Paul Parin – Psychoanalyse? Mit wem sonst?

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Paul Parin – Lesereise 1955 bis 2005, gefunden und herausgegeben von Traute Hensch Edition Freitag, 2006, broschiert 186 S., ISBN-10: 3936252092   ISBN-13: 978-3936252095

Mit wem sonst?

Wo beginnen? – Am Ende, mit der Frage „Gibt es ein Leben hinter der Couch?“, die Paul Parin mit 82 Jahren der Neuen Zürcher Zeitung beantwortet hat.

Er verstand sich als Therapeut, der sein Urteilsvermögen an dem Instrumentarium seiner Vorgänger und an seiner Lebenserfahrung, auch in seiner Lehranalyse, schulte und reifen ließ. Sein Leben vor der Psychoanalyse, in extremer Zeit bot gute Voraussetzungen dafür, aber ebenso ungewöhnliche Engagements (Partisanen, Ethnopsychoanalyse), die schon früh erarbeiteten praktischen Fähigkeiten (Chirurgie z.B.), sein zupackendes Wesen, ein starker Idealismus und die Kraft der kühlen distanzierten Reflexion. – An seiner Freiheit im Engagement hätte Vilém Flusser seine Freude gehabt. Auch Parins ‚Heimat’ ging unter, auch er lebte ‚bodenlos’, der geborene Außenseiter.

Parin nahm sich das Recht, „Freund zu sein und Fremder zu bleiben“, immer auf der Hut vor den Versuchungen der therapeutischen Macht und der emotionalen Verstrickung. Er nahm sich an Theorien, was ihm nützlich erschien. Er konnte sagen, dass er „in der Regel der Freudschen Analyse treu geblieben“ sei – er hatte keineswegs im Sinn, „pragmatisch“ eine selektive Methode zu entwickeln (176) – aber in Kenntnis ihrer Grenzen. Seinen Weg in die Psychoanalyse zeichnete er im schönen und spannenden Text “Kurzer Aufenthalt in Triest oder Koordinaten der Psychoanalyse“ nach. Parin verfolgte darin das Ineinander von intellektueller Biografie und Gesamtbewegung. Dass er Psychoanalyse als „wissenschaftliche Methode“ praktizierte, hieß also: in klarer Wahrnehmung ihrer Wirkungsfaktoren und  Existenzbedingungen. Er traute sich zu, die Koordinaten seiner Wissenschaft selber zu bestimmen, und das  sollte als Bestreben doch für jeden Analytiker gelten.

Es ist deshalb nicht überraschend,  dass er dem Trend zu einer Verschulung der Ausbildung – er formulierte im Text zurückhaltender (178): „ob Psychoanalyse in einer schulischen Institution gelehrt werden“ solle – drei Jahre lang Widerstand leistete, bis er 1976 mit seinem Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) die Anerkennung der Schweizer Gesellschaft für Psychoanalyse und damit leider auch den Kontakt mit vertrauten Kollegen verlor.

In seiner Sicht musste er über den Horizont der Psychoanalyse hinausstreben, auch ins politische Engagement, mangels besserer Alternativen, wie es scheint. Das ist gerade heute ein interessantes Thema: linkes Engagement, aber in Sisyphus-Manier!

Er tat es, wie er sagt, um der Psychoanalyse selbst willen, denn über ihre begrenzten Erfolgschancen, die er auch beklagte, hatte ihn seine Partisanenzeit aufgeklärt: Partisanen sind Männer der Dämmerung. Freud sah er in diesem Licht. In seinem Fremdsein, in seiner Lebendigkeit, die mit‚sozialem Tod’ zu bezahlen war, sah er sich mit ihm verbunden.

P.S.  Die Unzulänglichkeiten meines Textes sollen mich nicht davon abhalten, auf diesen ungemein klugen und facettenreichen Reader hinzuweisen, auch wenn gerade nur amazon ein einziges Exemplar für knapp 20 Euro vermittelt, ZVAB überhaupt nicht.  29.7.14

Der Verlag über den Autor

Paul Parin, geb. 1916, ist Neurologe, Psychoanalytiker, Ethno-Analytiker und Schriftsteller. 1944/45 geht er als Arzt mit seiner Frau, der Psychoanalytikerin Goldy Parin-Matthéy, zur jugoslawischen Partisanenarmee. Er praktiziert bis 1990 in Zürich. Zusammen mit Fritz Morgenthaler unternehmen die Parins mehrere Forschungsreisen nach Westafrika. Zu den Auszeichnungen, die Paul Parin erhält, gehören der Preis der Internationalen Erich-Fried-Gesellschaft, der Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Sigmund-Freud-Preis der Stadt Wien. Ehrendoktor der Universität Klagenfurt.