BERICHT 1985 (2) Die Geisterseherin von Ferké

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ZWEITER TEIL :  FERKÉSSÉDOUGOU UND ASSITA NAPON

 

C.I.0102.Piste

Fälliger Nachtrag zur Landschaft[8]

Wir durchfahren die ganze Zeit eine Art grüne Mondlandschaft: auf ganz dünner Humusschicht ein Dickicht. Wir sind nicht einmal 450 Meter über Meereshöhe, doch die Piste ist häufig nackter Fels. Was bedeuten dagegen in Deutschland dreihundert Kilometer Landschaft!

 Jean René, Gendarmerie de Ferké[3]

Gestern erhob er routiniert meine persönlichen Daten, vergewisserte sich sogar des Geburtsjahres, sodass ich mein Alter lieber von 40 auf 41 („1944“) korrigierte. Er ist ein runder, eher zarter Typ, die Arschbacken prall in den Khaki-Diensthosen. ( Zu aufwendig, um es fotografisch festzuhalten?). Ich nehme an, er ist Baule, oder ist das mein Vorurteil? Von Zeit zu Zeit fletscht er die Zähne und inszeniert ein autoritäres Gebrüll vor einem verschüchterten LKW-Fahrer, der um seine Papiere bangt. Dem aventurier gegenüber scheint er ratlos zu sein.  Die schneidig vorgetragenen Fragen zu Sinn und Zweck meiner Reise und zu Zahl und Namen der bereisten Länder sollen das wohl kaschieren. Ob ich bewaffnet sei. –  Dir  würde ich das gerade anvertrauen! –  Gestern ließ er mich umsonst bis 9 warten. Ich hätte lieber eine Stunde geschlafen. Heute habe ich Zeit, ihn im Büro aufzusuchen. Ich möchte ein Fahrrad ausleihen (?). Er ist übrigens der gleiche cholerische Typ wie sein Onkel, mit dem ich an der buvette in Gespräch kam, ideal für Nervogastrol und Valium.

Das Hotel Koffikro (B.P. 160,T. 880097 ) in Ferkéssedougo [4]

Es ist auch eine Familie, nur dass die wache Zeit bis tief in die Nacht reicht. Um Mitternacht wird die Vordertür geschlossen. Um drei geht endgültig das Licht in Pforte und Innenhof aus.

Man hört noch einmal das Personal Worte wechseln. Ab sechs beginnt das Klopfen an verschiedenen Türen. Gäste werden geweckt. Eben kommt ein Lackierer, er geht aber in die Nr.7.

C.-I. 5.2.FAssita 005

Napon Assita[5]  – die Geisterseherin

Ferké, den 24.7.85 – Gegen 10 beginnt ein Starkregen mit der Wucht eines D-Zugs, trommelt auf das Blechdach. An der réception vor der Zimmertür lachen und reden drei Hotelhuren, auch über mich … „zu müde? Dass ich nicht lache..“. Die eine war mir schon aufs Klo gefolgt, rüttelte wie zufällig an meiner Tür und fragte von nebenan, die Schärfe ihrer hohen Stimme etwas abgemildert.: „…tu es marié? ..Je peux dormir avec Vous…je peux te masser un peu..“

Da ich nicht einschlafen kann, gehe ich noch einmal hinaus. Zwei Frauen stehen mit dem Pförtner am Tresen. Ich  sehe nach dem Regen und setze mich in den ramponierten Sessel. Auf seiner Sitzfläche fehlen die Längsbretter. Ich knüpfe mit dünneren der beiden Frauen ein Gespräch an. Die andere junge Frau sieht zwar weich und traurig aus, passt aber nun wirklich nicht in mein Bett. Assitas wiederholtes kurzes Lachen erinnert mich an Assana in Bouna. Das Vergessen unserer Namen ( „Assita… A..I..A“, „Detlev“) gerät zum Scherzspiel.

Sie ist eine Bourkinabaise, liebt den Reggae über alles und hat im Leben so sehr gelitten, dass sie selber Texte schreibt. Auch über ihr Gewerbe hat sie ein Lied verfasst. Sie will sich als Sängerin mit einer formation in Abidjan durchsetzen. Ich traue ihr das nicht wirklich zu, doch Anfang August will sie hinfahren. Ihre Schwester wohnt in Vridi. Deren B.P. kann sie mir nicht sagen. Sie ist ihr mit Gepäck gestohlen worden.

Im Norden sei nichts los, ob ich San Pedro kenne? Sie ist dort gewesen, als sie nach Liberia zu reisen versuchte und ohne Pass an der Grenze angehalten wurde. Für das gute Stück muss erst noch ihr Vieux, ihr Vater in Bourkina auf der Polizei erscheinen. Eine Frau bekommt doch nicht so mir einfach einen Pass, um damit herumzuziehen!

Donnerstags macht sie nicht diesen Hoteljob, da sieht sie keinen garcon, da kommen zu Hause die génies, die Geister zu Besuch, dann schreibt sie. „J’ai des génies“. Sie möchte meinen Seelilien-Anhänger haben, den ich am Hals trage. Dass es mein Fetisch sei, hält sie davon nicht ab. Nach einigem Wortgeplänkel trenne ich mich von ihm.[6] Als wir Adressen in Abidjan austauschen, fragt sie mich mehrfach, ob ich ihr auch keine falsche gebe. Ich habe mir Hoffnung gemacht, dass sie über Nacht bleibt, doch das geht jetzt nicht mehr. Sie will aber auch kein Geld. Ich begleite sie zur Hauptstraße. In der Dunkelheit trete ich immer wieder in Pfützen. Sie lacht darüber. Was soll’s, ich trage ja Plastiksandalen. Wenn ich sie ein paarmal wie zufällig kurz berühre, scheint sie das nicht zu bemerken. Wir verabreden uns für Freitagabend im Hotel.

