Flusser als Erzieher

|

Beobachtungen zum VerhĂ€ltnis von Diskurs und Dialog bei Martin Buber (Ich und Du), bei Heinz von Foerster (Kompetenz und Verantwortung) und VilĂ©m Flusser (Ästhetische Erziehung, 1991), und zu einer Bemerkung von Andreas Stroehl.

Eindeutig sind wir als Kinder unserer Kultur in triviale Systeme vernarrt, und wann immer die Dinge nicht so funktionieren, wie man es erwartet, werden wir versuchen, sie zu trivialisieren. Erst dann werden sie voraussagbar.

1

Beginnen wir beim Dialog im VerstÀndnis Bubers, auf den sich Flusser immer wieder bezogen hat:

Martin Buber schreibt im Nachwort zu „Ich und du“, worin er auf Fragen eingeht, die ihm von Lesern immer wieder gestellt worden sind:

„Wie steht es mit dem Ich-Du-VerhĂ€ltnis von Menschen. Steht es denn immer in voller Gegenseitigkeit? Kann es das immer, darf es das immer? (153) Die Antwort ist nicht ĂŒberraschend: Nein, und zwar nicht nur wegen der BeschrĂ€nkung durch unsere UnzulĂ€nglichkeit, sondern auch durch innere Gesetze unseres Zusammenlebens  (154) Die volle Gegenseitigkeit (MutualitĂ€t) ist eine Gnade. Erzieher und Psychotherapeuten umfassen – im Idealfall – die ganze Persönlichkeit des Zögling oder Klienten, der nicht seinerseits die Umfassung ĂŒben und das Geschehen auch am Ă€rztlichen Pol erleben dĂŒrfe. Heilen und erziehen kann nur der gegenĂŒber Lebende und doch EntrĂŒckte. (156) Ansonsten kann die Beziehung etwa den ganz anderen Charakter einer Freundschaft annehmen. (155)

2

Der Kybernetiker Heinz von Foerster arbeitet seit den 60er Jahren auch mit Therapeuten und PĂ€dagogen zusammen. Er fragt, was Lernen wirklich ist angesichts von Unbestimmbarkeiten, Unentscheidbarkeiten, Unwissbarkeiten (128, 126, KybernEthik, Merve Berlin 1993). In „Kompetenz und Verantwortung (1971) schreibt er: Eindeutig sind wir als Kinder unserer Kultur in triviale Systeme vernarrt, und wann immer die Dinge nicht so funktionieren, wie man es erwartet, werden wir versuchen, sie zu trivialisieren. Erst dann werden sie voraussagbar (…) ich (ahne) in manchen Stunden des Zweifels, dass aufgrund mangelnden VerstĂ€ndnisses darĂŒber, wie man mit einem der nicht-trivialsten, schöpferischsten, unvoraussagbarsten Geschöpfen, die mir bekannt sind, nĂ€mlich mit unseren Kindern umgehen soll, einige Ausbildungssysteme Lernen mit Trivialisierung verwechseln Beim Lernen wĂ€chst die Anzahl interner ZustĂ€nde und die semantische Relationsstruktur (das ‚Programm’) wird bereichert. Trivialisierung ist dagegen Amputation interner ZustĂ€nde, Blockierung der Entwicklung unabhĂ€ngigen Denkens und Belohnung von vorschriftsmĂ€ĂŸigem , also voraussagbarem Verhalten: ‚6’ ist die Antwort auf die Frage ‚Was ist 2 x 3?’; unannehmbar wĂ€ren die Antworten: ‚eine gerade Zahl’, ‚3×2’, ‚mein Alter’ und andere. (144-145)

