Was in Gaza geschieht (Juli 2014)

|

 

Ich kann nicht verhindern, was geschieht, wir können das nicht! Und es wird sich wiederholen. Immer wieder habe ich vergeblich gehofft, dass diesmal der Staat Israel den Bogen überspannt hat, als endlose Besatzungsmacht, als Konfliktpartei, in seiner Selbstverteidigung und Selbstjustiz, habe gehofft, dass dieser Staat in seinem Konfliktverhalten unter internationale Aufsicht gestellt wird, dass vielleicht Blauhelme stabile Demarkationslinien schützen und Israels furchterregender Sicherheitsapparat auf die Ausmaße gestutzt wird, die mit dem Anspruch einer westlichen, also rechtsstaatlichen Demokratie vereinbar wären. Wieviele junge Generationen – Männer wie Frauen – sind bereits von der Logik dieses Besatzungsregimes seit 1967 bereits verschlissen und verroht worden!

 Je mehr ich den Traum ausspinne, desto hoffnungsloser erscheinen mir die wahrscheinlicheren Szenarien. Dabei ist dieser Staat nach den üblichen Kriterien ein Zwerg, das Land, so groß wie Hessen nur in den Köpfen seiner Bewohner etwas Einzigartiges, allerdings mit ein paar hochideologischen Zuschreibungen belastet, die die übrige Welt eigentlich nicht zu interessieren brauchen. 

 

Vergangenen Freitag. Im Dönerladen an der Zeil lag die BILD-Zeitung „Wir erheben die Stimme!“ (Bild Frankfurt, 25.7.) Ein Witz, diese Promis heben ständig ihre Stimme, sie wären beleidigt gewesen, wenn sie nicht gefragt worden wären. Ich fragte ihn nicht, was er denkt. BILD ist immerhin ein Integrationsbeweis – wer weiß, wofür sie gut sichtbar ausgelegt war –  aber er muss eigentlich denken: Die spinnen, die Deutschen.

Ich ertrage es kaum, dieser Tage das Radio anzustellen. Wie pervers, dass es weniger die Ereignisse in Gaza sind, die nach Wochen der Steigerungen schließlich nicht mehr überraschen, sondern dass ein Klima der Angst in den deutschen Medien sich ausbreitet, öffentlich etwas ‚Falsches’ zu sagen, nicht nur unter Leuten, deren Karriere von ihrem Ruf in der Öffentlichkeit abhängt. Die Hälfte aller öffentlichen Äußerungen ist zum Kotzen. Ein Verdienst der Redakteure, dass nicht alle Schlagzeilen bekommen!

Die Situation produziert absurde Züge, etwa das Thema Kindermord: Die von ‚anti’-antisemitischer Seite raunend angedeutete Verbindung von Demonstrationsparolen mit einer antisemitischen Tradition ist willkürlich und böswillig. Offensichtliche, durch Bilder vergegenwärtigte Menschenrechtsverletzungen werden da mit Motiven eines christlichen Antisemitismus verknüpft, zu deren Verständnis heute schon einige historische Bildung nötig ist. Mit der unheiligen Legende, man habe zur Herstellung des ungesäuerten Brots sich christliche Babies beschafft, ist man – von Seiten jüdischer Künstler – auch schon gelassener umgegangen.

 

Die klaren Kriegsverbrechen im Sinne des humanitären Völkerrechts israelischer Militärs und der sie formal befehlenden Politiker, sowie der übermittelte Grad der Zustimmung in der Bevölkerung, der mit 78 % oder mehr an diktatorische Verhältnisse heranreicht, können nach zivilisierten Maßstäben nicht legitimiert werden. Für einen Menschen, der unter rechtsstaatlichen Verhältnissen in Deutschland und Europa leben durfte, ist der Gedanke unerträglich, die Bombardierung wehrloser Menschen in einem abgesperrten Gebiet ohne jede Form von Bunkern sei alternativlos. Dass diese von ihrer autochthonen Führung als lebende Schutzschilde, als Mittel benutzt werden, ist keine tragfähige Begründung für Israel. Die lächerlich niedrige Zahl von einem halben Dutzend ‚ziviler Opfer’ auf israelischem Staatsgebiet sagt Alles über die reale Bedrohung durch einen ‚steinzeitlichen‘ Gegner. Mit diesem verachteten Feind stellt sich Israel auf eine Ebene – oh, wie herrlich ist doch die moderne Zivilisation! – um dieses ehrwürdige ‚Auge um Auge‘ zu praktizieren! Immer schon haben Rebellen, Partisanen, Guerilleros, Untergrundkämpfer die Zivilbevölkerung zum Ausgleich ihrer militärischen Unterlegenheit benutzt und zum Opfer gemacht. Ob man von einem Missbrauch sprechen kann, hängt von vielem ab, aber nicht von der Einschätzung des überlegenen Gegners, der willig dieses Angebot annimmt und damit auch gleich die Schutzmacht USA, die ‚Freunde’ in Europa und die UNO, deren Vertreter vor Ort im Gaza mit im Visier sind, vor den Kopf stößt – und sich bereits wieder in übler außenpolitischer Kontinuität bei den vom ‚Arabischen Frühling’ verschreckten Diktatoren im Nahen Osten rückversichert! (FAZ , 22.7. S.8 Rainer Hermann: „Araber für Israel – Der Gaza-Krieg zeigt, wie sich die Allianzen im Nahen Osten verändern“).

