ZEITREISE AN DIE KAMERUN-KÜSTE AUF EINEM ALTEN BOOTSMODELL

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Den Artikel schrieb ich auf Einladung von „KOSMOPOLIS – INTERKULTURELLES MAGAZIN AUS BERLIN“ (LINK zu de.wikipedia) für die Nr. 41-42/2022 Jubiläumsausgabe 1997-2022 Thema : „ZU NEUEN UFERN“.

Der Text (ebd. S. 47-55), eignet sich als Überblick und Einführung in die verschiedenen Themen des „DUALA PROJEKTS“ .

 

 ZEITREISE AN DIE KAMERUN-KÜSTE AUF EINEM ALTEN BOOTSMODELL

 

Findet um uns her nicht gerade ein „neuer Aufbruch“ statt? Die Themen sind „Decolonize….“ oder „Restitution“, was immer man als „alter weißer Mann“ davon halten mag. Doch die „neuen Ufer“ sind ohnehin immer bereits Ufer, die für andere Leute nichts Neues bedeuten, Heimat eben.

Das Kreuz auf einem afrikanischen Objekt

Ich sammle „Stammeskunst“ aus Zentralafrika. Um Kamerun machte ich einen Bogen. Ich habe meine Kontakte auf dem Flohmarkt. Dieser Händler war fremd. Das Boot aus aufsteckbaren Einzelteilen war offensichtlich nicht traditionell. Ich zögerte lange, aber die Kombination aus altertümlicher europäischer Mode, Kirchenkreuzen und geheimnisvollen Schlangen, Vögeln und mit ihnen kämpfenden Menschen ließ mich nicht los. Einen Monat später erhielt ich eine mär- chenhafte Email aus Djebalé im Kamerunfluss (Wuri, Wouri):

Die Menschen am Wouri-Fluss leben vom Fischfang vor und nach der Entdeckung durch die Deutschen. Die Dorfbewohner erlebten die Ankunft der Deutschen in einer großen Piroge (Kanu, Einbaum). Sie machten diesen Einbaum in Erinnerung an diese Entdeckung, da sie noch nie ein Boot gesehen hatten, das so geschmückt war wie das auf dem Foto. Die Piroge trägt Pilotenfiguren. Das vordere Profil auf der Piroge symbolisiert die erste Kirche, welche die Deutschen gebaut haben. Die Sawa sind heute zu 90% Christen. So betritt die Piroge die Bühne der Sawa in Kamerun. Das Kanu kommt aus dem Dorf Djebalé, einer Insel im Distrikt Douala. Kanus sind das einzige Transportmittel zwischen der Stadt und der Insel. Das Kanu ist ein Symbol des Friedens und des Zusammenlebens, es wird bei den großen traditionellen Sawa-Zeremonien verwen- det. Es ist ein Jahrhundert alt. Die beiden Frackträger stellen die Oberhäupter von Djebalé dar, die Schlangen die Meeres- geister. Die übrigen Männer sorgen für die Sicherheit der Chefs. Die Insel wurde von den Deutschen 1800 entdeckt. Ich werde es nicht versäumen, Ihre Grüße an den Chef zu übermitteln. Er bittet mich, Sie auch zu grüßen, und wünscht Ihnen viel Mut für die Zukunft.

Die Präsentation hatte Charme und ich bereits Erfahrung mit Objekt-Recherchen. Also begab ich mich im November 2019 auf eine virtuelle Reise, die bereits über zwei Jahre dauert. Das liegt nicht nur an der Fernreisen blockierenden Pandemie, / sondern auch an lehrreichen Umwegen und einer unerwartet breiten Resonanz bei Museen, die solche Objekte im Depot haben, manche auch auf ihrer Webseite.

