Schnellgericht über ‘Snap Judgements’ (Enwesor)

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…New Positions in Contemporary Photography’  – Den Untertitel ignoriere ich erst einmal. (Klar, der Herausgeber ein Dokumenta-Kassel-Macher!) Doch „Urteile aus dem Augenwinkel“ – das ist fotografisch.

‘Snap Judgements’ – Herausgeber: Okwui Enwezor / Verlag: Steidl Göttingen; Auflage: 1., Aufl. (April 2006) / ISBN-10: 3865212247 / ISBN-13: 978-3865212245

Beim Durchblättern des im Büchermarkt von 55 auf 15€ reduzierten mächtigen Bandes merke ich, dass ich mit ihm ein Defizit bearbeiten kann: Ich sehe zu meiner Schande die Afrikaner immer noch nicht als moderne ‘erwachsene’ Menschen an; es sind vor allem die bad Boys auf den Straßen und die stromlinienförmigen Zöglinge des internationalen Kulturbetriebs, die mein Bild prägen. Und ich weiß, dass ich nicht mehr hin will, dass ich mich auf meiner Insel der Seligen verschanze und es vielen anderen auch so geht. Also, vom zweiten Durchblättern an sollen mich nur Herkunft und Wirkungsort interessieren.

I

Oladélé B. inzeniert einen schwarzen Apoll, der auch im Busch verschwindet. Ganz Nigerianer

Tracey Rose aus Joh’burg wilde synchretistische Märchen, die „Lucy“ mit Buddha und Abos verbinden. Mohamed Camara verbindet Bamako mit den Folliers Bergeres (aber jugendfrei: Joyeuses Fetes!)

Andrew Dosunmu, Nigerianer zwischen NY und London macht Modefotografien, die gar nicht genug Schwart auf der Bildfläche haben kann, ohne Rücksicht auf schwarze Modelle, wie sie etwa die kenianische Bildpresse nimmt. Da saufen auch Gesichter ab, wenn er nicht den Glanz über den afrikanischen Hautunreinheiten fokussiert, die von Bleichmitteln und Umweltgiften herrühren.

S.80  entsteht der Roland-Barthes-Effekt: Mein zigarrenförmiges Kellerradio schaut hinter einem barfüßigen Girl auf dem Boden einer londoner Bretterhütte hervor. „Fashion“ ereignet sich im Leben, setzt sich durch in improvisierter oder öder Umgebung. Sie hat Sex und Snap Power, (-89) ganz im Gegensatz zur spießigen bunten Ordentlichkeit des Südafrikaners Lolo Veleko: Lebende banale

Kleiderpuppen in den Uniformen diverser  Mode-Tribes.    -93

II

Marokkanische Realisten (meist sw): Warten an der Meeresstraße, am Boulevard, ein Modellschiff nach Hause tragen (99,Yto Barrada), tiefernste Kindergesichter, eine Fabrikkantine, die an Öde kaum zu übertreffen ist (102). Man sehnt sich nach anderswo. Übergangslos mit einem Angolaner nach Maputo – auch Stillstand und Blick übers Meer. Würde man den Weg der Sklaven auf die andere Seite gehen wollen? Und immer das dramatische Schwarzweiß!

Omar Daoud aus Annaba unbestechliche Porträts, auch ein harmonisches Paar vor der Haustür. Ich habe selber solche Beziehungen dort gespürt. Das Foto von der Badebucht, das nur stecknadelgroße Köpfe zeigt, erinnert mich aber daran, wie schnell es aus mit der Gemütlichkeit sein konnte (Episode 1986? bei Oran)

III

Dann folgt Cairo (120). Mir widerstrebt die strikt kontinentale Sichtweise. Dahinter steckt Absicht – und vielleicht auch die gespürte Abschnürung von Europa. Mit der arabischen Welt haben die Nordafrikaner vielleicht nicht so viel im Sinn. Der Anschluss wäre nur eine seitliche Ausweichbewegung?

Lara Baladi (Beirut-Kairo) ist so etweas wie ein lokaler Agent für globale Kunsttrends, uninteressant.  (124-131) Connections?

Lamia Naji, vielleicht eine Frau, aus Marokko zeigt schwarzafrikanische  mystische Tadititonen

Äthiopier 140ff.

