Auch das Foto hat eine Würde.

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Verdienen Amateure nicht am ehesten den Titel „Fotografen“?

Von Parkbank zu Parkbank nehme ich ein altes Paar wahr. Gerade als ich fragen will, warum sie fotografiert, bemerke ich : Die Frau fotografiert mit großer Geduld ihren kleinen Pekinesen. Der Mann raucht entspannt und ihr zugewandt an einer Zigarette.

Ich weiß mit einem Mal: Fotografieren ist ein Teil des Abschiednehmens, vorsorglich,  wie die Porträtsitzungen noch junger Menschen im nachchristlichen Ägypten, die ihr Mumienporträt anfertigen ließen. Oder auch Abschiedsgeschenk, das die fotografierten Menschen, Tiere oder Objekte gewähren, oft nicht ganz freiwillig. Unter Umständen lässt der Fotograf das Bild auch einfach mitgehen oder nimmt es heimlich. Der Fotograf muss weiter, sich von der Faszination trennen, oder sie entfernt sich oder die Szenerie verwandelt sich zu grauer Realität.

Aus dieser Sphäre bezieht das Foto seine Würde. Hier hat es mit dem zu tun, was Roland Barthes in „Die helle Kammer“ thematisiert, wenn auch aus der Perspektive des Betrachters und eher als Begrüßungsgeschenk. Seine Situation ist nämlich sehr komplex. Da ist das Hauptmotiv, das ihm der vielleicht sogar anonyme Fotograf zur Begrüßung entgegenstreckt, das vielleicht gar betitelt und sogar lokalisiert ist, und da sind Erscheinungen am Rande, ob nun ein Lorioteffekt oder eine attraktive Person, die ihn weit mehr interessieren.

Welche Würde hat ein total manipulierbares, von einem Apparat produziertes Foto, möglichst noch ohne greifbaren Träger, also ohne haptische Sensation, ohne geringste Spur von Fetisch, ein Serienprodukt, vielleicht gar flüchtig in einem Video? Das was Vilem Flusser in „In die Welt der technischen Bilder“ (1985) als Star feiert, als Repräsentanten der Kulturrevolution ins Zentrum stellt, ist ein virtuelles Nichts. Millionen, ja Milliarden solcher Fotos werden täglich hergestellt und verbraucht und  überfluten und blenden uns, verblenden uns und lassen uns erblinden, wenn wir nicht Vorkehrungen dagegen treffen. Auch Fotowettbewerbe und Ausstellungen sind dieser Sphäre nicht entzogen, weil Teil des gleichgültigen, empfindungslosen Kulturbetriebs. Das Foto oder angemessener „technische Bild“ (Flusser) ist als didaktisch-propagandistisches Hilfsmittel und als Gleitmittel der technisierten Kommunikation unentbehrlich, aber eine Würde hat es nicht – oder nicht von daher.

Flussers generelles Urteil über solche Bildproduktion, speziell über den digitalen Ramsch, der sich als „Kunst“ ausgibt, ist noch nicht überholt, aber seine Hoffnung auf eine erfolgreiche ästhetische Rebellion immer noch utopisch. Ob die Bilder nun gravitätisch im Frack der Vorfahren  –  schwarzweiß, Albumindruck, limitierte Auflage – auftreten oder mit avancierter Digitalvideotechnik oder Allradkamera prunken – Es bleiben sterile Kunstprodukte, welche die Sphäre des modernen Verwertungsapparats schon deshalb nicht verlassen können, da es ihnen an menschlicher Qualität mangelt. Im Bilde gesprochen sind es: Surrogate, Augentäuschungen in einem umfassenderen Sinn, Klone, Replikanten, die über mehr nicht verfügen, als das, worauf sie programmiert wurden.

An dieser Stelle kommt Roland Barthes einigen Bildern zur Hilfe.  Auch Fotos mit diesem Hintergrund können Bedeutung erlangen, aber nicht durch raffinierte untergründige Operationen, wie Flusser erwartete, sondern weil ein kleiner Hund am Bildrand auftaucht, eine wunderschöne Brust oder ein lange vermisstes Gesicht.

Das können wir einfacher und billiger haben. Dazu braucht es nicht einmal eine Ausbildung.

 

 

 

 

 

 

 

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