 

Duala – Ort und Ethnie

Von Duala im Mangroven-Delta bekam ich gleich zu Anfang eine Vorstellung dank der Bücher des Jesuiten Eric de Ros- ny („Die Augen meiner Ziege“, 1999), René Bureau („Le peuple du fleuve“, 1996) und Ronald Daus („Banlieue 2: Freiräume in europäischen und aussereu- ropäischen Großstädten. Lateinamerika: Rio de Janeiro, Äquatorialafrika: Douala, Südostasien: Bangkok“, 2003) .

Der traditionelle Handelsplatz der Duala in der Bucht von Kamerun liegt verkehrstechnisch günstig, aber in der „feuchten Armhöhle Afrikas“, vier Grad über dem Äquator und rund zwanzig Kilometer vom Atlantik entfernt inmitten eines Mangro- vendeltas, umgeben von undurchdring- lichen Urwäldern… Der Blick erreicht kaum das gegenüberliegende Ufer des Wuri, denn die Gegend liegt fast ununter- brochen in einem grauen, dicken, heißen Dunst. Die Luftfeuchtigkeit ist enorm, ein Paradies der Fiebermücken. Hier kam vor rund vierhundert Jahren die Wanderung der Duala aus dem Kongo-Gebiet zum Stehen. Sie verdrängten die bereits ansässigen Bassa ins Landesinnere und verteilten sich entlang der Flussläufe. Sie lebten fortan vom ‘Wasser’. Begünstigt durch den ‚unwegsamen’ und oft weitflächig ‚unbewohnten’ Urwald, der sie umgab, etablierten sie einen „Sperrhandel“, sie gestatteten niemandem, flussaufwärts vorzudringen. Ihre zentral gelegenen Dörfer entwickelten sich bis zum 18. Jahrhundert zu einer prosperierenden Gemeinde namens Duala. Die Küsten-Duala kauften Waren und Sklaven von Innengruppen wie Bakweri, Mungo, Bassa und Bakoko und verkauften sie an die Europäer weiter, zunächst auf deren Schiffen, dann auf am Ufer verankerten ‚Hulks’ (Schiffsrümpfe). Im Gegenzug lieferten die Europäer Alkohol, Schießpulver, Waffen, Spiegel, Schuhe, Textilien und Werkzeuge. Den Ackerbau überließen die Duala den ver- sklavten Nachbarn. (Ronald Daus, „Banlieue 2“, S. 166. 167)

Die Duala bauten unendlich viele Kanus, dazu war sich niemand zu schade. Im Gewirr der wasserreichen Deltas und Binnenpassagen an der Küste war das Kanu überall als Verkehrsmittel erste Wahl. Manu Dibango, der berühmte Saxophonist aus Douala, machte in unseren Tagen das Kanu zur Metapher seines Welterfolgs: In der Piroge kam mein Vater aus einem Dorf vierzig Kilometer von Duala und auf einer größeren Piroge bin ich später los- gezogen und habe wieder und wieder die Ozeane durchquert….

 

Die dem weitläufigen Flussdelta des Niger benachbarte Kamerunküste

Die Duala waren bekannt für ihre / ausgedehnten Handelsbeziehungen hinüber ins Niger-Delta. Im Weltatlas erscheinen die eng verflochtenen Küstenstriche gewöhnlich auf zwei getrennte Regionen verteilt, auf den Westen und die Mitte Afrikas. Der Aufsatz von Rosalinde G. Wilcox „Commercial Transactions and Cultural Interactions from the Delta to Douala and Beyond“ (in „African Arts“ 2002-1) vermittelt sogar den Eindruck, dass die „Nigerianer“ die aktiveren und kulturell einflussreicheren Handelspartner waren. Sie hatten den Duala attraktive Kulte und künstlerische Stile zu bieten (Calabari, Ijo, Ijebu-Yoruba). Alle aber hatten das gleiche Problem: Man musste die Risiken beherrschen, die unberechenbaren Fluss- und Meeresgeister günstig stimmen. Bekannt ist die Verehrung der „Mami Wata“ von Sierra Leone bis hinunter zum Kon- go. Die Duala nannten sie jengu (Plural mengu):

