Nachschulung in Sachen Anselm Kiefer

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Mit dem Montagsticket im Mal Seh’n „Über unseren StĂ€dten wird Gras wachsen“. Neunzig Minuten lang eine filmische Hommage an Anselm Kiefer geseh’n. Frage: Ist er eine Coverband der großen Katastrophen? Etwa der Chefdekorateur eines Todes, der sich in der Langeweile am ĂŒberzeugendsten verkörpert?

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Er zeigt nicht einmal das Talent eines BĂŒhnenbildners, denn der hĂ€tte das Ganze mit Sperrholz und Pappmaschee bewirkt. Er ist zwischen MaterialitĂ€t und Illusion eingezwĂ€ngt, erzeugt aber auch nur Illusion („das ist ja die ArdĂšche!“), freilich (soweit konservatorisch vertretbar) begehbar oder wie im Film mit Kran zu ĂŒberschweben.

Ein trĂŒgerischer Freund der Tradition, die er recht wahllos zitiert, denn er will geschichtliche Zeugnisse  wie Ruinenfelder durch Inszenierung ersetzen. Nur das Gras ist unverfĂ€lscht. Und wenn eine echte GedenkstĂ€tte wie Auschwitz den Verfall aufhalten muss, so ist das nicht seine Intention. Oder doch? Da ist eine verdĂ€chtig ordentliche Glas-und-Stahlhalle ĂŒber einer TrĂŒmmerstĂ€tte und ein hydrauliches Riesentor vor einem GemĂ€lde (AK:) nein: Bild! Nicht der mĂŒrbe Marmor der verlassenen hellenischen Großbaustelle auf Sizilien oder Angkor Vat oder die abgwitterten Pyramiden, auch nicht die Bunker am Atlantikwall brauchen uns zu erschĂŒttern, nur seine Inszenierung, clean und tĂ€uschend Ă€hnlich nachempfunden. Ich dachte noch: Die TrĂŒmmergrundstĂŒcke seiner Kindheit. Doch kommt er nicht aus dem Dorf?

Die Aura wĂ€re gefĂ€lscht, wenn es sein Publikum es nicht besser wĂŒsste. Steril. Deutsch.

Menschenleer ist seine Kunstwelt, wieso eigentlich? Eine Katze und zwei Enkel sind neben den Assistenten und einem Engerling von Interviewer die einzigen lebenden Wesen in dem zweistĂŒndigen Film. Ich empfinde schon Mitleid mit dem Interviewten, aber dies Setting gibt ihm immerhin als einzigem unter den Anwesenden Profil.

Hat er sich mit der Wirkung von „BĂŒchern“ als BedeutungstrĂ€gern nicht doch verschĂ€tzt oder im Register vergriffen? Wen interessieren heute wirklich noch BibliotheksbrĂ€nde wie in Weimar? Das ist doch bloß ein TrĂ€germedium. Aber auch seine BĂŒcher sind clean, steril, soweit ich am Set feststellen konnte: lauter Klone französischer  Billigausgaben, immer derselbe Titel. „Leer“ meint der einheimische Helfer einmal zu einer aufgeschlagenen Seite. Das will Kiefer aber nicht akzeptieren: Da muss eben noch mehr „SĂ€ure“ her! Es geht um den Fetisch Buch, das Buchobjekt, das Buch-Als-Ob-Jekt. Geklaut von Bradburys Fahrenheit?

Ist Kiefer ein hilfloser Retter?  Ach was, er will bloß den Trauerzug ausstatten oder schon einmal eine abstrakte GedenkstĂ€tte als Prototypen entwickeln. Der Film und die Musik lassen kĂŒnftige Inszenierungen ahnen, wenn Kiefers Konzept aufgeht, aber das ist noch nicht gesagt, weil fĂŒr solchen Kunstgenuss ein gewisser Abstand zur existentiellen Abrisskante nötig ist.

Bunsenbrenner und Farbeimer sind sein Ă€rmliches Handwerkszeug, aber ich lĂŒge: auch Kran und Caterpillar. Er ist ein GroßkĂŒnstler: Viel Material will bewegt oder vernichtet werden. Ich verfolge vor der Leinwand jeden seiner eigenen Handgriffe. HĂ€ufiger ist schon sein hysterisches Geschrei, noch mehr seine lauen BestĂ€tigungen, die in MĂ€kelei enden. Sein Geschmack entscheidet. Das ist schon alles.

Er verdient Ruhm als ReprĂ€sentant der heraufkommenden Zukunft, welche alle gewachsenen Strukturen destruiert, ohne sich anzustrengen. Wie Flussers Beispiel des Unterseeboots Eisschollen zertrĂŒmmert, so er mit Vorliebe Glasscheiben, die noch heil sind. Denn er hat sie nicht in Manchester oder in den VorstĂ€dten von Paris eingesammelt. Auf zynische Weise treibt er bestens bekannte Abenteuerspiele und Bubenstreiche und pfeift dabei, aber nun in allerhöchstem Auftrag.

Vieles ist bei Kiefer selber bereits verloren gegangen:

Die anarchische Geste und der Witz von Beuys. Kiefer zelebriert – oder er baut HĂŒtten mit Freunden.

Das Engagement des kleinen BrieftrĂ€gers aus Mittelfrankreich oder des Barcelonesen GaudĂ­ fĂŒr seine Sagrada Famiglia.

Das menschliche Maß von Yu-Ichi mit den wuchtigen Pinseln und dem Sake.

Die FĂŒlle des ikonografischen und literarischen Repertoires der Menschheit, die uns gerade erst voll zur VerfĂŒgung steht.

Verloren gegangen ist auch die Sprache. Ein dĂŒnner Sud von Wissenschaftsmeldungen aus dem Feuilleton, sowie  Bibelreferenzen – mĂŒssen durch Vorsagen vervollstĂ€ndigt werden – bleiben ihm fĂŒr geistreichelnde Zeilen, die er in ordentlicher Schrift als dekoratives Band auf WĂ€nde bringt, nicht einmal abgefahrene Graffitti. Verstummen als deutsche Tiefe? Er hat nichts zu sagen, nur zu inszenieren. Die „Frauen der Revolution“ sind querbeet in Schildchen memoriert. Er weiß, dass er nichts weiß, aber soll man das wirklich merken?

„Over your cities grass will grow“ – auch ein Zitat von werweißwem? – wird typischerweise im Titel des Films so ins Deutsche gebracht: „Über unseren StĂ€dten wird Gras wachsen“. Gut, wir zieh’n uns wirklich jeden Schuh an!

Aber warum bitte „Gras“?

 

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