Schulpraktikum. Generationskonflikt?

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Seit die Aufmerksamkeit der Studenten schon beim ersten Schulpraktikum ganz von den Vorgaben der Universität bestimmt wurde und die erste Begegnung mit der Schule nach der Schulzeit den Sinn verloren hatte, ein letzter unabhängiger Praxistest der getroffenen Berufswahl zu sein, war ich ausgestiegen. Das ging mich nichts mehr an. Für den Unterricht war es nie eine Bereicherung gewesen. Meiner Erinnerung nach sprang ich trotzdem Ende 2004 für einen Kollegen ein und übernahm die Betreuung einer kleinen Gruppe von Studenten. Die drei eMails spiegeln eine Situation, an der sicher beide Seiten ihren Anteil hatten, und reflektieren die Frustration auf beiden Seiten. Dann brach der Kontakt ab. 

Die Antwort von S.F. ist erst jetzt wieder aufgetaucht. Ich bin froh darüber.           16.6.2018

 

16.3.05    Graeve:   Ein paar Gedanken für Sie formuliert…… (eMail)

Praktikanten zu haben ist frustrierend, weil die Praxis darin kurz, chaotisch und von Vorführungsstunden durchsetzt ist.

Die Schulen und ihre mit immer neuen Aufgaben überhäuften Lehrkräfte haben weder Kapazitäten noch Lust auf zusätzliche Belastungen. Unterrichtszeit ist auch zu knapp für eine pädagogische Spielwiese.  Und wenn, würde man sie doch selber nutzen. Und frustrierend, weil ich als Betreuer blind agieren soll, als letztes Glied in der Kette, vom „Dienstherrn“ kostengünstig in die Lücke gesteckt.

Die Institutionen haben ebenso blind Vereinbarungen getroffen, die mehr Fassade als eine  Grundlage sind. Zuteilung und Terminplanung sind nicht funktional, weil Studenten für den „gestandenen“ und engagierten Lehrer eher langweilig sind. Nur die Einsamkeit des Lehrers als pädagogischem Langstreckenläufer und eine  – sentimentale – unbestimmte Solidarität mit Berufsanfängern überbrücken den Graben. Nicht nur ihrem Alter nach, auch ihrer Sozialisation nach stehen sie den Schülern viel näher.  Sie sind uns fremd. Man hat mit ihnen noch „Kids“ hinzubekommen, auf die man aufpassen muss.

In der Generation, die jetzt in Pension geht, haben eine Menge engagierte Leute in der Schule die Gesellschaft reformieren wollen bzw. darin Asyl gefunden. Wer würde sich das heute einreden? Wer wird heute Lehrer? Der Lehrerstudent ist kein freier Student mehr (und damit nicht unbedingt ein Sonderfall). Ich freue mich noch über jeden Quereinsteiger, der vielleicht als Querkopf und Querdenker in den Schulen wirken könnte, wenn er/sie überlebt. Doch vor dreißig Jahren konnte generell die Entscheidung zum Lehrerberuf während des gesamten Studienverlaufs getroffen oder revidiert werden. Die Mehrheit der Kandidaten wollte zwar gewiss einen sicheren Beamtenjob („Faule Säcke“, KuMi Holzapfel), die will ich auch nicht idealisieren; aber die Maschen waren noch nicht so eng wie heute, während der Ausbildung wie in der Berufsausübung.

Die zum Widerstehen erforderliche  Kraft,  Sturheit und strategische Intelligenz ist kontinuierlich  gestiegen. Ich finde mich immer wieder optimistisch im Ausguck  nach solchen vielversprechenden Gestalten – natürlich auch unter Praktikanten –  und bin umso enttäuschter, wenn ich den Eindruck  ängstlicher oder oberflächlich argumentierender oder zu  anpassungsbereiter Kandidaten gewinne.

Methoden sind wichtig, zugegeben, und in meinem Studium vernachlässigt, auch zugegeben. Doch ohne Radikalität in der Sachanalyse wie in der Wahrnehmung pädagogischer Verantwortung sind „Methoden“ nur Rituale. Die Kinder und Jugendlichen verdienen ehrliche Informationen, Antworten und Fragen, da wo die Erwachsenen am Ende ihres Lateins sind. Sie verdienen auch Ehrlichkeit im Auftreten, damit sie nicht in Posen und Lügen Vorbilder suchen oder überhaupt desillusioniert „Vorbilder“ ablehnen. Ihre Menschenwürde verbietet, sie bloß zu Objekten von obrigkeitlichen Lehrplanstrategen zu machen.

Sie werden es nicht glauben: ein kritischer Artikel zum Schulalltag, der mich vor kurzem sehr beeindruckt hat, war vierzig Jahre alt. Nach der Lektüre habe ich das festgestellt.