Die mengu regierten die Wasserwelt, waren die Herren der Fische, Seekühe und Krabben, auch von in der Strömung wachsenden Raffia-Palmen. Sie fanden sich in gefährlichen Strömungen, an verborgenen Felsen, an Wasserfällen, in dichtem Gebüsch und über Untiefen. Auf Djebalé findet man wahre Experten des jengu–Kults. Wie unter den Menschen gelten die mengu des Landesinneren als die Schwächsten, / und die des Meeres sind stärker als die der Flüsse. Sie regieren über die Unwetter, lösen Tornados aus, und wenn das Meer still daliegt, sind sie mit den Menschen beschäftigt. Da diese Wesen eine außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit zeigen, muss der Mensch sich komplex und klug verhalten. Wenn gekenterte Boote und deren Waren im Wasser treiben, heißt das, dass mengu sie an ihren Aufenthaltsorten lagern. Persönliche mengu als „Schutzengel“ rächen Ungehorsam mit Ertrinken oder Stunden andauernder Besessenheit...(René Bureau, „Le peuple du fleuve“, Pa- ris 1996).

 

Kriegskanus und Regatten

Mit ihren legendären Kriegskanus haben die führenden Klans der Duala ihre privilegierte Position bis weit ins 19. Jahrhundert verteidigt. Doch ausgerechnet unter dem wachsendem Druck seitens ihrer dienstbaren Völker und der imperialistischen Seemächte erreichte die Rivali- tät unter den Klanchefs ihren Höhepunkt. Englische Baptisten-Missionare waren nach 1840 die Avantgarde der Neuen Zeit. Die führenden Klans sahen ihre Chancen für die Zukunft darin, sich an die Spitze der Modernisierung zu setzen, sie traten zum Christentum über und schickten ih- ren Nachwuchs auf Missionsschulen und ihre Kronprinzen gleich nach Europa. Die Frage, wessen Partner sie sein wollten, schien beantwortet, bis es einer Handvoll Vertretern des Deutschen Reichs 1884 im Handstreich gelang, den zögerlichen Briten zuvorzukommen.

Max Buchner (1846-1921), Schiffsarzt, erfahrener Afrikareisender und damals für ein knappes Jahr provisorischer Vertreter des Deutschen Reichs in Duala, veröffentlichte 1887 in Deutschland einen dieser damals populären Erfahrungsberichte zur Förderung der Kolonisation. Wie negativ auch sein Urteil über die stolze und arrogant auftretende Elite in Duala ausfiel, über ihre Ruderregatten äußerte er sich ganz begeistert.

