Ron und Roger (From Russia With Doubt)

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Ein Freund sammelt Bilder der Russischen Avantgarde und kämpft seit Jahren um deren Anerkennung, was im Amerikanischen the quest to authenticate would be masterpieces heißt.So lautet jedenfalls der Untertitel einer amerikanischen Museumspublikation (zur Ausstellung im MCA Denver 2010), die auch ihm zu Hilfe kommen könnte, so wie es den beiden Sammlern Ron und Roger geschah: Adam Lerner: From Russia with Doubt, Princeton Architectural Press, N.Y. , ISBN 978-1-61689. Da ich seit Jahren mit ihm an den pauschalen Zurückweisungen, die er erfahren hat, leide, hat er mir ein Exemplar geschenkt.„From Russia With Doubt- The Quest to Authenticate 181 Would-Be Masterpieces of the Russian Avant-Garde- Adam Lerner- 9781616891626- Amazon.com- Books“ Im Urlaub habe ich die spannende Story der Sammler Ron und Roger, die trotz des Engagements des Museumsdirektors in Denver keineswegs ein Happyend erleben, regelrecht verschlungen (18.-22.Juli). Vielleicht muss man das Ergebnis mit dem Spruch Der Weg ist das Ziel oder dem Zitat einer Klientin am Ende einer Therapie bei Paul Watzlawik bewerten: Meine Mutter hat sich nicht verändert, aber ich sehe sie jetzt anders.
In der Tat sieht der Leser am Ende des Buches manches anders: den Kunstbetrieb, den grauen Markt, in dem Schmuggler und Fälscher ihr Wesen treiben, Autoritäten, Gutachten, die Schicksale der russischen Avantgardisten und ihrer Kunst bis zum heutigen Tag, Sammler mit ihren Motiven, Sammelstilen und  Träumen.  Als Sammler von ‚Tribal Art‘ kenne auch ich the quest to authenticate zur Genüge.
Meine Buchvorstellung bleibt notgedrungen skizzenhaft. Ich versuche, wenigstens die Pointen festzuhalten. Für den Fall, dass Sie das Buch kaufen wollen – für etwas über 20 € – sind kurze Zitate (Original oder in Übersetzung) durch Kursivschrift kenntlich gemacht und die Seitenzahl vermerkt.
 (THE BEGINNING OF THE COLLECTION)
Das Abenteuer begann 2004 als moderne Allerweltsgeschichte mit eBay-Auktionen. Ron und Roger bekamen natürlich bald den Verdacht, vielleicht einen Schatz gefunden zu haben. (21) Unterstützung der ersten Stufe fanden sie bei der Einschätzung einer lokalen Kuratorin, das ersteigerte Bild sei aus der Zeit, stofflich (22). Dazu kam die Bekanntschaft mit einem zufälligen Augenzeugen, der bei einem Besuch Leningrads während des Kalten Krieges, in der Eremitage hunderte ungeschützte und unkatalogisierte Avantgarde-Bilder aufeinander gestapelt sah.
In meinen Augen ist über Ron und Roger die Spekulationsfalle zugeschnappt, als sie den Ankauf unbedingt intensivieren wollten und Freunde zum Mitbieten einluden. Das war gar nicht so einfach. eBay funktioniert als anonyme Plattform, die unauffällig dem Anbieter die Manipulation des Angebots und den Test des erzielbaren Preises erlaubt. (26)
Dann engagierten Ron und Roger für $10.000 einen lokalen Kunstschätzer, mit dem gewünschten Erfolg, freilich auf der Basis bekannter Auktionsergebnisse und unter der stillschweigenden Voraussetzung, die mittlerweile zwei Dutzend Bilder seien anerkannte Originale. (29). Sie  wanderten in einen Tresor.
 (THE RUSSIAN AVANTGARDE)
Lerner vermittelt die damalige Dramatik des Konflikts zwischen Tatlin und Malevich (30-32), findet dabei: They made easy caricatures for two sides (36). Denn das Spannungsfeld war viel komplexer und bot Raum für die Neigungen unterschiedlicher Sammler. Bei Ron und Roger spielten die vertrackten Zufälle der Erreichbarkeit die größte Rolle, angetrieben von atemberaubenden Auktionsergebnissen für ‚echte’ Malevichs.