Um zwei Nachts erwache ich, vielleicht von juckenden Schnakenstichen, sogar auf Backe und Fußsohlen. Die Luft ist stickig, Grillen sind zu hören. Ich denke über Frauen nach. Natürlich …. aber einer wie der Bauersfrau aus Sayé auf dem Camion mit Schmollmund und straff sitzendem Bob-Marley-Memorial-Shirt? Nach einer halben Stunde Pickeldrücken und Brüten über der Karte regnet es wieder. Liegt es daran, dass ich dreihundert Kilometer nach Westen gefahren bin?

Ferké, den 25.7.85 – Am Morgen Dauerregen, bei 25 Grad. Die Piste von gestern möchte ich heute nicht befahren.

Bei weit offen stehender Zimmertür und „Franco“ im Kassettenrecorder bringe ich die Tagebücher auf Vordermann. Ich muss so viele Menschen auseinander halten: In vierzehn Tagen habe ich bereits zwanzig Bekanntschaften gemacht, darunter immerhin drei Frauen. Hemd und Slip trocknen auf der Leine. Um zwölf habe ich immer noch nicht gefrühstückt. Der Regen hört auf.

Societé Generale des Banques[7]

Nachmittags in der Filiale der „Societé Generale des Banques“. Ich treffe den Chef gerade dabei, wie er Kinderkleidchen beim Schneider bestellt, Hemden und Anzüge für Einjährige und Vierjährige. Er wählt die Stoffe dazu aufgrund kleiner Fetzen: „..Cool…“. Er will an glänzender Baumwolle mit raschem Blick Seide  erkannt haben. Es werden Häufchen gebildet. Dann geht der Schneider ab, ein intelligenter Mann, verbindlich, aber misstrauisch.

Die Sekretärin ist unter Vierzig, hat glatte Haut, geglättete Haare  und erscheint mir wie ein üppiges Standbild, das dazu bestimmt ist, Kleider zu tragen. Duftet nach Zimt. Maikäfer-Ästhetik. Ich denke dabei an diese dicken, braunen Flügeldecken.

 

Ca va?“  –  „Ca va un peu!“  [9]

C.I. Dia 0118 Ferké

 

Ein Markt unter alten Bäumen. Der erste farbenfrohe Eindruck von Ferké kehrt wieder, eine Art Fata Morgana über einer blutarmen afrikanischen Kleinstadt. Das zaubert das Baumdach französischer Kolonial- und Eisenbahnpioniere. Der Bahnhof selber ist ein neu-europäischer Betonkasten mit Rissen und Faulstellen. Die hingelagerten Wartenden auf der Schienenseite wecken die Vision von Bettlern auf Eschborn-Süd. Der aus Kaolack kommende Zug nach Bourkina soll sechs Stunden Verspätung haben. Kein Bedarf an dieser Erfahrung! Zwischen den Hütten liegt wie eine Insel die Ehrfurcht gebietende katholische Kirche.

Ein kleiner Bulle im Khaki sieht mich und beginnt das lästige Verhör: Woher? Wohin? Allein? – Ich habe keine Lust darauf und sage, dass mir das nicht passt. – Es sei doch nur zu meinem Schutz. Wenn etwas vorkomme, müsse er wissen, wie er mich zu behandeln habe. Er will mir nicht glauben, dass man in jedem Land überfallen werden kann. Ich soll kein schlechtes Bild von seinem Land mitnehmen. In Gruppen würden sie gut reisen. Die Gruppe, das sei Sicherheit, sécurité. Touristen müsse man eben so behandeln. Er deutet gestisch ein rohes Ei an.

Auf seine anfängliche Frage, was mir an der Côte d’Ivoire gefiele, habe ich eher bissig die freundlichen Leute, die gens accueillants genannt, doch es ist wahr: Da ist der Schüler auf seinem Rad heute Mittag, der sich beklagt, zu wenig Deutsch, seine zweite Fremdsprache, anwenden zu können und am Hotel sagt:  „Je vais Vous quitter.“ Die übermütige Schöne, die – begleitet von zwei Freundinnen – die Straße mit ausgebreiteten Armen sperrt. Oder der Verkäufer mit nacktem Oberkörper im Kramladen, der teure holländische Wachsdrucktuche  (11 m zu 29.000 CFA/200 DM?) anbietet und die gesuchten ampoules für meine torche (Taschenlampe) hat. Oder der Schneider in der Bank, oder der Buchhändler und vor allem Assita. Wir sind hier in shanty town und es gibt keinen vernünftigen Grund – auch für mich nicht – als Kleiner Prinz herumzustolzieren.

Mir geht’s mau: Ermüdung, Anflug von Erkältung – Aspirin, Stringiet, Müsli, Kaffee. Nichts ist los. Ich habe bis Sonntag gemietet. Ich bin einfach da. Heute Abend ins Kino: „Les Salopards“. Nicht in den Karatefilm um 18.oo. Morgen Assita. Samstag Chorgesang und anschließend Bal.

Gibt es hier wenigstens ein akzeptables afrikanisches Lokal? Gestern Abend schwamm das Rührei im Fett. Jetzt tunke ich den verkochten Reis in Fertigbratensoße. Das Fleisch ist zäh.

Librairie du Commerce [10]

Das Schild der Buchhandlung: „Librairie du Commerce – Représentant de l’Imprimerie de la Cathédrale de Bouaké; B.P. 180  Tel.:88.01.84  Ferkessedougou „

Im Regal Schulbücher. Belletristik, kunstvoll über einen Ständer verteilt, weniger als zehn Titel… darunter verstaubte und abgegriffene Exemplare von Sembene Ousmane „Le Mandat“. Auf meine Frage nach reduction  wird mir 800 CFA (statt 1.025) angeboten. Ich akzeptiere. Das Buch muss ich hier lesen. Eine Wand des Raums, an der jetzt Hemden hängen, soll einmal voll von „romans, toutes les séries“ gewesen sein, aber man habe bloß ein Buch im Vierteljahr verkauft, meist an Touristen wie mich. Nur Schulbücher werden gekauft. Auch wer Geld hat, liest kein Buch. – ja? – Fernsehen und Kneipe. Ich erzähle ein wenig von Sembene Ousmanes Filmen, die hier nicht gezeigt worden sind, aber in Europa bekannt sind.

Heute, am Samstag den 27. ist der Laden den ganzen Tag über geschlossen.

Ausriss aus der Fraternité Matin vom  8.5.85, S.3

Auf dem Klo lese ich in einem Zeitungsausriss.  Anlässlich des Fête des Mères le 2 juin wird für Schmuck geworben: „Offrez-lui l’impossible“ , Schenke ihr das Unmögliche!

Eine aktuelle Nachricht: Wegen einer vermuteten Veruntreuung wird ein junger Mann von seinem Chef stundenlang gefoltert.

Ich hantiere wieder mit der Plastikschüssel. Eine Kalebasse ist auf dem Markt nicht zu kriegen. Zwar große Strohhüte, auch Wandbehänge, Körbe, Untersetzer – und eben Blech. Vielleicht verdienen Marlene („Ton und Töne“) und Thomas doch mehr Verständnis für ihren Abgesang auf die Töpferei.

 

Im Kino läuft „Une Bande de Salopards“[11]

Den Kleinen, dem ich ein Ticket spendiere, hätte ich wenigstens einmal näher ansehen können. Es ist ihr Sport, die nötigen 100 CFA zu erbetteln. Da stehen sie nun dicht gedrängt im Dritten Rang – ich zähle fünfzig Köpfe. An der Kasse habe ich komischerweise meine 300 CFA noch einmal zwei zu eins geteilt und wieder den Jugendschutzgedanken beiseite geschoben, aber diesmal eher schamhaft. wir sind im zweiten Rang neun Besucher und hinten im ersten vier, eine Frau und drei Männer. Melancholische Musik der Bembeya-Band kommt aus einem Lautsprecher, wie sie auf Sportplätzen montiert sind. Bei jedem Abbruch der Musik schreien die Kinder, und nachher bei jeder kleinen Panne. Das Kino lebt von diesen Kindern.

Der Film ist eine italienische Produktion, wenn ich mich recht erinnere, unter der Regie von einem Castellani. Ich habe mir unter dem Titel noch notiert: „Das dreckige Dutzend“(?) und „Ein dreckiger Haufen“. Eine solche Truppe begeht erfolgreich Sabotage an deutschen Eisenbahnzügen auf dem italienischen Kriegsschauplatz. Die Nazis  – hier Waffen-SS – treten auf als barbarischer Volksstamm mit auffälligen Emblemen: Hakenkreuz, Eichenlaub, Hirschgeweih, Lanzen, Hitlergruß, Führerbildnis. –  Mich erinnern sie an die drei oder vier pechschwarz geschminkten, sonst fast nackten Spiegelfritzen, die momentan durch Ferké laufen, etwa um fotografiert zu werden? Aber von wem? – Auch die Seite der Alliierten hat ihre Zeichen.

Wir sehen offenbar eine Exportversion. Denn die nackte weiße Frau ist nur für Momente zwischen den Büschen zu sehen. Ein Kuss wird von äußeren Umständen verhindert. Vor ihrem Gretchenblick und angesichts längerer Zwiesprache fordern die Kleinen vorn lautstark Handfestes. Dafür können sie Brutalität am laufenden Band genießen. Die Bösen sterben auf tausend witzige Arten – zum Beispiel „Himmelfahrt“ – immer schlagartig wie Moskitos, wenn man sie trifft. Sterbeszenen bekommen nur die eigenen Leute. Die kleinen Jungs haben auch Spass an der Verarschung von Uniformen und besonders an der Akrobatik der Stuntmen. Angesichts der Beifallsstürme wird mir unbehaglich. Wird mich in den dunklen Gassen das gerade auf der Leinwand aufgefrischte Image als Weißer schützen oder sollte ich mich lieber vor der  aufgekratzten Menge hüten?

Von den besseren Plätzen aus sind die Dialoge nicht zu verstehen. Man raucht stattdessen. Vielleicht gibt das den Ausschlag: Ich gehe ein paar Minuten früher, bleibe aber nicht lange im Hotel. Denn der Klang eines Fanfarenchors lockt mich zum Stadion, wo er in voller Lautstärke übt. Nach dem Kriegsfilm stößt mich Marschmusik ab. Die dunkle Stadt ist voller Schatten. Ich notiere eine „groteske Parade“ von drei kleinen Mädchen. Jungs machen in der Gruppe Feuerchen.

Unkorrekte Schimpfrede 

Die Neger lassen ihre angemieteten climatiseurs laufen, bei gerade einmal 25 o C. Daran schließt sich eine im Grunde überflüssige Frage: Gibt es eigentlich noch dümmere und gierigere Konsumenten?  Die Privilegierten eines ganzen Kontinents schlurfen selbstgefällig vor sich hin, lassen Gestank und Abfall hinter sich. Frauen, Kinder, Bauern und entwurzelte Tagelöhner arbeiten. Dazu der Chor dieser weißen Lobredner in der „Fraternité Matin“ oder „Fraternité Hebdo“, im Fernsehen und auf Kongressen! – Kra möchte ich sagen: Die neue Generation von Fettärschen wird auch nicht mehr so alt werden wie die mit Stolz vorgezeigten Dorfältesten!  Auf die Idealisten, die eine Mutter und Kind-Station in Gang halten, habe ich aber auch keine Lust. – Wiederkommen? Will ich wirklich Verbindung halten?