Originalton: Noch glänzender zeigt sich der ritterliche Sinn für kriegerische Übungen in dem Kanu-Sport der Dualla. Es ist bereist gesagt, daß der Verkehr von Kamerun (=Küstenregion, v.G.) sich fast ausschließlich auf dem Flusse und dessen Verzweigungen bewegt. Dieser Umstand hat nun zu einer Ausbildung der Eingeborenen in der Nautik geführt, die unsere Bewunderung hervorrufen muß. Die schlanken Kanuus der Dualla, deren stattlichste bis zu 25 Metern lang und an der stärksten Anschwellung, welche stets um ein Beträchtliches hinter der Mitte liegt, bis zu 1,70 Meter breit sind, gehören ohne Zweifel zu den ausgezeichnetsten Fahrzeugen der Erde, und die Geschicklichkeit, mit der sie gehandhabt werden, übertrifft Alles, was man sonst von / Küstenstämmen zu sehen und zu hören gewohnt ist, ausgenommen allein das Brandungsfahren der Kru-Jungen (….) Von fünfzig bis sechzig Mann gerudert, schießen sie mit der Schnelligkeit eines Dampfers über die Wasserfläche hin, und trotz ihrer Länge und Schmalheit drehen sie mit einer geradezu erstaunlichen Präzision. (….) Ein Wettfahren mehrerer größerer Dualla- Kanuus bietet denn auch ein Schauspiel ethnographischer Art, wie es deren auf der ganzen Erde nicht mehr viele zu genießen gibt. Die Kanuus sind dann meistens festlich geschmückt. Vorne auf dem Schnabel tragen sie dann gewöhnlich eine großartig aussehende, mehr oder min- der komplizirte Schnitzerei, die fast stets eine ungemein naive Verschlingung aller möglichen Tiere darstellt. Sollte dieses Hauptornament etwa fehlen, so steckt an seiner Statt ein frischgrüner Blätterbusch. Zur Kompletierung des Schmuckes gehö- ren ferner zwei Phantasieflaggen, mit dem Namen des Eigners versehene hinten, und eine kleine, unserer Gösch nachgeahmte vorne. Vollständig bemannt taucht des leichte Fahrzeug so tief ein, daß außer den zierlich verjüngten Enden, welche höher emporragen, nur ein ganz schmaler Bord noch trocken bleibt, und man sieht von dem Körper desselben eigentlich weiter nichts als die taktmäßig arbeitende Doppelreihe der Insassen, wie sie ihre spitzen Ruder in’s Wasser stechen / oder in kräftigem Bogen wieder emporheben. In der Mitte steht aufrecht der Kommandant mit irgend einem altertümlichen bizarren Federschmuck auf dem Haupte, wie es früher Sitte gewesen, und vor ihm sitzt der eifrig hämmernde Trommler. Die Ruderer begleiten den Takt ihrer Arbeit mit einem kriegerischen Gesang. (….) Dichte Schaa- ren begeisterter Zuschauer folgen am Strande, eifrig für das Kanu ihres Dorfes Partei nehmend, und fällt ihm der Sieg zu, was die Sieger durch Emporheben der Ruder kund thun, so kennt ihr Triumph kein Maaß mehr. Gellendes Geschrei auf allen Seiten erfüllt die Luft, man streitet sich wütend mit den Gegnern, welche be- haupten, übervorteilt worden zu sein, und nicht selten kommt es wieder zu Prügeln.“  (Buchner, 1887, S. 35ff., Orthografie wie im Original).

Buchners Schilderung erklärt, warum stattliche, bis drei Meter lange Modelle solcher Boote für die neuen ethnografischen Museen und für Privatsammler in Europa und Amerika höchst attraktiv waren, besonders, wenn sie die Vorbilder in Proportion und Dekoration naturalistisch wiedergaben. In Carl Hagenbecks Hamburger Tierpark sollen sogar Bootsrennen stattgefunden haben. Wenn auf den Modellbooten – gegen jede Wahrscheinlichkeit – militärisch uniformierte Ruderer und Kolonialflagge die Loyalität der neuen Untertanen symbolisierten, war das wohl von den Kunden gewünscht.

 

Kontaktzone

Unter ethnografischer Perspektive schätzte bereits Buchner die Bootsmodelle geringer ein: Häufig sind ferner Kanu-Modelle, bis zu einem Meter und darüber lang, mit rudernden Figuren, welche heutzutage nur mehr als Exportartikel für die Passagiere der Dampfer angefertigt werden und deshalb wenig ethnographischen Wert besitzen. (a.a.O. S.41)