Anfangs betrieben alle russischen revolutionäre Künstler Experimente mit nichtobjektiven Formen, aber dann bemühten sie sich mit unterschiedlichem Elan um die Nützlichkeit ihrer Kunst, um ein neues visuelles Vokabular für die Kommunistische Gesellschaft (36) – Arbeit am Design, oder noch mehr am Icon, Symbol, Sinnbild der Zukunft. Für mich sind hochinteressante Details: Malevichs Schwanken zwischen vereinfachten Objekten (etwa: Propeller, 37) und der Manifestation der nicht-objektiven Welt, sogar theatralisch (Vitebsk 1919, 37,38). Malevich als zeittypischer Sektengründer mit eigener Tracht (white gown) und Hymne. Lerner zeichnet ihn als erfolgreichen promoter in einer quasi-politischen Rolle. (38) 1927 durfte er reisen und in Berlin ausstellen. Die gezeigten Werke ließ er dort zurück. Der Wind drehte sich gegen die Avantgarde. Zeitweise eingekerkert, wegen Formalismus angegriffen (41) starb Malevich 1935 mit 57 Jahren. Es folgten westliche ‚Rettungsbemühungen’ um ein paar Bilder, deren anschließende Verteilung im Kunstestablishment und viel später, ab 1993, ein Restitutionsstreit. (42)
(THE SEARCH FOR ORIGINS)
Das Schicksal der Sammlung von Ron und Roger hängt von teilnahmslosen, ja ablehnenden (unsympathetic) Institutionen ab. Alle Schätzungen basieren auf der Echtheit. Wie soll man die aber beweisen? (43) Bei einem konspirativen Treffen 2008 am Gare du Nord in Paris weiß der eine der Verkäufer, der angebliche Sammler, überraschend wenig über die Avantgarde. (45) Amateur traders? Network of antique dealers? Die Verkäufer verlangen , das Geld an verschiedene Konten zu zahlen. (44) Sie tischen eine overly cinematic Legende auf von einem in den 80ern im Hamburger Hafen festgehaltenen Schiff und von Amts wegen geöffneten Containern, deren Inhalt vom Zoll versteigert worden sei. Damit scheinen alle Möglichkeiten, die Herkunft nachzuverfolgen, verschlossen.
Die hypothetische, aber plausible Klassifizierung als Arbeiten von Schülern der Avantgardisten bietet sich an. (Fig. 40-46 Schülerarbeiten? zu bestimmten Aufträgen?) Rons Wertschätzung (value to him) würde eine solche Erklärung nicht wirklich herabsetzen. Er hat die Mentalität eines Antiken-Sammlers eher als Kunstsammlers und versteht Authentizität primär auf eine bestimmte Epoche bezogen, nicht auf eine bestimmte Person! (47) The products of an exciting moment in art history and authentic works of the Russian Avantgarde ? Unfortunately, even these this basic information could not be known for certain. (47) – Für ‚Tribal Art‘ wäre solche bleibende Ungewissheit Normalität: Lokalstile oder die Spuren einzelner Künstler sind bereits Ausnahmen, die entweder auf Einzelbeobachtungen oder auf Schlussfolgerungen aus Materialstudien beruhen.
Ron und Roger lernen auf den vielen Umwegen viel dazu. Sie probieren allerlei pragmatische Beurteilungsverfahren. Darunter auch die Anwendung simpler Logik! Etwa: Warum sollte ein talentierter subtiler Fälscher …? (52) Ron und Roger suchen nun vor allem, von den Werken selbst Auskunft zu bekommen! Sie engagieren für eine handgeschriebene Textzeile eine erfahrene forensische Graphologin ohne finanzielles Interesse am Ergebnis, das aussagekräftiger als eine reguläre Signatur sein soll! (51) Weitere Initiativen waren: Farbanalyse (53f.), light box/X-Ray-photography (55). Man kauft weiter. Neue Sorgen keimen auf für den Fall der Authentizität: Erwerb unter verdächtigen Umständen! Kulturerbe? Die Einschaltung des FBI unter der Offshore asset protection (53) bringt aber kein Ergebnis, leider! (55)
Lerner erörtert die Probleme der high-dollar modern art world (55) und die Rolle einer recognized authority. (56) Hier ist das approval of elite figures entscheidend mit der Konsequenz für Ron und Roger, to make connections, die ein Bekannten vermittelt. Es finden  informal interviews (59) ohne Namensnennung statt. Ergebnis ist entweder: ‚stolen, if not fake’ oder aber die verbreitete, obwohl unbewiesene Erklärung für die vielen Avantgarde-Fälschungen im Westen: Sie seien als international currency of jewish emigrants from Leningrad in the 1970s in den Westen gelangt? (60) Die durften damals keine Devisen aus der UdSSR ausführen und setzten auf ‚Kunst’.
