Vor ĂŒber sieben Jahren hochgeladen – am 25. Juni 2015 – hĂ€tte der Artikel mehr als die 62 Klicks verdient. Inzwischen scheint der ‚bĂŒrgerliche‘ Kunstmarkt in Deutschland am Ăberangebot zu kollabieren. Die ĂŒberschaubar wenigen Restitutionsforderungen aus Afrika, zu denen Sammler von Laien stets zuerst befragt werden, haben das Sammelgebiet als Ganzes auch noch in die Schmuddelecke gedrĂ€ngt.   2.1.23
Der Kommentar von Hartmut Brie zum Beitrag âMit Lega-Figuren im Sinkflugâ regte damals folgende Gedanken an.
Brie beginnt mit dem schönen Satz: âAm Marktstand an der MainbrĂŒcke âLegaâ zu kaufen und sie dann zuzuordnen, halte ich nicht fĂŒr sinnvollâ â Richtig, das ist nicht oder kaum jemandem zu empfehlen. Doch was ist schon empfehlenswert? Soll man ĂŒberhaupt âalteâ (oder weniger alte) Objekte aus Afrika erwerben, bei dem undurchschaubaren Weg, den sie hinter sich haben, bei der traditionellen Verschwiegenheit aller Akteure in der Handelskette, die BetrĂŒgern ein ideales Umfeld bietet?
Sammler sind auch GlĂŒcksspieler, aber keineswegs nur Sammler auf FlohmĂ€rkten. Das ist eher eine Stilfrage. BetrĂŒger von Rang kommen nicht auf den Flohmarkt. Die zu erzielenden Preise lohnen doch nicht. Provenienzen werden erst gar nicht angeboten, die Legenden der StĂŒcke sind einfach gestrickt. Die Objekte mĂŒssen fĂŒr sich sprechen. Der Kunde hat jede Illusion sich selber zuzuschreiben. Was fĂŒr eine reizvolle Herausforderung, die eigene Begehrlichkeit, das Wunschdenken unter Kontrolle zu bekommen, mit dem eigenen lĂŒckenhaften Hintergrundswissen realistisch umzugehen, aber auch die Grenzen wissenschaftlicher AutoritĂ€t und kommerzieller Expertise zu realisieren, bei der man Hilfe sucht. Auktionskataloge zitieren immer wieder dieselben HandbĂŒcher und Kataloge. Will man Genaueres wissen, muss man sich in wissenschaftlichen Bibliotheken auf die widersprĂŒchlichen Informationen mehr oder weniger professioneller Zeugen (Kolonialpersonal, Missionare, Reisende, Gelehrte der Vergangenheit) einlassen. GlĂŒck hat man, wenn moderne wissenschaftliche Autoren im Rahmen ihrer eigenen Forschungen solche Quellen aufbereitet, zitiert und zusammengefasst haben.
Es geht schlieĂlich um einen Bereich Ă€sthetischer Produktion, der, wenn er auch nicht wirklich seit einem Jahrhundert ‚ausgestorben‘ ist, so doch seit der Kolonialisierung und Mission (auch islamischer) verarmte, durch Ăchtung von Traditionen, durch Marginalisierung handwerklicher Kunst, durch Verelendung der Lebensbedingungen und Krieg.
Auf dem Flohmarkt treffen wir selbstverstĂ€ndlich auf viele âKopienâ verschiedenen Charakters und QualitĂ€t, doch auch auf AlltagsgegenstĂ€nde, Tanzmasken oder Figuren, die irgendwann einmal als magisch aufgeladene Nothelfer gewirkt haben, und die es nicht oder nicht mehr in die Museen (wegen deren chronischer Verstopfung) geschafft haben, und nicht in Galerien (weil nicht sauber und nicht âMeisterwerkâ genug oder einfach âpeanutsâ).
Man muss seinen Blick fĂŒr die verborgenen Seiten des Kandidaten schĂ€rfen â frĂŒhere IrrtĂŒmer können dazu sehr nĂŒtzlich sein â und ĂŒberhaupt neugierig sein. Manche HĂ€ndler dort tragen ebenso viel kulturelles Erbe in sich wie ihre daheim gebliebenen Landsleute oder in den Kunsthandel geschleuste afrikanische KĂŒnstler, welche die Dokumentas und Biennalen bevölkern. Doch das ist ein anderes Feld.