Und er resĂŒmiert zwanzig Jahre spĂ€ter: Der Großteil unserer institutionalisierten ErziehungsbemĂŒhungen hat zum Ziel, unsere Kinder zu trivialisieren. Ich verwende diesen Begriff so wie in der Automatentheorie. Dort ist eine triviale Maschine durch eine festgelegte Input-Output-Beziehung gekennzeichnet. Da unser Erziehungssystem darauf angelegt ist, berechenbare StaatsbĂŒrger zu erzeugen, besteht sein Zweck darin, alle jene Ă€rgerlichen inneren ZustĂ€nde auszuschalten, die Unberechenbarkeit und KreativitĂ€t ermöglichen.“ (170-171) Seine Kritik an ‚PrĂŒfung’ kurz und bĂŒndig : Tests testen Tests. (145)

Die wĂŒnschenswerte dialogische Situation beschreibt er in kybernetischen Begriffen so: Unter Geschlossenheit versteht man, dass das Ergebnis der Operation eines  Systems die nĂ€chste Operation dieses Systems einleitet: Das System und seine Operationen sind ein ‚geschlossenes System’. Dadurch ist es möglich, dass sich der Experimentator als Teil des Experiments verstehen kann, oder dass der Familientherapeut sich als Partner seiner Familie sehen kann; oder dass der Lehrer sich als Teilnehmer eines Lern/Lehrprozesses in seinem Klassenzimmer zuhause fĂŒhlt. (146)

Was ist daran bemerkenswert?

Der Ausgangspunkt existiert , seit es Menschen gibt, wie bei der Dialogik Bubers: jedes einzelne Kind, allgemein jeder Mensch, selbst schlecht funktionierende Kleinfamilien – unbd dies zusammen mit einem Partner wie etwa dem Lehrer. Keine ausgeklĂŒgelten Teambildungen, keine hyperkomplexen Schaltungen sind nötig, nicht einmal VerstĂ€ndnis fĂŒr Kybernetik, nur das klare VerstĂ€ndnis, dass man als Teil agiert, als Teil eines Lern/Lehrprozesses. Das NĂ€here hat zu Anfang Martin Buber ausgefĂŒhrt. Sonst wandert das Lernen aus der Konstellation, aus der Institution aus, und beide – Lehrer wie SchĂŒler trivialisieren sich. Wir kennen das alle. Meine eigenen Erfahrungen stehen im Artikel „Flusser an die Schule“!

In der RealitÀt sind Diskurs und Dialog ineinander verwoben, man könnte sagen: der Diskurs wird vom Dialog getragen. Ohne Dialog kein Diskurs. Buber wie Foerster sehen den Dialog als unhintergehbare Existenzbedingung, nicht als Idealtypus.

Hingegen hat VilĂ©m Flusser durchgĂ€ngig Dialog und Diskurs – ich sage boshafterweise – zu Schulungszwecken in ein Gegensatzpaar trivialisiert. Passenderweise benĂŒtzt er bei dieser Gelegenheit gern ein simples Diagramm, ob auf einer Schultafel im Film oder als Buchillustration. FĂŒr einen Diskurs in solch verkĂŒrzter Form kann – wieder boshaft gesagt – seine eigene trivialisierende Vortrags- und Interviewpraxis stehen, wovon er uns zahlreiche Zeugnisse hinterlassen hat. Indem er gelegentlich im Kontext der Migrationen von mörderischen Dialogen spricht, erkennt er immerhin die Variationsbreite von Dialogen an, aber eben nur beilĂ€ufig und vor allem ohne Interesse fĂŒr die operationalen (HvF) Aspekte.

3

Nur im gesamtgesellschaftlichen Rahmen schenkt er der Beziehung seine Aufmerksamkeit, wie Andreas Stroehl vor einem Jahr auf der Tagung in Natal  (Zur dialogischen Entwicklungsmöglichkeit von Kultur in Vom Begriff zum Bild, Tectum 2013), nÀher beleuchtet hat.