Der Zynismus des  1000 CFA-Geldscheins[12]

Die Vorderseite zeigt den Bergbau,  l’extraction des matières premières – eine europäische Domäne, was die allegorische schwarze Dame in der rechten Ecke nicht verhüllen kann. Auf der afrikanischen Seite steht die Schnitzerei von Touristenmasken  für das produktive Gewerbe.

 

Fusswanderung am 26.7.

Von Ferké  nach dem Dorf sind es etwa sechzehn Kilometer. Ich mache mich wohlgemut auf, begegne auf dem Weg eigenartigen Gestalten, wovon ich noch erzählen werde. Die längere Wegstrecke nimmt mich Sahogo Seydou aus Lasologo auf dem Moped mit, spontan, obwohl er schon Eier und andere Einkäufe transportiert. Er besorgt mir auch eine Kalebasse und nimmt mich später wieder zurück in die Stadt. Ich notiere einen „Ansatz zu grauen Haaren“.[13]

Ich treffe Sikongo Lyaka, einen jungen Bäcker und bin entsetzt darüber, dass sie auf dem afrikanischen Dorf  importiertes Mehl verarbeiten. Er bittet mich, seine Eltern zu fotografieren. Es wird eine ganz klassische Szene: Der Alte sitzt wie ausgedörrt in einem niedrigen Liegestuhl, daneben zugewandt und gottergeben seine Frau. Darüber der sympathische Sohn. Im Hintergrund eine selbst im Hinterland selten gewordene runde Lehmhütte.

C.I. Dia 0137SenufoVater

Eine andere Hütte darf ich betreten. Der junge Soro Tirmin lädt mich ein. Er ist der erste Schüler auf dem College in seiner Familie von Pflanzern und – wie er sagt – lasten „alle Hoffnungen“ auf ihm. Das Innere seiner rechteckigen Hütte ist mit Illustrierten-Seiten tapeziert. Wir machen ein Gruppenfoto mit Selbstauslöser.

C.I. Dia 0136SenufoDorf

Le Refuge – die Zuflucht mit drei Sternen ***[14]

Ich möchte zwar afrikanisch, aber gut essen. Zur Wahl stehen Oasis, Le Refuge und Paillotte.

Am Eingang zur Oase steht in Großbuchstaben “changement complet de personnel – prix nouveaux conjoncturés“, das heißt völlig neues Personal und herabgesetzte Preise. Im Hotel Strohhütte erwartet mich“la tradition – le village en ville“. Mir ist aber die Zuflucht empfohlen worden.

Ich frage nach Preisen und Qualitäten, werde in die Küche geführt und wähle meinen Fisch.

Im Hof sind bereits drei Tische besetzt. Ich setze mich zu einem Paar, das vor einer großen Flasche Bier auf das Essen wartet. Im Transistorradio laufen gerade Nachrichten. Zwei Männer am Nachbartisch interessieren sich für mich, den Fremden, namentlich der professeur au CFP[15] Touré Simongo. Sie wollen, dass ich den Maniok mit den Fingern knete. Das habe ich bisher nicht einmal bei Afrikanern gesehen. Die Sitzgruppen sind zum Essen denkbar ungeeignet. Und es gibt keinen Teller für die Fischgräten, trotz Tischdecke. Ich notiere ins Notizbuch, dass mich das aufregt, schreibe: „fest verankerte Dummheit“.

Ein großes Bier, 66 cl! Nach dem langen Hinweg in der Mittagshitze brauche ich wohl etwas Polsterung. Man erreicht normalerweise ein Restaurant 1.Klasse ja auch nicht zu Fuß, sondern im Auto, man fragt nicht ein respektables altes Ehepaar nach dem Le Refuge – das es dann auch nicht kennt. Dann muss man auch nicht vorbei an Schrottverwertern, an dem schreienden Säugling mit der kahlen Stelle am Kopf und so fort. Es herrscht drückende Hitze. Das steht im Notizbuch.

Am nächsten Tisch sitzt ein schwarzer Schnauzbart, etwa vierzig, zusammen mit zwei Mädchen – gesträhltes Haar, die eine vielleicht sechzehn, hübsch beide. Eine Sektflasche steht auf dem Tisch. Man stochert lustlos im Essen und wippt mehr träge als nervös mit den Beinen.

Die Jüngere trägt einen raffiniert durchbrochenen Hosenanzug, die etwas Ältere unter dem blauen T-Shirt einen BH mit Stil und spitze Brüste. Die Möse ist gewiss noch eng, und so kräftig wie ihr Mund. Der Mann ist einer vom nervösen Typ, er nimmt Witterung auf. Fühlt er sich gestört? Schließlich sitze ich ihnen zugewandt und mache Notizen. Sie brechen wortlos auf.

Meine Tischnachbarn unterhalten sich jetzt nett. Vorhin habe ich die Frau für eine geschlagene Frau („qui a souffert aussi“)  gehalten, wie eine bourquinabaise[16], von der Assita erzählt hat.

Eben hat mich der Mann noch durch sein Lutschen, Schmatzen und Kauen an den Fischgräten eigentlich mehr erstaunt als belästigt, jetzt fordert er mich auf, die eben angezündete Zigarette auszumachen.

Warum antworte ich, ich hätte vorhin in der Küche nichts dazu getan, vor ihnen bedient zu werden?  (Muss ich dieses Fass aufmachen?))

