Scheele Blicke auf Barbara Klemm

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Ihr Erfolgsgeheimnis

BĂŒrgerliche Herkunft, im besten bildungsbĂŒrgerlichen Sinn, mit strengem aber musischem Vater, „KĂŒnstler“, Kunstprofessor, und musischen Schwestern.

Die QualitĂ€ten einer Tochter konnte sie der FAZ („1968“) gegenĂŒber, wie ihrem Förderer Wolfgang Haut und den vielen Prominenten gegenĂŒber ausspielen, sie sendet sie noch heute in die Kamera, das sĂŒĂŸe MĂ€dchen. Es tut gar nicht weh. Als Frau war sie ausnahmsweise im Vorteil.

Als Zeitzeugin hat sie eine begrenzte Sicht: Der linken KulturbohĂšme stand sie sympathisierend nah – auch hier ging sie ein und aus. In redaktionellem Auftrag wurde sie zu weltpolitischen SchauplĂ€tzen in Sternstunden gesandt und sog spontan die emotionale QualitĂ€t in sich auf, fand Sinnbilder durch ihren offenen Geist. Distanz war nicht gefragt. Sie fotografierte und man fragt bis heute: Gibt es ein Klemm-Foto?

1 Million Negative! Als Ergebnis eines einmaligen Privilegs: Sie konnte organisatorisch und labortechnisch auf einem Riesen reiten, musste sich ĂŒber Verarbeitung, Publikation, Archivierung des Materials nicht den Kopf zerbrechen. Sie weiß, warum sie im Ruhestand alles so schön lĂ€sst, wie es ist.

Die Autoren der Fernsehfeatures sind wie ĂŒblich keine Intellektuellen, sondern Hagiographen, von ihnen durfte man keine Erkenntnisse erwarten. Der Sprecher nimmt genau den gedĂ€mpften Ton der Branche an, welche die Klemm nun adelt: Galeristen  – in deren heiligen Hallen wird sie jetzt gehandelt – Museumsleute und Sammler. Auch Frieder Burda ist einer von denen, selbst wenn er zeitgemĂ€ĂŸ auch die zweite Fraktion reprĂ€sentiert).

KĂŒnstler(in)? Als PortrĂ€tistin prominenter Leute nur, wenn PortrĂ€tisten ĂŒberhaupt KĂŒnstler sind. Das klang aus ihrem Mund alles sehr nach Diplomatie, wie sie JosĂ© Saramago in seinem Roman ausbreitet. Als Fotografin ist  sie KĂŒnstlerin wie alle Autodidakten und Fotoreporter, weil Fotografie Kunst ist.

Der Aspekt Schwarzweiß  tut nichts zur Sache, denn dies war die normale Technik fĂŒr ihre Generation, und sie gealtert wie sie. So war ich enttĂ€uscht ĂŒber ihr aktuelles Foto im Karlsruher Atelier ihres Vaters: Aus der vom Film eingefangenen sonnigen Szenerie war alles Leben gewichen. Alles zu seiner Zeit: So schön die alten Fotos sind, so schön können auch neue farbige digitale sein.

Ich verstehe ihren praktischen Ratschlag „Nur das Beste“ im Sinne von: Wenn du offen aus dem Bauch mit ein paar Erfahrungsregeln knipst, dann empfiehlt es sich, sehr scharf auszusortieren, um bleibende Bilder, eben Kunstwerke zu schaffen, ein aussichtsreicher Weg, dass dir Ikonen passieren. Robert Franks Portfolio „Amerika“ hat mir aber gezeigt, dass man sich damit auch in die SterilitĂ€t bugsieren kann. Bei Barbara Klemm sehe ich nicht diese Gefahr. Sie ist offen, versöhnlich, bescheiden und kommunikativ. Warum kaufe ich dann nicht ihre BĂŒcher? Ihre NĂ€he zum eigenen Talent macht mich wohl neidisch.

