinen Seen ohne Zeichnung als reine Papierfläche, Wasserfälle sind unkompliziert ohne Unterbrechungen im Fall, Steine als (..) gemalt, die Nebel endlich wie üblich ohne Zeichnung lassen das Papier ohne Färbung hervortreten. Menschen treten nicht in Erscheinung. Alles dies in Schwarz Weiss mit leichter Tönung in Blau und Braun aber ohne dass der Farbe mehr Bedeutung und …. als ein Grau zu erwärmen oder leichter zu machen. Wir sehen das im Vergleich besonders mit Zeitgenossen und auch mit früheren Meistern eine grosse Beschränkung in Thema und Requisit für Wang Lu Tai charakteristisch ist. Man denke an die Auswahl Stimmung bildender Themen z.B. Tempel Pagoden Menschen Tiere Schiffe Blumen etc. die (bei) den denkend sehenden und sehend denkenden Chinesen ob Maler oder Betrachter als literarischer oder poetischer Inhalt eine grosse Rolle spielen. – (1.Seite)

Unter den 4 Wang erscheint W.L.Tai als der sich beschränkende der am meisten weglässt, völlig unliterarisch ein l’art pour l’art Maler! Daraus ergibt sich eine Souveränität gegenüber dem Thema. Weder ist ein Baum als Motiv wichtiger als ein Berg oder Haus noch ist die Fläche zugunsten eines Details verschwendet. Man kann bei ihm so von der Gleichwertigkeit der Fläche sprechen. – Bei aller Naturnähe der Details – im Baum Stein oder Haus – bleibt die Darstellungsabsicht entscheidend, d.h. die Funktion im Bildbau. Bevor auf die Form eingegangen werden soll noch ein Wort über die Intimität der Anschauung: Die Landschaften W.L.T. geben allen Reichtum im Relief, alle Größe und Tiefe des Raumes, dem tastenden Blick (tausend) Wege und gewaltige Schluchten und Seen nachzuwandern und nachzuschauen. Keineswegs stehen sie die großen Landschaften reiner und früherer Zeiten an Reichtum und Fülle nach. Dagegen ergibt sich aus der Beschränkung der Mittel und Themen eine größere Intensivierung und Kraft.

Durch das Fehlen poetischen literarischen und stimmungsbildenden Beiwerkes tritt die Natur freier hervor und der Geist des Malers ist heutig und uns nah.

Über den Bildbau

Wenn es in der Tradition heisst dass der Maler die Flächen gliedern und zusammenhalten muss, dass er klar in Details und intim, dass er übereinander bauen und wägen muss, so hat W.L.T. diese Forderungen und andere mehr erfüllt. In der Dynamik, im organischen Wachsen der Dinge in der konstruktiven Struktur geht er den anderen voraus. – (gestrichener Satz: Man verfolgt eine Baumgruppe von den Wurzeln zum Wipfel und der Raum den sie ____) Er durchwebt seine Landschaften mit einer Konstruktion die die Massen abstützt und einen Schwung eine Vibration weitergibt bis sie je weiter nach oben in immer leichteren Variationen abklingt. Er beginnt seine Kurven in der (Nähe??) (Ende der 3.Seite) gibt sie weiter in die Bäume in die Berge und Hügel. Er malt senkrechte Bäume gerade wie Masten, setzt sie fest in Wasserfällen und Schluchten. Er umgibt sie Senkrechten mit stützenden Winkeln, zwischen große Dreiecke setzt er kubische Blöcke, er türmt die Massen mit diesem modernen Bildbau ohne Mühe und erreicht eine Dynamik die bis in die letzten Bildwinkel hinein wirkt und belebt. Es gibt kein detail das nicht davon erfasst wird. Die Zweige einer Baumgruppe schließen nicht nur den Raum ein sie halten ihn fest. Die schlanken Stämme biegen sich oft als wären sie aus Stahl, sie wirken in den Raum wie jedes Bildelement bei W.L.T. ein anderes beeinflusst. Jede Bewegung findet Gegenwirkung, jede Kraft ist gebändigt und gehalten. Kontrapunkt in der Malerei und eine Fülle und Vielheit der Kombination, eine gemalte Fuge.

