Flusser endlich als Künstler nehmen!

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Versuch, eine Demarkationslinie zwischen der Realitätswahrnehmung Flussers und seinem Reich der ‚Fiktion‘ zu ziehen –  im Gespräch mit Florian Rötzer (Oktober 1991) und im Essay ‚Sich selbst sterben sehen‘.

IMG Touché 4050„Kleine, du hast nichts verstanden!“   

So würde Vilém Flusser titeln. (Gustavo Bernardo: fs 11) – Cartoon 4050 aus : Tom Touché 4001-4500, Copyright Thomas Körner 2007. Link: http://www.taz.de/1/wahrheit/bei-tom/

Es ist verschiedentlich vorgeschlagen worden, unter anderem von Marcel Marburger, Vilém Flusser als Künstler zu betrachten. Ich möchte die Idee aufnehmen, nicht als äußerste Rückzugsstellung aus der akademischen Debatte, sondern als Ausgangspunkt für unbelastete Untersuchungen. Wozu denn enttäuschte Kritiken und Vorwürfe? Er war als Philosoph Künstler, nichts anderes. Was ich als ‚Doktrin’ kritisierte,  ist Programm, ist Konzept.

Ich bin in letzter Zeit ein wenig seinen Verweisen auf und Anleihen bei den ‚Zukunftswissenschaften’ nachgegangen: Kybernetik, Astrophysik (‚Entropie’), Informatik und mathematische Spieltheorie. Sie liefern ihm Material zu seinem theoretischen Werk – Bauteile und Argumente , mehr nicht – das ist mein Eindruck, und ich hoffe, auf der Tagung mehr Klarheit darüber zu erhalten.

Es schleicht sich angesichts der von Flusser verbauten Materialien leicht der falsche Eindruck ein, dass er Erkenntnis nach Art moderner Wissenschaften gewinnen wollte. Er selber hat aber häufig genug gegen sie polemisiert, über ihre Sinn-Leere gespottet und seinen existenzphilosophischen und ontologischen Standpunkt – selbstredend über dem Abgrund, der Bodenlosigkeit – behauptet.

Elisabeth Neswald hat 1998 – W. Iser folgend – den Status seiner Texte prägnant beschrieben als ‚Fiktionen mit hohem Anteil an Imaginärem in Spannung mit der außertextlichen Wirklichkeit als außertextuelle Welt’, wobei ‚sich das Reale als die Vielfalt der Diskurse bestimmt, denen die Weltzuwendung des Autors durch den Text gilt.’ (,Medien-Theologie’, S.4)

Die Theorien waren sein persönliches Lebenswerk, er hat an ihnen gearbeitet wie ein Komponist an einem Zyklus. Seit dem 18. Jh. war es für Philosophen nicht  ungewöhnlich, Theoriengebäude zu errichten. Hegel und sein einsamer Widersacher Schopenhauer opferten ihr Leben ihrer Gesamtschau. Dann traten selbstbewusste literarische Philosophen auf den Plan. Flussers Theoriegebäude habe ich bereits früher mit der ‚Sagrada Famiglia’ von Gaudí  verglichen, als Projekt, das – schon ganz im Sinne des 20.Jh. – überhaupt nicht zu vollenden ist, ohne es völlig zu entstellen – was dort gerade geschieht unter Zuhilfenahme von Großrechnern. Nur er kannte die vielen geheimen internen Verweise und Bezüge. Über die Jahre hat er abwechselnd und parallel an den verschiedenen Baustellen gearbeitet, deren Pläne nur in seinem Kopf existierten.

Nach seinem Unfalltod im Herbst 1991 überlebte ‚das Werk‘ als Baustelle im Wissen der Witwe und enger Freunde. Nun wird es in jahrelanger Arbeit und unter Überwindung der von ihm aufgestellten Fallen, eingebauten Tapetentüren und Scheintüren nach Möglichkeit akademisch rekonstruiert.

Eine Welt außerhalb der Theorie ? Im Interview !