Er darauf: Es sei alles in Ordnung, ich hätte das Restaurant vor ihnen betreten. Ich sollte bloß nicht glauben, es gebe zwei Klassen Gäste. Europäer würden nicht besser behandelt. Er wiederholt das mehrfach. Die beiden anderen Gäste im Lokal setzen sich zu mir. Einer steckt sich eine Zigarette an, vor der letzten Gräte. Wir drei setzen uns dann einfach weg, statt weiter zu streiten. Auch das wird noch zum Streitpunkt.

Ich frage nun Simongo nach den exotischen Spiegelträgern, die mir auf dem Weg zum Dorf Lafokpo begegnet sind.

Das waren Poro-Absolventen[17], erfahre ich, die ein Recht auf Wegzoll besaßen. Einen hatte ich wütend auf Deutsch angeschnauzt, als er mich davon mit Hinweis auf seine Machete überzeugen wollte. Es seien nicht nur vier, sondern um die hundert unterwegs in und um Ferké, erklärt mir Simongo. Und er lässt sich über den erzieherischen Wert des Poro aus. Man habe schlielich keine Allgemeine Wehrpflicht. Wenn die Jungen sechs oder auch nur zwei, drei Monate[18] im Heiligen Hain gewesen seien, kämen sie als vrais hommes, ganze Männer zurück: ils apprennent là-bas à se plier , sich zu krümmen, sie lernten dort die  verborgene Seite, le côté caché, der afrikanischen Realität kennen. Die traditionelle Macht  in Afrika sei un pouvoir caché, eine verborgene Macht. Genervt von dem Zynismus oder der Naivität, wende ich vorsichtig ein: gerade die Verbindung von traditionellem pouvoir caché mit modernem pouvoir public mache die afrikanische Wirklichkeit für Europäer undurchschaubar. Bin ich etwa selber naiv?  Wo lebe ich? „Undurchschaubar“ – Das mag noch für Rucksacktouristen gelten, doch sicher nicht für die Neo-Kolonialisten überall in den Ex-Kolonien. Ich schlage die Einladung zum Fest am Abend jusqu’à l’aube aus und bitte Simongo um seine Postadresse, nur um ihn einfacher loszuwerden. Er erklärt mir auch gleich, er habe ein offenes Haus, schon viele, aber nur afrikanische Ausländer zu Besuch gehabt, usw., vier Wochen totale Ferien usw. 

Mein Notizbuch zitiert einen in der C.I. erschienen Artikel, auf dem Klo gefunden, mit dem Satz: „Wissenschaftliche Untersuchungen stützen eigentlich nicht die Idee, dass Disziplin die beste Tugend eines Kindes und Jugendlichen sei.“ Solche Einsichten haben hier keine Chance.

Übrigens bin ich fast sicher, dass das doppelbelichtete Foto Simongo und mich zeigt. Doppelt belichtet ist es, weil ich verbotenerweise den Heiligen Hain von Poundiou ins Visier nahm.

Ein langer Nachmittag[19]

Sie ist nicht schön. Zwar hat sie sich verhört. Ich habe nie gesagt, dass sie eine Tonne sei. Doch es stimmt. Und wurmt sie, nicht nur, weil „ich mich nicht kleiden kann wie ich will“.

Ich wecke ihre Wünsche, locke sie aus ihrer Reserve, doch das macht uns nicht glücklich. Kein zweites Mal heute! Diese Frau lastet mit ihrem Tiefgang schwer auf mir. Sie erzählt viel und ich will es ja auch wissen, aber von Zeit zu Zeit wehre ich einfach ab, in aller Freundschaft. Andererseits kam mir heute im „Refuge“ in den Sinn, was ich alles nicht erfahren würde in weiblicher Begleitung, in einem Land, wo Menschen die einzige Attraktion sind.

Schamgefühl.[20] Assita sagt mir , sie kenne keine honte, das könne sie sich gar nicht leisten, wenn sie vorankommen („avancer“) wolle. Sie akzeptiert, dass ich das „etwas differenzierter sehen“ will.[21] Ich denke schon, ihr Schamgefühl ist stark, aber es steht jetzt nicht zwischen uns. Angst vor den Weißen habe sie nicht. Der Alte an der Rezeption habe sie gestern Abend gefragt, ob sie nicht Angst habe, mit dem Weißen ins Bett zu gehen? Er fürchte die Weißen. Sie nicht. Schließlich begegneten ihr jeden Donnerstag- und Freitagabend wunderschöne Weiße. Deren Besuch sei keine Strafe und mache ihr gar nichts aus. Ich sage, sie wisse ja, dass es auch hässliche Weiße gebe („blancs vilains“). Assita erinnert sich an einen Epileptiker. Ich informiere sie ein wenig über Epilepsie.

– „Warum  hast du eine so vorspringende Nase? fragt sie unvermittelt.

– „Histoire naturelle“ im Sinne von „Evolution“.

– „Die chinesische Nase ist ganz mies. Und außerdem sehen die Chinesen alle gleich   aus.“

– Eine Milliarde Chinesen können gar nicht gleich aussehen. Sie sind sogar sehr verschieden. Ich weiß es, ich habe sie schließlich gesehen.

Wir kommen noch einmal auf den Hoteldiener zurück. Assita nennt ihn ein „monstre vilain“. Er habe keine Frau, aber eine Tochter, älter als sie. Ich entgegne, dass er dann doch auch ein wenig gelitten hat.

–  „Er hat sich zu viel mit „Prostituierten“ herumgetrieben.

–  Vielleicht ist er schon immer „vilain“ gewesen; ich halte ihn jedenfalls für einen netten Kerl.