IV

Stilleben, Negative und Nachbearbeitungen

V

Der Südafrikaner Mthethwa zeigt hart arbeitende Menschen (dort wo der Imperialismus daran interessiert ist) 186-195, Ali Chraibi aus Marrakesch zeigt von Beton umstellte Männer. Der weiße Kapstädter Subotzky zeigt und denunziert das furchtbare Gefängnissystem in klaren ruhigen Fotos, die in Ausstellungsgröße kaum erträglich sein müssen, weil sie diese Räume direkt zu uns transportieren. 212-24  Wieder kommt ein Modellschiff vor 220

VI    Envezor wählt wohl den sanften anstieg!

S.Tangara (von Mali nach Dakar) „The Big Sleep“ – tot oder lebendig auf der Ebene des Mülls 226-235

Mamadou Gomis -245   aus dem Senegal Africanissimo-Reportagen

Dann in Algerien R.Hazoume der Müll und der Existenzkampf im verwüsteten Land

VII

Moshekwa Langa aus Boerenland nun in Amsterdam ist mit Porträts von Dingen vertreten, wie sie mir gerade vorschweben, aber nicht traditionelle Vielfalt, sondern die Einfalt einer globalen Verarmung. Zementwände sind der typische Bildhintergrund. -265 Dennoch strahlen sie die Würde tauglicher Gebrauchsgegenstände aus, etwa der mit einem Überzug geschützte Lehnsessel 264.

Michael Tsegaye aus Addis Abeba hat in Slums liebevoll eingerichtete Wohnungen (Flusser) porträtiert, wie sie auch im (christianisierten) Nairobi stehen könnten.269 Durch einen Riss in deer Tapete, die mit Bildern von St.Georg und anderen Heiligen geschmückt ist, lugen chinesische oder koreanische Zeichen einer tieferen Schicht.

VIII

Nach abgeschwächtem Joh’burg -289 Cairo, schwarzweiß, eine Megapolis, dioe sogar Humus zu bilden scheint für improvisierte Dachaufbauten. 294-99.

Dann kommen Lichter in Nairobi, Dakar vom Erdboden und vom Verkaufstisch her gesehen, dann wieder Joh’burg in abwechslungreichen Blickwinkeln -327. Da gibt es noch viel zu sehen.

Dann Cairos endlose Peripherie. -332

IX

„Depth of Field“ Gruppe aus Lagos: Trostloser Markt, tote Erde, die Nacht in Lagos, Emigranten in London und Paris, erschöpft.  349 Ende der Fotostrecken.

Erste Bilanz: Nichts Neues, doch auch nichts Erfreuliches – außer ein paar meditativen Winkeln.

10.12.11 19.00

Europa ist noch schöner, wenn wir die bewohnten Flächen vergleichen.

Zweitens die Frage von „Positionen“: Es ist ja schon einmal gut, wenn man überhaupt welche einnehmen kann. Kunstideologische sind natürlich Mumpitz. Aber: „Kunst“ ist ein Medium, das Botschaften global transportieren kann, wo Nachrichten nicht hingelangen. Was ich darin gefunden habe: Teils sehr ernsthafte und mutige Menschen aus Afrika, die meine (Bild-) Sprache sprechen. Sie werden mir immerhin vorgestellt. Es werden immerhin jeweils soviel Fotos zugelassen, dass sie einander beleuchten und schärfen können. Ich sollte auch die Ehrenkäsigkeit der Despoten und Eliten in Rechnung stellen. Und das Format eines „Buches“ erlaubt, die an die Finanziers und ihr sterilisiertes Galeriepublikum gerichtete Fokussierung zu korrigieren. Immerhin erhalte auch ich ein Exemplar zum Spottpreis und zur freien Verfügung. Doch der Preis sollte mich warnen: Abseits des hype ist das Werk für erfahrene Verkäufer schon ein Ladenhüter.

Und es ist – ehrlich gesagt – auch nicht mehr wert, auch wenn  einmal nicht die Produktionskosten und der Markt berücksichtigt werden. Das Buch stellt dem Betrachter eine Aufgabe. Werde ich etwa dafür bezahlt?

Notizen 11.12.2011

 

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