(Erfolglose) Berufsberatung

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eMail an einen ehemaligen Schüler am 28.02.2009

Lieber S., so recht ist es mir doch nicht, dass du Lehrer werden willst. Ein Lehrer braucht eigentlich nur einen guten Charakter und gesunden Menschenverstand. Du bist wirklich überqualifiziert. Ich wünschte mir Menschen wie du mit weitem Horizont als Journalisten, und es gibt schon eine ganze Reihe,  nur nie genug davon, zum Beispiel als Auslandskorrespondenten. Ich habe gerade ein Porträt von Erdogan von einem gelesen, und es war eine Erleuchtung. Du schreibst doch leicht und gern. Du fürchtest keinen Gegenwind, bestehst Bewerbungen.

Wir brauchen Vermittler,  Übersetzer – die Ignoranz ist übermächtig. Als Lehrer bist du bloß einfacher Multiplikator oder „Lehrersoldat“, wie unser alter Hausmeister mich nannte. Deine eigenen Erfahrungen geben dir zwar einen Instinkt für Lüge und Ignoranz, doch deine Erfahrungen, von denen du heute noch angefüllt bist, werden hinter der Berufsroutine verblassen, sie werden auch durch wiederholte Anwendung verblassen. Und du wirst keinen Status haben, außerhalb deines Klassenraums gehört zu werden, es sei denn, du machst dich wieder in den Kampf auf. Diesmal von unten, über die Lehrerfortbildung oder die Schulbürokratie, oder du steigst gar wieder aus, wie viele kluge Leute. Denn kaum je hat die Dummheit die Schule so im Griff gehabt wie heute durch die moderne digitale bürokratische Vernetzung. Noch vor dreißig Jahren war „das Schulamt“ weit, es hieß „Regierungspräsidium“ und es gab davon nur drei in Hessen.

Die Zufriedenheit mit dem kleinen Glück nehme ich dir auf Dauer nicht ab, zumal eins klar sein muss: Die Aquisitoren suchen heute um jeden Preis nach Lehrerkandidaten,  aber sie haben in der Schulbürokratie nichts zu sagen. So wie ein Call-Center. Wie in der Versicherung heute: die Vertragsabteilung hat mit der Leistungsabteilung und der juristischen Abteilung nichts zu tun. Gewiss stehst du die Referendarzeit besser durch als ich – du bist ja abgehärtet, aber vieles ist genau so lächerlich wie in deiner Entwicklungsbank.

Du erlebst mich soweit ausgeglichen und mit mir im Reinen, aber worum ich in den letzten Jahren Universitätsleute und andere beneidet habe, ist die Reichweite, von der sie profitieren können. So ein Soziologe kann, wenn er will auf Institutskosten um die Welt reisen – und gehört werden – Das wirst du auch wieder wollen.

Irgendwann in den Auslandsschuldienst flüchten? Du weiß sicher: das sind aber die borniertesten Milieus. Die Leute haben alle möglichen persönlichen Gründe, an Auslandsschulen zu gehen, bloß sind sie nicht unbedingt für das Land qualifiziert. Und sie stehen noch in ideeller Konkurrenz zu den einheimischen schlecht bezahlten Kräften. Du säßest da leicht zwischen den Stühlen. ( schon wieder?)

Und wenn du wie ich dir auch zutraue, in der Schule eine große Klappe führst, bist du bei den kleinen Leuten, die die Lehrer als Berufsgruppe nun einmal sind, nicht anders als bei der BfA, leicht unten durch. Ausbildung und Bezahlung generieren eine eher negative Auswahl, auf Anpassung, Sicherheit und Komfort bedacht. Ich konnte mich 1969 – heute vergleichbar nur mit einem Quereinsteiger – noch am Ende eines langen freien Studiums für die Schule entscheiden. Ihr Quereinsteiger werdet  aber nur eine Minderheit sein.

Jugendliche haben auch mich angezogen und mir Kraft gegeben. Das ist das stärkste Argument. Es war aber manchmal auch bitter, pädagogische Zurückhaltung zu wahren. Und was haben Schüler generell zu bieten? Ihre Unaufmerksamkeit oder jedenfalls sehr selektive Aufmerksamkeit, das Verständnis und Auffassungsvermögen von Anfängern und in der Zukunft in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle Biografien, die dir die Fußnägel aufrollen:  Eigenheim und Kinder im Haus auf dem Grundstück der (Schwieger)Eltern. Ich wollte in dem Moment die Schule verlassen, als die Zahl der an Inhalten zu interessierenden (oder gar interessierten) Schüler dramatisch absank, irgendwann um die Jahrtausendwende, und als sie – im Zeichen des kommenden Zentralabiturs ängstlich wurden, ob der Lehrer sie auch optimal vorbereite auf das, was allein wichtig ist: die nächste Prüfung, die eine Karriere befördert. Kurz: Es gibt offenere Menschen und zugänglichere Lebensalter als heute das Schüleralter. Im Kindergarten und in der Grundschule hast du Spaß (Leider wirst du überbelastet) und in der Uni fängt es vielleicht wieder an (Leider wirst du überbelastet), aber die Gymnasialstufe? Alle Faktoren arbeiten gegen dich.

Wir sind „Generalisten“. Das heißt: Das Denken und Lehren aus zweiter Hand (auch in der Physik) wird auf die Dauer kräftezehrend. Du verlierst immer mehr an Kompetenz. Woher sollst du sie erneuern? Anfangs dachte ich: Wie kann man sich z.B. lange nur mit einem Autor (Literaturwissenschaft), mit einem Problem, … abgeben. Das lohnt doch nicht die Lebenszeit! Das war für das 19.Jh. noch ein lebbarer Standpunkt. Schau heute für eine x-beliebige Frage ins Internet oder in einen Literaturnachweis und du stellst fest, dass du eine Menge Arbeiten zu dem Thema gelesen haben solltest, von denen du nicht einmal gewusst hast. Sehenden Auges heute „Generalist“ werden zu wollen, ist verrückt und in der Sache ziemlich fruchtlos. Du kannst damit vielleicht Schriftsteller werden – da hängen womöglich Trauben unkritischer Leser an deinen Lippen, wenn du unterhaltsam bist – oder eben Lehrer werden oder sonst ein Guru für den Club der toten Dichter.

Du musst die kritische Öffentlichkeit kompetenter Leute suchen. Kann man das alles nebenbei? Also wirf dich wieder in die Schlacht, Mann!!“

Bis bald! Herzlich Detlev

 

Fünf Jahre später: Der junge Kollege hat seinen eigenen Weg gefunden, Schule und Außenwirkung zu verbinden. Ich brauche mir um ihn keine Sorgen zu machen.

 

 

 

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