Irgendwie kehrt die Unterhaltung zu den Geistern zurück. Assita behauptet, sie habe seit ihrer Geburt das zweite Gesicht, deshalb habe sie auch „diese Tinte verabreicht“ bekommen. „Ich habe einer anderen Frau den Tod ihres Kindes vorhergesagt, und der ist dann sehr rasch eingetreten.“

– Wie hat die Frau darauf reagiert?

– Die Frau hat durch einen charlatan gewusst, dass eins der Kinder aus meiner Familie hellseherische Fähigkeiten besitzt. Jetzt wusste sie eben, dass ich dieses Kind war. Meinem Vater habe ich einen Unfall vorhergesagt. Der Alte hat sofort ein Huhn geopfert. Vor kurzem erfuhr ich, dass er bei einem Unfall drei Rippen gebrochen hat. Es hätte schlimmer kommen können.

–  Sag, belasten  dich diese Fähigkeiten nicht?

– Man kann doch etwas gegen das drohende Unheil tun. Ich kann auch mit Kräutern umgehen. Man hat mir noch mehr beibringen wollen, zum Beispiel eine alte Heilerin, eine guérisseuse, eine sehr starke Frau (très dure, auf Rückfrage forte).

Sie will aber nicht. Sie habe viele Fähigkeiten. Sie sei als Sängerin nicht nur hier in der Stadt aufgetreten, für zehntausend CFA, daher würden sie viele Leute kennen. Sie habe auch Tanzunterricht gegeben, aber man habe ihr nichts bezahlt. Sie lebe hier in Ferké seit zwei Jahren, bei einer Großmutter, die aber eben die Mutter ihres Vaters sei, ihre Mitarbeit nicht anerkenne und sich nicht für sie verantwortlich fühle.

Inzwischen ist der ganze Nachmittag vorüber. Was hatte ich mir eigentlich vorgenommen?

Seit halb fünf liegen wir wieder auf dem Bett. Assita muss mir wieder viel erzählen – und fragen. Ich erkläre viel mit „nach 1945“ oder  „in den letzten zwanzig Jahren“, biete ihr ein „mehr  oder weniger“, „schwächer oder stärker“. Sie hätte krasse, wenigstens deutlichere Unterschiede  zwischen Afrika und Europa erwartet.

Sie fragt nach dem Phänomen telepathischer Gedankenübertragung, über das sich Europäer in Büchern verbreiteten. Ich ziehe mich auf folgende Argumentation zurück: Nicht die individuelle Erfahrung solcher Phänomene sei „falsch“, aber – nach meiner Kenntnis – die „wissenschaftlichen“ Beweise gefälscht. Oft solle ein Doktortitel Autorität für ganz andere Dinge verleihen. Kommerzialisierung. Deswegen auch Überschreitung der eigenen Kompetenz, was einem traditionellen griot sicher nicht einfiele. Jedenfalls sei die europäische Zivilisation der ungünstigste Hintergrund für Telepathie. – Ein paar Tage später wird Mahé in Bingerville hinzufügen, dass Kommerzialisierung und Vertrauensverlust inzwischen die letzten Dörfer im Hinterland erreicht haben. [22] – Rascher Gedanke: Über welches Thema breite ich mich in Afrika eigentlich nicht aus? [23]

Nassita sagt: Es gibt Afrikaner, die sind zärtlich, aber fürchten die Frauen, weil sie keine sexuellen Erfahrungen haben. Andere haben sexuelle Erfahrungen, aber Angst vor der Zärtlichkeit der Frauen.

Ich sage, es sei so anders bei uns auch nicht, vielleicht auch eine Frage der Generation.

Ich frage nach Verhütung. Sie erhalte eine Monatsspritze, nach der sie fünf Tage nicht beischlafen dürfe. Dazu gehe sie zum Arzt.

Meine Gedanken schweifen ab, zurück zu unserer Beschäftigung mit ihren Liedern. Die stellte sie gerne vor, ja mit Passion. „Hundertmal“ solle ich die aufgenommene Kassette hören, wenn ich an sie denke. In ein Schulheft hat sie über fünfzig Titel aufgeschrieben, die Melodien stehen im Kopf, ebenso die angedeutete Instrumentierung. Eine halbe Stunde Tonband habe ich demnächst zu transkribieren.

Es ist bereits dunkel, als ich mit Assita die Hauptstraße entlanggehe. Sie will noch nicht nach Hause, ich höchstens noch zu einem irgendwo angekündigten Konzert des Kirchenchors, von dem sie nichts weiß, und das dann auch nicht stattfindet. Ich möchte sie auch nicht irgendwo antreffen und eifersüchtig machen, diese sorcière. Sie selber geht übrigens noch auf den Bal auf der anderen Seite der Bahnlinie oder in einen dieser Clubs arbeiten?  Am Sonntagmorgen jedenfalls erscheint sie pünktlich wie immer, ja überpünktlich.