Dabei geben zwei widerstreitende Einstellungen Flussers zu Dialog und Diskurs als systemimmanentes Dilemma Stroehl in der gesellschaftlichen Auswirkung Anlass zu einem Punkt substanzieller Kritik (57), ohne die Trennung von Dialog und Diskurs deutlich zu problematisieren:

Als Voraussetzung fĂŒr die Sinngebung des Einzelnen (Ich) sei ein Dialog mit dem anderen (Du) ausreichend. Dennoch mĂŒsse Flusser auf einem Gleichgewicht von Dialog und Diskurs bestehen, weil sonst die Gesellschaft stagnieren wĂŒrde, weil die dialogisch erzeugten Informationen nicht weitergegeben und verbreitet werden können. Ein progressives Element bleibt so auch dem Idealtypus einer posthistorischen Gesellschaft eingeschrieben. Dies widerspricht wiederum der kontrastierenden Differenzierung, wie Flusser sie zwischen geschichtlicher und nachgeschichtlicher Gesellschaft vornimmt. (56)

Er ergĂ€nzt diese Erörterung durch eine Anmerkung (57): Im ĂŒbrigen ist dieser Kritikpunkt völlig analog einem Ă€hnlichen, der den Historischen Materialismus zum Gegenstand hat: Dieser sieht ja vor, dass die Dynamik der Geschichte mit der klassenlosen Gesellschaft zur Ruhe kommt. (…) Der Kern des Problems in beiden FĂ€llen ist ein der ihnen zugrunde liegenden Dialektik inhĂ€renter. Ihre ParallelitĂ€t belegt erneut, dass sich Flusser zeit seines Lebens nicht vom dialektischen Denkmuster seiner Jugend lösen konnte.

Zum interessanten Stichwort dialektisches Denkmuster wĂ€re an anderer Stelle etwas zu sagen, etwa im Kontext seiner (politischen) GegenwartsbezĂŒgen. Ich stelle hier nur fest, dass mit einem Verzicht auf rigide Kategorisierungen die bestechende Einfachheit von Flussers Modellen in Gefahr kĂ€me. FĂŒr eine kreative BĂ€ndigung theoretischer Unordnung scheint er schlecht vorbereitet zu sein. Kybernetik? Etwa nicht-triviale?? (HvF)

4

Ich danke dem Flusser-Archiv Berlin fĂŒr eine Kopie von Flussers Vortrag ĂŒber „Ästhetische Erziehung“, erschienen in „Schöne Aussichten – Ästhetische Bildung in einer technisch-medialen Welt“ (W. Zacharias, Essen 1991). Ich war vorgewarnt, aber dann erschĂŒttert. Doch der Reihe nach!

Ob man VilĂ©m Flusser auf die Tagung schon als Mann fĂŒr den dramatischen welthistorischen Bogenschlag eingeladen hat? Er scheint an ein fiktives Publikum adressiert zu sein, das ihm mĂŒhelos und widerspruchslos vom PalĂ€olitikum ĂŒber das klassische Athen bis in die unvergleichliche Kulturkrise der Gegenwart hinein folgen könnte, die von unĂŒberwindlichen GrĂ€ben unterschiedlicher Codes durchfurcht sein soll. (121) Man verfolgt atemlos die Geburtswehen einer unerhört radikalen Kulturtheorie aus dem Dreiklang des Schönen, Guten, Wahren, der unweigerlich zum Missklang wird.

Nach der HĂ€lfte der Rede erscheint auch zum ersten Mal das Wort Erziehung, und zwar in der Forderung: … dieser unserer Inkompetenz hat die Erziehung Rechnung zu tragen. (124) Es geht dabei um die durch die Menschheit erworbenen Informationen gleich Kultur, eine Summe, die nicht in einzelnen GedĂ€chtnissen unterzubringen ist. Das leuchtet ein.

Die Lösung ist radikal und einfach: Es geht bei der Erziehung nicht mehr darum, Informationen ins eigene GedĂ€chtnis zu lagern, sondern darum, in kĂŒnstlichen GedĂ€chtnissen gelagerte Informationen zu manipulieren. Das menschliche GedĂ€chtnis ist als ein fĂŒr die gegenwĂ€rtige Kultur kompetentes Instrument zugunsten kĂŒnstlicher zurĂŒckzustellen, und die menschliche Intelligenz ist auf das Manipulieren von kĂŒnstlichen zu konzentrieren. (…) Die Schule ist nicht mehr als ein Ort von InformationsĂŒbermittlung, sondern als ein Ort der Systemanalyse und –synthese zu sehen.

