Der Flohmarkt als Kunstmarkt

|

Der Kommentar von Hartmut Brie zum Beitrag „Mit Lega-Figuren im Sinkflug“ regte folgende Gedanken an.

Brie beginnt mit dem schönen Satz: „Am Marktstand an der Mainbrücke ‚Lega’ zu kaufen und sie dann zuzuordnen, halte ich nicht für sinnvoll“ – Richtig, das ist nicht oder kaum jemandem zu empfehlen. Doch was ist schon empfehlenswert? Soll man überhaupt ‚alte’ (oder weniger alte) Objekte aus Afrika erwerben, bei dem undurchschaubaren Weg, den sie hinter sich haben, bei der traditionellen Verschwiegenheit aller Akteure in der Handelskette, die Betrügern ein ideales Umfeld bietet?

Sammler sind auch Glücksspieler, aber keineswegs nur Sammler auf Flohmärkten. Das ist eher eine Stilfrage. Betrüger von Rang kommen nicht auf den Flohmarkt. Die zu erzielenden Preise lohnen doch nicht. Provenienzen werden erst gar nicht angeboten, die Legenden der Stücke sind einfach gestrickt. Die Objekte müssen für sich sprechen. Der Kunde hat jede Illusion sich selber zuzuschreiben. Was für eine reizvolle Herausforderung, die eigene Begehrlichkeit, das Wunschdenken unter Kontrolle zu bekommen, mit dem eigenen lückenhaften Hintergrundswissen realistisch umzugehen, aber auch die Grenzen wissenschaftlicher Autorität und kommerzieller Expertise zu realisieren, bei der man Hilfe sucht. Auktionskataloge zitieren immer wieder dieselben Handbücher und Kataloge. Will man Genaueres wissen, muss man sich in wissenschaftlichen Bibliotheken auf die widersprüchlichen Informationen mehr oder weniger professioneller Zeugen (Kolonialpersonal, Missionare, Reisende, Gelehrte der Vergangenheit) einlassen. Glück hat man, wenn moderne wissenschaftliche Autoren im Rahmen ihrer eigenen Forschungen solche Quellen aufbereitet, zitiert und zusammengefasst haben.

Es geht schließlich um einen Bereich ästhetischer Produktion, der, wenn er auch nicht wirklich seit einem Jahrhundert ‘ausgestorben’ ist, so doch seit der Kolonialisierung und Mission (auch islamischer) verarmte, durch Ächtung von Traditionen, durch Marginalisierung handwerklicher Kunst, durch Verelendung der Lebensbedingungen und Krieg.

Auf dem Flohmarkt treffen wir selbstverständlich auf viele ‚Kopien’ verschiedenen Charakters und Qualität, doch auch auf Alltagsgegenstände, Tanzmasken oder Figuren, die irgendwann einmal als magisch aufgeladene Nothelfer gewirkt haben, und die es nicht oder nicht mehr in die Museen (wegen deren chronischer Verstopfung) geschafft haben, und nicht in Galerien (weil nicht sauber und nicht ‚Meisterwerk’ genug oder einfach ‚peanuts’).

Man muss seinen Blick für die verborgenen Seiten des Kandidaten schärfen – frühere Irrtümer können dazu sehr nützlich sein – und überhaupt neugierig sein. Manche Händler dort tragen ebenso viel kulturelles Erbe in sich, wie ihre daheim gebliebenen Landsleute oder in den Kunsthandel geschleuste afrikanische Künstler, welche die Dokumentas und Biennalen bevölkern. Doch das ist ein anderes Feld.

Während die ethnologischen Museen ihren Reichtum hinter Glas und in Tresoren bunkern und die Galerien sich als ‚Juweliere’ stilisieren – beide gewähren streng reglementierten und privilegierten Zugang und geizen mit Information, von der sie oft auch nicht viel haben – ist der Flohmarkt ein öffentlicher Ort, wo wir Objekten direkt begegnen ist, freilich ungeschützt. In der Praxis hilft es mir,  mich am Stand hinzusetzen, eine Zigarette zu rauchen, mir das Stück eine Stunde reservieren zu lassen, ein paar Schritte zu gehen oder Bekannten zu reden. ‘Stammkunden’ sollte auch die Mitnahme zur Probe möglich sein.