  

Wenn Großmutter erzählt – Oder: La Grande Peur en Afrique[25]

Vom  Buch über die Gbato-Senufo und den Poro kommen wir rasch zu allen möglichen malfaiteurs, Übeltätern wie die Initiierten, die Masken, die Bambara, die Jäger und die geheimen Plätze, etwa  zwischen zwei Schlangenbäumen, zweigeschlechtlich, die dem uneingeweihten Fremden gefährlich werden. Die Initiierten können sich zum Verschwinden bringen (Dislokation) mit Hilfe des Amuletts in einem kleinen Säckchen, indem sie sich in Raubvögel verwandeln. Die Jäger können sich in einen Baum verwandeln und gleichzeitig Pfeile abschießen. Assita fürchtet die Masken, hat sich bereits in Bourkina bewusst von Maskenauftritten ferngehalten. Man könne ja aus Versehen auf Stroh aus deren Kleidung treten, und schon werde man krank. Gefahren lauern auf den Afrikaner auf Schritt und Tritt, den Europäer bedrohen sie nur in den seltensten Fällen – was ich an mir selbst feststelle – der sei eben innocent. Besonders gefährdet seien in Europa lebende Afrikaner, die das bei der Rückkehr in ihre Heimat vergessen, sie könnten hier leicht zu Tode kommen. Es gebe einfach zu viele mal, Übel in Afrika. Überall treibe man aus Missgunst und Egoismus schwarze Magie, schon wenn ein Mensch sich einen geringen Vorteil davon verspreche. – In ihrem Hof verschweigt Assita ihre künstlerische Arbeit, aus Angst, umgebracht zu werden. Der Afrikaner sei nicht offen (clair), nur nach außen hin gastfreundlich und sozial, aber darunter überlege er,

wie er dir etwas nehmen oder dir schaden könne. In Europa empfange man nur Gäste, die man eingeladen habe, das sei ehrlich. In Afrika sei das anders: Man belüge und betrüge einander, selbst unter Verwandten. Darum käme Afrika nicht voran wie Europa. Ich frage, wie alt diese Furcht in Afrika sei. – Sehr alt!  –  Die Frage bleibt stehen.

Assita sieht unser Menschsein (humanité) als Band zwischen uns: Nous avons le même souffle. C’est la peau qui nous sépare, et la mentalité.  Wir haben den gleichen Atem. Die Haut und die Mentalität trennen uns.

Sie hasst die fétiches, Waffen, die jedermann skrupellos für seine kleinen Ziele einsetzt , um sich durchzuschlagen. Sie ist sei durch die lokalen Traditionen besonders bedroht, von denen sie als Fremde aus Bourkina ausgeschlossen sei. Warum höre ich keine moralische Verurteilung der malfaiteurs, der sorciers von ihr? Um die Bestrafung von Unrecht ist es schlecht bestellt: Manchmal lägen die sorciers ja miteinander im Streit, aber oft – wenn zwei sich träfen, verbündeten sie sich, pour bouffer da la viande humaine. Ich denke, sie meint es im buchstäblichen Sinn.[26] Assita findet nichts dabei, dass die lieblose Großmutter ihr von den Gefahren der Hexerei erzählt hat: „Ich sollte eben aufpassen!“ (afin que je prenne garde). Bei den farbig geschilderten Hexenkünsten kann ich nicht immer ernst bleiben. Doch das ist nicht nur ihre Sicht: Zu viele Leute warnen mich ständig vor Banditen und Bösewichtern, verrammeln nachts die Tür, erzählen und hören Schauergeschichten! Das Kinoprogramm passt auch mit der allgegenwärtigen Gefahr für den Karate- oder  Kriegshelden. Er wittert sie, seine Waffe trifft selbsttätig das Ziel. Er ist unverwundbar, frei von Angst und verschlagen, ob er nun strahlend daherkommt oder „hässlich“ ist wie der Chinese.

Ich spreche die bei uns grassierenden ungreifbaren Ängsten und das Böse im Menschen an, wie wir es in Europa erfahren. Assita hat noch nichts von der fabrikmäßigen Vernichtung der Juden gehört, aber die Großmutter hat Ihr von Kolonialverbrechen erzählt. „Camp de concentration“ ist ihr ein Begriff. Sie möchte von alledem nichts wissen und „glücklich werden“. Wie viel lieber höre ich so einen Satz als die offizielle Lüge: Afrika sei en voie de développement..

Ich muss unbedingt deutsche Märchen studieren! Und dann Bruno Bettelheims Deutungen wahrscheinlich  umschreiben. Ich notiere schon jetzt vertraute Motive: „die böse Stiefmutter“  etwa, dann die hohe Müttersterblichkeit, Missgunst allenthalben, das Herumhacken auf dem Schwächsten, „Dümmsten“, Warnungen, wenn man sich bewegen, kindlich herumtollen will. Gefahren überall außerhalb des Dorfes, Unberechenbarkeit der Gastgeber: Gespenster, Geister (génies), Drachen, menschenfressende Einsiedler, schließlich Gifte, Narkotika, Zaubertränke, die Verwandlung in Pflanzen und Tiere.

Bilanz: Und sie lebten glücklich und zufrieden. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.“

Assitas Lied

 Weil die Mutter mich geschlagen

Und der Vater malträtiert,

werd’ ich ihre Namen nennen.

Den von Simon auch,

weil er mich betrogen hat.

Das ist alles. Soll ich es singen?

 

Wenn’s dir einmal gut geht,

Provozier’n dich Nachbarn.

Egoisten,

Können sie es nicht mit anseh’n,

Hätten’s selber gern, dein Glück.

Und von diesen Leuten red’ ich hier.

Neujahrsglück…

Möchtest du, dass ich das singe?

Das kleine Mädchen Alimo

Ist überhaupt nicht froh.

Hat ihr Vater doch vier Frau’n

Ist der Hof doch voller Kinder

Jede bringt’s davon auf sieben

Doch wenn Alimo was ausfrisst,

wenn die Mutter bloss nervös ist

Wenn sie sie zuhaus’ allein lässt,

Gibt es Prügel, gibt es Flüche.

Meine Frage: Warum?

– Die Kleine ist verhext…

– Du kennst dies Kind vielleicht?

– Ja.

Psst, sei still.

Es gibt hier Leute:

Übeltäter, Kriminelle

Geh’n umher.

Bringen dir Unheil,

Wenn sie dich sehen.

Halt’ still,

So sieht dich keiner

Und dann – vielleicht –

Verschwinden sie.

