„China, die neue Supermacht“ auf ARTE

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Zur Dokureihe von Jean-Michel Carré, ARTE F 2012 dreimal 60’: China erwacht, holt auf, triumphiert.   Betrachtung zu unseren Wahrnehmungen und Erwartungen, zum Beispiel ‚Demokratie‘ und ‚Menschenrechten‘

Ob der wirtschaftliche Aufschwung den Wunsch nach Demokratie zum Schweigen bringt?“

Ob der wirtschaftliche Aufschwung den Wunsch nach Demokratie zum Schweigen bringt?“ – So etwa formulierte die Anmoderatorin. Meine Frau würde sie mit der Frage überzeugen. Die denkt dabei vor allem an die Verletzung der Menschenrechte. Sie hat sich gerade wieder mit Tibet beschäftigt. Wir haben gestern abend zusammen den ersten Teil gesehen, so dicht gewebt, wie es einem geschriebenen Text besser anstünde, aber „7 Tage“ sind die drei Folgen noch im Netz.

Um wessen Wunsch geht es beim Wunsch nach Demokratie? Zuallererst um eine von chinesischen Dissidenten in  unsere Medien übernommene und unermüdlich wiederholte Forderung. Ich erinnere mich: So moralisch ist die europäische Öffentlichkeit bereits den Taliban begegnet, Saddam Hussein, Gaddhafi, Assad u.s.w..

Auch ARTE organisiert sich nach dem wo immer entstandenen politischen Über-ich. Ich hätte immer gerne gewusst, wie in dieser französisch-deutschen Blackbox Diskussionen und Entscheidungen ablaufen. Doch darin waren sie noch nie transparent, boten nur eine Bedieneroberfläche. Von seinem Erscheinungsbild her wirkt ARTE auf mich mehr als früher ideologisch, als propagandandistisches Patchwork der gerade aktuellen, immer politisch korrekten Ideen. Doch ist ARTE noch durchlässig für widerständige Informationen. Oder eben Gegenpropaganda. Dieser Film bewegt sich direkt an der Grenze, was nicht überrascht, denn Thema ist ein ganzes System in seiner Entwicklung, und die Menschen, die im Feature für den dramaturgisch notwendigen Mann auf der Straße stehen, sind profilierte Vertreter der chinesischen Gesellschaft und sie argumentieren gegen die übliche Erwartung differenziert, keineswegs als Sprachrohr von irgendwem. Von manchem würde ich gern mehr erfahren – die Namen werde ich mir noch heraus schreiben und googeln. Drei Jahre wurde am Film gearbeitet. Ein Making of wäre natürlich interessant, etwa, was die hohe Protektion für den Film und den alltäglichen Kleinkrieg mit den Behörden angeht. Selbst Liao Yi-wu durfte (2012!) ein paar Sätze im Film reden, im ersten Teil aber ganz harmlose.

Ich versuche mir immer wieder vor Augen zu führen, dass die VRC die politische und gesellschaftliche Ordnung für ein Fünftel der Menschheit darstellt. Über ein solches unerhörtes, ja monströses Gebilde soll man sich ‚ein politisches Urteil’ bilden? Und das aufgrund der wenigen doch recht subjektiven Signale, die Dichter, Dissidenten und Korrespondenten senden? Man hat auch noch anderes zu tun und will sich einen Überblick verschaffen. Dafür ist der Film richtig. Da er Chinas Wiederaufstieg zum Thema nimmt, sind die Verlierer dieser Geschichte freilich auch hier wieder die Verlierer. Ein mutiges Ehepaar aus der Arbeiterschaft und sonst hier und da ein Satz müssen reichen.

Wir, meine Frau und ich, haben uns 1988 einmal gut sechs Wochen durchs Land geschlagen, von Guangzhou über Yünnan, Sichuan, Shaanxi, wieder Sichuan, Hunan nach Hongkong, ganz auf uns gestellt, und die Freundlichkeit der Menschen. Ich selber habe seit fünfzig Jahren zahllose Bücher gelesen, Features gesehen, mich an der Sprache abgearbeitet, in den siebziger Jahren in einer Freundschaftsorganisation engagiert, in diesem Kontext 1973 eine Delegationsreise mitgemacht und, und, und… Ich reise nicht mehr ins heutige China, weil ich mich partout nicht entscheiden kann, wen ich heute überhaupt sprechen, welche Weltsicht und welchen Standpunkt ich näher kennen lernen möchte. Die Menschen aus dem Volk oder erst recht die Arrivierten und Profiteure, die ich vorgeführt bekomme, will ich gar nicht mehr treffen, ich meine sie genug zu kennen. Mir reicht auch der Anblick solcher Menschen in meinem eigenen Land. Ich fürchte also, ich würde mich bloß maßlos langweilen. Und – ausgewählte Künstler und Dissidenten werden ja von den Medien breitgetreten. Was gäbe es bei ihnen noch Neues zu erfahren? Nur Details könnten mein Interesse wecken.

Wir müssen wohl realisieren, dass Maos totalitäre Exzesse seit bald vierzig Jahren ‚Geschichte’ sind. ‚Hitlerdeutschland’ ist gerade mal siebzig Jahre ‚Geschichte’!

Und diese Menschen sind in einer Situation, die nicht so verschieden von der eines Bürgers anderer Staaten, zumal von Diktaturen, ist. Die ‚neuen Bundesländer’ waren dies auch noch vierzig Jahre lang. Dabei hinken natürlich solche Vergleiche über Kontinente und Kulturen hinweg.

