Sammeln – Kindheitsgeschichte

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Dieser an einem Nachmittag im März 2012 verfasste Text ist eine Bestandsaufnahme meiner früh erworbenen Objekte und eine Vergegenwärtigung der Umstände, beides im Hinblick auf ein Ausstellungsprojekt, das dem Sammeln gewidmet sein soll.

Was könnte die Frühzeit am besten repräsentieren? 

–  die schönen, aber zum Spiel unbrauchbaren Kasperlpuppen, ausgenommen der glänzend lackierte ‚Lumbago’ aus Gips mit abgestoßener Hutkrempe.

–  Primitives Holzspielzeug von 1947 –  War es Hildes Impuls, sie aufzuheben?

– Das Grammophon – Hilde hatte ihr Radio den Besatzern abgegeben und sich ein Grammo besorgt. Ich bekam es zum sechsten Geburtstag zusammen mit nicht-anzüglichen Platten aus den zwanziger Jahren wie „Babys erste Uhr“

– als ‚Memorial’ eine später erworbene Milchkanne, die eine Anekdote illustriert.

Briefmarken und Margarine-Bilder (Hans Hansen in Afrika von Sanella) erhielt ich packenweise von der Patientin des Vaters bei Lurgi oder holte sie mir beim Milchmann, einem anderen Patienten. Briefmarken präformieren mein späteres Sammeln, unsystematisch wie ein Jäger und Sammler: Die Beute war reichlich, aber unberechenbar. Schwerpunkte wurden nicht von mir gesetzt, sondern vom Posteingang. Sie war eine Ernte der Poststelle von Lurgi. Die Firma führte Korrespondenz nicht mit jedem Land.

-Städte-, Opern-u.a. Quartette lehren, sich selber Zusammenhänge zusammenzusetzen. Obwohl die Einheiten eng begrenzt und starr sind, vermitteln sie doch den Eindruck der Weite. Als Dokumentationen sind sie lückenhaft, unabgeschlossen und erweiterbar. Montageprinzip. Die einzelnen Karten sind Objekte und Bilder von ganz unterschiedlichem Reiz. Sie weisen über sich hinaus, auf exotische Dinge wie Städte, Opern, Erfinder, Entdecker, Dichter u.a. Als Spiele sind sie arm. Es geht den Eltern um verdeckte Zwecke, um die ‚Allgemeinbildung’ des Kindes.

 

Ausschneiden und Aufkleben, Einsortieren

Meine Familie machte sich Kulturgüter unsystematisch verfügbar: in der Buchhandlung, der Stadtteilbibliothek, aus den beiden täglichen Zeitungen, der „Frankfurter Rundschau“ und der „FAZ“, vielleicht manchmal auch aus Ausstellungen.

Von den ausgeliehenen Büchern blieben bei uns nur Notizen und Bemerkungen im Büchereikatalog zurück. Meine Mutter hatte ihre erste persönliche Bibliothek  – von literarisch ganz unterschiedlichem Wert – in den Bombennächten 1944 verloren. Es gelang ihr, noch in den Fünfziger Jahren das Wichtigste neu zu erwerben.

Auch ich wünschte mir Bücher als Geschenke, etwa Expeditionsberichte und Bernatziks dreibändige Große Völkerkunde. In für mich wichtigen Ausstellungen zeichnete ich die unerreichbaren Objekte in den Vitrinen. Vielleicht war das der Aspekt der Tätigkeit von Entdeckern, den ich mit ihnen teilen konnte. An Abenteuer war in meiner behüteten Lebenswelt nicht zu denken. Die erste eigene Kamera bekam ich etwa mit 16. (Gibt es noch Aufnahmen, die ich vorher mit der Leica gemacht habe?) Auch das Feuilleton der Zeitungen „Frankfurter Rundschau“ und „FAZ“ war Ressource des kleinen Sammlers und Jägers.

Viele Intellektuelle (nur?) meiner Generation verhalten sich als archaische gatherer und Vorräte stapelnde Bauern. Es gibt mehrere Typen. Bei allen gehören dicke Stapel Zeitungen zur Wohnumgebung. Der eine Typ schaut sie nie mehr an. Sie werden im Packen weggeschmissen. Der andere schneidet aus, ordnet und verarbeitet sie sogar.

Feuilleton bedeutet das Aufblättern von und das virtuelle Flanieren in Kultur. Meine Eltern wollten sich am Feierabend und zum Frühstück zerstreuen, aber auch bilden. Radio ja, aber nur für Aktualität und Musik. Fernsehen gab es nicht im Haushalt. Wir haben gelesen.

