Flusser, Bense, Kunst und Langeweile

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Max Bense — Camp-Movement, N.Y. — Haroldo de Campos — Brasilia — V.Flusser — Retrospektive Neoconcretismo in der Akademie der KĂŒnste, Berlin 2010 — Susanne Klengel — Wolf Lepenies — Witold Gombrowicz   Warum, frage ich mich, sind die KunstbeitrĂ€ge in den Flusser Studies oft so langweilig? Was hat Max Bense damit zu tun, mit dem sich Flusser irgendwann um 1970 verkracht hat? Die LektĂŒre von Wolf Lepenies: Melancholie und Gesellschaft (1969 – 1998 stw 967) setzt mich im FrĂŒhjahr auf eine FĂ€hrte. Ich ĂŒberarbeite die damals entstandene Textmontage. Sie enthĂ€lt jetzt 4 Fotos von der Ausstellung in Berlin.

Am Anfang steht eine frappierende Beobachtung: … Wie weit bereits heute Ă€sthetische Formen und Spielregeln die Langeweile okkupieren und glauben, sich ihr damit bereits entzogen zu haben. (155)

Lepenies  zitiert im Anschluss  Horst Enders  Polemik von 1965 gegen Max Bense: Langeweile bildet sozusagen die VerstĂ€ndigungsgrundlage bei dem Versuch (…) die experimentelle Poesie durch die geschichtliche Verfassung zu sanktionieren. (155)

Hieß das so etwas wie: politisch korrekte Gedichte ’nach Auschwitz‘ ? Oder ‚im technischen Zeitalter‘? Sollten solche ErklĂ€rungen den in Westdeutschland rehabilitierten Modernismus legitimieren und als zeitgemĂ€ĂŸe Etikette, im Fall der Poesie als institutionalisierte Schreibhemmung funktionieren?

Zur selben Zeit, berichtet Lepenies,  bot die New Yorker Camp-Szene ein Gegenmodell, das Susan Sontag aus intimer Kenntnis beschrieb. Camp stand fĂŒr einen weiteren Verfall der alten Welt: Camp kenne die Langeweile schon deshalb nicht, weil die Beliebigkeit der Weltinhalte eine Fixierung des Geschmacks und der auf Ă€sthetischen Genuß reduzierten Verhaltensweisen nicht gestattet. (…) War Langeweile nach dem Willen der utopisch Denkenden einst aus politischen GrĂŒnden nicht mehr möglich, so schwindet sie im >Camp<, weil die RĂ€ume der Welt so beliebig geworden sind wie ihre jederzeit im Ă€sthetischen Spiel (!) verwendbaren Inhalte.“ (158)

Flusser war in den Sechziger Jahren mehrmals in New York. Was nahm er an Kunst zur Kenntnis? Eine entsprechende BegrĂŒndung findet sich  jedenfalls spĂ€ter in seinem Programm des unbekĂŒmmerten digitalen Montierens, Collagierens und Recycling in „In das Universum der technischen Bilder“.

ZurĂŒck in die fĂŒnfziger und sechziger Jahre, als von Max Bense und Flussers Freund Haroldo de Campos eine ‚konkrete Poesie‘ programmatisch begrĂŒndet wurde. Dank google.gr treffe ich auf Elisabeth Walther: Die Beziehung von Haroldo de Campos zur deutschen konkreten Poesie, insbesondere zu Max Bense:

(…) Aber kommen wir zu Haroldo de Campos zurĂŒck. Vor seinem Besuch in Stuttgart hatte die Gruppe um ihn verschiedene Arbeiten in brasilianischen Tageszeitungen veröffentlicht. (…) Am wichtigsten war aber die Publikation des „plano pilĂŽto para poesia concreta“, die Augusto und Haroldo de Campos mit DĂ©cio Pignatari gemeinsam prĂ€sentierten. Kurz und prĂ€gnant legen sie darin ihre Auffassung von konkreter Poesie dar. Der erste Satz: „konkrete Dichtung: Produkt einer kritischen Formentwicklung“, stellt sofort auf die vorwiegend formalen Vorstellungen der Gruppe ab, die den „grafischen Raum“ als „strukturelles Agens“ und die in der Physik betonte Raum-Zeit in die Dichtung einbezogen. Auch wird auf die VorlĂ€ufer hingewiesen: Pound, Fenollosa, Appolinaire, MallarmĂ©, Joyce, Oswald de Andrade und Cabral de Melo Neto. Auch wichtige Musiker wie Webern, Boulez und Stockhausen sowie die entsprechenden Maler: Mondrian, Bill und Albers werden erwĂ€hnt. Auffallend sind die vielen theoretischen Begriffe aus verschiedenen modernen Wissenschaften, die hier eine Rolle spielen, zum Beispiel: Kommunikation, Gestaltpsychologie, Pragmatik, PhĂ€nomenologie, Koinzidenz, SimultaneitĂ€t, Isomorphismus, magnetisches Feld, RelativitĂ€t, Zufall, Kybernetik, feed-back und viele andere. 1958 veröffentlichte Haroldo de Campos einen langen Artikel mit dem Titel „poesia concreta no JapĂŁo: Kitasono Katue“. Schon im „plano pilĂŽto“ war von der „AffinitĂ€t zu isolierenden Sprachen (chinesisch)“ die Rede. Die Beziehungen der Brasilianer zu Japan waren schon ganz frĂŒh sehr eng, vor allem durch die Vermittlung ihres Freundes Vinholes, der in Japan lebte. (…)

