âDass man um diese  Zeit schon so weit warâ – Wegen dieser zu erwartenden Aussage einer unbedarften Besucherin hĂ€tte ich die Ausstellung zur âVorgeschichte der Abstrakten Kunstâ fĂŒr das breite Publikum verboten. Es war zu spĂŒren, wie da eigene frĂŒhe Kunstversuche und Erinnerungen an die Bastelkurse reaktiviert wurden. Dabei war es im Grunde ein seriöser spröder kunstgeschichtlicher Blick in die UnterwĂ€sche der modernen Kunst, unter ihre aufgespreizten Reiferöcke, gut dokumentiert im Katalog. Bilanz des Augenscheins: Ganz ĂŒberwiegend Kleksereien und nicht mehr. Die âAusstellungâ entlieĂ mich hungrig. Es gab lauter kleine Baustellen und  keinen gelungenen Bau zu sehen! Der ganze Jammer der âModerneâ!
Ein paar Ergebnisse im Notizbuch:
Das Material stammt aus den Ateliers, aus KĂŒnstlernachlĂ€ssen, wurde kleinformatig – wie es war -zusammengekratzt. Es war aufgehoben worden, aber â z.B. bei Turner â als Arbeitsskizzen. Es handelte sich um lapidare EntwĂŒrfe, die das gegenstĂ€ndliche Ergebnis simulierten, âstenografischeâ Notiz zum Einfangen einer ersten Bildidee, ĂŒbrigens typisch westlich als individuell improvisierte Technik, nicht wie in China in einem stenografischen Code! (Malschulen)
Es gab auch das âSpiel mit dem Zufallâ zur Anregung der Vorstellungskraft, zur Entwicklung von Bildideen. So hatte schon Alex Cozem (* 1717) âblotsâ (Flecken) zur freien Landschaftskomposition verwendet. KĂŒnstler gestalteten seine gedruckten Vorlagen dann unterschiedlich aus. Seit dem 17.Jh. analysierte man schon âSchönheitâ ; dabei dienten auch solche abstrakten Notizen, wiewohl Hogarth Schönheit in der âabstrakten linearen Form der GegenstĂ€ndeâ fand.
In einem Buch aus dem 19.Jh. wurde z.B. âTurners Prinzipâ der âLicht- und Schattenverteilungâ und âHelldunkelkompositionâ in einem schematischen farbigen Litho (aus Flecken) den âSchemataâ anderer KĂŒnstler gegenĂŒbergestellt.
Freilich lebt in mancher abstrakten Skizze auch das uralte menschliche VergnĂŒgen des Gehirns an Formen und Farben. Sie zeugt dann auch von einem intensiven, auf ein winziges Format konzentrierten Blick. die Ahnung eines ganz auĂergewöhnlichen GroĂen, wenn es denn zur Welt kĂ€me!
Der Poet Hugo kam ĂŒber seine Reiseskizzen zu einem Spiel mit Materialien: Er drĂŒckte Spitzen auf Flecken ab. Als berĂŒhmter AuĂenseiter konnte er seine Spielereien auch irgendwo abdrucken, ansonsten fanden sie sich im Nachlass. Bemerkenswert fand ich nur die Komposition im Format 30×50: âVollmondâ ĂŒber einem abstrakten Strand. Hugo hatte eine typische Stimmung von DorĂ© oder Turner  geschaffen.
Moreau hat, schon in der DĂ€mmerung der Moderne, ein regelrechtes Doppelleben gefĂŒhrt: âAbseits der offiziellen Ausstellungenâ des erfolgreichen Akademie-Malers, der die mythologischen Themen zum wiederholten Male ausschlachtete, âentkoppelteâ er experimentell âLinie und Formâ  und âwĂ€hlteâ so manche Arbeit âfĂŒr sein posthumes Museum ausâ, mit direktem Blick auf die Nachwelt – Das ham wer gern!
Neben dem elitĂ€ren âĂ€sthetischenâ und kunstgeschichtlichen âDiskursâ im 18. und 19. Jh. werden zwei ganz alte und populĂ€re Traditionen dokumentiert: EigentĂŒmliche Naturmaterialien wurden in der Geschichte magisch oder auch nur dekorativ gesehen: Die Verehrung z.B. von âBildsteinenâ ist uralt. Namentlich hat sie im 16. Jh. Aldovandri (+1605) als âWunderâ beschrieben. Ich muss auch an die ostasiatische Tradition der âSuisekiâ denken, worĂŒber ich gerade ein gleichnamiges Buch erworben habe. Und Paesina-Sandstein hat man als âLandschaftssteinâ im 17.Jh. zu Bildern verarbeitet. Die Ausstellung zeigt zwei Beispiele. Vom Buchschmuck des 18.Jh.zeigt man marmorierte Vorsatzpapiere.  … Ein weites Feld!
Und dann kommt die Romantik mit âKlecksographienâ. Wie oft hatte man dazu TintenfĂ€sser umwerfen mĂŒssen, und mussten Schreibfedern BlĂ€tter verspritzen, bis daraus eine âTechnikâ (klecksen und falten) wurde! Solche Flecken auszumalen ist gewiss eine anthroplogische Konstante! Kerner umspielt mit âKlecksographienâ scherzhaft 1857 Jakob FĂŒsslis Nachtmahre. Ein Herr Rohrschach radikalisiert solche 1921 in seiner âPsychodiagnostikâ.
âKaffeeklexbilder â humoristische Handzeichnungenâ Lpz.1880 Hrsg.W.v.Kaulbach. â Der zeigt gönnerhaft wilhelminischen Humor, der sich so gut mit Diskriminierung vertrĂ€gt.
Balzac und vor allem  G.Keller waren Entdeckungen in diesem Kontext, ebenso wie die Tatsache, dass sie sich auf Tendenzen der Kunst bezogen, die nur Bildungsmangel nicht vermutete.
Immer tauchen Fragen auf, die nicht rechtzeitig gestellt werden! Â Ist dieses Revolution in den Bildenden KĂŒnsten im 20.Jh eine eigentlich literarische Revolution gewesen?