Ausschneiden hat mit Ernten zu tun, mit dem Einholen eines Fischernetzes, mit der Kontrolle einer Falle – Rechtzeitiges Zugreifen ist nötig, weil sonst der rechte Zeitpunkt verpasst ist. Ich glaube, das ständige Eintreffen von Zeitungen hat mich schon früh fasziniert und ihr Verschwinden, erst im Stapel und dann in der Tonne, irritiert. Es war der Widerspruch von Wert, Bedeutung, Faszination – und Kurzlebigkeit. Jede meiner Mappen war wohl auch eine Arche Noah. Das Material war letztlich gratis für mich, ich musste mich vielleicht noch um die Beute streiten, hatte aber eine verständnisvolle Mutter. Nachdenken und Vorsorgen waren ihr vertraut. Alles typisch für das Sammeln. Auf einem Gebiet, den Zeitungsreproduktionen aktueller und klassischer Kunst, führte sie mir sogar die Hand. Denn man hatte ihr zu Beginn meiner Gymnasialzeit gesagt, ich brauche eine entsprechende Mappe zum Abitur.

Die Öffnung des Feuilletons in der FAZ über Kunstausstellungen, Musik- und Theaterveranstaltungen hinaus, hinein in Gesellschaft und Welt, wird inzwischen wissenschaftlich  untersucht. Die stärkere Verwendung von Fotografien und Reproduktionen näherte die Zeitung an gute Illustrierte und Magazine ( Stern, Spiegel) an, vor allem am Samstag in ihren Beilagen wie „Bilder und Zeiten“.

Eine gute Tageszeitung, weiß ich seit langem, ist – wie eine reiche Bibliothek – ein (fast) ideales Medium für die Bildung eines Jugendlichen (gewesen?). Ich erinnere mich, dass ich aus beidem so viel substantielles Wissen zog, dass es nicht so wichtig war, die Schulaufgaben zu erledigen. Als Lehrer nutzte ich planmäßig ihr Potential und das der anderen kurzlebigen, aber sammelbaren Medien.

Diese – wie die reinen Bildmedien – waren sehr anspruchsvoll in Bezug auf ihre nachträgliche Ordnung. Ich bin mit dem Thema nie wirklich zu Rande gekommen. Das wiederum förderte die Theorie- und Kategorienbildung. Der Kampf um die Sammlung war und ist ein ständiges Bemühen um bedeutungsvolle Ordnung. Das spätere Wiederfinden ist das praktische Hauptproblem, aber sobald das nicht mehr drückt, rumoren die zentrifugalen Kräfte erneut. Die zusammengespannten Elemente wollen sich unbedingt mit anderen außerhalb paaren.

Ohne die beiden Hauptachsen, die topologische (geografische) und die chronologische, wäre ich verzweifelt. Vor allem die buchstäbliche „Verortung“ hat sich bewährt, auch in der Sammlung der Ethnologica. Doch sie befriedigt mich nicht, sie bleibt ein archivarisch-bürokratischer Notbehelf. Der Geist bewegt sich anders. Und das Zurückräumen kostet Überwindung. Trotzdem bewundern die Leute meine angebliche Ordnung. Ich habe sie im Griff. – Wie schön, dass das Kopieren heute so einfach ist!

 

Dinge

Es wäre nicht zu meinen Sammlungen gekommen ohne eine weitere Komponente: die Gegenwart sinnlicher dreidimensionaler Dinge von Bedeutung.

Spielzeug: Zigarettendeckel und Murmeln sind natürlich untergegangen, der geliebte Stabilo. Baukasten und das Schuco-Auto mit Spieluhr sind leider irgendwann weggekommen. Ein Blechschifflein auf einem Kanal wurde mir von einem Spielkameraden abgedreht, aber Reste von Märklin HO sind noch da, nach wechselhaftem Schicksal.