Gepflegte Langeweile –  formale Ă€sthetische Gestalten, die an an sich selbst genug zu haben schienen, in einer klimatisierten viel zu großen Halle und  in einem grotesken Gegensatz dazu der leidenschaftliche Titel „Verlangen nach Form“ – das war mein Eindruck in der Berliner Retrospektive 2010 „O Desejo da Forma“, auf die konkrete Poesie der fĂŒnfziger Jahre in Brasilien.

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In einer Video-Installation war Langeweile direkt Thema, und zwar die kleinstÀdtischer Gassen eines Fleckens im Nordosten.

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Doch da war muss doch noch etwas anderes gewesen sein, das nicht in die Werke einging!   

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Veteran der Bewegung erinnert sich (Installation im Foyer)

Die Liebe zu theoretischen Begriffen teilt  Flusser mit dem Freund de Campos („Bodenlos – eine philosophische Autobiographie“ FW 13390,1999)  und seiner Gruppe. Am Ausdruck ist Begriff  hervorzuheben: Instrument zur Ordnung zunĂ€chst chaotisch erscheinender PhĂ€nomene, sein formaler Charakter und seine Eignung zur Generierung (Bense) immer komplexerer Formen, eben Theorien. An der Wissenschaft ist es die Seite der Ordnung, also nicht Blitz und Donner, sondern deren Formel. Und die ist nur fĂŒr Wissenschaftler nicht langweilig. Den Einfall könnte ich ja als beschĂ€mend irrelevant gleich wieder vergessen, handelte es sich bei Bense, do Campos und anderen nicht bloß um eine von Theorie gesteuerte, Wissenschaft simulierende generative Ästhetik.

Mein Blick wurde im langen Zitat magisch angezogen von der AufzĂ€hlung von attraktiven Begriffen. Ich spĂŒre deren Faszination fĂŒr neugierige Menschen. Es sind Versprechungen, Verheißungen. So mĂŒssen sie auf die Poeten, die Macher und Entdecker, gewirkt haben – und auf Flusser, der sich selbstverstĂ€ndlich mit den Kreativen identifizierte, nicht mit eingeschĂŒchterten Kulturkonsumenten. Die eigene Begeisterung und gespannte Erwartung konnte sich aber nur dem eingeweihten Betrachter, Hörer oder Leser vermitteln.  Durften sie ernsthaft erwarten, ‚Avantgarde‘ nicht nur  zu spielen, nach geraumer Verzögerung einmal mit dem Ehrentitel  behĂ€ngt zu werden, sondern der Allgemeinheit den Weg gewiesen zu haben? Ich wĂŒrde erstmal nicht annehmen, dass ihre Ă€sthetischen Schnittmuster in irgendeiner Ahnenreihe der Computer- und Netzspiele zu finden sind.

 

P1310361konkrete:Programm  

Powerpoint eines Vortrags in der FU. Checkliste fĂŒr AnfĂ€nger

Flusser und Max Bense haben sich, soweit ich weiß, an einem interessanten Punkt zerstritten. Gehen wir wieder ins Netz, zur VorankĂŒndigung eines Vortrags von Susanne Klengel am 29. Oktober 2010: »Brasilia – Horizonte der urbanen Zukunft bei Max Bense und VilĂ©m Flusser« im Programm zur Ausstellung „Das Verlangen nach Form“:

Im Jahrzehnt nach der Einweihung der neuen Hauptstadt Brasilia 1960, konnte man in Deutschland hin und wieder faszinierte, aber auch ambivalente Reportagen und Berichte ĂŒber das gewaltige urbanistische Projekt der lateinamerikanischen Moderne lesen. Susanne Klengel vergleicht in ihrem Vortrag Brasilia-Beschreibungen aus der Feder des Stuttgarter Philosophen, Semiotikers und Schriftstellers Max Bense und des seit 1940 in Brasilien beheimateten, aus Prag stammenden, jĂŒdischen Intellektuellen VilĂ©m Flusser.