„Mein Liebster,

Warum glaubst du den Lügnern

Und schlägst mich?

Siehst du nicht,

dass sie uns trennen wollen?“

Umsonst –

Er folgt Gerüchtemachern

Selber trägt er deren Lügen weiter.

 

Image C.-I. 5.2

Kommst du wirklich nach Abidjan?[27]

Morgen reise ich ab. Ich spüre Distanz und sie spürt sie auch. Ich habe immer ein wenig Angst vor Menschen, die zu sehr gelitten haben. Ich versuche – nach schlechten Erfahrungen, andere sehen das anders – zuerst auf mein Wohlergehen zu schauen. Sie nimmt gelassen die dreitausend CFA, die sie schon beim Eintreten liegen sieht, findet meine Gardine gut. Wir machen Porträts. Ich fotografiere schließlich nur ein Lied aus ihrem Heft.[28]

„Kommst du wirklich nach Abidjan?“  fragt sie beim Abschied.

Irgendwann gestern erschrecke ich, weil ich auf der Straße glaube, dem Issa aus Bouna (beziehungsweise Abidjan) hier zu begegnen. Er ist so etwas wie ein Mephisto. Sein Doppelgänger in Ferké sieht mich begreiflicherweise auch sehr interessiert an.

Aggressives Betteln und …[29]

Ein scheel blickender Knilch an der Getränkebude soll wirkliche der letzte sein, der mich unehrlich und ohne sichtbare Not herumkriegt, und seien es bloß lumpige 80 Pfennig! „Burning Spear live“-Reggae  spielt im Hintergrund. Ich predige, ich sei kein „Freund“, ich würde ihn ja gar nicht kennen: „Je te connais pas. Pourquoi donc? Je ne crois pas que nous sommes des amis. Au contraire: tu ne m’acceptes pas ici.“ Oder sage ich den letzten Satz an den Wirt gerichtet, wie das Notizbuch als Alternative angibt?

Ich will aber die andere Begegnung nicht vergessen, den kleinen Schüler am Bahnhof. Seine Schubkarre habe ich mir ausgesucht. Sie gehört ihm gar nicht. Er gibt das Geld seinem Freund. Ich lade beide zum café complet ein. Mutig bemüht er sich um eine Korrespondenzdresse, schreibt mir seine  Postadresse auf: Sissé Lamine, B.P.6783 Boundiali R.C.I.“

 

Erzählblockade vor dem Höhepunkt der Reise, dem Aufenthalt in einem afrikanischen Dorf

Ich unterbreche hier den Reisebericht, bis auch diese Blockade weggeräumt ist.    17. Dezember 2013

 [3]  1-55  25.7., 12.40     [4]  1-50       [5]  (Typoskript Überarbeitung, Notizbüchlein 1,56-57) [6] am nächsten Tag darf ich mir eine gelochte französische Kolonialmünze aussuchen, die sie von ihrer Großmutter hat.   [7]  1-60    [8]  1-59 Nachträge    [9]  1-61-63 „Wie geht’s? – „So là-là“   [10]  1-64 Ferké, den 26.7.85    [11]  1-67 Ferké, den 27.7.85   [12]  von den Franzosen gedruckt = 7DM (1985), entspricht unserem 50 €-Schein 1-69      [13] Doch ich möchte im nachhinein nichts durcheinander bringen. Was ist mit dem jungen Bäcker, der einen Sack Mehl aus Ferké aufs Dorf bringt und von dem ich annehme, dass er mich gebeten hat, ihn und seine Eltern zu fotografieren. Wem habe ich das Foto geschickt?  Oder gab ich ihm vor Ort ein Polaroid?   vgl. 1-70      [14] Ferké, den 27.7.85 (Typoskript Überarbeitung, Notizbüchlein 1,71-72,)     [15] College de Formation Professionnelle ( Fach: Automechaniker)    [16] Frau aus Burkina Faso, in Bobo Diulasso verheiratet mit einem marchand, Kinder, eigenes Auto…     [17] traditionelles Buschlager zur Initiation der jeweiligen Altersgruppen.  [18] Vgl. auch K.-H. Kriegs Broschüre   [19] nach Typoskript Ferke Sa.27.7.

[20]   1-73 Am 18.9. wird sie mir einen Brief schreiben, indem sie mir mitteilt, für 300.000 CFA kriege sie eine Tonaufnahme ihrer Songs und nennt mir die Adresse ihres Hotels in N’bouci bei Abidjan, wo sie es verdienen will. Ich könnte es ihr aber auch schicken.

[21]  Warum ich die 200 DM nicht spendierte? Nicht allein aus  Geiz. Ich gab ihr überhaupt keine Chance, ohne Stimme, Auftreten, Schönheit. Ich sah die gerissenen Typen vor mir. Ich hatte schon vor Ort mit ihr ein Demoband aufgenommen.

[22]  Dies ist übrigens 2004 das Hauptthema von Toby Green in „Meeting the Invisible Man“. Daran scheitert sein Projekt.

[23]  Man könnte darin den alten missionarischen und kolonialistischen Dünkel. Dabei ist es doch bloß ene Lehrerunart.

[25] 2-32-36  Text  Sonntag 28.7 ins große Buch  Heute 9/2010 denke ich, dass die Alte den Massakult 1952  noch mit getragen hat, dann aber feststellen musste, dass das alte Übel der schwarzen Magie zurückkehrte. ( Hans Himmelheber: Fetisch der Rechtschaffenheit Tribus NF 4/5 1954+1955 (PsIV19a))

[26] Übersetzung:  „um Menschenfleisch zu fressen“   [27] 1-76  Notiz 28.7.    [28] 2-32      [29] 1 -77/78


 

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