Kriterien – Über eine Maske der Chokwe

|

 

Seit Monaten schleiche ich um die Maske herum, und um deren Fotos, und lege sie dann zurück.

Es liegt an ihrem Gesicht. Die toten Augenlöcher stehen ganz eng zusammen. Der Schädel IMG_3327 Chokweist schmal. Die Ohren sind klein und liegen nach hinten an. Insgesamt ist seine Physiognomie für Erdferkel und Schweine untypisch, von wegen Naturbeobachtung! Immerhin ist die Schnauze lang und erscheint weich. Dass sie noch immer mit dem Kragen aus geflochtenem Raffia ausgestattet ist, nutzt der Maske in Ruhelage überhaupt nichts. Sie ist so lange eine tote Schale, als nicht die Augen eines Trägers ihr Leben einhauchen. Sie muss erst fremde Energie aufnehmen, bevor sie – im Auftritt – welche abgibt. Am Stand gewann das Ding urplötzlich Ausstrahlung, als der in einem kongolesischen Fancydress gekleidete W. es sich überstülpte. Es fehlt ihr das ganz eigene animierende Masken-Gesicht. Dessen Form scheint den Charakter ihrer Rolle kaum zu verkörpern, sondern konventionell zu bezeichnen.

Geschmacksfrage? Die Feststellung besagt noch wenig über die künstlerische Qualität. Der Vergleich ihrer Komposition mit alten Stücken in Kunstbüchern spricht zu ihren Gunsten. Und da ich inzwischen weiß, dass das Ngulu, das Erdferkel, als Tunichtgut mit der vorbildlichen schönen Dame Pwo zusammen auftritt, im Initiations- oder sonst einem erzieherischen Kontext, könnte bei der Herstellung ein solches harmonisches Frauenporträt auf das Äußere des ungebärdigen Schweins abgefärbt haben. Oder verkenne ich etwa den ‚dummen’ Ausdruck eng stehender Augen? Die Ältesten fanden die Andeutung früher vielleicht dem Ernst der Situation angemessen. Die mir aus Katalogen bekannten Ngulu aus dem 20. Jahrhundert tragen jedenfalls alle eine schlichte unbekümmerte Gemütslage im Gesicht. Dahin ging auf jeden Fall der Trend. Im Gepäck konservativ gestimmter professioneller Wandertänzer an der angolanischen Grenze könnte das ‚antike’ Stück so lange überlebt haben, bis es schließlich in den kongolesischen Handel gelangte.

Ngulu Typen

Ngulu Typen

K. reagiert auf meine Fotos der Maske bezeichnend: Er verdächtigt die glänzende rote Patina spontan der Nachbearbeitung, obschon viele ‚Klassiker’ der Chokwe diese Patinierung haben und der Abrieb nicht zu übersehen ist. Sein Kopf arbeitet mit den üblichen Prüfkriterien. Ob ich sie von innen untersucht hätte? Das war mir wegen des verwickelten Kragens bisher ohne Taschenlampe nicht möglich.  Ist es ein Zeichen besonderen Alters, wenn sie so formell daherkommt, wo doch gerade dieser Maskentyp üblicherweise so viel Raum für humorvolle Charakterisierung lässt?

Ganz anders seine Reaktion auf die Luba-Maske ‚Papagei’ auf dem Tisch. Sie begeistert ihn. Echtheitsbeweise sprudeln aus ihm heraus: ….. bis zu den Federchen, einfach alles! Auch unsere alte Ngulu zu Hause (auch nur auf einem Foto) weckt sein anerkennendes Kopfnicken. Sie ist diskret gestreift, hat große Ohren – für Pinsel aus Borsten sind noch zwei Löcher vorhanden – und hat ausdrucksvolle Augen. Der Schädel, hochabstrakt gewölbt, hat ‚das richtige’ Volumen.

W. hat die Chokwe sicher schon ein Dutzend Mal auf Märkten angeboten. Ich bekomme den Verdacht, ich bin der einzige ernsthafte Interessent. Würde ich mich wirklich ärgern, wenn sie in zwei Wochen weg wäre? Sein Preis orientiert sich offensichtlich an Alter und formaler Qualität und nicht an der Ausstrahlung. Doch selbst ein Herunterhandeln oder der Gedanke an Investition verfängt beim Sammler nicht unbedingt. Über ein Drittel der auf Auktionen angebotenen Ware bleibt schließlich liegen.

Wenn ich die Maske aufmerksam auf meinen Erinnerungsfotos betrachte, möchte ich meine Entscheidung noch einmal überprüfen, gerade ihre besonderen Stilisierungen, die möglicherweise in eine benachbarte Ethnie oder fremde ästhetische Einflüsse verweisen… Und sie selber aufsetzen.

Machen Sie sich den Spaß und zählen Sie die im Text benutzten Kriterien?