Beide sehen in Brasilia ein urbanes Projekt, das auf die „Stadt der Zukunft“ verweist: fĂŒr Bense ein Produkt der „brasilianischen Intelligenz“, ein System, konsequentes Gesamtdesign und visuelles Ereignis, fĂŒr Flusser dagegen ein maßloser „Apparat“, eine Maschine, die den Typus des „FunktionĂ€rs“ hervorbringt und begĂŒnstigt. FĂŒr beide Autoren ist die alte Hauptstadt Rio de Janeiro ein melancholischer Fluchtpunkt des Vergangenen. Doch Benses Blick ist, wie sein Text selbst, eher auf die konstruktivistische Dimension Brasilias gerichtet, der er durchaus etwas abgewinnt. Flusser dagegen sieht Brasilia mit ambivalentem GefĂŒhl als Wiege des „neuen Menschen“, den er im vermeintlich „geschichtslosen Raum“ Brasiliens ansiedelt.

http://www.adk.de/de/aktuell/veranstaltungen/index.htm?we_objectID=25400

Hier zeichnet sich eine Weggabelung ab. Im Fall Brasilia nimmt Flusser noch die Partei der Menschen, fĂŒr die diese maßlose Architektur inmitten einer maßlosen Natur (Flusser) nicht errichtet worden ist. – Im Abstand eines halben Jahrhunderts stellt man allerdings beruhigt fest: diese Menschen haben sich nicht unterkriegen lassen. Ein Kranz von ‚Favelas‘ umgibt die leblose konstruierte Mitte. – SpĂ€ter wird er seinen Widerstand aufgeben und den eigenen Konzepten die berĂŒchtigte Stadt der Zukunft zugrunde legen. Über deren Chancen gegen den Apparat macht er sich , bei aller ironischen Distanzierung, Illusionen. So wie ja auch  das visuelle Ereignis ein Euphemismus ist. Darf sich denn jenseits der Konstruktion oder vielleicht noch der eingebauten wissenschaftlichen Theoreme und Konzepte (Begriffe) etwas ereignen? Events  bedeuten gerade das Überwinden von EventualitĂ€ten,  welche in der Arbeit der Designer kalkuliert werden, damit andere als die erwĂŒnschten Ereignisse ausbleiben. Das kann man heute ĂŒberall studieren. Erzeugt wird die Langeweile von Großfeuerwerken, an deren Szenario man sich bald satt gesehen hat. Ist das die Perspektiven einer Vereinigung von wissenschaftlichen Begriffen und Kunst im Design, wovon Flusser trĂ€umte?

Ein polnische Literat und Exilant in Buenos Aires, Witold Gombrowicz (1904 – 1969), nahm in seinen publizierten TagebĂŒchern in erfrischender Deutlichkeit Stellung zu solchen Tendenzen der KĂŒnste. Ich wĂŒsste dabei gern, welche Kunstszene er bei seinen Notizen  im Blick hatte.                      (10.5.2013)

 

Ein Jahr zuvor – 19.7.2012  schrieb ich:  FĂŒnf Zeilen im „Tagebuch 1953 – 1969“  (Hanser 1988) gelesen und ich weiß wieder, was ein beweglicher Geist und quicklebendiger Stil bedeuten!

Gombrowicz  trifft Flusser in Buenos Aires oder: dramatischer Dialog mit dem Geist von Witold G. (Idee fĂŒr eine Szene)

Man wĂŒrde sich verstehen, hĂ€tte manches gemeinsam: die Vertreibung an den Rand der zivilisierten Welt, das Selbstbewusstein des einsamen Intellektuellen, die elitĂ€re, egozentrische und desillusionierte,  durch und durch ironische Sicht auf die Menschen und die Zeit, nicht zuletzt teilte man die Wahrnehmung der Zukunft, wie sie von den Wissenschaften umgestaltet wird. Der sechzehn Jahre Ă€ltere und bereits lange in der Literatur verankerte G. wĂŒrde keine MĂŒhe haben, den JĂŒngeren zu verstehen, auch wenn er in seinen seltsamen philosophisch- szientistischen Jargon verfĂ€llt, den er sich aus mancherlei Quellen zugelegt hat. Im Wortwitz und in der geschliffenen Parade werden sie ihre verwandte Chemie spĂŒren. Beide sind  schlagfertig und an Freunde gewöhnt, die eigensinnig sind und sich nicht in den Sack stecken lassen. Und schließlich ist G. ein bekannter exilpolnischer Autor, der seine Vertriebswege hat. Wir mĂŒssen also nicht wie sonst fĂŒrchten, von ihren Begegnungen nur durch Flussers voreingenommenes Zeugnis  zu erfahren.