So! Die Schule ist nicht mehr das und das, doch was ist sie nun, wie soll sie funktionieren? Der Kybernetiker war sich die banale Frage nicht zu schade!

Nicht mehr Spezialisten, sondern Generalisten in einem radikal neuen Sinne haben wir zu erziehen: ‚Uomini universali’. (125) Und der Befehlston des … haben wir zu erziehen! Dann den Bogen zurĂŒck zu den Griechen geschlagen: Auch in der Akademie, dem Lykaion und der Stoa ging es darum, einen systematischen Überblick ĂŒber die Formen (eideiai, morphai, also Informationen) zu gewinnen und das Ersehene nach spezifischen Regeln den mathematischen und logischen) zu manipulieren. Doch heute werden diese Formen als verĂ€nderbar und erfindbar angesehen. Nicht kontemplative Philosophen, sondern aktive Erzeuger neuer Informationen, also aktiv an der Mehrung der Kultur Beteiligte sind das Ziel der Erziehung. (126)

In Flussers Retorte entstehen Kultur, Renaissance-Mensch und KĂŒnstler nicht anders als in modernen lebensmittelchemischen Labors Erdbeere, naturidentische Vanille und neuerdings Fleisch, aber auch Heilmittel auf der Basis von Hefepilzkulturen! Ein Heilmittel bietet auch Flusser an, gegen den gegenwĂ€rtigen Kulturverfall (126).

Fragt noch jemand nach Ästhetik?

Flusser wird unwirsch: Es ist kaum zu glauben, wie viel hochtrabender Unsinn in Bezug auf Ästhetik zusammengeschrieben wurde. Dieser Unsinn ist auf die Trennung von wahr und gut einerseits und schön andererseits zurĂŒckzufĂŒhren. TatsĂ€chlich ist Ästhetik ganz einfach die Lehre vom Erleben (‚aisthestai = wahrnehmen, erleben).“ (126)

In Ordnung, aber das PĂ€dagogische?! Vielleicht will er etwas zum Dialog als Kommunikationstheoretiker sagen? Welche Art soll die Moderation sein? Auch Anleitung oder bloß Krisenintervention?

Es geht darum, dass eine dialogisch verknĂŒpfte aus den in der kĂŒnstlichen Intelligenz gelagerten Informationen etwas vorher nicht Dagewesenes schöpferisch herausholt.“(126/27)

Darf man dabei eine freudsche Bruderhorde assoziieren oder an die Gefahr von Stagnation bei fehlendem Diskurs erinnern? Flusser unterbricht:

Eine so verstandene Ă€sthetische Erziehung hĂ€tte zum Ziel, „uomini universali’ in einem neuen, ‚höheren’ Sinne zu erziehen und damit unserer Kultur neue Horizonte zu eröffnen. Punkt. (127)

Ich bleibe ratlos zurĂŒck: Meinte er vielleicht, dass die kĂŒnstlichen Intelligenzen, wie er sie nennt, also ‚die Apparate‘ die Erziehung kĂŒnftig in die Hand nehmen sollen?

Ich frage mich noch eins: Wer soll sich an der Mehrung der Kultur eigentlich freuen? Und wozu die penetrante Demonstration exklusiver Gymnasialbildung, die Etymologien auf Gymnasialniveau? Die sollen doch nicht etwa ein Trivialisierungskonzept fĂŒr Menschen – mit einem von Flusser gern gebrauchten Ausdruck zu sagen – ‚sakralisieren’?

P.S.

Ich habe auch Schopenhauer als Erzieher (siehe dort) nicht geschont. Warum Flusser? Es ist der gleiche Gestus.

7.-13.1.2014