Geschnürt mit Heinz von Foerster

|

 Erstes ‘Rettungspaket’ für Vilém Flusser  – Entscheidung und Verantwortung

 

1

Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden“  (HvF)

 

1991 hielt Heinz von Foerster (1911-2002) den Vortrag „Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung“ vor systemischen Familientherapeuten in Paris. (‚KybernEthik’, Merve 180, Berlin 1993, S.60-83)

Die Rezension von Tom Levold fasst den Kern zusammen: (www.systemmagazin.de/buecher/klassiker/foerster_kybernethik.php)

„Entgegen der Vermutung, die der Titel nahelegt, ist von Ethik explizit nur an wenigen Stellen die Rede. Wer auf der Suche nach Moralphilosophie ist, wird zunächst enttäuscht. Foerster geht es um etwas anderes: Ich möchte Sprache und Handeln auf einem unterirdischen Fluss der Ethik schwimmen lassen und darauf achten, dass keines der beiden untergeht, so dass Ethik nicht explizit zu Wort kommt und Sprache nicht zur Moralpredigt degeneriert“ (S. 68 f). (…) Indem er die Frage der Entscheidbarkeit von Fragen dem Bereich der  Logik (bzw. unseren Regelkonstruktionen für akzeptable Beweisführungen) zuschlägt, definiert er den Bereich unserer Freiheit gerade dadurch, dass wir (als Subjekte, wer sonst?) Entscheidungen treffen müssen, wenn sich unsere Entscheidung nicht aus Regelsystemen ableiten lässt. Auch die Entscheidungskriterien werden erst durch die Entscheidung selbst konstituiert und sind daher schon das Ergebnis von Freiheit, während bei entscheidbaren Fragen die Kriterien bereits vorgegeben (und meist die Verantwortung festgelegt) sind. Weil wir nicht wissen können, müssen wir Verantwortung für unsere eigenen Entscheidungen übernehmen – dabei bezieht sich die Verantwortung auf die sozialen Konsequenzen unserer Entscheidungen, nicht auf die Wahrheitswerte!

Foerster beantwortet die Frage, die sich mir bei Flusser aufdrängt, wann wir ‚springen’ oder auch nicht, im Rahmen einer ausgesprochen maschinentauglichen Erkenntnistheorie, die aber ebenso auf anthropologischen Konstanten aufbaut, die Erfahrung der Menschheitsgeschichte nutzt. In seiner Huldigung an die ‚Magie’ der menschlichen Sprache im Schlussteil der Rede höre ich als Hintergrund die Stimme der Ältesten der Dogon in Mali/Westafrika, deren Mythos von der Sprache Germaine Dieterlen aufgezeichnet hat. (Nachzulesen in meiner Abiturrede 2000).

– Ist Flusser auf der Grundlage von Martin Bubers Dialogik nicht auch zu entsprechenden Schlüssen gekommen?

–  Natürlich, erst vor drei Wochen hast du seinen Ausruf Wir sind Gesten!  anlässlich der Geste des Malens auseinander genommen. So war er eben, red’ nur weiter!

– Doch warum glaubte er, dass eine im Dialog verankerte Gesellschaft erst und ausgerechnet im Rahmen einer Sozialutopie mit apparatistischer Schlagseite zu realisieren sei? Überschätzte er nicht das Potential der Gattung Mensch, ihre „Heimtücke“ („Häuser bauen“) zu überwinden? Verließ ihn bei der Erträumung des neuen Menschen nicht seine im Leben geankerte Ironie, wie sie mir aus dem Essay “Wohnwagen“ in Erinnerung ist: Dann könnte man Lebensform des Wohnwagenbesitzers als >bodenlos-fratriarchalisch< bezeichnen, ohne sich darunter allerdings viel vorstellen zu können. Es ist nämlich fraglich, ob Schiller den Camping meinte, als er sagte, dass alle Menschen Brüder werden.“ (48/49) ‚Alle Menschen werden …’ ist aber bereits hier mehr als ein Zitat.

Meinte Flusser wirklich, dass dafür erst epochale Blockaden fallen müssten? Machte er nur sie dafür verantwortlich? Musste er aufgrund seiner eigenen Erfahrungen die Macht der Hindernisse ‚Haus’, ‚Heimat’, ‚Nationalismus’ und der angeblichen ‚Objektivität’ überschätzen? Doch so ernst war es ihm ja auch nicht mit seiner immer wieder psalmodierten Epochalisierung, wie er irgendwo einmal durchblicken lässt. Sprach nicht auch Martin Buber in der Gegenwartsform vom Dialog? Wenn Foerster uns einlädt, ihm in ein Land zu folgen, in dem der verbotene Gedanke der Kybernetiker einer Zirkularität von Beobachten und Konversieren  nicht verboten ist (HvF 64), ist das jedenfalls kein Land der Utopie, sondern eine Metapher für einen menschlichen Ort in Gegenwart und Vergangenheit, den der existierenden menschlichen Freiheit und Verantwortung.

 

2

Flusser wieder einmal beim Wort genommen, in einem Ausschnitt des Tschudin-Interviews im September 1991:

Alles was mechanisierbar ist, ist menschenunwürdig. Man wird Mensch, indem man herausfindet, was an einem mechanisierbar ist und es an Maschinen abschiebt. Der Rest, der bleibt, der – vorläufig – nicht mechanisierbar ist, das ist das Menschwerdende. Und der gewordene Mensch ist dann der, der überhaupt nicht mehr mechanisierbar ist. Das können wir uns überhaupt nicht vorstellen. (VF 131)

 

Kritik:

1. an der Wertung/Abwertung eines bisher wesentlichen ‚Teils’ von uns : der menschlichen, auch körperlichen Arbeit. – Dabei hat Flusser sie anderswo explizit vermisst. Hier dreht er durch.