Ein Künstler wird in der Regel die Welt von seinem Werk und die alltägliche Realität von seinen Fiktionen trennen können. In privaten Gesprächen kann man das ganz anders beobachten als in  aufgezeichneten Interviews, die uns ‚Nachgeborenen‘ bei Flusserzur Verfügung stehen. Doch auch hier kann man auf die Vermittlung zwischen dem ‚Werk‘, der ‚Theorie‘ und dem Alltagsbewusstsein des Interviewers und seiner Zuhörer oder Leser wenigstens achten. Flussers Gespräch mit dem befreundeten Florian Rötzer im Oktober 1991 zeigt die Demarkationslinie zum ‚Werk‘ ungewöhnlich gut. So macht zu Beginn macht Flusser ein paar Feststellungen, wie ich sie schon gar nicht mehr erwartet hatte. Wieweit das ein taktischer Schritt war, um den Leser bei seinem Alltagsverständnis ‚abzuholen’, wie es in der Pädagogik seit den siebziger Jahren hieß, lässt sich kaum beurteilen. Nach etwa einem Viertel des Interviewtextes übernimmt jedenfalls Flussers Theoriewerk wieder die Regie mitsamt seinen Fixierungen, Empfindlichkeiten und Feindbildern.

Ich drucke das erste Viertel des Protokolls ungekürzt ab, damit die interessanten Aussagen in ihrem Kontext gelesen werden können, und numeriere darin die Passagen, die ich anschließend kommentieren möchte. Der Text ist im Netz zu finden unter dem Titel „Nächstenliebe im elektronischen Zeitalter“ ohne Quellenangabe  erschienen (http://www.heise.de/tp/artikel/2/2030/1.html)

Gesprächsprotokoll

Rötzer: Sie haben in Ihren Büchern immer wieder behauptet, daß wir auf der Schwelle zu einer neuen Epoche stehen würden. Sie führen das auf die neuen Techniken zurück. Es ist sicher der Computer, der im Zentrum der gegenwärtigen Veränderungen steht. Würden Sie denn sagen, daß man Epochen durch ihre Techniken charakterisieren kann, weswegen man dann auch sagen könnte, es gäbe so etwas oder müßte so etwas geben wie eine Philosophie des Computerzeitalters?

(1) Vilem Flusser: Ich möchte das ein wenig präzisieren. Ich bin einverstanden, wenn man von einer Schwelle spricht, sofern man die Schwelle breit genug ansetzt. Sie hat sich bereits in der Mitte des 19.Jahrhunderts gezeigt, und wir werden sie sicher nicht vor der Mitte des 21.Jahrhunderts überschreiten. Ich bin auch damit einverstanden, daß Sie den Übergang auf den technischen Einfluß zurückführen, allerdings mit der Einschränkung, daß die Technik allein zur Erklärung nicht ausreicht. Die Technik schlägt nämlich auf das Bewußtsein zurück, in dem die Veränderungen größer sind als in der Umwelt.  (2)

(3) Jetzt aber zur Frage, ob eine Philosophie des Computerzeitalters gefordert ist. Eine Philosophie der neuen Zeit entsteht von selbst. Nicht nur, weil sich die Themen ändern, sondern vor allem, weil sich die Methode des Denkens verändert. Eine der Charakteristiken des Übergangs ist, daß wir uns nicht mehr mit kausalen Erklärungen begnügen können. Wir müssen die Phänomene als Produkte eines Spiels von Zufällen ansehen, wobei die Zufälle statistisch dazu neigen, notwendig zu werden.

 

Wenn Sie sagen, daß wir nicht mehr kausal erklären können, heißt das, wir können dies erkenntnistheoretisch nicht mehr, oder können wir uns auch als Menschen des Alltags nicht mehr so wie in der Tradition verstehen, sondern sind dazu genötigt, uns etwa aus der Perspektive der Wahrscheinlichkeitstheorie zu begreifen?

(4) Vilem Flusser: Das, was Sie den Menschen im Alltag nennen, oder das, was man den gesunden Menschenverstand genannt hat, ist das wissenschaftliche Niveau vergangener Jahrhunderte. Wir denken im Alltag so, wie man seit der Renaissance bis zur Aufklärung im elitären Denken gedacht hat.