Verfasst 31.5.09 nach dem TV-Feature von Burghard Schlicht „Schwarzweiß ist Farbe genug – Die Fotografin Barbara Klemm“ (ARD-HR 2009) 

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Barbara Klemm Revisited

Ein Jahr spÀter anlÀsslich ihres Interviews von Verena Lueken, FAZ 24.12.2009

1970 kam sie mit nach Polen (Willy Brandts Kniefall) vermittelt durch Scheel, dem sie bekannt war durch ihr Foto von NPD-SchlĂ€gern im Cantatesaal, Frankfurt, 1969. Sie sagt: Statt im Pulk zu kĂ€mpfen, mĂŒsse man einen klaren Kopf behalten und schnell reagieren können, um  – vorher oder wenn sich etwas schon auflöst – zu dem Bild zu kommen, welches  das erzĂ€hlt, was man erzĂ€hlen will. Man muss in Bewegung bleiben, aber nicht nervös werden.

Dann brauche man die Begabung fĂŒr Komposition und Intuition.

Die eigentlich schwierige Aufgabe habe 1970 darin bestanden: … Zeigt unseren Lesern, worum es eigentlich geht. Wir hatten ja keine Vorstellung...  Ich musste versuchen, in kurzer Zeit das Wesentliche in den Griff zu bekommen. Und dann spricht sie von den Vorbereitungen der Kollegen vor Ort. Und von Tricks und EinfĂ€llen bei Aufpassern. Doch bei politischen Sachen habe ich immer gedacht, … schmeißen sie mich halt raus.

Sie Ă€ußert keine ĂŒberzeugenden Argumente  gegen Digitalkameras, sie spricht nur von professionellen und sie  spricht verschleiernd vom Gang in die Dunkelkammer. Die Neugier darauf sei den Kollegen heute genommen.

Sie denke in Einzelbildern. Serie sei nie interessant gewesen. Den PortrÀts fehle oft etwas Wesentliches, wenn sie zu zweit hingehe.

„Ein Foto ist eine moralische Entscheidung in einer Achtelsekunde“  – zitiert sie Salman Rushdie- besonders bei den Bildern, die sie nicht mache. Vor  einem offenem Sarg ließ sie sich erst auffordern. Thomas Bernhard bat sie ausdrĂŒcklich, einmal in die Kamera zu schauen. Sie gab es erst zu seinem Tod in die Zeitung: Da war so ein LĂ€cheln in den Augen, von dem ich dachte, eigentlich war es fĂŒr mich bestimmt.

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Laudatio

In „Ihr lĂ€chelt die Welt zu“, FAZ 24.12.2009  feiert  Andreas Platthaus den  „extrem subjektiven Blick“ der Klemm. Der Ausdruck birgt in diesem Kontext die Gefahr., ganz elitĂ€r verstanden zu werden. Dabei kann er auch bedeuten: ohne Konventionen, mit Mut, Ehrlichkeit und Geistesgegenwart einen glĂŒcklichen Schnappschuss zu tun, exakt den rechten Augenblick zu treffen. Ich weiß von der riesigen Zahl allein ihrer archivierten Fotos. Und ihr Auswahlprinzip hat sie mir selbst auf den Weg gegeben: Nur das Beste.  Außergewöhnlich ist allerdings an der Klemm, dass sie ihre ungekĂŒnstelte Art auch in hochoffiziellen historischen Momenten bewahrte, wie andere bedeutende Fotoreporter: Erich Salomon (auf den A.P. ausdrĂŒcklich verweist), Cartier-Bresson und die Leute von „Magnum“. Auch ich habe ihre Bilder in der Zeitung gesucht. Barbara Klemm ist eine begnadete Vermittlerin, die Tausenden von Lesern „das Wesentliche“, das, worum es ging und geht in sprechenden Bildern zeigte und die damit ĂŒber die FAZ in Deutschland eine Bildkultur heimisch machte und fortsetzte. Daß es niemanden gĂ€be, der ihr GespĂŒr fĂŒr Konstellationen besitzt – von Menschen untereinander, aber auch von Personen und RĂ€umen oder Kunstwerken, wie Platthaus behauptet, ist natĂŒrlich Hagiografie, was die Bildredaktion der FAZ seit Jahren durch die Praxis beweist. Doch dieses GespĂŒr ist ein QualitĂ€tskriterium.

Mir erschien ihre Verweigerung der Farbe unlÀngst noch als elitÀre Altersmarotte. Man kann sie auch als Demonstration des Widerstands sehen und gezielt nutzen.

 

2009-10, Zusammenstellung 4.4.14

 

 

 

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