2. am Traum des 19. Jahrhunderts – und des 20. – einer völligen Entlastung der Menschheit von Arbeit und nun auch  mechanisierbaren Entscheidungen, diese heute realisiert im ‚Gadget’ des ‚intelligenten Haushalts’ oder immer mehr in militärischen Einsätzen.

3. am ebenso utopischen Traum, dass ein negativ gefasster Menschenbegriff in die Fülle der  Menschlichkeit umschlägt. Das ist nicht nur ‚unvorstellbar’, das ist reiner Unsinn. Ironisch zu formulieren als Vorahnungen der >Civitas Dei< und der Kommunistischen Gesellschaft.(‘Wohnwagen’ 47) Vor lauter Begeisterung über diesen Traum – und, dass er ihn überhaupt in Worte fassen kann – scheint Flusser zu entgehen, dass er das am Individuum nagende Problem, Entscheidungen zu treffen, deren Ergebnis ungewiss ist, nur verschiebt: Wir müssen nicht mehr entscheiden, sondern können den Maschinen die Werte vorschreiben, nach denen sie zu entscheiden haben. Dann kommt er ausgerechnet zu dem Beispiel: Der (1.) Golfkrieg ist bereits so geführt worden.

Die Welt kennt in Fall Irak inzwischen das Ergebnis!

Und wie entscheiden wir uns auf die Werte? fragt er weiter: Wir kommen wieder zurück auf die Frage der Verantwortung, der Offenheit und der Vernetzung. Das wirklich Menschliche ist dann, dass wir gemeinsam mit anderen kompetenten Menschen und mit künstlichen Intelligenzen Werte ausarbeiten, die wir in Maschinen hineinfüttern, damit sie entscheiden. (132) – So etwas wie ‚herrschaftsfreier Diskurs’? Mit welchen Menschen? Dass ich nicht lache!

Technische Zwischenfrage: Wozu eigentlich der Umweg über die Maschinen? Was ersparen wir uns dabei? Das Programmieren ist doch wohl waghalsiger und riskanter als das Verhandeln und Beratschlagen, das Menschen seit Jahrtausenden geübt haben und jetzt in globalen Foren wie der UNO oder G 8 perfektionieren.

Und wie steht es mit den logischen Anforderungen von Computern? Müssen nicht dafür (nach Foerster) unentscheidbare Fragen weitestgehend in entscheidbare, in Regelsysteme verwandelt werden? (Ich bin darin nicht kompetent). Birgt das nicht neue Fehlerquellen und provoziert das nicht die berühmten unbeabsichtigten ‘Kollateralschäden’? Der Kundus-Befehl in Afghanistan ist für mich so ein Fall, wo vermutlich persönlich integre Militärs gemeinsam mit anderen kompetenten Menschen und mit künstlichen Intelligenzen (VF) Schreckliches auslösten. Unbeabsichtigt? Unter Strafjuristen sieht man die Verantwortlichkeit eines Menschen oder einer Gruppe auch darin gegeben, dass Schäden ‘billigend in Kauf genommen werden’. Foerster erinnert daran, dass sich diese Verantwortung für unsere eigenen Entscheidungen auf deren sozialen Konsequenzen bezieht, nicht auf Wahrheitswerte oder Regelsysteme. Ist das nicht ein Grund für die Traumatisierung von Soldaten?

Hans Jonas wiederum hat, über Foersters und Wittgensteins  Position in Richtung Moralpredigt (H.v.F. 69) hinausgehend ethische Entscheidungshilfen entwickelt: Minimierung der Risiken und Entscheidung entsprechend der Bedeutung einer Gefährdung.

Flusser ist an einer solchen Diskussion schon lange nicht mehr beteiligt. Und Patrik Tschudin hat nicht nachgefragt. Der bereits anderswo beklagte wilde Argumentationsstil Flussers und die Unfähigkeit seiner Interviewer, ihm ernsthaft auf den Zahn zu fühlen, haben meines Erachtens ernste Konsequenzen für die Qualität der Theorie. Der Kybernetiker beschämt den Philosophen. Kann Foerster mit seiner Bemerkung uns vielleicht einen Erklärungsansatz dafür liefern?

Der Erfolg und die Produktivität der ‚Kybernetik’ habe vor etwa einem halben Jahrhundert (1991) zu einer Euphorie des Philosophierens. Epistemologisierens und Theoretisierens aus über die Konsequenzen dieses Konzepts’ geführt. In Verbindung damit hätten viele sich immer stärker in eine immer größere Zirkularität eingeschlossen gesehen, ob in der Zirkularität ihrer Familie, der ihrer Gesellschaft und Kultur oder sogar in eine Zirkularität kosmischen Ausmaßes (HvF 62f.) – Könnte das auch Flusser passiert sein, in offensichtlich verzögerter Rezeption? Gerade auch im Tschudin-Interview, wo er sich geradezu in mystische Begeisterung über Wissenschaft als (reine) Kommunikation redet: Das Ich ist völlig abgetan, so etwas wie ‘Alltag’ uninteressant. (VF 125)

 

25.12.13

 

 

Alle Flusser-Texte aus: „Von der Freiheit des Migranten“, Bollmann Verlag 1993, eva  258, 2013