Vor einer Woche zeigte sich die israelische Regierung realistisch, als sie eingestand, die Hamas für eine begrenzte Zeit, man sprach von einem Jahr, schwächen zu können. Die eigenen Verluste und deren verheerende Wirkung in der Wählerschaft scheinen sie nun zu beherrschen. Es lebe die Demokratie!

Haben Altachtundsechziger in Deutschland in ihren Designerschlafröcken die Lehren aus Vietnam vergessen? Das statistische Verhältnis von hundert zu eins in der Opferstatistik, das Schielen auf die Wähler  und der Versuch ihrer Sedierung durch gleichgeschaltete Medien, die Dämonisierung des Gegners, Die Diffamierung der Kritiker! Und so etwas soll jetzt anders zu bewerten sein?

Die notorische Amerika-basierte De-Defamation-Lobby Israels und das Geheul, das von ihrer Seite zu erwarten ist, müßte doch jedem Verantwortlichen eine bekannte Größe sein, die man höflich ignoriert. Wozu haben wir unabhängige Antisemitismus-Experten, die vereinzelt sogar auch öffentlich gefragt werden?

 

Staatsräson oder Freundschaft?

Es ist seit langem eine Schande, aber heute sogar eine diplomatische Dummheit, dass die Bundesregierung in diesen Tagen den Export eines auch noch atomwaffenfähigen Unterseebootes nach Israel durchgewunken hat. Gaza wird auch von See beschossen.

Ich hoffe, dass die von der Kanzlerin häufiger wiederholte forsche Äußerung, die Existenz Israels ist Teil der deutschen Staatsräson, endlich einer kritischen Überprüfung unterzogen wird. Es fehlt in diesem Satz eine Formulierung von Bedingungen, wie es sich für jede Beziehung, erst recht für eine politische Partnerschaft gehört.

Die allseits bemühte Metapher der Freundschaft reicht umso weniger aus, als ihre Entstehung im Reich der Geschichtslegenden zu suchen ist. Ben-Gurion, Golda Meir und Begin redeten noch nicht so. Nach den Abhör-Skandalen mit den USA sollte man der Metapher ohnehin eine Pause gönnen.

Im Falle Israels verträgt sich die unterstellte Freundschaft nicht mit dem bei jeder Gelegenheit wiederholten kollektiven ‚Antisemitismus‘-Verdacht. Israel hat selber Chauvinisten und Rassisten, und was für welche! Denen gegenüber sollen Deutsche und zwar ausgerechnet als Deutsche sich in Äußerungen zurückhalten, als seien wir heute immer noch mit unseren (oder auch nicht) Großeltern und Urgroßeltern gleichzusetzen? Ich muss gestehen, dass ich neben dem Schrecken ein wenig Schadenfreude empfand, als ich vorgestern solche ‚Rechtsextreme‘ in einer Nachrichtensendung des dlf  mit folgendem ‚Witz’ zitiert höre: In Gaza fällt morgen die Schule aus ——— Weil es keine Kinder mehr gibt. – In den folgenden zwei Tagen wurden zwei UN-Schulen getroffen. – Und die Parole: Werft die Araber raus aus Palästina! (Leider gelang es mir nicht, diese Nachrichtensendung, meine Quelle ’nachzuhören‘.)

Die Regierungen seit Rabins Ermordung im November 1995 stehen diesen Leuten politisch näher als uns lieb sein kann. Ein Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung hat nach vier Jahren in Ramallah entnervt aufgegeben und begründet seinen Schritt am Telefon im dlf damit, er wolle nicht zum Zyniker werden: So hätten die Sicherheitsbehörden die palästinensischen Mörder der drei Jugendlichen effektiv verfolgt, den Tätern des jüdischen Racheakts geschehe nichts. Vor allem aber: Als die ‚Autonomiebehörde’ den politischen Weg versuchte, im Rahmen der UNO, blockierte die Regierung Netanjahu die für die Plästinenser eingezogenen Steuern und drohte mit weiteren Zwangsmaßnahmen. – Ja, das kam öfters in den Nachrichten.

