Paradies mit kleinen Fehlern (1912)

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Touring C

PARADIES MIT KLEINEN MÄNGELN

Ich suchte nach Karten des Mayumbe-Gebiets, alten und neuen. Die schönste fand sich im Panorama du Congo – Édité par le Touring Club de Belgique, Bruxelles (o.J., um 1912). Ihr Maßstab: 1cm bedeuten 8 km. Sie ist von einer Beschreibung umrahmt, auf die ich näher eingehen möchte.

Beim Blick auf die Karte stechen dunkle Flächen heraus, deren Grenzen mit dem Lineal gezogen waren. Unterschiedliche Schraffuren markieren a) 1912 bereits an Agrargesellschaften verkauftes Gelände und b) Reserveflächen. Eine Schmalspurbahn führte bereits bis zum Fluss Lukula, wurde später bis Tshela am Lubuzi verlängert. Sie war für die kommerzielle Erschließung umso wichtiger, als das Gelände bergig und dicht bewaldet ist und die drei Flüsse wiederholt durch Stromschnellen unterbrochen sind. Die ersten Plantagen erreichten bereits das Herzland des Mayumbe, in dem seit Alters her die Bevölkerungsdichte am größten war.

Die Texte in diesem Bilderbuch sollten Investoren und Siedler für die seit kurzem verstaatlichte Kongo-Kolonie werben. Entsprechend lagen die Schwerpunkte der Informationen auf Klima, Relief und Bodenschätzen, Flora und Fauna, Böden und schließlich auf der Eignung der ansässigen Bevölkerung für die Arbeit auf den Plantagen.

So wird das Klima der Berggegend als ‚gesund’ beschrieben, in der sich der Siedler ‚ungestraft’ (impunément!) niederlassen könne. Der kristalline Untergrund biete Gold führenden Quarz und vor allem nördlich des Lubuzi reiche Eisenvorkommen. Vor allem seien Wälder und Savannen reich an Bauholz erster Güte, an Ölpalmen und anderen Fruchtbäumen. Ich zitiere die begeisterte Schilderung:

Citons ainsi le kolatus assez répandu qui produit des fruits comestibles, très appréciés des indigènes; le papayer. L’ananas se rencontrentsouvent sur plusieurs hectares de superficie.Le safu, le manguier, le citronnier, le cocotier poussent à l’envi. Le cotonnier y vit à l’état sauvage, aussi les essays de plantation de cette plante ont-il donnés le meilleures résultats.

Les indigènes cultivent la banane, l’igname, l’arachide, la patate douce le manioc, la courge, les haricots, la tomate, le piment, la maracouja, les fèves, le maîs et la canne à sucre.

La vraie richesse du Mayumbe est le sol de la forêt, aussi a-t-on commencé à le mettre en valeur en y créantde grandes plantations de cacaoyers, etc.

Deutsch:  Papaya, Ananas, Zitronenbäumen und Baumwollpflanzen ‚sprießen um die Wette’. Die Eingeborenen kultivieren die Banane, den Yams, die Erdnuss, die Süßkartoffel, Gurken, Bohnen, Tomaten, Pfeffer, Mais und Zuckerrohr. Der wahre Reichtum bestehe im Waldboden, den man vereinzelt schon für die Wertschöpfung durch große Kakaopflanzungen nutze.

Nun der Knackpunkt des bis hierher Begehrlichkeiten weckenden Berichts: Der Mensch, nachdem auch von Raubtieren keine Gefahren drohen:

L’indigène du Mayumbe est robuste, énergique, farouche et défiant, épris d’indépendance et fidèle à ses serments.Jusqu’à un certain degré il est même industrieux: ses poteries, ses vanneries (Korbflechtarbeiten), ses sculptures sur bois le prouvent à suffisance. Son instinct commercial est réellement développé. Il n’est pas paresseux mais insouciant (sorglos); il vit à très bon compte (Er lässt es sich gut gehen). Vers le nord-ouest il est surtout porté à la consommation de l’alcool. Il ne connait pas beaucoup les soins de propreté. Le plus souvent ce sont les femmes qui s’occupent des travaux des champs. Il n’existe nulle part de traces d’anthropophagie.

Der Autor C(laude) Cassard charakterisiert ‚den Eingeborenen’ des Mayumbe als ‚robust, energisch, wild und herausfordernd stolz, auf seine Unabhängigkeit bedacht und in seinen Versprechungen verlässlich’. Für Anthropophagie gebe es nirgends Anzeichen. Was den Fleiß angeht, scheint das Bild durch Einbeziehung der Frauen positiver gefärbt zu sein. Handelsgeschick und Neigung zum Alkohol sind wohl vorsichtige Hinweise auf den Einfluss der alten Handelsroute zur Küste über das Tal des Shiloango. Doch Handelsstationen befinden sich um 1912 bereits überall in der Gegend! An wen richtete sich die Information: Kaum Sinn für Sauberkeit? An die belgischen Bräute der umworbenen Kandidaten?

Die Prognose des Verfassers: Wenn die Schmalspurbahn (von Boma) erst einmal bis zum Shiloango ‚bewirtschaftet’ sei, werde das Mayombe wegen seiner Lage, seiner Verkehrserschließung, seinem Klima, dem Reichtum seines Bodens und seiner friedfertigen (pacifique) Bevölkerung ohne jeden Zweifel eine der schönsten Provinzen unserer Kolonie werden.