Ruth Klüger weiter …. und dann?

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Ruth Klüger – Weiter leben und dann?

„unterwegs verloren – Erinnerungen“, Zsolnay Verlag, Wien 2008

Ich werde einige Szenen in  „Weiter leben – eine Jugend“ (Wallstein Verlag, Göttingen 1992) nie vergessen. Die Dreizehnjährige mit der Mutter auf dem Treck von Auschwitz-Birkenau nach Deutschland, Niederbayern 1945. In seiner ‚banalen‘ Brutalität staubtrocken geschildert im Stil eines Grimmelshausen. Sie war das Kind, das spät in die Katastrophe geboren wurde, aber nicht spät genug. Sie war Flüchtlingskind und dann Jugendliche in den USA.

Ich gebe zu, ich mag sie.Sie liest Texte reflektiert und perspektivisch, ähnlich wie ich (ich benutze hier ihre Formulierung,188). Sie schreibt mit Herzblut und Selbstironie. Genau wie man die Klüger kennt, wie sie redet. Mich interessiert, was aus ihr nach ihrer Jugend wurde , daher lese ich die Fortsetzung von 2008, „unterwegs verloren – Erinnerungen“.

Die knapp 240 Seiten bieten eine Autobiografie ohne spektakuläre Ereignisse – die Katastrophe war schon – mit einer grauen Ehe und einer Karriere im akademischen Lehrbetrieb irgendwo in Amerika. Was sollen da Erinnerungen? Ein Beharren auf der eigenen, subjektiven Sicht auf die Welt und die Zeitgenossen. Und weil es ein Altersbuch ist, auch ein Abrechnungsbuch, beides mit dem Programm unbedingter Aufrichtigkeit (Löffler, Klappentext).

Beim Redigieren meiner Notizen kommt die inzwischen verharmloste persönliche Schärfe ihres Tons wieder direkt in den Blick. Alle Spiegelungen sind ja nur Abschwächungen des Originals. Also wenigstens  eine Leseprobe (S.56f.):

Ich schreibe keine Witzbücher, und nur der erwähnten Verwirrung halber lohnt es sich, diese Szene aufzufächern. Mir war zu Ohren gekommen – von wem weiß ich nicht mehr – , dass mein Kollege S., ein amerikanischer Jude, ein fauler aber gescheiter Kafka-Forscher, dazu ein Gewohnheitslügner und Aufschneider, mit dem ich gut auszukommen meinte, behauptet habe, antisemitische Bemerkungen aus meinem Munde gehört zu haben. Ich lachte und schob diese idiotische – wie mir schien – Unterstellung beiseite. Ich als Antisemitin. Sonst noch was? An dem Abend war S. bei einem kleinen Umtrunk zugegen, und ich sagte ihm, was ich gehört hatte, eigentlich in der Erwartung, dass er es abstreiten oder erklären würde. Ja, sagte er, das sei wahr, ich hätte ihn doch mit judenfeindlichen Ausdrücken beschimpft. Ich fing an zu zittern, eine total körperliche Reaktion, ich war einem Zorn ausgesetzt, der mich hilflos machte. Weiß der nicht, mit wem er spricht? Wo ich herkomme? Eine Wiener Jüdin, die um ein Haar als Kind in Birkenau vergast worden wäre? Natürlich weiß er es, wir sind doch befreundet, was man in Amerika befreundet nennt, sprechen uns mit Vornamen an, er saß oft in meinem Büro und hat die indiskretesten Intimitäten aus seinem Privatleben zum besten gegeben, die ich weiß Gott nicht hören wollte. Er war auch oft bei mir im Haus, ich sehe ihn noch, wie er auf dem Fußboden mit meinem Hund Bella und meinem Sohn Dan Allotria treibt, alle drei darauf aus, ihre Unschuld und ihren Spieltrieb zur Schau zu stellen, und wie ich nüchtern zu dem Schluß komme, S. sei ein Narr, aber ein herziger; (…) Da hat er den Wein in die Schnauze bekommen, und seither serviert er deutschen Gästen sicher ein seichtes Gesöff über dieses Abendteuer, das Anlaß zum Schmunzeln gibt. Man merkt: Schon die Erinnerung daran erhöht die literarische Temperatur dieser Sätze.  Ich kann über Probleme mit meinen Kollegen (als Ordinaria in Princeton 1980-86, DvG) auch nicht mit einem Anflug von Objektivität nachdenken. Ich merke das beim Schreiben: Wenn ich mich ärgere, ist es aus mit der Ausgewogenheit. Triviale Anlässe bauschen sich auf. (….) Darauf folgt der Versuch einer Analyse des Konflikts mit dem Kollegen. – Gegen Unterlassungsklagen der immerhin identifizierbaren Personen, die sie im Buch persönlich angreift,  schützt sie paradoxer ihr tabuierter Hintergrund – oder nur der räumliche und zeitliche Abstand?