 (WHOM DO YOU TRUST? )     
Nun tut sich das Minenfeld um die authentischen Bilder auf. Die sind aber die Referenz für die would be. Ich erwische mich auch bereits dabei,  am Status ihrer Aufenthaltsorte Orientierung zu suchen. Es herrscht Streit unter den Experten im Westen. Die Basis dafür bildet die totale Vernachlässigung der Avantgarde-Kunst in Russland über sechzig Jahre (52-53). Dazu kommen undurchsichtige Interessenverflechtungen (63-65). Unweigerlich kommt es zur radikalen Autoritätskrise (65). Die Experten  Nakov, Chauvelin und Railing publizieren nicht in peer-reviewed journals or publish books with acedemic presses (65) oder mit den Verpflichtungen von Museumskuratoren!  (61-66) Die Biografie des einen, Nakov, von ihm selbst formuliert, ist wohl auch nur eine Legende. (75)
(THE MERITS OF HALF-BELIEVING )
Adam Lerner sitzt zwischen allen Stühlen. Er muss die fachliche Rufschädigung fürchten. Doch auf jeden Fall Aufmerksamkeit einbringen wird ihm der Coup, an Hand unidentifizierter und nicht authentizierter Bilder, auf denen ein Bann liegt, eine berühmte Kunstbewegung darzustellen und auch noch die Bedingungen von Authentifizierung selber öffentlich zu thematisieren! Dem Kurator Lerner schwindelt. Ihn bringt seine mutige Tat ins Grübeln, was ‚Kunst’ überhaupt sei. (72; 67-73
(APPENDICES)
Die einzige inhaltliche eMail des Händlers häuft Nichtssagendes an, um die Kunden Ron und Roger zu beruhigen. Er zieht sich auf die Unübersichtlichkeit des Marktes an Russischer Avantgarde zurück. Die minutengenaue Abrechnung einer auf Stundenbasis engagierten Agentin ist spannend zu lesen. Die drei im (erst nachträglich erschienenen) Katalogbuch von Lerner vorgenommenen vergleichenden Bildanalysen  wecken nur neue Fragen. DZum Beispiel die anachronistische Briefmarke auf einer Collage oder der USARMY-Stempel auf einem Keilrahmen können sogar als Beweis der Dreistigkeit von Nachschöpfern aufgefasst werden.
Und worum geht es bei dem allen? Um die Stilentwicklung Malevichs etwa – nicht gerade aufregend – oder das Verhältnis von Litho-Komposition und Ölbild oder Lehrer und Schüler? Ist das wirklich ein lohnender Stoff für Sammler und nicht eher einer für Doktoranten und bei einer Institution angestellten Kuratoren?

 

BONUSMATERIAL        ‚From Russia with Drinks‘
Interview, zwei Jahre nach der erfolgreichen Ausstellung (!) am Abend der Vorstellung des Katalogs im MCA Denver November 2013 in www.westword publiziert:
Hat Lerner bereits einen im Tee? Oder folgt er einfach dem Stil amerikanischer Public Relations und versucht den Erwartungen des Publikums an einen Publikumsliebling zu entsprechen? Steht doch wieder einmal seine ganz persönliche ungewöhnliche Entscheidung im Zentrum des Interesses. Nach seinen Worten kämpften zwei Mächte in ihm: something frightening, potentially career-shattering, fears of basically violating the rules of my field  auf der einen Seite, auf der anderen aber something powerful and mysterious, that comes from some place that ist from beyond – something that feels completely different from everything else in our lives. Oder anders: These works got under my skin. Das kennen wir doch: die Poesie von Frank Sinatra!