Entscheidungen und Abwägungen politischer Eliten sind außer in ein paar Zwergstaaten nirgends transparent. Für Deutschland und andere westliche ‚parlamentarische Demokratien’ zweifle ich, ob unsere politische Verfassung komplexe und gleichwohl schlüssige Konzepte überhaupt erlaubt. Zuständigkeitsgrenzen, Verfahrensregeln, Außenwirkung und Wahltermine überformen das politische Handeln in der Demokratie bis zur Unkenntlichkeit. Die akademischen Experten haben gut reden ohne ‚Verantwortung’. Luhmann winkt herüber: Politiker in parlamentarischen Demokratien haben schlicht andere Probleme und Prioritäten.

Im ‚totalitären’ China sind im Grunde viel mehr politische und bürokratische Ebenen miteinander verflochten als in unserer freiheitlich föderalen Bundesrepublik samt der übergestülpten Union. Und das trotz der ‚Alleinherrschaft’ der KPCh. Wer ist die überhaupt? 90 Millionen ausgebildete Menschen sind in der KP. Sie sollen sich konfuzianisch als Elite verstehen und betragen. Doch, wie ein ‚Parteihistoriker’ formuliert: Sie tragen die Wünsche und Interessen ihrer sozialen Gruppe in ‚die Partei’. Und nach alledem soll ‚Demokratie’‚den Chinesen’ fehlen?

Während meiner kurzen Lebenszeit haben wir uns von einem autoritären antikommunistischen und post-diktatorischen Zustand in die beste aller für Europa denkbaren Welten entwickelt. Warum habe ich in all dieser Zeit von Willy Brandts mitreißender Parole „Mehr Demokratie wagen“ so wenig gespürt? Außer im Morgenrot von Basisbewegungen, die übrigens meist sehr beschränkte Sichtweisen pflegen. Der Vergleich Chinas mit unserem reichen und kleinen Land – wir gäben gerade mal eine Provinz ab – ist ohnehin unfair. Asien, Afrika – und die Amerikas müssen schon der Maßstab sein.

Sie haben bereits gemerkt: Mich fasziniert an der VR China die Fähigkeit, Konzepte zu entwickeln und durchzusetzen. Doch mit der Durchsetzung sind wir bei ästhetisch-moralischen Fragen. Die sind für einen Westeuropäer schwer zu verdauen. Zum Beispiel ‚Propaganda‘: Wir sind ja daran gewöhnt, auch vom ‚seriösen Journalismus’ ein gewisses Quantum davon verabreicht zu bekommen. Propaganda in China ist seit jeher plump und – bezogen auf die Realität – direkt dreist. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Sie gehört zum „Gesicht“ des Landes, das strahlende Weltmacht werden will. Dazu gehören auch Gründerfiguren wie Mao.  Mit einer prozentualen Skalierung à la Mao (‚Leistungen’, ‚Fehler’) kann ich seit gestern besser leben als auch schon. Reaktionen wie Ekel, Abscheu und Verachtung sind heute unproduktiv. Wir werden viel zu gut über die Schweinereien überall auf der Welt ins Bild gesetzt.

Mikrophon und Kamera werden in der westlichen Welt zur Falle für Besonnenheit und Vernunft. Als ob nicht jede Entscheidung Opfer und Profiteure hätte. Falsche Richtungsentscheidungen sind aber immer viel ‚teurer’ als die üblichen Missbräuche! (Beispiel*)

Ketzerischer Verdacht (‚Verschwörungstheorie’?): Geschehen Moralisierung und Emotionalisierung etwa in den Medien mit Konzept? Will man uns für die autoritäre, aber effektive chinesische Lösung sturmreif machen oder läuft sich tatsächlich der mediale Furor tot?

Chinas Elite hat ihr Konzept in Jahrtausenden nicht gewechselt. Auch Mao hat – wenn das nicht eine politische Lüge war – die klassischen Romane gelesen. Europa und sein Ableger Amerika brauchten zweihundert Jahre struktureller Gewalt und gewalttätiger Konvulsionen, um eine noch ganz junge Phase zu erleben, in der manchmal vorstellbar wird, was die im 18. Jahrhundert proklamierten ‚Menschenrechte’ sein könnten. China war ein Jahrhundert Opfer westlicher ‚Volkserziehung’. Sollten die chinesische Eliten deren Bedeutung nicht realistisch einschätzen?

11.-12.8.15 Erste Blog-Fassung

* Nachtrag

Ein Artikel der Badischen Zeitung vom 5.Juni , der eine furchtbare Tragik vermittelt, kann diese Einschätzung illustrieren. Die Überschrift lautet: China hätte auch ohne Ein-Kind-Politik die Bevölkerungsexplosion in den Griff bekommen. (Siehe: China-EinKindPolitik 4.Juni.15 BZ)

Doch die –  ‚chinesische‘ wissenschaftlichen Ergebnisse kommentierende – Redaktion fährt fort: China hält an seiner Ein-Kind-Politik fest, obwohl dem ostasiatischen Land statt einer Überbevölkerung Überalterung droht. Die Zahl der Chinesen im arbeitsfähigen Alter schrumpft.

Diese Schlussfolgerung scheint bereits nach wenigen Monaten überholt.  Tiefgreifende Korrekturen gehen Deutschland bekanntlich im Handumdrehen vonstatten!