Ich flaniere gelegentlich im Netz am PC. Hier triumphiert der zeitgemäß grenzenlose ‚Flohmarkt’. Hier entfaltet der Einfallsreichtum der Kopierwerkstätten erst richtig sein farbenfrohes Angebot. Wir betreten eine international aufgestellte Parallelwelt vollmundiger Versprechungen für jede Preisvorstellung. Seriöse Angebote wirken darin eigentümlich blass und abgenutzt. Denn in diesem Medium muss man dick auftragen, auch die Schminke. Ist dagegen ein Flohmarkt, bei jedem Wetter unter freiem Himmel und improvisiert wie der legendäre Marché au Puces im Paris der Vorkriegszeit, nicht die pure Nostalgie?

 

Spätestens jetzt drängt sich die Frage auf: Wozu überhaupt? Mit welchen Ansprüchen? Die Antwort gibt sich jeder Sammler selbst.

Ich zum Beispiel suche den Kontakt mit fremden Menschen über ihre materielle Kultur – nachdem ich bis 1990 Reisen den Vorzug gab. Ich hielt mich an Händler, die selber Afrika bereisten, vor allem Westafrika. Um angebliche Raritäten machte ich einen großen Bogen, hörte dann weg: Mit persönlichen Geräten, Schreinfiguren und Miniaturen aus dem zwanzigsten Jahrhundert legte ich den Grundstock meiner Sammlung. Ich ließ mich von den Zufällen des Angebots leiten und betrieb schon in der Zeit der Berufstätigkeit einen beträchtliche Aufwand an Recherche.

Seit dem Margarinealbum der Kindheit hatte ‘der Kongo’ bei mir einen besonderen Ruf, aber ich hielt Abstand. Nach langer Abstinenz mache ich nun auch hier meine Entdeckungen. Auch jetzt sind für mich weltberühmte Namen wie eben ‚Lega’, oder auch ‚Luba’, ‚Kuba’, ‚Tschokwe’‚ ‚Kongo’… nicht die erste Wahl. Doch in meiner eigenen ‘Universität des dritten Lebensalters’ schließen sich endlich auch im Kongo Kunst- und Religionsgeschichte mit der politischen Geschichte der vergangenen zweihundert Jahre zusammen. Ja, die Menschheitsgeschichte ist präsent: Völkerwanderungen verbinden sich mit Mittelalter. Und nach außen finden sich die konfliktreichen Beziehungen von ‚Barbaren’ und ‚Hochkulturen’ in denen der Afrikaner zu Arabern und Europäern wieder. Die „Hundred Peoples of Zaire“ (Marc Leo Felix) differenzieren sich in der Wahrnehmung immer weiter aus und gehen wiederum ineinander auf. Wenn es um Wanderungen, Siedlung und gegenseitige Beeinflussung geht, lösen sich Grenzen mehr oder weniger auf. Felix hat in seine Kurzporträts die Kategorie der ‚relevant peoples’ aufgenommen: das sind Nachbarn, die sich die ästhetische Produktion manchmal so stark einmischen, dass sie theoretische Konstruktionen wie Stammeskunst und Stil Lügen strafen. Selbstverständlich nehme ich dankbar an, was ich an Kategorisierungen, erst recht an Schilderungen, Abbildungen von Objekten und Feldfotos in Fachbüchern und Katalogen finde. Die aus Steuern finanzierten, aber chronisch unterbesetzten Museen fallen ja als Gesprächspartner weithin aus, zumindest in Deutschland. Schade, denn der Flohmarkt bietet – im Grunde wie die Belle Etage des Kunstmarkts – ein unübersichtliches, ja chaotisches Bild. Und wir Sammler? Helfen wir einander, indem wir uns zu Wort melden, Ratschläge versuchen, diskutieren und argumentieren!

25.6.2015