(5) Der Umbruch, von dem ich gesprochen habe, ist ein elitärer Umbruch, der nicht so schnell ins Bewußtsein der großen Menge dringen wird. Er tröpfelt in es ein. Das war schon immer so. Wenn ich sage, daß wir dazu gezwungen sind, die Kategorien unseres Denken umzuformen, dann meine ich, daß wir durch die Wissenschaft und die mit ihr zusammenhängende Spekulation dazu gezwungen sind.

(6) Ich bin der Überzeugung, daß die Wissenschaft und die wissenschaftliche Methode für alle absehbare Zukunft das Paradigma des zivilisierten Denkens bleiben werden. Die Methoden verändern sich natürlich, aber als wissenschaftliche Methode bleibt sie das Paradigma für alle Methoden.

 

Sie sagen gelegentlich, daß auch die Wissenschaft sich verändern werde und wieder mehr mit der Kunst verschmelze. Mit dem Computer werden mit bedeutungslosen Elementen, den Pixeln oder Bits, neue Welten entworfen. Das haben Sie in einem Text auch als die Grundverfassung des menschlichen Seins in der Gegenwart beschrieben. Dann aber wäre es weniger die Wissenschaft, sondern eher der Computer, der das Paradigma für das aktuelle Selbstverständnis des Menschen ist.

Vilem Flusser: Sie haben vorher etwas gefragt, worauf ich noch nicht geantwortet habe, nämlich ob die Technik maßgeblich für die Geschichte der Menschheit ist. Ich bin damit einverstanden. (….)

(7) Sie fragten, ob nicht statt der Wissenschaft der Computer als ein Modell der heranbrechenden Zukunft anzusehen sei. Ich kann das nicht so trennen, weil die Technik angewandte Wissenschaft ist.

Sie fragten, ob Kunst und Wissenschaft nicht einander näherrückten. Von dem Wort Kunst war ich nie sehr begeistert. Vielleicht ist die Kunst der Neuzeit von den früheren Künsten nur dadurch verschieden, daß sie nicht wissenschaftlich unterbaut war, daß sie sozusagen eine empirische Technik gewesen ist. Das verändert sich vielleicht jetzt. Vielleicht können wir wieder die Kunst als angewandte Wissenschaft oder die Wissenschaft als eine Theorie der Kunst ansehen.

In welchem Verhältnis steht denn die Philosophie zu den Wissenschaften? Der Philosoph ist kein Wissenschaftler, er ist auch kein Techniker. Der Philosoph spricht in der Sprache, die man seit 2000 Jahren verwendet. Er kann die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Methoden vielleicht deuten, verallgemeinern oder kritisieren. In Ihren Büchern sprechen Sie auch immer von der Krise der Linearität, die mit dem Computer und dem digitalen Code einher geht. Die Philosophie ist mit ihrem geschichtlichen Hintergrund ja nun par excellence ein lineares Denken. Wie also verhält sich der Philosoph der Wissenschaft und Technik zur traditionellen argumentativen Philosophie?

(8) Vilem Flusser:  (….

Es gibt Leute, insbesondere in den angelsächsischen Kulturen, die behaupten, daß die Philosophie völlig von den verschiedenen Wissenschaften entleert wurde und daß ihr jetzt nichts anderes übrigbleibt, als über die Wissenschaft, die aus ihr entstanden ist, nachzudenken, daß also die Philosophie nichts anderes sein kann als Wissenschaftskritik. Ich würde nicht soweit gehen. Ich würde sagen, daß es Gebiete gibt, die die Wissenschaft nicht besetzt hat und die von der Wissenschaft per definitionem gar nicht besetzt werden können, nämlich die Gebiete der Werte. Auf dem Feld der Werte ist die Methode des theoretischen Denkens noch immer gültig. Es gibt also zwei Gebiete, für die die Philosophie noch immer kompetent ist: die Kritik der Wissenschaft und die der politischen oder ästhetischen Werte.

