‚Disproportionierte Dimensionen’ – aktuell

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schrieb Hermann Lübbe 1974 zur öffentlichen Erregung über ‚die Rahmenrichtlinien‘!

Neuerdings habe ich noch weniger Lust, unsere Zeit der Wunder überhaupt noch zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn, mich zu empören. In mir verbindet sich gegen Ende meiner best before Phase Unreife mit Überreife, genau so, wie es eine erfolglos Verehrte bereits vor fünfzig Jahren diagnostizierte. Das wollte sie nicht hinnehmen, obwohl oder weil sie bereits selber eine Last zu tragen hatte, und das mitten in der sexuellen Revolution. Revolution, das gab es doch wirklich, oder?

Gottseidank – verdächtig oft kommt mir dieses Wort über die Lippen – gehe ich noch aus und treffe da auf unverdrossen meinungsfreudige Leute. Der eine oder andere ist mir verdächtig: Den kennst du doch aus deiner Jugend! Und da er größer ist als ich, kann ich hinter ihm in Deckung gehen. Bei der letzten schrägen Begegnung stellte sich ein Mann als Hermann Lübbe vor. Hätte ich den gelesen haben sollen? Und er brabbelte was von dem Streit um – aufpassen, genau zitieren! – die Hessischen Rahmenrichtlinien für das Schulfach ‚Gesellschaftslehre’.  Warum habe ich mich darum darum nicht geschert? Ich war doch ‚idealistischer’ (das sollte man heute hinzufügen) Junglehrer an einer Frankfurter Berufsschule? Aber vielleicht deshalb? War Papier nicht schon damals geduldig und die neuartige Bespitzelung ‚links’ engagierter junger Lehrer viel vitaler, attraktiver? Nun, wir waren Staatsbedienstete, und der zu leistende Treueeid war jedenfalls für mich nicht nur wegen des Kirchenaustritts eine ernsthafte Frage, natürlich mit gute Gründen positiv beantwortet. Doch warum wühle ich jetzt in meiner staubtrockenen Vergangenheit?

Der dank Google (heil, heil, heil dir!) unsterbliche Lübbe schrieb damals, 1974:

Die Hessische Landesregierung, wie gesagt, betrachtet den Fall als einen Lehrfall praktizierter Demokratie. Daran ist soviel richtig, daß in der Tat nur in einer Demokratie eine solche öffentliche Auseinandersetzung, in der auch die Regierung nicht geschont wird, stattfinden kann, und insofern wäre alles in Ordnung. Daß auch etwas nicht in Ordnung ist, zeigt sich an den disproportionalen Dimensionen des Falles. Was ist denn der Anlaß des großdimensionierten Dauerstreits? Es sind Richtlinien für die Ausarbeitung von Unterrichtsplänen in einem einzigen unter mehreren Schulfächern, und zwar für eine einzige, nämlich die mittlere unter drei Schulstufen, die von Kindern besucht wird, die zwischen zehn und fünfzehn Jahren alt sind. An ihrem gehörigen Ort haben natürlich auch solche Richtlinien ihre Wichtigkeit. Aber im Vergleich mit den zentralen Aufgaben, die Regierungen und Parlamente in unseren Bundesländern von der Gebietsverwaltungsreform bis zur Verbesserung der Nahverkehrsinfrastruktur zu lösen haben, handelt es sich bei solchen Richtlinien doch um einen Gegenstand von durchaus untergeordneter politischer Größenordnung. Die Heftigkeit der politischen Auseinandersetzung, die sie ausgelöst haben, steht dazu in einem verblüffenden Mißverhältnis. Das ist nicht normal, und das ist auch nicht gut. Denn die Aufmerksamkeit und das Engagement der Bürger sind knappe politische Güter, und es ist mißlich, wenn sie über Monate hin für ein Problem, das der Sache nach normalerweise als ein Randproblem gelten muß, politisch in Anspruch genommen und verbraucht werden. Normalerweise würde ein solcher Vorgang doch ganz anders verlaufen sein. Der Kultusminister hätte Fachleute beauftragt, Lehrplanentwürfe auszuarbeiten. Das Resultat ihrer Arbeit hätte er dann den Betroffenen, den Lehrern, den Eltern, den Schülern, den einschlägigen Verbänden, zur Stellungnahme vorgelegt. Einige Konferenzen, Klausurtagungen hätten stattgefunden. Unter Berücksichtigung der eingegangenen Stellungnahmen wäre ein revidierter Entwurf abgefaßt worden. Der kulturpolitische Ausschuß des Landtags hätte noch Gelegenheit gehabt, Kenntnis zu nehmen, und alsdann wäre der Erlaß des Ministers in Kraft getreten – Stoff für einen Bericht auf hinteren Seiten der Landespresse und für ein Dreiminuteninterview mit dem Minister in der Landesrundschau.

GU_7_1974_2_S46_55 heißt meine pdf-Quelle: Hermann Lübbe. Hessische Gesellschaftslehre oder Die Grenzen des pädagogisch Erlaubten

‚Disproportionierte Dimensionen’ – ist das heute nicht der Pferdefuß (diabolisch verstanden) unserer Informiertheit? Prioritäten und deren Hierarchie haben in der Öffentlichkeit wohl nichts mehr zu suchen. Das soll das individuelle Gewissen mit sich selbst ausmachen, oder was an dessen Stelle getreten ist. Es gibt so viele Gesichtspunkte – und für jeden einen Lehrstuhl –  da möchte sich doch niemand die Finger verbrennen. Ich auch nicht. Manchmal denke ich: Wichtige Informationen werden nur deshalb zurückgehalten, damit sie im geeigneten Moment  detonieren können. Der spontane Blogger ist der letzte Arsch.