‚Kunst‘ und ‚Fetisch‘ Alles eins? – Bedeutung und Ăsthetik in der Kongo-Kunst.
‚Meaning and Aesthetics in Kongo Art‚ – Auf acht Druckseiten in âKongo â Across the Watersâ, ed. S.Cooksey, Florida 2013 formuliert Wyatt MacGaffey seinen Standpunkt prĂ€gnant und detailreich. Er begrĂŒndet seine Position auf ĂŒber hundertvierzig Jahren Rezeption auf zwei Kontinenten.
Ein Paradigmenwechsel nach 1960, obwohl nach 1968 âbesonders in den USAâ stecken geblieben in der Idealisierung afrikanischer âSpiritualitĂ€tâ, habe eine âtheoretische Revisionâ ermöglicht, welche die Wahrnehmung neu organisiere und zwar so, dass wir sehen und fĂŒhlen, was âUneingeweihteâ eigentlich nicht wahrnehmen. (178)
MacGaffey sieht im Paradigmenwechsel nicht einfach einen Wandel des Ă€sthetischen Geschmacks. Es geht fĂŒr ihn um das Recht der Afrikaner, âals normale menschliche Wesen wahrgenommen und verstanden zu werdenâ, hier in der Beurteilung ihrer âFetischeâ. Die sollen als (sozial)technische Hilfsmittel verstanden werden, die zwar auf irrigen Annahmen ĂŒber ihre Wirkmechanismen beruhen, aber deshalb weder ‚irrational‘, noch ‚religiös‘ oder ’spirituell‘ seien. âIrrtum allein begrĂŒndet noch nicht âReligionâ. Vor allem brauche er ‚keine Entschuldigung in beschönigenden Wortenâ (178).
Ăber Jahrzehnte hat MacGaffey rund zwanzigtausend Seiten Texte in Kikongo studiert, in denen vor allem Katecheten des âSvenska Missionsförbundet, SMV,â auf Veranlassung des Missionars und Ethnographen Karl Laman nach 1900 das ‚traditionelle‘ Leben ihrer Heimat beschrieben haben.
Er zitiert einige Anekdoten, die Ăsthetik und Bedeutung der âFetischeâ verbinden. Dabei wird klar, dass vor allem strukturell Parallelen zwischen Fetisch und Kunstwerk bestehen. Dieser ist âals Kunstwerkâ in seiner ursprĂŒnglichen Funktion zwar âtotâ â man nennt das âdesakralisiertâ â aber noch immer wirksam. MacGaffey’s Kollegin Alisa LaGamma hat die Ă€sthetische Kraft (âpowerâ) eines erstklassigen Nagelfetisch so auf den Punkt gebracht: âIts commanding presence assaults the viewer and demands a responseâ (Zitat a.a.O. 176) auf Deutsch etwa: Seine beherrschende Gegenwart springt dich an und fordert eine Reaktionâ. Jeder Fetisch der Bakongo war ein Unikat, das sich bereits zu seiner Zeit auf dem Markt beim Kunden durchsetzen musste, genauer: als Schnitzwerk vor seiner magischen Aktivierung. LaGamma erzĂ€hlt auch von einem Ă€uĂerst wirksamen Fetisch, der auf einer Tournee zu Bruch ging. Der nganga (Zauberer) lieĂ eine Replik anfertigen, ‚weihte‘ sie und hatte auch mit ihr Erfolg.
Der Sammler sollte sich also nicht auf Typenmerkmale und Provenienz verlassen, sondern sich fragen, ob das StĂŒck noch etwas davon hat, was einmal Respekt und vielleicht Angst einflöĂte (MacG: ‚awesomeâ). Die Demontage des Fetisch kann zum Beispiel schon zu weit getrieben worden sein. Dann ist er bereits auf das bedeutungslose âHalbproduktâ reduziert, das er in der Werkstatt oder auf dem Markt war. Es sei denn, die Skulptur war bereits zu diesem Zeitpunkt ein fesselndes Kunstwerk, das ĂŒberall auf der Welt seinen Weg machen wĂŒrde.
Auch katalogisierte Bedeutungen von magischen ZusĂ€tzen können irrefĂŒhren. Dieses Vermarktungskonzept entstammt unserer modernen Warenproduktion. Der tatsĂ€chlichen ‚Kraft ‚ konnte man sich bei keinem Ensemble sicher sein. Sie musste sich beweisen. Jeder âFetischâ war ein Ă€sthetisch-soziales Experiment, ‚Fetische‘ im Allgemeinen ein Experimentierfeld. Was in der Wirkung enttĂ€uschte, wurde auĂer Dienst gestellt.
Die Region Mayumbe und vielleicht sogar die Werkstatt, in der das halbe Dutzend meiner im letzten Jahr erworbenen Figuren entstanden ist, arbeitete mit ausdrucksvollen Gesichtern, die in den MĂŒndern ihren dramatischen Höhepunkt erreichten. Meine Figuren sind heute ziemlich schmucklos. Und anstelle einer galerietypischen ansprechenden Patina stellen sie die Wunden aus, die ihnen HolzschĂ€dlinge und Klima geschlagen haben. W.L.: Sie wurden gebraucht und verbraucht, das waren keine ErbstĂŒcke, und das sieht man ihnen an. Genau das aber mag die PlĂŒnderung und Missachtung , die sie bei AuĂerdienststellung erlitten, fĂŒr ihren zweiten Wirkungskreis als Kunstwerk Ă€sthetisch kompensiert haben. Blick und wulstige Lippen springen uns mehr denn je an, sie schreien. Die âflehendeâ Mutter und ihr Kind ziehen die Blicke der Passanten auf sich wie am ersten Tag. Der blinde Spiegel meines âNdubiâ lĂ€sst sein zerstörtes Innenleben ahnen. Die hechelnd grinsenden Nagelhunde sind ein eigenes Kapitel. Alle sind auch jetzt âzum FĂŒrchtenâ. Man hĂ€lt besser Abstand.                     26.2.-27.5.2016