 Schmuck, Bonbonniere aus der Leerbachstraße und sinnfällige Figürchen

Zwar besaßen meine Eltern keine Kunstgegenstände oder solche von großem materiellem Wert, wir saßen in einer Neubauwohnung und waren höchstens im alten Stil (Stichwort: „Chippendale“) eingerichtet. Wenige Dinge waren aus den Trümmern gerettet oder später eingetauscht worden. Auch Vorkriegsschmuck hatte meine Mutter nicht. Da sie früh starb, bewahrte ich seit fünfzig Jahren die grüne Schatulle auf. Meine Mutter bekam nicht nur zur Buchmesse über Beziehungen eine Dauerkarte, sie kaufte zeitweise auch auf der Frühjahrs- und Herbstmesse – den Frankfurter Konsumgütermessen – ein. Unter den sinnfälligen Figürchen haben sich ein kleiner Buddha aus Bronze (auch als Briefbeschwerer zu benutzen) und die Drei weisen Affen („Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“) erhalten, ein gestrickter Buch-Schutzumschlag und ähnliches mehr.

Ich kann nicht sagen, wann die Porzellan-Bonbonniere mit einem Knaben auf dem Deckel meine Zuneigung bekommen hat. Man habe sie aus den Trümmern der verbrannten Wohnung geborgen am Morgen nach dem Luftangriff. Sie ist unbeschädigt, aber trägt am Boden Brandspuren, bezeugt damit die Katastrophe. Auch ein silbernes Schieberchen, Teil eines Kinderbestecks mit geheimnisvollem Familienwappen, ist an einer Stelle angeschmolzen. Das und ein bekrönter silberner Handspiegel und Kamm bezeugen meine Herkunft, vertreten eine untergründige Familiengeschichte. Sie waren außer einem Fotoalbum die einzigen Dinge, die Hildes ersten Mann, meinen Vater und Namensgeber, in der neuen Familie der Nachkriegszeit vertraten. Nach dessen überraschendem Tod in Paris erhielt ich von dessen Witwe ein kleines Büchlein ausgehändigt: die romantische Erzählung „Melusinde“. Sie konnte es sowieso nicht lesen.

Auch ich erwarb oder barg Ikonen aus den Verwerfungen des Lebens: Ganesha-Elefant Geschenk von einem Schulfreund der wegzog. (// Zeitungsbild aus den 50er Jahren!)… Oder nach dem Tode meiner Mutter 1962, auch ihre Notizbücher, sie aber, um sie aus dem Verkehr zu ziehen. Übrigens auch ein Sommerkleid meiner ersten Ehefrau.

 

Arche Noah – Bewahren

Auf  allgemeinere Bezüge – wie sie auch heute ganz aktuell sind – weist mein Hutkoffer mit 30cm-Schellack-Platten. Ich habe auch hierin Veränderungen als Verlust erlebt. Gerade diese Objekte sind für den Impuls typisch, denn ich habe sie – bis auf die Chaconne von Bach – nie wieder aufgelegt, obwohl die Technik zur Verfügung stand. Die leichte Muse brachte es bis auf zwei Ausnahmen („Tabou“ und von Charles Trenet gesungen„La Mer“) nur zur – von Hilde moderierten – Kopie auf Tonband. Momentan unternehme ich eine erneute Kopie auf DVD/mp 3.

In den folgenden Jahrzehnten war ich lange davon überzeugt, dass ich bei einer etwaigen Flucht oder Vertreibung (aus welchen Gründen auch immer) meine wichtigsten Schätze in einem Koffer unterbringen zu können. Da sammelte ich auch schon Ethnologica, aber es waren noch weniger und kleinere als heute. Daran mag etwas Richtiges sein: Die zeitgemäße Variante der Arche Noah ist vielleicht eher der Fluchtkoffer als imposante Museumsmagazine.

Bewahren? Ich hebe ‚für‘ meinen Sohn ein paar Objekte und andere Zeugnisse seiner Kindheit auf. Auch ein Erbanspruch für das eine oder andere Ding wurde bereits angemeldet.

Vom Gastarbeiter Munoz, dessen Gartenhütte wir erwarben, hebe ich einen – von ihm mehrfach restaurierten – Gartenzwerg auf, den ich im Zusammenhang von Flussers Essay „Gastarbeiter“ bereits gewürdigt habe.

Als in den Sechziger Jahren die Westendstraße oder der Kettenhofweg frisch geteert wurde, ging ein Tragejoch für die Teereimer kaputt und wurde beiseite gelegt. Ich fand (und finde) dies Instrument an sich skandalös und hob es auf. Menschen gehen bei uns im Joch, so etwa. Eine Hochzeitsgesellschaft verlor in den achtziger Jahren auf dem Anlagenring eine der scheppernden Ketten aus Konservendosen, auch die hob ich auf. Gelegentlich lasse ich sie scheppern.

Redaktion: 21.5.2014.