Wieder vereint, Dialog und Diskurs!

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Und zwar in der “Geste des Sprechens”. Wer hätte das gedachtFlusser stellt sich immer wieder dumm, posiert als harter Reduktionist für steile Theorien, ob in Reden oder Schreibmaschinentexten. Ich erlebe dieser Tage die befreiende Wirkung von respektlosen Rezensionen Flussers in Feuilletons. Elias Torra (“Getan, fast eh gedacht”, FAZ 22.1.1992) macht mich auf die Geste des Sprechens wieder neugierig, und da finde ich (Gesten, Fischer Wissenschaft 1995, 44f.) folgende Feststellungen Flussers:

Die Unterscheidung zwischen dem dialogischen und dem diskursiven Wort, welche für die Analyse des Gesprächs so wichtig ist, kann bei der Beobachtung der Geste des Sprechens nicht getroffen werden. Das Wort rückt, beim Durchbrechen der Wand des Schweigens aus dem Bereich der verfügbaren Worte in den Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, ohne dass es dabei einen Sinn hätte, nach der Struktur dieser Beziehungen zu fragen. Der Sprechende richtet zwar sein Wort an einen Kontext,  redet nie ins Leere, und in dem Sinne ist sein Sprechen immer Anrede, Aussprache, also dialogisch. Aber die Worte, die er formuliert, bilden Ketten, sie sind aus syntaktischen und semantischen Gründen ineinander verhakt, und in diesem Sinne ist die Geste des Sprechens immer eine diskursive Geste. Wahrscheinlich ist der Unterschied zwischen Dialog und Diskurs erst im Gewebe der menschlichen Beziehungen, im politischen Raum zu treffen und im Augenblick des Sprechens noch in der Schwebe: der Sprechende ist, wenn er spricht, noch für Diskurs und Dialog disponibel.(…)

Ja, aber…. In dem Terminus  politisch lugt bereits Flussers Kommunikationstheorie hervor. Die muss ja mit dem Tod der Politik auch die Geste des Sprechens ‘sterben’ lassen. Was das bedeutet, hat er bereits einige Zeilen vorher – ein Heidegger auf seinem ‘Feldweg’ – formuliert:  Die Tore der Worte haben sich sperrangelweit pathologisch geöffnet, und die Logorrhöe des Geredes überschwemmt die Gegend. Man redet, weil man verlernt hat zu sprechen, und man hat es verlernt, weil es nichts zu verschweigen gibt: die Worte haben ihre Strahlen verloren. Es muss in anderen, früheren Situationen, vor der Inflation des Wortes, ein Gewicht des Sprechens gegeben haben, (…) ein maßvolles Sprechen, wie man es noch bei Bauern und einsam Lebenden antrifft, bei welchen das Sprechen sich noch als ein Brechen des Schweigens und nicht als ein Zerreden der Stille auswies. Dieses ursprüngliche Gewicht der Geste des Sprechens, und nicht die leichtfertige Geste des Geredes, gilt es hier zu fassen. (44)  

Wir sind zurück in einer kulturpessimistischen Zeitdiagnose, von deren Nutzen ich keineswegs überzeugt bin. Hat sie doch Heidegger vor gravierenden Torheiten nicht bewahrt. Und ich mag Flusser nicht von Bauern reden hören. Er kommt nicht von der Alp und hat anderswo deutlich gesagt. was er von der heimtückischen Enge des traditionellen Hauses, seinen Mauerlöchern und von seinen Häftlingen hält. (‘Häuser bauen’, in ‘Migranten’: 66f.)

Bilanz? Die Geste des Sprechens scheint für Flusser ein letztlich zu vernachlässigendes, weil ohnmächtiges Moment in einem größeren politischen oder post-politischen Ganzen zu sein. Er sieht die Geste und mit ihr den Dialog im Sterben liegen: Die Tore der Worte haben sich sperrangelweit pathologisch geöffnet, und die Logorrhöe des Geredes überschwemmt die Gegend. – Dagegen sollen ‚reversible Kabel’ zwischen ‚Knoten im universalen digitalen Netz’ noch irgend etwas ausrichten?

26.1./18.2.2014    (Auszug aus meinem Text: “Martin Buber säkularisieren?”)