Ich kann nicht verhindern, was geschieht, wir können das nicht! Und es wird sich wiederholen. Immer wieder habe ich vergeblich gehofft, dass diesmal der Staat Israel den Bogen ĂŒberspannt hat, als endlose Besatzungsmacht, als Konfliktpartei, in seiner Selbstverteidigung und Selbstjustiz, habe gehofft, dass dieser Staat in seinem Konfliktverhalten unter internationale Aufsicht gestellt wird, dass vielleicht Blauhelme stabile Demarkationslinien schĂŒtzen und Israels furchterregender Sicherheitsapparat auf die AusmaĂe gestutzt wird, die mit dem Anspruch einer westlichen, also rechtsstaatlichen Demokratie vereinbar wĂ€ren. Wieviele junge Generationen – MĂ€nner wie Frauen – sind bereits von der Logik dieses Besatzungsregimes seit 1967 bereits verschlissen und verroht worden!
 Je mehr ich den Traum ausspinne, desto hoffnungsloser erscheinen mir die wahrscheinlicheren Szenarien. Dabei ist dieser Staat nach den ĂŒblichen Kriterien ein Zwerg, das Land, so groĂ wie Hessen nur in den Köpfen seiner Bewohner etwas Einzigartiges, allerdings mit ein paar hochideologischen Zuschreibungen belastet, die die ĂŒbrige Welt eigentlich nicht zu interessieren brauchen.Â
Vergangenen Freitag. Im Dönerladen an der Zeil lag die BILD-Zeitung âWir erheben die Stimme!â (Bild Frankfurt, 25.7.) Ein Witz, diese Promis heben stĂ€ndig ihre Stimme, sie wĂ€ren beleidigt gewesen, wenn sie nicht gefragt worden wĂ€ren. Ich fragte ihn nicht, was er denkt. BILD ist immerhin ein Integrationsbeweis â wer weiĂ, wofĂŒr sie gut sichtbar ausgelegt war –  aber er muss eigentlich denken: Die spinnen, die Deutschen.
Ich ertrage es kaum, dieser Tage das Radio anzustellen. Wie pervers, dass es weniger die Ereignisse in Gaza sind, die nach Wochen der Steigerungen schlieĂlich nicht mehr ĂŒberraschen, sondern dass ein Klima der Angst in den deutschen Medien sich ausbreitet, öffentlich etwas âFalschesâ zu sagen, nicht nur unter Leuten, deren Karriere von ihrem Ruf in der Ăffentlichkeit abhĂ€ngt. Die HĂ€lfte aller öffentlichen ĂuĂerungen ist zum Kotzen. Ein Verdienst der Redakteure, dass nicht alle Schlagzeilen bekommen!
Die Situation produziert absurde ZĂŒge, etwa das Thema Kindermord: Die von âantiâ-antisemitischer Seite raunend angedeutete Verbindung von Demonstrationsparolen mit einer antisemitischen Tradition ist willkĂŒrlich und böswillig. Offensichtliche, durch Bilder vergegenwĂ€rtigte Menschenrechtsverletzungen werden da mit Motiven eines christlichen Antisemitismus verknĂŒpft, zu deren VerstĂ€ndnis heute schon einige historische Bildung nötig ist. Mit der unheiligen Legende, man habe zur Herstellung des ungesĂ€uerten Brots sich christliche Babies beschafft, ist man – von Seiten jĂŒdischer KĂŒnstler – auch schon gelassener umgegangen.