Was hat das Alles mit Ihnen zu tun? In „PoWi“, Politischer Bildung sind Schulung, Steuerung und Indoktrination einfach pervers. Halten sie Abstand, nehmen Sie sich in acht.

Mit kollegialem Gruß

 

Eine Praktikantin antwortet, für alle

Antwort der Praktikantin

 23.3.05            Liebe Silke F.          (eMail)

Ich danke für die Rückmeldung. Von Ihnen hatte ich sie am ehesten erwartet. Ich wundere mich jedoch, worüber Sie sich nach fünf Tagen Bedenkzeit noch aufregen. Wie “persönlich” ein an eine Gruppe gerichteter Brief wirklich zu nehmen ist, darüber entscheiden Sie ein großes Stück selbst.

Ihre persönliche Reife stand für mich nicht zur Debatte oder in Zweifel, aber was konnte davon mir in den vier Wochen sichtbar werden? Was haben Sie dafür getan? Als bestimmender Eindruck wird mir ein Kollektiv vor Augen bleiben, auf der Polstergruppe im Lehrerzimmer, am Runden Tisch, neben den Schülern, vorn am Lehrerpult. Nie haben Sie diese Konstellation aufgelöst, auch nicht, als die Gruppe – wie immer die Entscheidung zustandegekommen war – das verabredete Abschlussgespräch mit freundlichen Gaben in den Händen abwendete, oder soll ich sagen “bestreikte”? Ich kann mich effektiver direkt bereden als in Schriftwechseln austauschen. Auch ich werde mich thematisch beschränken.

Sie fanden den Ausdruck “Kids” unangemessen für sich (klar, siehe Bedeutung im Text) und sicher auch Ihre Gruppe; dabei meinte ich damit nichts Böses, nur “blutige Anfänger” in einer sie überfordernden Situation (Auftrag “auf alles achten”).

Ich kam auf die Idee vom “Unterrichtslabor”, weil die Praktikanten von “der Universität” auf die Praktika technisch ungenügend vorbereitet werden und dann auch noch gleich “abgeprüft” werden. Letzteres gab es früher nicht, als ich noch Herrn Klawiks Job machte.

Was wäre im “Labor” tun? – Das Auftreten wahrnehmen und individuell verbessern, die wohlklingende Palette der Unterrichtsmethoden in kleinen Gruppen einüben und regelmäßig die Rollen tauschen, bis deren Regeln, deren Stärken und Schwächen “sitzen”. Wer kann besser beurteilen als die Adressaten der Methode, ob sie damit überfordert, unterfordert (häufiger!) oder schlicht verschaukelt werden? Im kleinen Kreis kann man sich lachend die Wahrheit sagen und Ideen austesten. Wenn nicht gleich wieder eine prüfungsrelevante “Note” gegeben wird. In der Schule hätten sie dann immer noch genug zu tun!

Schülern sind auf Dauer die ungeschickten Spielereien der Referendare lästig. Ein paar freuen sich über jede Ablenkung, aber die Intelligenten wollen Relevantes, Einsichten oder Qualifikationen! Und “Vorführstunden” sind immer eine Sozialleistung an die schwer Geprüften, mit denen sie sich identifizieren können. ( War doch nett, die Runde mit dem Orangensaft. )

Ich habe die Tutandengruppe, soweit es mir, Ihnen allen, zumutbar erschien, kritisch begleitet, aber in meinen Augen auch konstruktiv: auf ihren Erfolg bedacht (und auf den Lernfortschritt der Klasse 9b). Ich habe Ihnen vier Wochen lang zur Verfügung gestanden und nichts vorgemacht, dies in meiner “Freizeit” und ohne dienstlichen Auftrag, dem Kollegen Klawik zuliebe und dann Ihnen zuliebe.

Ich bleibe dabei: “Zuständigen Stellen” habe ich nichts “mitzuteilen”, es sei denn, ich wollte versuchen, “der Universität” in Gestalt der Frau Heitz ihre Schulpraktika zu verbessern. Schien sie übrigens an einem Erfahrungsaustausch mit mir interessiert zu sein? Wahrscheinlich weiß sie Bescheid, zum Beispiel, wenn Klawik ihr reinen Wein eingeschenkt hat.

Ihre Ausbildung bleibt “definitiv” Ihr Problem und das Ihrer Vertretungsgremien. Ich könnte Sie höchstens darin unterstützen. Soweit für heute. Ostern wartet. vielleicht grüßen Sie gelegentlich Ihr “Kollektiv” von mir. Geben Sie diesen Text ruhig weiter. Ich habe ihn zwar nur einmal “gegengelesen”, kann also neue Verärgerung nicht ausschließen.

Machen Sie es gut!  Erholsame Feiertage!   Ich bleibe mit freundlichen Grüßen

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