Vom Elend der Bilder – frei nach Vilém Flusser

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Früher waren sie behütet, behaust. Sie wurden bewundert und verehrt, gefürchtet und verfolgt, standen in Kirchen und Tempeln, waren als Fresco sogar fest mit der Wand verbunden, wurden in sorgsam verwahrten Büchern aufgehoben, und so weiter und so fort. Dann bekamen sie eigene Museen. Auch die Reproduktionsverfahren hatten zunächst noch hohen handwerklichen Standard. Das galt nicht nur für begabte Kupferstecher[1], sondern auch für die repektablen Bildeditionen des 20.Jahrhunderts. Die letzten Meister ihres Fachs arbeiten für Galeriekünstler, wenn sie nicht  gestorben sind.

Dann bröckelte alles sehr schnell, die Häuser und alles, womit sie vollgestopft sind, worunter ich der Einfachheit halber auch die Bilder zähle. Flussers einprägsame Sätze in „Häuser bauen“ – „Das heile Haus wurde zur Ruine, durch deren Risse der Wind der Kommunikation bläst. Das ist ein schäbiges Flickwerk.“ [2]–bezeichnen auch den Ruin der Bilder, der an den Wänden wie in den Magazinen auf dem Tisch, und erst recht für die immer zahlreicheren, welche auf Monitoren aller Art erscheinen: Alles Kitsch, zum Recycling verdammt, materiell dank deutscher Mülltrennung und ideell infolge der vernetzten Datenbanken .

Und die Moral von der Geschichte? – „Das neue Haus“ hätte „auszusehen wie eine Krümmung im zwischenmenschlichen Feld, wohin Beziehungen >angezogen< werden. So ein attraktives Haus hätte Beziehungen einzusammeln, sie zu Informationen zu prozessieren, diese zu lagern und weiterzugeben. Ein schöpferisches Haus als Knoten des zwischenmenschlichen Netzes. (…) Sollte es gelingen (und das ist nicht ausgeschlossen), dann würden wir wieder wohnen können. Geräusche in Informationen prozessieren können, etwas erfahren können. Sollten wir das Abenteuer nicht wagen, dann sind wir für alle ersichtliche Zukunft verurteilt, zwischen vier durchlöcherten Wänden unter einem durchlöcherten Dach vor Fernsehschirmen zu hocken oder im Auto erfahrungslos durch die Gegend zu irren.“ [3]

Wie allen Kennern klar ist, soll  – ich werde ausnahmsweise pathetisch – ein wiederauferstandenes Bild bei diesem Abenteuer eine tragende Rolle bekommen, wenn wir die vielleicht auch nicht überschätzen sollten. Betrachten wir erst einmal die Chancen zur Auferstehung.Ob die kalte Herberge der Kunstgalerien die Lösung ist – bevölkert nur im Moment der Vernissage – oder Museen, die von den Herzschrittmachern Event und Museumspädagogik am Leben gehalten werden, oder gar Auktionen, die im schlimmsten Fall das Bild zu einem Schicksal in Tresoren verdammen und ideell in eine Wertanlage verwandeln?

Ich habe mich gelegentlich gegenüber Dritten abfällig über Fotos geäußert, die Bildtheoretikern[4] zu Beweisstücken ihrer Argumentation dienen, oft nicht einmal angemessen reproduziert, aber es hat mich niemand auf den unschätzbaren Dienst,hingewiesen den diese Allianzen den Bildern leisten, gerade in der heutigen Zeit. Erhalten diese Glücklichen im Unterschied zu Myriaden von ziellos im Universum vagabundierenden Leidensgenossen doch unverhofft eine Heimat (im übertragenen Sinn). Sie werden verortet, erhalten einen respektablen Status, worauf sie schon gar nicht mehr hoffen durften angesichts der Bodenlosigkeit ihrer Situation.

Ihr Schicksal hängt zwar nun an der Zukunftsfähigkeit ihrer Retter und Gönner – Roland Barthes bietet vielleicht bessere Aussichten als Francois Jullien oder Philippe Dubois. Und sie erhalten über den Status hinaus auch ein kleines Päckchen Bedeutung. Das eingeweihte Publikum begegnet ihnen fortan als Bildern, die von jemandem respektvoll verstanden worden sind, was immer das inhaltlich bedeutet, egal, ob der Einzelne diese Bedeutung nachvollziehen kann oder will. Sie sind eben Ikonen der Theorie geworden.

Ich ziehe ihnen aber unverhohlen Ikonen anderer Provenienz vor, zum einen, weil die berschriebene  Form der Rettung nur einer winzigen Minderheit vergönnt ist, vor allem aber, weil die meisten Bilder weniger befremdliche Worte verdienen würde als die, welche theoretische Konstrukte abwerfen. So müssen wir uns nach anderen Rettern umsehen.

Wahrscheinlich ist den meisten Bildern bereits mit dem Herumzeigen und Besprechen unter Freunden und Verwandten geholfen. Wohlgemerkt: Ins Netz stellen allein hilft nicht. Des weiteren empfehlen sich traditionelle betextete Alben – etwa an die leiblichen Erben gerichtet – und Fotobücher, notfalls tut es jede Art von Kombination mit der guten alten Schrift, und sei es auf der Rückseite von Ausdrucken.

Man kann im übrigen nie wissen: Selbst das bereits verloren gegebene Zeitungsfoto erlebt mit Fantasie eine Auferstehung  in enger Verbindung mit verbalem Witz. Beweis ist für mich das tägliche, bereits Gegenstand eines Kults gewordene Titelbild der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Für alle übrigen Bilder ist tröstlich zu wissen, dass die  Fotos aus der Digitalkamera Zeitpunkt und technische Daten der Aufnahme in ihre Odyssee gut lesbar mitnehmen. Man muss die entsprechenden Informationen  – und oft sind sie das sogar im flusserschen Sinn von überraschend und zu Fragen Anlass gebend – nur beachten und ihren alsbaldigen Untergang im Labyrinth des PC zu verhindern wissen. Solche Kennungen sind mit Tags (engl.) am Ärmchen neugeborener Babies oder mit einer Flaschenpost vergleichbar, von denen jede Menge in den Ozeanen der Welt auf ihre Wiederentdeckung warten.

Nun befinden wir uns aber auf einem Niveau, das jede verallgemeinernde Aussage über die potentiell subversive Macht von Bilder in Gegenwart und Zukunft zu verbieten scheint, zumal unser Gedankengang  jede Differenzierung zwischen  Flussers informativen Bildern und banaler Massenware vermissen lässt. Oder war das etwa Absicht?

Der in seinem Essay „Die helle Kammer“ weit radikalere Phänomenologe Roland Barthes machte – vom freien Individuum aus gesehen, also für meine Begriffe –  eine nützlichere Unterscheidung: zwischen denen ohne und denen „mit Punctum“, denen, um die wir uns kulturbeflissen und pflichtschuldig bemühen und eben denen mit dem „Punctum“, frivol gesagt: dem gewissen Etwas. Doch was sonst berührt uns mehr als oberflächlich?  Mehr davon ein andermal. Punktum.

 

 



[1] Jonas Beyer: „Erfindungen auf der Druckplatte“ (Tagungsbericht) FAZ  Nr.77,1.4.2009, S. N4

[2]  Von der Freiheit des Migranten, Bollmann 1994, 67

[3]  ebd.68

[4]  etwa Ralph Gibson für Francois Jullien „Vom Wesen des Nackten“, Michael Snow und Eric Rondepierrefür Philippe Dubois „Der fotografische Akt“

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