Asyl für ein himmlisches Huhn (Yoruba)

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Klarstellung

In jeder Sammlung gibt es Stücke, die seit Jahren auf der Abschussliste stehen oder solche, deren Historie und emotionale Bindung ihren materiell vorhandenen Körper überwuchern, ganz abgesehen von der Legion an Kandidaten, die in Magazinen, Garagen, auf Märkten und Galerien lagern und höchstens hoffen dürfen, irgendwann doch bei jemandem unterzukommen. Da sie geeignet sind, das Image eines Sammlers bei seinesgleichen zu beschädigen, wird über sie nichts veröffentlicht. Schlimm genug, wenn der Besucher sie aus ihrer Ecke hervorzieht und einen zu Erklärungen nötigt. Die Deckelschale von den Yoruba ist ein solches Stück. Hätte ich nur nie die dazugehörige traditionelle Erzählung vernommen! Ein Nachbesitzer wird gewiss nur den mit einer Figur geschmückten Deckel aufbewahren. Dann lässt sich wenigstens von einem ‚passenden’ Unterteil träumen.

Yoruba Huhn IMG_3536

Beschreibung

Stumpfe, fleckige, undefinierbar braune Oberfläche. Die Aufstellung und das Alter sind gar keine Frage: Es stand über Jahre ungeschützt auf dem Erdboden. Kleinere Fraßstellen und -löcher vor allem innen und an der Bodenfläche. Nichts Großartigess, keine plötzliche Ablage mit böser Überraschung. Schüssel und Deckel sind innen wie außen gleich ‚schmutzig’. Mit den Jahren sind alle Ränder und vorspringenden Ecken bestoßen und sogar gerundet worden. Dort ist dann das helle Weichholz sichtbar. Nass geworden ist das Stück auch.

Dem entspricht die Bearbeitung. Der Bau der Schale ist ausnehmend stabil, an keiner Stelle misst die Wand weniger als zwei Zentimeter. Die Form ist stimmig, der Schmuck ist bescheiden, aber angemessen. Die Deckelform passt in keiner Stellung vollkommen auf die Schale, ihr Rand ist jedoch bemerkenswert dünn, elegant. Das Flachrelief auf der Schale mit geometrischen Ritzungen – vier vollständigen Rhomben, durch vier mit aufgesetzten Dreiecken verstärkten Bändern verbunden – passt formal zu der Szene auf dem Deckel, einer minimalistischen Vogelgestalt in einem Kreis mit zehn vorspringenden Zacken über vierzehn Halbmonden.

Maße

Höhe: Topf 12 cm   Gesamt- 22 cm Durchmesser: 28-29 cm

Erwerb

Nach dem Kauf im März 1997 in der häuslichen Galerie von K. sammelte ich noch den heraus fallenden ‚authentischen’ Dreck in einer leeren Filmdose. Man weiß ja nie.

Meine erste Verortung war die Küche der Yoruba-Frau: ‚Ein solider Deckeltopf von 29 cm Durchmesser und 2-3 cm Wandstärke. Der schwere und plastisch gearbeitete Holzdeckel ist großzügig eingepasst für die häufige bequeme Bewegung. Die Symbolik des Deckels weist auf eine naheliegende Funktion: Eier sicher vor Bruch und diebischen Haustieren darin aufzubewahren. (…) K. hat das Stück von einem Yoruba-Händler und verweist auf deren Hühner-Mythen. Hoffnung auf nähere Entschlüsselung der Herkunft macht er mir nicht.

Erzählung

Im schmalen Katalog „Oligue gue“ (S.20) aus Freiburg steckt die Lösung:Yoruba Huhn Aufsicht IMG_3534

„Bei den Yoruba spielt das Huhn als Erscheinungsform der Göttin Oduduwa eine besondere Rolle im Schöpfungsmythos:

Oduduwa kam vom Himmel herab. Wasser bedeckte die Erde. Es gab keinen Platz zum Stehen. Sie leerte einen Behälter mit Erde auf das Wasser und setzte ein Huhn darauf aus, das als besonders groß und mit übernatürlichen Kräften ausgestattet beschrieben wird. Es begann zu scharren, verteilte die Erde und vergrößerte so die Fläche trockenen Landes“

 (…)  Und der offensichtliche Alltagsgebrauch des Topfes? – Dem geschätzten Haus- und Opfertier wird bloß die ihm gebührende Ehre erwiesen. Schrieb ich 1997.

Bewertungen

Opon Igede, AA t.8-1,1974,23

Opon Igede, AA t.8-1,1974,23

Dann traf ich auf eine ähnliche Darstellung in gleicher Qualität in der Funktion als „OPON IGEDE WITH BIRD HANDLE mit 45 cm (18’’) Durchmesser in African Arts, t.8-1, 1974, p.23, ‚Art of the Ifa’ zur Aufbewahrung von Palmnüssen für das Orakel – mit dem störenden Unterschied einer Inneneinteilung. Die Verfasserin merkte aber die ungewöhnliche Größe und die Einteilung für weitere zeremonielle tools eigens an, die in demselben consecrated space aufbewahrt werden könnten. Ich las auch, die Nüsse sollten bloß sauber bleiben. Und ein Set enthalte 16+1 Palmnüsse, bis zu 81 dürfe der Wahrsager besitzen.

Ich traf auf komfortable, von einer Frauenfigur getragene Behälter, die hießen Agere oder ähnlich. Sie konnten reich beschnitzt sein und von einem prominenten Handwerker stammen.

Doch ich sah auch – in  „Secrecy in Africa Art“ (ed. Mary Nooter, Prestel 1994) – einen schlichten runden Kürbis, den man waagrecht in der Mitte durchschnitten hatte, und auf einem weiteren Feldfoto eine chinesische Emailleschüssel, die von einem Teller bedeckt wurde. Der Begriff ‚Yoruba’ hieß für mich aber damals so uneingestanden wie selbstverständlich: hohe handwerkliche Qualität. Das war mir nun zu komplex und ich ließ die weitere Klärung für ein paar lange Jahre ruhen. Inzwischen habe ich so viele ‚dörfliche’ Objekte gesehen! Ästhetische Qualität ist relativ. Und die Verwendung: Ob Eiertopf oder Palmnussbehälter für den Wahrsager – ist nicht beides Alltag im Yorubaland?

Bei längerer Betrachtung des schlichten hölzernen Topfes treten die ästhetischen QualitätenYoruba Huhn IMG_3531 hervor, etwa die unauffällige Plastizität. Auch die ‚realistische’ Gestaltung kommt zur Geltung. Das Huhn scheint schon deshalb im Untergrund zu versinken, weil es scharrt und dabei die Flügel etwas abgespreizt hält. Die Füße sind hinten sichtbar. Um es herum erhebt sich Staub in Form dreier eingeritzter Kreise. Die Erde spritzt zur Seite : Zacken. Das Huhn arbeitet bereits auf einem Hügel, der durch viele kleine Halbmonde vom Wasser – zwei äußere Kreislinien – geschieden ist. Ganz zum Schluss fällt mir auf, dass ein etwas kleinerer runder Sockel die Deckelschale optisch vom Boden abhebt. Bewertung? Unverkäuflich.

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