( …. )

 

Die acht Punkte

(1) Ich bin einverstanden, wenn man von einer Schwelle spricht, sofern man die Schwelle breit genug ansetzt. Sie hat sich bereits in der Mitte des 19.Jahrhunderts gezeigt, und wir werden sie sicher nicht

vor der Mitte des 21.Jahrhunderts überschreiten.

(2) daß die Technik allein zur Erklärung nicht ausreicht. Die Technik schlägt nämlich auf das Bewußtsein zurück, in dem die Veränderungen größer sind als in der Umwelt. 

(3) Jetzt aber zur Frage, ob eine Philosophie des Computerzeitalters gefordert ist. Eine Philosophie der neuen Zeit entsteht von selbst.

(4) Das, was Sie den Menschen im Alltag nennen, oder das, was man den gesunden Menschenverstand genannt hat, ist das wissenschaftliche Niveau vergangener Jahrhunderte. Wir denken im Alltag so, wie man seit der Renaissance bis zur Aufklärung im elitären Denken gedacht hat.

(5) Der Umbruch, von dem ich gesprochen habe, ist ein elitärer Umbruch, der nicht so schnell ins Bewußtsein der großen Menge dringen wird. Er tröpfelt in es ein. Das war schon immer so. Wenn ich sage, daß wir dazu gezwungen sind, die Kategorien unseres Denken umzuformen, dann meine ich, daß wir durch die Wissenschaft und die mit ihr zusammenhängende Spekulation dazu gezwungen sind.

(6) Ich bin der Überzeugung, daß die Wissenschaft und die wissenschaftliche Methode für alle absehbare Zukunft das Paradigma des zivilisierten Denkens bleiben werden. Die Methoden verändern sich natürlich, aber als wissenschaftliche Methode bleibt sie das Paradigma für alle Methoden.

(7) Sie fragten, ob nicht statt der Wissenschaft der Computer als ein Modell der heranbrechenden Zukunft anzusehen sei. Ich kann das nicht so trennen, weil die Technik angewandte Wissenschaft ist.

(8)…. Ich würde sagen, daß es Gebiete gibt, die die Wissenschaft nicht besetzt hat und die von der Wissenschaft per definitionem gar nicht besetzt werden können, nämlich die Gebiete der Werte. Auf dem Feld der Werte ist die Methode des theoretischen Denkens noch immer gültig. Es gibt also zwei Gebiete, für die die Philosophie noch immer kompetent ist: die Kritik der Wissenschaft und die der politischen oder ästhetischen Werte.

Mein Kommentar

Alltagsbewusstsein mag für Flusser primär (4) eine historische Erscheinung gewesen sein, es ist aber auch lingua franca für verschiedene Sichten auf die Welt. So ist es mit der Rede von einer Schwelle von einem ganzen Jahrhundert (Mitte bis Mitte). (1) Die Festlegung über die Mitte des 21.Jh. hinaus entspannt die philosophische Problematik, ebenso der Hinweis auf die  unterschiedliche Dynamik der Veränderungen in Umwelt und Bewusstsein, (2), ein sich entwickelndes „offenes System“, von dem Foerster sagt, dass ein Gesamt-Algorithmus überhaupt nicht entwickelt werden kann.

Zu (3): Die Philosophie des Zeitalters entsteht von selbst. Wie sonst? Flusser macht oft Miene, sie aus dem Boden stampfen zu wollen, und dabei wäre er fast untergegangen, wenn ihn nicht ein paar junge Leute in Kleinverlagen gerettet hätten. Philosophie muss sich Zeit nehmen, sie kann es auch, denn sie muss Entscheidungen verantworten. Hans Blumenberg macht es vor, eingedenk der Metapher Hegels von der ‚Eule der Minerva’. Wenn sich aber Philosophen für ‚Ethikkommissionen’ praktisch in den entsprechenden Apparat einbinden lassen, ist das ethisch auch nicht zu verwerfen, nach dem Vorbild von Theologen, die sich seit jeher der Seelsorge verpflichtet fühlen. Paul Feyerabend hätte als Konstruktivist  und Anarchist nur dann etwas dagegen gehabt, wenn sie ihre jeweiligen Doktrinen über andere Wertordnungen triumphieren lassen wollen. Ich neige dazu, diese Leute  als ‚Philosophen mit akademischem Grad’ zu bezeichnen.