Diese Regierung verlegt den Palästinensern noch jeden Weg zu einem noch so bescheidenen Ziel, erlaubt deren Repräsentanten nicht einmal, das Gesicht zu wahren. Und das soll funktionieren? Und wir ‚Freunde’ sollen die Rahmenbedingungen garantieren für eine dumme und äußerst repressive Politik, für die es seit einem halben Jahrhundert in unserer eigenen Sphäre keine Basis, oder gar Entsprechung gibt?

 

Zum Thema des Islam und den Protesten..

Bringt uns unsere Nibelungentreue zu Israel auch noch in einen völlig verqueren Wertekonflikt mit unseren Mitbürgern islamischer  Glaubenrichtungen und türkischer Nationalität? Unter hämischer Beobachtung von Leuten wie Henryk Broder?

Zwanghafte traditionelle Bindungen und eine bedingungslose Parteilichkeit, die über Leichen geht – das ist doch gerade die Welt, aus viele Immigranten kommen! Doch mit dem Holocaust haben sie nun wirklich nichts zu tun, so wenig wie die Palästinenser und die arabischen Nachbarn Israels. Wieso sollten übrigens letztere Israels Gründungsmythen (Zionismus und nach 1962: Auschwitz) übernehmen und die bittere eigene Kolonialismus-Erfahrung auslöschen lassen, zumal sie oder ihre Folgen bis zum heutigen Tag andauern?

Der FAZ-Kommentator Christian Geyer wirft der deutschen Mehrheitsöffentlichkeit am vergangenen Samstag (FAZ 26.7.,S.1 ‚Nicht dumm stellen’) ausgerechnet in diesem Kontext ein Leisetreten gegenüber Immigranten vor. Diese – gerade von der deutschen Linken – immer weiter ausgefeilte political correctness ist doch von einem verlogenen offiziellen Philosemitismus vorgeprägt worden, der Teil deutscher Umerziehung (Reeducation) war und den Frank Stern historisch beschrieben und analysiert hat (‚Im Anfang war Auschwitz’, Schriftenreihe des Instituts für Deutsche Geschichte, Universität Tel Aviv, Bleicher Verlag 1991).

Ist es nicht ein Wunder – natürlich auch das wissenschaftlich zu klären – dass sich hier in Deutschland unter dieser Decke nicht mehr Antisemitismus entwickelt hat?  Die Realitäten waren stärker. Anfangs bemühten sich die überlebende Opfer  um Unsichtbarkeit in einer immer noch feindseligen Umgebung. Ich glaubte als Kind und Schüler zum Beispiel, sie seien alle umgekommen. Doch dann ereignete sich der breite Traditionsbruch von den Sechziger Jahren an. Letztlich hat das freiheitliche Klima eines entwickelten Verfassungsstaates den Mentalitätswandel bewirkt.  Die aktuellen rituellen Beschimpfungen wären zum Lachen – sie gehören schließlich zu jeder der Krisen um Israel – wenn die politischen Wirkungen hier, aber auch in Israel/Palästina nicht so verheerend wären!

Selbstverständlich ist alles viel komplizierter, aber das Argument gilt ausnahmslos für (fast) Alles und Jeden.                       30./31.7.2014

 

Nachwort am 14.September             Na also: Aufgestanden!

Sonntag berichtet die Tagesschau, der doch momentan ernsthafte Themen nicht ausgehen sollten, von einer Kundgebung in Berlin unter dem Motto : ‚Wir stehen auf!’ Das Zentralkomitee der Juden in Deutschland hat es organisiert. Da haben sich sicher gute Menschen unter allerhöchstem Schirm versammelt. Politische Repräsentanten  redeten zerknirscht. Wie finden sie dafür Zeit? Welche PR-Agentur hat ihnen  dazu geraten? Sie mussten sich nicht einmal offene Kritik am Krieg Israels vorwerfen! Einige blau-weiße Fahnen waren zu sehen – unkommentiert, brav!  – und noch mehr blaue Luftballons.

Das Zentralkomitee müsste doch darüber froh sein, dass die internationale Empörung aus den Schlagzeilen und eine Beteiligung Israels an den Kosten des ‚Wiederaufbaus‘ Gazas und seiner Menschen nicht zur Debatte steht. Das mögen die UNO, die europäischen Steuerzahler und ihre Spendenbereitschaft über NGOs richten. Es sind ja nur Kollateralschäden einer legitimen Selbstverteidigung. Als Opferverband müssen Grau und Partner ständig am Ball bleiben.

Was sollen eigentlich die Opfer des Weltbürgerkriegs und der Katastrophen um uns herum sagen? Und was diejenigen, die überall in der Welt durch ihr Äußeres rassistischer Gewalt jeden Tag ein leichtes Ziel bieten?