Wieder eine Medizin-Dokumentation!

|

18.6.15: Wieder eine Medizin-Dokumentation gesehen, auf 3-sat, also nicht irgendeine. Thema: Cholesterin und Herzinfarkt. Prophylaxe – ein Kommentar

 

Cholesterin und Herzinfarkt. Prophylaxe.

Das beeindruckt mich bei jeder dieser Dokumentationen aufs Neue: Die Zahl der verdächtigen Faktoren ist unübersehbar, die Forschung kostet unendlich viel Arbeits- und Lebenszeit vieler Menschen, Geld und eine geradezu endlose Geduld aller Beteiligten und Investoren, denn Forschung ist eine unendliche Geschichte ohne Happyend.

Klinische medizinische und pharmazeutische Forschung sind der gigantische Motor eines viele Milliarden schweren Wirtschaftszweigs. Die ja von Natur aus krankheitsanfälligen und leidenden Menschen alimentieren ihn auf den verschiedensten Wegen, als Kunden, über Kassenbeiträge und als Steuerzahler. Der zur Bevormundung tendierende Sozialstaat übt im reichen Europa immer mehr Druck aus, den Regeln des Systems zu folgen. Bereits diese Forderung ist mehr denn je Standard.

Ist für den einzelnen Menschen von diesem Apparat Hilfe zu erwarten? Wenn überhaupt, nur in Verbindung mit naturgemäß undurchschaubaren Zufällen und vermuteten Sonderfaktoren. Das hörte ich bereits als Kind aus den Gesprächen der Erwachsenen am Mittagstisch. Mein Vater, ein niedergelassener Arzt, blieb Skeptiker, auch in den Fällen, in denen die Therapie Besserung oder Heilung brachte. Im Film kann man einer engagierten kanadischen Fachärztin bei ihrem intuitiv gesteuerten Versuch von Theoriebildung für den Einzelfall zuhören. Sie will ihrem augenscheinlich gesunden Patienten eine bestimmte Prophylaxe schmackhaft machen – trotz widersprüchlicher Datenlage.

An allen hier gebotenen Informationsbrocken interessieren natürlich besonders Argumente und Hypothesen, die vielleicht im nächsten Arztgespräch über Prophylaxe(n) nützlich sein könnten, etwa: Für ältere Männer sei erhöhtes Cholesterin irrelevant.  In dem für Laien dissonanten Stimmengewirr unter Experten kommt mir manche seiner  Äußerungen in den Sinn, etwa, dass medikamentös gesenkter Blutdruck nicht unbedingt nachweisbar lebensverlängernde Wirkungen habe. Und dass ‚Alter’ der bei statistisch weitem bedeutendste Risikofaktor – auch durch viele Studien bestätigt – für den Tod sei.

Die therapeutische Wirkung von Statinen wurde im Feature nicht generell bestritten, aber auch eine ganz andere Erklärung als die Senkung des Cholesterin vorgeschlagen. Dann würde aber auch jedes andere entzündungshemmende Mittel in dieser Richtung wirken, also Aspirin oder Rotwein auch?

Im Anschluss folgt eine Diskussion mit Gert Scobel über Fehler. Die bedächtig argumentierenden Teilnehmer bemängeln ganz elementare Fehlerquellen in Kliniken und fordern eine bessere ‚Fehlerkultur’ in Deutschland. Die Zahl der Opfer medizinischer Fehler dort soll die der Verkehrstoten weit übersteigen. In der Sendung nicht zur Sprache kommt der bereits lange beklagte  menschenunwürdige Rationalisierungs- und Technisierungswahn im Gesundheitssystem, der die menschliche Seite der medizinischen Versorgung seit Jahren systematisch abbaut, aber  zugleich die ‚Früherkennung’ aller möglichen ‚Gesundheitsrisiken’ mit dem damit verbundenen Versprechen der ‚Vorsorge’ ausbaut.

Oft wird in den Medien auch fortdauernde Unmündigkeit – also Inkompetenz, Ängstlichkeit und Vertrauensseligkeit des Patienten – beklagt. Dabei ist gerade sie Teil dieses chromblitzenden Systems und vom bedrängten Individuum nur durch Aufbietung aller verbliebenen Kraftreserven zu überwinden.

P.S.  25.6.15

So, das musste wohl gesagt werden. Doch wem? Wozu? War es die Anstrengung des Aus- und Umformulierens wert? Am Anfang stand ein spontaner Impuls und ein Rohtext, immerhin. Soll das darüber entscheiden, was man kommentiert? Und wie ich es auch drehe und wende, das Thema ist immer zu groß. Und was vernachlässige ich alles darüber?

Blogger D, du befindest dich in der Abseitsfalle!