Als Beobachter können wir die weitere Entwicklung von Philosophie also auch gelassen betrachten.

Dazu passt auch Flussers Diktum vom elitären Umbruch, der in die große Menge eintröpfelt. (5)  Heißt das doch, dass er zunächst ein Umbruch in den Köpfen von Eliten ist. Offen bleibt an dieser Stelle, welcher Art sie sind. Zudem ist anzunehmen, dass über viele Fragen, die den Charakter des Umbruchs betreffen, grundsätzlich keine Einigkeit zu erwarten ist. Auch wenn wir mit (6) annehmen, dass die Wissenschaft und die wissenschaftliche Methode für absehbare Zukunft das Paradigma des zivilisierten Denkens bleiben werden, ändert das wenig. Die Geschichte der Wissenschaften ist eine des Streits und der Spaltung der Schulen, deren Beziehung als Dialog zu bezeichnen, darüber hinweg täuscht, welche banalen Kräfte unterhalb der Diskursoberfläche wirken und die Fäden ziehen. Man mag die einschlägigen Studien über ‚Paradigmenwechsel’ gar nicht mehr zitieren. Also bis auf weiteres ’Business as usual’.

(7) und (8) lassen an Einsichten des Kybernetikers Heinz von Foerster denken. Der Computer ist und bleibt angewandte Wissenschaft.  Und Philosophie Kritik der Wissenschaft – wie distanziert auch immer oder eingebunden oder gar Teil von Fachdisziplinen. Das gilt auch für die Werte, über die wohl ein absoluter Konsens prinzipiell ausgeschlossen ist. Flussers selbst praktiziert die Abwandlung und Umdeutung tragender Begriffe des Humanismus (wie er es nennt), etwa Freiheit und Menschenwürde, in solche des Computerzeitalters. Er scheint Gründe zu haben, unter dem Gebiet der Werte nur die politischen und ästhetischen Werte aufzuführen. Mich freut aber, dass Politik für ihn noch in Form der politischen Werte weiter existieren darf. Und dass auch er das Wort im gewöhnlichen Sprachverständnis benutzt.

Über die Demarkationslinie

Das war  – unter Weglassung weniger Störungen – das erste Viertel des Dialogs. Roetzer tritt auf als gelehriger Schüler, der die Lehre verinnerlicht hat, und erlaubt Flusser, als Mann mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand aufzutreten. Der erscheint ein wenig steif, wenn er seine eigenen Thesen mit: „ich bin auch damit einverstanden“ (1) kommentiert. Für mich ist der Zukunftshorizont prinzipiell offen, dazu braucht man nicht ausgesprochen konstruktivistisch zu denken. Die Aussagen unter (1) bis (8) berücksichtigen das, wobei Befürchtungen und Hoffnungen immer erlaubt sind und sich begründen lassen.

Dann überschreitet Flusser für diesmal endgültig die Linie. Er hält es auf der alltäglichen Ebene nicht aus. Alltag (4) ist gleich elitäres Denken bis zur Aufklärung. Bei der Alternative will ich gern dabei bleiben, mit solchen Autoren! Flusser bleibt nicht bei den Menschen, aber auch nicht an einem Punkt, was er fälschlich generalisierend der Interviewsituation zuschreibt. Oberflächlichkeit ist sein Programm. Es ist zwar nichts Relevantes zu erkennen. Dennoch zeigt er eine auffällige Hast, Zukunft  kategorial zu bestimmen. Wird er einmal als exzentrischer Vertreter der ‚Science Fiction’ geschätzt werden? Der Künstler und Künder. Natürlich hat er die ganze Zeit immer wieder über die Linie gewechselt. Wir haben nur nicht darauf  geachtet. So erweitert er die bereits zitierte Bemerkung (5) : Wenn ich sage, daß wir dazu gezwungen sind, die Kategorien unseres Denken umzuformen, dann meine ich, daß wir durch die Wissenschaft und die mit ihr zusammenhängende Spekulation dazu gezwungen sind. An diesem Zwang scheint ihm viel zu liegen. Der Begriff taucht an verschiedenen Stellen auf. Die dynamischen und vielgestaltigen Wissenschaften der Gegenwart werden zu einem idealen Singular zugerichtet, den Flusser wohl mit der Vorstellung unaufhaltsam voranschreitender ‚Naturwissenschaft’ gleichsetzt. Wenn aber schon deren Arbeitsergebnisse nie zwingend sind, ist es die Spekulation im nachtheologischen und nachmetaphysischen Zeitalter schon gar nicht. Zumal sie hier als Spekulation eines Individuums, das Schule machen will, auftritt. Das weiß er. Damit kokettiert er auch.