Leider sind sie einander nicht begegnet, und so mĂŒsste ich eine fiktive Rekonstruktion wenigstens eines Dialogs versuchen. Art und Ort des Zusammentreffens liegen noch nicht fest.

 

Ein Motto, und noch eins !

673:   Auch wenn mich Ă€ußere KrĂ€fte formen und kneten wie eine Wachsfigur, ich werde doch ich selbst bleiben, solange ich daran leide und dagegen protestiere. Im Protest gegen unsere Verunstaltung liegt unsere authentische Gestalt.

665 (Kunst und Wissenschaft) :  Wollt ihr wissen, wie die ‚wissenschaftliche Menschennatur’ des zukĂŒnftigen Menschen aussehen wird, so schaut euch manche Ärzte an. (…) Ihm verdirbt das Hospital nicht den Appetit. Höllische KĂ€lte und unglaubliche Teilnahmslosigkeit . .

662 (Existentialismus und PhĂ€nomenologie): Da ist mir die PhĂ€nomenologie schon lieber; sie ist in formaler Hinsicht reiner. Man könnte sich sogar Hoffnung machen, dass sie ein AbfĂŒhrmittel fĂŒr all den Schmutz des Szientismus sei, ja bitte, ist das nicht die RĂŒckkehr zum natĂŒrlichen, unmittelbaren, unbefleckt jungfrĂ€ulichen Denken? Die Wissenschaft in Klammern setzen! Das brauchen wir! Vergebliche Hoffnung! Böse List (…) gezeugt aus wissenschaftlichem Geist, leidenschaftslos, kalt wie Eis – was hilft uns ihre LeichenkĂŒhle?

 

Witold G. macht alles richtig.

Er lĂ€sst sich erst gar nicht auf den szientistischen Stil ein, um seine Botschaft ins passende Format zu bringen, um etwa ‚FunktionĂ€re’ (Flusser) zu bekehren. Er macht sich keine Illusionen ĂŒber die EmpfĂ€nglichkeit von Ingenieuren, Technikern und sonstigen FunktionĂ€ren (658) fĂŒr die Kunst, außer denjenigen RĂ€dchen, die im RĂ€derwerk noch Mensch genug geblieben sind, um zu spĂŒren, dass es ihnen die Knochen bricht. (ebd.)

Wohl ĂŒber dieselben KanĂ€le informiert wie damals auch Flusser – etwa Grassis rowohlt deutsche enzyclopĂ€die, Eranos oder Pieton: Panorama des zeitgenössischen Denkens – interessiert ihn daran der Stil der heutigen Wissenschaft, ihr Ton, ihre Sitten: Was fĂŒr eine Gelegenheit, ein GespĂŒr fĂŒr die Ausdrucksweisen zu bekommen. (653).

Ich frage mich: Muss man mehr wissen? Flusser wohl schon, als hybrider Literat mit seiner Liebe zur Abstraktheit akademischer Philosophien und der Wissenschaften ohnehin, wĂ€hrend Gombrowicz unbefangen von selbstgestrickten GrĂŒnden (688) spricht und zur Selbstverteidigung des normalen Menschen gegen einen Wissenschaftler, der ihm mit seinem geballten Wissen auf die Pelle rĂŒckt als das geeignetste Gegenargument  einen Schlag – Faustschlag oder Fußtritt – mitten in die Person des Spezialisten (664f.) empfiehlt,  sogar – „Mal halblang, du rhetorischer Rowdy!“  – von einem befreienden Tritt gegen den Fußknöchel berichtet. (668)

Zu Gombrowics’ kompromissloser Position und klarer Sprache kontrastiert die Zerrissenheit und schließlich auch die Kapitulation Flussers. Wie viel von dem, was G. der zeitgenössischen Kunst vorhĂ€lt (660), gilt leider auch fĂŒr den spĂ€teren Flusser:

Sind wir ĂŒberhaupt zum Angriff fĂ€hig? In den letzten Jahrzehnten hat die Kunst sich schĂ€big benommen – hat sich imponieren lassen, fasst auf den Knien gelegen, dem Gegner alles gierig aus der Hand gerissen; ihr fehlte der Stolz, sogar der normale Selbsterhaltungstrieb.  Die Folgen?

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