Sie verschwanden jedenfalls nach wenigen Jahren bis auf Ausnahmen sang- und klanglos in den ohnehin überfüllten Museumsdepots. Bis in unser 21. Jahrhundert hat es gedauert, bis sogenannte stilistische „Kontaktzonen“ und ihre „hybriden“ Schöpfungen ihre kunstwissenschaftliche Anerkennung bekommen haben. Dem Kunsthandel / nahestehende Autoren schwärmen noch immer von „Stilzentren“ und schätzen die „Peripherie“ gering.
Da hatten die bereits vor der Kolonialzeit ‚modernisierten’ Duala schlechte Karten: Ihre künstlerische Tradition ist das Produkt komplexer lokaler, regionaler und externer Beziehungen, namentlich mit dem ‚Kameruner Grasland’, Cross River, Niger-Delta und den Europäern“. „Was die Europäer seit Mitte des 19 .Jahrhunderts an geschnitzten Masken, Stühlen, Paddeln, Bootsschnäbeln oder anderen Objekten erwarben, war <Duala>, wobei nicht immer klar ist, ob die Bezeichnung sich auf die ethnische Gruppe, den Ort gleichen Namens oder alle Gruppen bezieht, die in der Region zur Zeit der Sammlung wohnten.

Und was in europäische Sammlungen kam, war von spärlicher, unbestimmter und widersprüchlicher Dokumentation begleitet. (Rosalinde Wilcox)

Politisch ist das Schicksal der „Kontaktzone“ weniger harmlos. Koloniale und nachkoloniale Grenzziehungen und Grenzverschiebungen haben nicht nur in Kamerun zu sozialen und politischen Dauerkonflikten mit diskriminierten Minderheiten geführt. Aktuell scheint in den zwei „anglopho- nen“ Westprovinzen Kameruns der verdeckte Bürgerkrieg fast unlösbar. Dabei spielt weniger die zweite „Staatssprache“ Englisch die entscheidende Rolle, als die von Franzosen und Briten übernommenen konträren Bildungs- und Rechtssysteme. Darüber mehr auf meinem Blog.

 

Duala-Kanus und ihre Geschichten

Mir stehen inzwischen über ein paar Dutzend Bootsmodelle und geschmückte Bootsschnäbel als Abbildungen und Informationen zur Verfügung, dank der Unterstützung von Museumskuratoren in Chicago („Field Museum of Natural History“) und South Bend/Indiana („Snite Museum of Art“), in Boston („Peabody Essex“), Stockholm, Krakau, Bremen, Hannover, Dresden, Frankfurt am Main, München, Wien, Bern und Basel. Leo Frobenius hat mit einem illustrierten Aufsatz von 1897 „Der Kameruner Schiffsschnabel und seine Motive“ den Anlass dafür geboten.

Das „Field Museum“ stellte Unterlagen über den Erwerb einer großen Sammlung von Kunst aus Kamerun – überwiegend vom berühmten „Grasland“ – zur Verfügung. Sie kam aus dem Fundus der Firma J.F.G.Umlauff in Hamburg. Die überwiesene Summe betrug 27.000 US Dollar (1925). Das großartige Bootsmodell war allerdings in diesem Deal so unbedeutend, dass es im Vertrag nicht einmal Erwähnung fand und für Jahrzehnte im Depot überwinterte./

Wer hätte gedacht, dass diese 1868 / gegründete Firma, mit der Reederei Woermann und Carl Hagenbeck verbündet, um die Jahrhundertwende die ganze „zivilisierte Welt“ mit exotischen Objekten belieferte und –zigtausend Objekte hortete, zusammenstellte und bearbeitete. Welt- ausstellungen, Museen, Varietés, Völkerschauen und sogar Filmstudios waren die Kunden.

“Nach den Geschäftsbüchern reichte die Bandbreite der gehandelten Artikel von Zoologica, Konchilien und Ethnographica in verschiedenster Größe, Beschaffenheit und Anzahl bis zu Anthropologica aller Art (Schädel, Knochen, Gehirne und Föten in Spiritus). Das bedeutet, daß außer Pflanzen einfach alles, was ein Reisender aus einem fernen Land mitbrachte, von der Firma Umlauff aufgekauft und weiterveräußert werden konnte; häufig auch lebende Tiere, die dann an die Firma Hagenbeck weitergegeben wurden oder, wenn sie wie in vielen Fällen eine Reise nicht überlebten, sowieso von der zoologischen Abteilung verwertet wurden. Die Abnehmer dieser diversen Dinge waren Museen und wissenschaftliche Institute der entsprechenden Fachrichtungen sowie Privatsammler in aller Welt, bis hin zum damaligen Dalai Lama.“ (Zitat aus Thode-Aurora „Die Familie Umlauff und ihre Firmen – Ethnographica-Händler in Hamburg“ Mitteilungen… Neue Folge 22, 1992, S. 147-48)

 

Provenienz?