Ironischer Blick auf die eigene Parallelwelt

Wiederholt hat Flusser elegant mit der Demarkationslinie seine Spiele getrieben. Ein Beispiel: Einem Essay des 1991 erstmals erschienenen Buches „Nachgeschichte“ hat er den anrüchigen Titel “Sich selbst sterben sehen” gegeben. (ebd. 162ff.) Hier führt er clownesk ein metaphorisches Sterben vor, bei dem die Menschen – zu ihrem Glück – unbeschadet weiterleben können – übrigens mit allen ihren ungelösten Problemen.

Erst spricht er vom Verfall, einem Sterbevorgang, und zwar aufgrund von Senilität, nicht von Leiden oder Krieg (162), denn es handelt sich um das Sterben der westlichen Zivilisation (170), wovon er “keine unvoreingenommene Untersuchung” (168) vorzunehmen beabsichtigt.

Wenn wir mit Überleben meinen sollten, weiterhin zu atmen, zu essen und zu kopulieren, weiterhin zu denken, zu fühlen und zu wünschen, dann können wir natürlich unsere Gesellschaft überleben, und das ist der Grund, warum die Rede vom Tod einer Gesellschaft eine metaphorische Weise des Sprechens ist. (170) – Die verächtliche Haltung zu dem, was die ganze menschliche Existenz ausmacht, übersehen wir für diesmal wegen der beschwingten Weise, wie Flusser seinen Essay verlässt – weil wir nun wissen, dass Sterben nichts ausmacht (171).

Philosophisches Kino

Ich denke an die Flut verstörender Horror- und Kriminalfilme, denen sich gegenwärtig ein Publikum quer durch alle sozialen Schichten bereitwillig aussetzt, die sogar Gegenstand gehobenen Feuilletons werden. Warum nicht auch unheilsschwangere Utopien?

Sie erscheinen ja nur auf Projektions-Wänden, den Nachfolgern der Höhlenwand. („Wände” in Dinge und Undinge, 1993, 27-32) Es ist gerade ihre Kahlheit und Kälte, ihre ästhetische Neutralität, welche sie befähigt, Träger eines beträchtlichen Teils der menschlichen bildenden Phantasie zu werden. Ein großer Teil des menschlichen Willens, der entropischen Tendenz der Natur immer neue Formen aufzwingen, verwirklicht sich (…) gegen den Hintergrund der kahlen Wände. (29)

Flussers philosophisches Kino! Ich komme mir manchmal vor, als ob ich in einen Kinosaal oder eine platonische Höhle hinabsteigen würde, wo Menschen – gefesselt oder nicht – gebannt vor flackernden Schatten sitzen, die ein gewandter Schattenspieler Flusser vor ihnen entstehen lässt, um sie ihnen im nächsten Moment wieder zu entziehen…. Hier erwache ich und kann deshalb nichts weiter berichten.

Statt eines Schlusses: In der letzten Einstellung von “Blade Runner” (1982), die der Regisseur Ridley Scott bezeichnenderweise nicht autorisierte, entkommt das Protagonistenpaar dem dräuenden Nebel, der den ganzen Film beherrscht hat, in eine sonnendurchflutete Landschaft. Das hätte ich dem Bullen und der ‚Replikantin’ gar nicht zugetraut.

4. – 28. Januar 2014