Die klaren Kriegsverbrechen im Sinne des humanitĂ€ren Völkerrechts israelischer MilitĂ€rs und der sie formal befehlenden Politiker, sowie der ĂŒbermittelte Grad der Zustimmung in der Bevölkerung, der mit 78 % oder mehr an diktatorische VerhĂ€ltnisse heranreicht, können nach zivilisierten MaĂstĂ€ben nicht legitimiert werden. FĂŒr einen Menschen, der unter rechtsstaatlichen VerhĂ€ltnissen in Deutschland und Europa leben durfte, ist der Gedanke unertrĂ€glich, die Bombardierung wehrloser Menschen in einem abgesperrten Gebiet ohne jede Form von Bunkern sei alternativlos. Dass diese von ihrer autochthonen FĂŒhrung als lebende Schutzschilde, als Mittel benutzt werden, ist keine tragfĂ€hige BegrĂŒndung fĂŒr Israel. Die lĂ€cherlich niedrige Zahl von einem halben Dutzend âziviler Opferâ auf israelischem Staatsgebiet sagt Alles ĂŒber die reale Bedrohung durch einen ’steinzeitlichen‘ Gegner. Mit diesem verachteten Feind stellt sich Israel auf eine Ebene – oh, wie herrlich ist doch die moderne Zivilisation! – um dieses ehrwĂŒrdige ‚Auge um Auge‘ zu praktizieren! Immer schon haben Rebellen, Partisanen, Guerilleros, UntergrundkĂ€mpfer die Zivilbevölkerung zum Ausgleich ihrer militĂ€rischen Unterlegenheit benutzt und zum Opfer gemacht. Ob man von einem Missbrauch sprechen kann, hĂ€ngt von vielem ab, aber nicht von der EinschĂ€tzung des ĂŒberlegenen Gegners, der willig dieses Angebot annimmt und damit auch gleich die Schutzmacht USA, die âFreundeâ in Europa und die UNO, deren Vertreter vor Ort im Gaza mit im Visier sind, vor den Kopf stöĂt – und sich bereits wieder in ĂŒbler auĂenpolitischer KontinuitĂ€t bei den vom âArabischen FrĂŒhlingâ verschreckten Diktatoren im Nahen Osten rĂŒckversichert! (FAZ , 22.7. S.8 Rainer Hermann: âAraber fĂŒr Israel â Der Gaza-Krieg zeigt, wie sich die Allianzen im Nahen Osten verĂ€ndernâ).
Vor einer Woche zeigte sich die israelische Regierung realistisch, als sie eingestand, die Hamas fĂŒr eine begrenzte Zeit, man sprach von einem Jahr, schwĂ€chen zu können. Die eigenen Verluste und deren verheerende Wirkung in der WĂ€hlerschaft scheinen sie nun zu beherrschen. Es lebe die Demokratie!
Haben Altachtundsechziger in Deutschland in ihren Designerschlafröcken die Lehren aus Vietnam vergessen? Das statistische VerhÀltnis von hundert zu eins in der Opferstatistik, das Schielen auf die WÀhler  und der Versuch ihrer Sedierung durch gleichgeschaltete Medien, die DÀmonisierung des Gegners, Die Diffamierung der Kritiker! Und so etwas soll jetzt anders zu bewerten sein?
Die notorische Amerika-basierte De-Defamation-Lobby Israels und das Geheul, das von ihrer Seite zu erwarten ist, mĂŒĂte doch jedem Verantwortlichen eine bekannte GröĂe sein, die man höflich ignoriert. Wozu haben wir unabhĂ€ngige Antisemitismus-Experten, die vereinzelt sogar auch öffentlich gefragt werden?
StaatsrÀson oder Freundschaft?
Es ist seit langem eine Schande, aber heute sogar eine diplomatische Dummheit, dass die Bundesregierung in diesen Tagen den Export eines auch noch atomwaffenfÀhigen Unterseebootes nach Israel durchgewunken hat. Gaza wird auch von See beschossen.
Ich hoffe, dass die von der Kanzlerin hĂ€ufiger wiederholte forsche ĂuĂerung, die Existenz Israels ist Teil der deutschen StaatsrĂ€son, endlich einer kritischen ĂberprĂŒfung unterzogen wird. Es fehlt in diesem Satz eine Formulierung von Bedingungen, wie es sich fĂŒr jede Beziehung, erst recht fĂŒr eine politische Partnerschaft gehört.