Nicht genug damit, dass Kunst auf die Ebene von Kinder brauchen Märchen oder Kinder brauchen Bilder gerät, Lerner steigert seine Begeisterung mit jedem weiteren Satz: Er schwärmt: That period in art – the Russian Avantgarde – is just so exciting. Er malt spontan eine ideal dinner party aus: to sit around a table with a bunch of people who love Russian Avant Garde and we can just talk all night about how much we love it. There is is someting about that period that is really exciting to me. It is also a very mysterious period, because all of these artists died young and there is not that many works that exist or are easy to see.
Hier wird der Smalltalk des Museumsleiters albern.  Wie gelingt es ihm eigentlich, den brutalen und tragischen Hintergrund der Kunst unter Lenin und Stalin auszublenden? Die Revolution ist kein Gala Diner, pflegte Mao Zedong zu sagen. So dachten und handelten auch die bolschewistischen Führer. Hat Lerner bloß ein Schmalspurstudium der Kunstgeschichte absolviert? Ähnliche Ignoranz kenne ich aus meiner Studentenzeit, als junge Linke in Deutschland – über attraktive Neupublikationen angefixt – die verschüttete sowjetische Kunstavantgarde für sich entdeckten, aber das war vor fast fünfzig  Jahren.
Alle Beteiligten seien einfach ein wenig crazy, fügt Lerner an, meint damit aber bloß den Umgang mit den crazy stories and almost fairytale narratives dieses zweifelhaften Milieus. Dinner party? From Russia with Drinks? Ja, das ist trendiges Angebot im Museumsbetrieb der konformistischen Konsumgesellschaften!
Was Lerner im Katalog als Merits of Half-Believing betitelt, wird am Ende des Interviews überdeutlich. Die Frage nach der von den Sammlern erhofften Unterstützung  beantwortet sich damit von selbst. The whole point of the book is that I wanted to leave it an mystery and in fact I never made a serious quest to discover the origins of these works. I was interested in the quest by the collectors and their obsession with it. But I decided for me that for me it really wasn’t about trying to find out whether these words (! works) were real or if they were fake. I wanted to keep alive that sense of mystery. Nachdem er die Konsequenzen etwa einer Verifikation skizziert hat, schlussfolgert er: All of a sudden they would become objects like any other object. But if you leave it a mystery, it becomes something special.
Objects like any other object? Also mit dem Echtheitsstempel erübrigen sich alle weiteren Fragen an das Werk?  Vor allem aber katapultiert sich Lerner elegant aus der unbequemen Lage eines Kurators, der seine Sammler verschaukelt hat. Er hat durch seinen forschen Coup seine Story bekommen. Er ist wer. Doch hat er sie nicht auch bekannt gemacht nach dem Motto: Wirb oder stirb?                                                                                                                                                  
   14.8.2015 **
 ZWEITER NACHTRAG  November 2015
Dem Freund gefällt mein Artikel. Er schickt mir eine Dokumentation der russischen Seite an der Problematik. Ich habe The Elena Basner Case gelesen. Wir werden noch darüber reden. Ich fasse hier nur provisorisch ein paar Eindrücke zusammen.
  1. Schockierend! Doch ist das immer so wenn man sich nicht die konkrete Situation vergegenwärtigen kann, die hinter dem Etikett ‚Russland’ herrscht. Man verharmlost eben. Dabei tue ich einiges gegen meine rosarote Brille.
  2. Aufregend! Ein Musterfall an Intrige. Ich schaue ja keine Krimis und Polit-Thriller.
  3. Zugleich wird mir der weite Weg des Sammelstücks zum Sammler bewusst. Was da ‚alles passieren kann’ und vielleicht das Interessanteste am Objekt wäre!
  4. Kunst und Kommerz:  In den Worten des Malers (+1939), um dessen Bilder es hier geht,  und des mutmaßlichen Opfers einer weitgespannten postsowjetischen Intrige :
    In a letter to his wife, Boris Grigoriev once spoke of the commercialisation of the art world: “Now is the age of commerce, and we have such a wonderful product.” Elena Basner touched on the same subject at the end of an interview given in court on 5 February 2014: “This world, where an object of art becomes an object of commerce, is repulsive. And one has to be very careful. Let this be an example.”      © RusArtNet, 2015