Unter seinen Zeitgenossen muss W.L.T. als die emanzipierteste Malerpersönlichkeit gewertet werden. Zwar malt er Berge und Bäume indem er von dem traditionellen Stil ausgeht, zwar kommt seine Technik der Tuschebehandlung aus der Tradition, zwar ist seine Kompositionskunst an den Alten geschult,, aber alles ist zu einer Bewegung gesteigert und bis zu dem Punkte entwickelt wo man von Erfindung sprechen muss. Es gibt in der chin. Malerei Bewegung in Weidenzweigen aber es ist der Wind, es gibt Zweige die wachsen und gefüllt sind mit Kraft aber es ist der Frühling. Es gibt Berge die sich türmen aber sie machen eine Schlucht damit ein Philosoph zu ihren Füssen meditieren kann. Bei Wang Lu Tai gibt es keinen Zweck als das Bild und keinen Gedanken der nicht Malerei (gestrichen: Sehen) ist. (2.Seite)

Man muss an die eingeborene Stärke der Tradition denken um zu verstehen wie weit W.L.T. aus ihr herauswuchs. Sein Stil scheint immer der gleiche gewesen zu sein, es gäbe also von ihm nicht wie bei seinen Zeitgenossen weitgehende Anwendung verschiedener MalStile nach alten Meistern (Oft gab man die Individualität in Anlehnung an Vorbilder so weit auf, dass ohne Signierungen die Bilder als Fälschungen zu bezeichnen wären.) Als Persönlichkeit steht W.L.T. als der grosse Formalist über seiner Zeit. Wie er keine Anekdoten erzählte interessieren uns keine über ihn. Vielleicht ist er für China heute noch unentdeckt. Reine Maler je mehr sie sich der Abstraktion nähern scheinen hier weniger zu bedeuten. So kommt es dass seine Bilder billiger sind als gleich grosse seiner Zeitgenossen und besser.

Für Europäer ergibt sich bei W.L.T. eine gewisse Verwandtschaft zur europäischen Malerei. Bäume und Felsen nähern sich in ihrer Form of(t) Cezanne Landschaften. Besonders die kristallinische Technik des Auftrages und die Dynamik der Zweige. Hier gibt es die Möglichkeit einer unhistorischen Betrachtung und statt der ewigen Unterschiede Zusammenhänge. Wenn ich W.L.T. von seinen Zeitgenossen unterschied, so um ihn Europa näher zu bringen.

Seit Cézannes Zeit sieht man in Europa die Qualitäten wie die eines W.L.T. Man bewundert sie in Derain Landschaften, aber der “Chinakenner” ist noch nicht bereit, sie in chin. Kunst zu sehen. Der Geschäftsbegriff chin. Malerei geht nur bis an die Ching Zeit. Das ist aber schon Dubosc’s Gebiet und ich habe mein Konto schon belastet mit seinen Ideen und seinem Wissen.

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Ein paar Gedanken dazu  am 24.10.2016

Wiegmanns Erfahrungen mit chinesischer Malerei sind hier resümiert. (Ich liebe bündige bilanzierende Texte!)

Ein weiteres Gelobtes Land, das ich nicht betreten durfte, und das Wiegmann mit wachsender Bescheidenheit kultivierte. Ein dem künstlerischen Laien im Grunde hermetisch verschlossenes Land. Solche traditionsverbundenen Künstler (der Klassischen Moderne) leben freilich davon, dass das Publikum die bedauerliche Tatsache nur leise ahnt, sich von den Künstlern nicht zu sehr auf Abstand gehalten fühlt. Deren häufig bemerktes Schweigen über ihre Arbeiten ist aber ein Hinweis.

W.L.T. ist Wiegmanns alter ego, der Text ein Schlüsseltext. Er scheint mir darin einige Eigenheiten seiner Bilder  zu ‘erklären’, vor allem die künstlerische Absicht, zum Beispiel die Beschränkung der Motivauswahl und der erzählerischen Werte, und sein Verständnis von Modernität. Chinesisches Leben – auch in der Pekinger Ausstellung vermisst – konnte vielleicht gar nicht Eingang in sein ‘Werk’ finden. Ich kenne nur zwei einschlägige ….. Landschaften !

Man sollte auch Wiegmanns China-Fotos darauf hin ansehen! Die Kiefern, die Abgründe ….

Wiegmann Berner Alpen, vermutlich um 1970 gemalt

Wiegmann Berner Alpen, vermutlich um 1970 gemalt

25.10.

Nach der Lektüre bemerke ich seit langem zum ersten Mal  hier den kühlen Hauch der Abstraktion, in täuschend biederer Verkleidung!

Und dann selbst in der unscheinbaren Komposition des voralpinen Mittellands.wiegmann-berner-alpen-1

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