Die allseits bemĂŒhte Metapher der Freundschaft reicht umso weniger aus, als ihre Entstehung im Reich der Geschichtslegenden zu suchen ist. Ben-Gurion, Golda Meir und Begin redeten noch nicht so. Nach den Abhör-Skandalen mit den USA sollte man der Metapher ohnehin eine Pause gönnen.
Im Falle Israels vertrĂ€gt sich die unterstellte Freundschaft nicht mit dem bei jeder Gelegenheit wiederholten kollektiven ‚Antisemitismus‘-Verdacht. Israel hat selber Chauvinisten und Rassisten, und was fĂŒr welche! Denen gegenĂŒber sollen Deutsche und zwar ausgerechnet als Deutsche sich in ĂuĂerungen zurĂŒckhalten, als seien wir heute immer noch mit unseren (oder auch nicht) GroĂeltern und UrgroĂeltern gleichzusetzen? Ich muss gestehen, dass ich neben dem Schrecken ein wenig Schadenfreude empfand, als ich vorgestern solche ‚Rechtsextreme‘ in einer Nachrichtensendung des dlf  mit folgendem âWitzâ zitiert höre: In Gaza fĂ€llt morgen die Schule aus ——— Weil es keine Kinder mehr gibt. – In den folgenden zwei Tagen wurden zwei UN-Schulen getroffen. – Und die Parole: Werft die Araber raus aus PalĂ€stina! (Leider gelang es mir nicht, diese Nachrichtensendung, meine Quelle ’nachzuhören‘.)
Die Regierungen seit Rabins Ermordung im November 1995 stehen diesen Leuten politisch nĂ€her als uns lieb sein kann. Ein Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung hat nach vier Jahren in Ramallah entnervt aufgegeben und begrĂŒndet seinen Schritt am Telefon im dlf damit, er wolle nicht zum Zyniker werden: So hĂ€tten die Sicherheitsbehörden die palĂ€stinensischen Mörder der drei Jugendlichen effektiv verfolgt, den TĂ€tern des jĂŒdischen Racheakts geschehe nichts. Vor allem aber: Als die âAutonomiebehördeâ den politischen Weg versuchte, im Rahmen der UNO, blockierte die Regierung Netanjahu die fĂŒr die PlĂ€stinenser eingezogenen Steuern und drohte mit weiteren ZwangsmaĂnahmen. â Ja, das kam öfters in den Nachrichten.
Diese Regierung verlegt den PalĂ€stinensern noch jeden Weg zu einem noch so bescheidenen Ziel, erlaubt deren ReprĂ€sentanten nicht einmal, das Gesicht zu wahren. Und das soll funktionieren? Und wir âFreundeâ sollen die Rahmenbedingungen garantieren fĂŒr eine dumme und Ă€uĂerst repressive Politik, fĂŒr die es seit einem halben Jahrhundert in unserer eigenen SphĂ€re keine Basis, oder gar Entsprechung gibt?
Zum Thema des Islam und den Protesten..
Bringt uns unsere Nibelungentreue zu Israel auch noch in einen völlig verqueren Wertekonflikt mit unseren MitbĂŒrgern islamischer  Glaubenrichtungen und tĂŒrkischer NationalitĂ€t? Unter hĂ€mischer Beobachtung von Leuten wie Henryk Broder?
Zwanghafte traditionelle Bindungen und eine bedingungslose Parteilichkeit, die ĂŒber Leichen geht – das ist doch gerade die Welt, aus viele Immigranten kommen! Doch mit dem Holocaust haben sie nun wirklich nichts zu tun, so wenig wie die PalĂ€stinenser und die arabischen Nachbarn Israels. Wieso sollten ĂŒbrigens letztere Israels GrĂŒndungsmythen (Zionismus und nach 1962: Auschwitz) ĂŒbernehmen und die bittere eigene Kolonialismus-Erfahrung auslöschen lassen, zumal sie oder ihre Folgen bis zum heutigen Tag andauern?