WĂ€hrend die ethnologischen Museen ihren Reichtum hinter Glas und in Tresoren bunkern und die Galerien sich als âJuweliereâ stilisieren â beide gewĂ€hren streng reglementierten und privilegierten Zugang und geizen mit Information, von der sie oft auch nicht viel haben – ist der Flohmarkt ein öffentlicher Ort, wo wir Objekten direkt begegnen ist, freilich ungeschĂŒtzt. In der Praxis hilft es mir, mich am Stand hinzusetzen, eine Zigarette zu rauchen, mir das StĂŒck eine Stunde reservieren zu lassen, ein paar Schritte zu gehen oder mit Bekannten zu reden. ‚Stammkunden‘ sollte auch die Mitnahme zur Probe möglich sein.
Ich flaniere gelegentlich im Netz am PC. Hier triumphiert der zeitgemÀà grenzenlose âFlohmarktâ. Hier entfaltet der Einfallsreichtum der KopierwerkstĂ€tten erst richtig sein farbenfrohes Angebot. Wir betreten eine international aufgestellte Parallelwelt vollmundiger Versprechungen fĂŒr jede Preisvorstellung. Seriöse Angebote wirken darin eigentĂŒmlich blass und abgenutzt. Denn in diesem Medium muss man dick auftragen, auch die Schminke. Ist dagegen ein Flohmarkt, bei jedem Wetter unter freiem Himmel und improvisiert wie der legendĂ€re MarchĂ© au Puces im Paris der Vorkriegszeit, nicht die pure Nostalgie?
SpĂ€testens jetzt drĂ€ngt sich die Frage auf: Wozu ĂŒberhaupt? Mit welchen AnsprĂŒchen? Die Antwort gibt sich jeder Sammler selbst.
Ich zum Beispiel suche den Kontakt mit fremden Menschen ĂŒber ihre materielle Kultur – nachdem ich bis 1990 Reisen den Vorzug gab. Ich hielt mich die ersten Jahre an HĂ€ndler, die selber Afrika bereisten, vor allem Westafrika. Um angebliche RaritĂ€ten machte ich einen groĂen Bogen, hörte dann weg. Mit persönlichem ArbeitsgerĂ€t, Schreinfiguren und Miniaturen aus dem zwanzigsten Jahrhundert legte ich den Grundstock meiner Sammlung. Ich lieĂ mich von den ZufĂ€llen des Angebots leiten und betrieb schon in der Zeit der BerufstĂ€tigkeit einen betrĂ€chtliche Aufwand an Recherche.
Seit dem Margarinealbum der Kindheit hatte ‚der Kongo‘ bei mir einen besonderen Ruf, aber ich hielt Abstand. Nach langer Abstinenz mache ich nun auch hier meine Entdeckungen. Auch jetzt sind fĂŒr mich weltberĂŒhmte Namen wie eben âLegaâ, oder auch âLubaâ, âKubaâ, âTschokweââ âKongoâ… nicht die erste Wahl. Doch in meiner eigenen ‚UniversitĂ€t des dritten Lebensaltersâ schlieĂen sich endlich auch im Kongo Kunst- und Religionsgeschichte mit der politischen Geschichte der vergangenen zweihundert Jahre zusammen. Ja, die Menschheitsgeschichte ist prĂ€sent: Völkerwanderungen verbinden sich mit Mittelalter. Und nach auĂen finden sich die konfliktreichen Beziehungen von âBarbarenâ und âHochkulturenâ in denen der Afrikaner zu Arabern und EuropĂ€ern wieder. Die âHundred Peoples of Zaireâ (Marc Leo Felix) differenzieren sich in der Wahrnehmung immer weiter aus und gehen wiederum ineinander auf. Wenn es um Wanderungen, Siedlung und gegenseitige Beeinflussung geht, lösen sich Grenzen mehr oder weniger auf. Felix hat in seine KurzportrĂ€ts die Kategorie der ârelevant peoplesâ aufgenommen: das sind Nachbarn, die sich die Ă€sthetische Produktion manchmal so stark einmischen, dass sie theoretische Konstruktionen wie Stammeskunst und Stil LĂŒgen strafen. SelbstverstĂ€ndlich nehme ich dankbar an, was ich an Kategorisierungen, erst recht an Schilderungen, Abbildungen von Objekten und Feldfotos in FachbĂŒchern und Katalogen finde. Die aus Steuern finanzierten, aber chronisch unterbesetzten Museen fallen ja als GesprĂ€chspartner weithin aus, zumindest in Deutschland. Schade, denn der Flohmarkt bietet â im Grunde wie die Belle Etage des Kunstmarkts – ein unĂŒbersichtliches, ja chaotisches Bild. Und wir Sammler? Helfen wir einander, indem wir uns zu Wort melden, RatschlĂ€ge versuchen, diskutieren und argumentieren? Ein frommer Traum.
25.6.2015/ 4.1.2023