Sie klagt später, dass der Suhrkamp-Verlag ihr erstes Buch „Weiter leben ablehnte. Auch ich kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. Zwar benennt der erfolgreiche Suhrkamp-Erzähler Martin Walser in einem (S.165 zitierten) Brief eine angebliche Schwäche der Klüger. Bei dir dominiert immer das, … was Du zum Erinnerungsstoff zu sagen hast. Du wirst dabei vehement und unbequem. Man kann es auch anders formulieren, selbstbewusst: Eigentlich war es ein essayistisches Buch, mehr Kommentar als Handlung. (sie selbst, ebd.)

Es ist nötig, dass erinnerte Vergangenheit gerade auch die Wahrnehmung der gegenwärtigen Verbrechen schärft. Das ist etwas anderes als Suhrkamps üblicher Theoriezirkus, in dem ein Auftritt den anderen jagt! Was weiß der Erzähler Walser davon? Obwohl, als Tagebuchschreiber hat er mir imponiert, schien er mir unbestechlich.

In Klügers Erinnerungen steckt auch ein versöhnliches Moment, wenn sie am Ende von unterwegs verloren im Epilog, Kreuzfahrt sagen kann: Es ist uns schon schlechter gegangen. Wie kommt es am Ende dazu?

Sie erfährt späten Ruhm (167f.), und auf der Folie des ungeliebten amerikanischen Campus-Milieus folgendermaßen: …dass sich dir die Welt gewissermaßen geöffnet hat, während sie sich ihnen im Alter mehr und mehr verschloss. (…) Wem eine breite Öffentlichkeit zur Verfügung steht, der ist gesellschaftlich in einer anderen Lage als die, die nur auf ihr Privatleben angewiesen sind. Nun möchte sie beides haben, aber es gelingt mir nicht immer. Die Leute, mit denen ich heute in Deutschland und Österreich verkehre, habe ich früher nicht gekannt, es ist meine Alterswelt, nicht eine, in die ich hineingewachsen bin. Vorher ging es ihr gegenüber Walser zum Beispiel nicht anders als jedem Unbekannten: Walser stand oft im Kreuzfeuer, und ich habe oft auf der anderen Seite gestanden, nur waren meine Ansichten damals unwichtig und privat. Unwichtig, weil privat.

 Ruth Klüger ist keine selbstverliebte eitle alte Dame geworden, wie sie die  Feuilletons bevölkern. Sie verliert nicht die Bodenhaftung. Mich versöhnt sie wieder einmal mit den Juden als einer vertrackten Kategorie. So, wenn ihr etwa Walsers törichte Bosheiten in „Der Tod eines Kritikers“ ebenso wie Reich-Ranicki in die Knochen fahren. Denn das Jude sein ist kein Klub, aus dem man austreten kann. (176) Wann wird das (wieder) möglich sein?

 Februar 2009/August 2014