Der FAZ-Kommentator Christian Geyer wirft der deutschen Mehrheitsöffentlichkeit am vergangenen Samstag (FAZ 26.7.,S.1 âNicht dumm stellenâ) ausgerechnet in diesem Kontext ein Leisetreten gegenĂŒber Immigranten vor. Diese â gerade von der deutschen Linken – immer weiter ausgefeilte political correctness ist doch von einem verlogenen offiziellen Philosemitismus vorgeprĂ€gt worden, der Teil deutscher Umerziehung (Reeducation) war und den Frank Stern historisch beschrieben und analysiert hat (âIm Anfang war Auschwitzâ, Schriftenreihe des Instituts fĂŒr Deutsche Geschichte, UniversitĂ€t Tel Aviv, Bleicher Verlag 1991).
Ist es nicht ein Wunder â natĂŒrlich auch das wissenschaftlich zu klĂ€ren â dass sich hier in Deutschland unter dieser Decke nicht mehr Antisemitismus entwickelt hat?  Die RealitĂ€ten waren stĂ€rker. Anfangs bemĂŒhten sich die ĂŒberlebende Opfer  um Unsichtbarkeit in einer immer noch feindseligen Umgebung. Ich glaubte als Kind und SchĂŒler zum Beispiel, sie seien alle umgekommen. Doch dann ereignete sich der breite Traditionsbruch von den Sechziger Jahren an. Letztlich hat das freiheitliche Klima eines entwickelten Verfassungsstaates den MentalitĂ€tswandel bewirkt.  Die aktuellen rituellen Beschimpfungen wĂ€ren zum Lachen â sie gehören schlieĂlich zu jeder der Krisen um Israel – wenn die politischen Wirkungen hier, aber auch in Israel/PalĂ€stina nicht so verheerend wĂ€ren!
SelbstverstĂ€ndlich ist alles viel komplizierter, aber das Argument gilt ausnahmslos fĂŒr (fast) Alles und Jeden.            30./31.7.2014
Nachwort am 14.September        Na also: Aufgestanden!
Sonntag berichtet die Tagesschau, der doch momentan ernsthafte Themen nicht ausgehen sollten, von einer Kundgebung in Berlin unter dem Motto : âWir stehen auf!â Das Zentralkomitee der Juden in Deutschland hat es organisiert. Da haben sich sicher gute Menschen unter allerhöchstem Schirm versammelt. Politische ReprĂ€sentanten redeten zerknirscht. Wie finden sie dafĂŒr Zeit? Welche PR-Agentur hat ihnen dazu geraten? Sie mussten sich nicht einmal offene Kritik am Krieg Israels vorwerfen! Einige blau-weiĂe Fahnen waren zu sehen â unkommentiert, brav! – und noch mehr blaue Luftballons.
Das Zentralkomitee mĂŒsste doch darĂŒber froh sein, dass die internationale Empörung aus den Schlagzeilen und eine Beteiligung Israels an den Kosten des ‚Wiederaufbaus‘ Gazas und seiner Menschen nicht zur Debatte steht. Das mögen die UNO, die europĂ€ischen Steuerzahler und ihre Spendenbereitschaft ĂŒber NGOs richten. Es sind ja nur KollateralschĂ€den einer legitimen Selbstverteidigung. Als Opferverband mĂŒssen Grau und Partner stĂ€ndig am Ball bleiben.
Was sollen eigentlich die Opfer des WeltbĂŒrgerkriegs und der Katastrophen um uns herum sagen? Und was diejenigen, die ĂŒberall in der Welt durch ihr ĂuĂeres rassistischer Gewalt jeden Tag ein leichtes Ziel bieten?