‚Gesellschaftsspiele‘ Fortsetzung

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 ‚Gesellschaftsspiele‘ zwei – Abstand gewinnen!

Bei direkte Aufmerksamkeit auf den Text kann ich dessen Mängel einfach nicht übersehen und gerate mit ihm in Streit. Wie er die Fragen stellt, nimmt meine Aufmerksamkeit gefangen. Wie er sie beantwortet und was er spontan (etwa hier im undatierten Entwurf) daraus macht.  Wozu Abstand gewinnen? Um zu fragen: Sind denn die kommunikologischen Fragen, die er stellt – und generell seine Diagnosen – interessant?  Mein Einwand trifft die Seite an Flusser, die den Anschluss an die bereits begonnene digitale Revolution suchte. Nicht jeder Wirkungsbereich veraltet gleich schnell.

Wahrscheinlich hätte Flusser sehr wichtig für die europäische Öffentlichkeit der achtziger Jahre werden können, aber wozu brauchen wir diesen Flusser? Heute genügt doch die aufmerksame Registrierung der sich um uns herum verändernden Wirklichkeit, ohne einen Umweg über Flussers oder eine sonstige literarische Verarbeitung eines früheren, embryonalen Entwicklungsstadiums nehmen zu müssen. Gibt es etwa Themen, die man heute aus vielen Aspekten und Quellen nicht adäquater erfassen kann als mit Flussers beschränkten Mitteln?

Es heißt ihn nicht verunglimpfen, wenn man seinen – unverwechselbaren – Stil mit dem von einstmals unsterblichen Schauspielern, Sängern oder sonstigen Solisten vergleicht, die heute Ladenhüter sind und vielleicht nach einer Karenzzeit Inspiration für moderne Spezialisten werden können. Doch da sind wir leider wieder bei seinen analytischen und rhetorischen Mitteln, die schwerlich Vorbild sein können. Nicht so sehr, was er gesagt hat, ist zu fragen, sondern was er gesagt hat, was andere nicht gesagt haben.

Er selbst schätzte Literatur wie Kunst gering gegenüber der äußeren Realität, der Geschichte – die auch er vorläufig noch als Geschichte verstand, obwohl er dem Konzept bereits das Totenglöckchen läutete. Auschwitz, Hiroshima, Vertreibung, existenzielle Entwurzelung in die Bodenlosigkeit, aggressiver Dialog, Engagement und Desengagement, Ruinierung von ‚Haus‘ und Politik in der digitalen Revolution, Verwüstung, Verwissenschaftlichung, Verplanung im allgegenwärtigen ‚Apparat‘ – alles reale soziale und massenhafte äußere – meinetwegen – Katastrophen, und damit innig verbunden innere Realitäten  heilloser Existenz. Auch die Suche nach Auswegen war immer auch gesellschaftlich konnotiert und keine rein innerliche. Wie denn  auch, wo das ‚Ich‘ zu einem Knoten im Netz zusammen schmolz und dessen Manifestationen wie ‚Entscheidungen‘ in ‚Dezideme‘ zerfielen. Die Spielereien des Menschen in der „Welt der technischen Bilder“ (1985) an den Computern, sind sie strukturell etwas anderes als das von Spielern an japanischen Pachinko-Automaten? Zeitvertreib, Zerstreuung, Abschalten?

Ich sehe gar keine gedankliche Basis für so etwas wie ‚inneren Widerstand‘, nicht in seiner pessimistischen Sicht, wie auch nur mit äußeren Handlungselementen des ‚Spielens‘ verbundene optimistischere Szenarien. Ich weiß mich darin voll im Einklang mit verschiedenen seiner Äußerungen. Zugleich erkenne ich meinen alten Vorwurf wieder, er habe seinem Humanismus selbst den Boden unter den Füßen weggezogen.

Auf diesem Gebiet hat er den Erben selbst nichts von Wert hinterlassen. Das heißt nicht, dass in seinem über ein halbes Jahrhundert ausgebreiteten Nachlass aus nicht einiges für unser jeweiliges Interesse finden könnten. Nur eins nicht, eine intellektuelle Methode, die dem allgemeinen Verfall und Zerfall widerstünde. Es ist zu viel rhetorische Spitzfindigkeit und Künstelei in seinem Schreiben. Die braucht doch niemand mehr, wir haben aufgeklärtere Rhetoren und ehrlichere Autoren in Europa.

Auf jeden Fall ist mir nicht nachvollziehbar, was heute das Spiel mit seinen aus der Zeit vielleicht verständlichen Versuchen einer wissenschaftlichen Theoriebildung – im Alleingang und ohne direkte Nachfolger – dem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt bringen sollte. Die am Thema ‚Kunst‘ ja scheiternde Dissertation von Marburger hat ‚wissenschaftliche‘ Unzulänglichkeiten Flussers am Tageslicht ausgebreitet. Flusser Bemühen um eine akademische „Kommunologie“ ist für mich selber ein großes Rätsel, nachdem, was er selbst über das Verhältnis von Wissenschaft und existentiellen Fragen der Menschen in „Nachgeschichte“ postuliert hat, natürlich wieder einmal plakativ bis zum Anschlag.

Wer ein Gegenbeispiel sucht, findet es in Hans Blumenberg nachgelassenem Buch „Die Vollzähligkeit der Sterne“.  Meines Wissens nach hat der sich seinerseits nach anfänglichen Versuchen der Konstruktion einer „Metaphorologie“ von solchen Ideen verabschiedet.

7.12.13