Bei einer solchen Adresse verliert man logischerweise die Hoffnung, Provenienzen zu ermitteln. Allerdings legten die Umlauff Wert auf Dokumentation. Auch in Museen enthält manche Karteikarte den Namen von Einlieferer oder Mäzen, einige auch ein paar biografische Daten. Kolonialge- schichte und Provenienzforschung haben inzwischen Konjunktur und liefern Infor- mationen. Offensichtlich profitieren auch die nationalen Wikipedia-Seiten davon. / Jeder Eigenname kann zum Schlüssel werden. Denn „Sammler“ waren oft auch Akteure auf kolonialen Bühnen.

Über das Objekt erfährt man auf diesem Wege fast nichts, doch werden – anders als in der Vitrine – die Umgebung und der Hintergrund lebendig. Darauf habe ich mich in den jüngsten Blogs konzentriert. Darin treten beispielsweise ein hierzulande bislang unbekannter polnischer Nationalheld auf, zwei schwedische Bürgersöhne, die am Kamerunberg ihr Glück suchen, ein Weltenbummler und Mäzen aus Boston, ein angehender Craniologe (Schädelforscher) aus Basel und der spätere Museumsleiter Buchner in München. Ich begegne provisorisch installierten Amtsträgern, aber auch Missionaren, Agenten, Hilfspersonal von damals und – nicht zuletzt – Kamerunern einer bitteren Epoche ihres Landes, das noch heute von den Spätfol- gen der Kolonialeroberung gezeichnet ist. Mit einem amerikanischen Ingenieur und einem französischen Verleger sind auch Afrika-Sammler meiner Generation vertreten, solche mit einem davon unabhängigen Hauptberuf und begrenztem Budget.

Am Ende könnte die anfangs geschilderte Provenienz meines Bootsmodells doch stimmen. Ausgerechnet die Zeitangabe „1800“ wäre ein Indiz dafür, unabhängig davon, ob der Händler mit dem Chef auf Djebalé gesprochen oder die Information bloß aus dem Netz hat. Denn Josiane Kouagheu, Bloggerin aus Douala, besuchte 2016 die Insel mit einem Kanu-Taxi. Sie berichtete:

In der Chefferie begrüßt Sie der Dorfvorsteher Isaac Dibobe. Sie müssen ‘Majestät’ hinzufügen. Er erzählt Ihnen wie ein Geschichtenerzähler am Feuer von seiner Insel, die er seit mehr als einem halben Jahrhundert kennt, und führt Sie herum. Er sagt: “Im Jahr 1800 entdeckten die Deutschen Djebalé während ihrer Präsenz in Kamerun.” Der Name der Insel komme von einer Meerjungfrau namens Djobalè, mit dem der Legende nach der erste schwarze Mann, der die Insel betrat, zusammengelebt und mehrere Kinder aufgezogen hat. (https://josianekouagheu. mondoblog.org/2013/01/20/djebale-une- ile-oubliee-derriere-douala/)

„1800“– war das nicht die magische Zahl für „die gute alte Zeit“ an der Kamerunküste?

 

Empfehlung

Am Ende der Reise möchte ich Interessierte auf mein Webprojekt mit einem ganzen Dutzend Beiträgen hinweisen. Sie sind illustriert, dokumentiert, verlinkt und mit ausführlichen Literaturangaben versehen: www.detlev.von.graeve.org – „Duala- Projekt 2019-22“. (LINK)

 

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