Portugal 1975 in der Erinnerung (Skizze)

|

Re Ex oriente, Minos, 11.5.2013

Lieber Dirk, errichten Sie nur den alten EuropĂ€ern ihren tumulus*, bevor diese – nicht nur – von der Troika aus ihrem verschatteten Paradies vertrieben werden! Ich war schon Jahre nicht mehr in Lissabon, das letzte Mal kurz nach dem Erdbeben – oder war es ein bloßer Einsturz in der Altstadt?

Ich war vor allem 1975 da, und im Alentejo (Grandola, vila morena…), und genoss die sanfte Revolution voller sentimentaler GesĂ€nge und mit einer idyllischen Presselandschaft. Über die marode Aristokratie wurden in kleinem Theater putzige Karikaturen gegeben. Die absentee landlords wollten den Landarbeitern partout kein Land geben, da sie um ihre ungestörte Treibjagd fĂŒrchteten. Die waren bescheiden, sahen hungrig aus und schĂ€lten die KorkbĂ€ume, um die dicke Rinde in primitiven MĂŒhlen zu waschen und zu schneiden. Volkswagen drohte, das Zusammenschrauben der KĂ€fer ins ebenso arme Irland zu verlegen. Den sozialdemokratischen Mario Soares pfiffen wir in Frankfurt aus ….

Ich war danach mehrfach auf den Azoren, im Sommer, wenn die Arbeitsemigranten mit ihren CowboyhĂŒten auf Terceira am amerikanischen StĂŒtzpunkt landeten und mit ihrem Erfolg in der Neuen Welt prahlten – manche wenigstens. Die aus Brasilien waren sowieso nicht so laut. Viele wollten auch im Alter zurĂŒckkehren. Vom Festland fuhr kaum jemand auf die Inseln. Die kapverdianische „Sodade“  (Saudade) gefielt mir ĂŒbrigens besser als der „Fado“.

Lange fuhr ich nicht nach Spanien, sah aber wunderbare Filme, wie „Die heiligen Narren“ von Mario Camus, „Die Treibjagd“, den halbstĂŒndigen „Sonntag eines DienstmĂ€dchens“ von Saura oder Bunuels „Tagebuch einer Kammerzofe“. Das war fĂŒr mich der iberische SpĂ€tfeudalismus. Kein Interesse, keine Sympathie. Handlungshemmung durch ausgefeilte standesgemĂ€ĂŸe Etikette und organisierte Langeweile (Lepenies) waren das letzte, was ich mir fĂŒr mein Leben vorstellen konnte und kann. Das Brasilien der 60er Jahre war zwar kaum mit Spanien und Portugal zu vergleichen, aber in der Oberschicht vielleicht doch, jedenfalls wollte Flusser eigentlich immer nur weg.

Ich habe gerade Wolf Lepenies ĂŒber >Melancholie und Gesellschaft< (1969,1998) beendet, vielleicht könnte die sozialgeschichtliche Studie mit einigen Gesichtspunkten sogar Ihr Unternehmen ankern in den StĂŒrmen einer permanent untergehenden EmotionalitĂ€t, ohne Sie in die seichten GewĂ€sser eines „telematischen Szenarios“ zu treiben. Doch Mythen mag ich ja, und die verstehen Sie ja farbig zu erzĂ€hlen. – Ich sende Ihnen diese unzensierten EinfĂ€lle ganz verantwortungslos in den Westen. Wir bleiben noch bis zum 20. Mai hier im Ă€ußersten Westen des orientalischen Vorpostens Kreta.         Herzlich

 

* (….) Es gibt hier in Portugal diesen Dichter, Teixeira de Pascoaes, ĂŒber den ich auch schreibe und der eine Figur entworfen hat, die den Gegensatz zu Griechenland bilden sollte und es auch tut (MarĂąnus). Eine seiner Thesen ist: Griechenland als das Land der Vernunft und Portugal als das Land des Wahnsinns. Oder Griechenland als die Wiege der Sonne und Iberien als deren Grab. „A IbĂ©ria Ă© o tĂșmulo do Sol, a GrĂ©cia o berço.” Ich befinde mich also im Grab und schreibe meine Doktorarbeit ĂŒber Europa als Landschaft des Untergangs, aber nicht der einfache Untergang, nach dem wir uns alle wie auch immer zur Ruhe legen können. Sondern der ewige Untergang (….) Herzlich

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert