Oh Georgia!

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Am 2.1.2004 waren wir mit der Bahn durch den Winter in einer Parforcetour nach ZĂŒrich und zurĂŒck gefahren, ohne ICE-Probleme. – Redaktion meiner Notizen. Karin meint heute, die EnttĂ€uschung hĂ€tte mit der drittlassigen Auswahl zu tun. Warum nicht? 8.12.13 dvg   

Das GlĂŒck am Tag danach, ausgetrĂ€umt, und erst nach dem Blick auf die Speisekarte des Bahnhofslokals. ZĂŒrichs kaltes GlĂŒck.

Beim DurchblĂ€ttern der BildbĂŒcher werde ich unsicher, der Mythos kehrt zurĂŒck: Eine stĂ€rkere Ausstellung wĂ€re leicht vorstellbar gewesen. Dennoch hat der blitzhafte Eindruck vor einer Woche, das Taschen-Buch in der Hand, sich mir bestĂ€tigt: Keine große Malerin! Vielleicht ein Große Gestalt der Moderne. Jedes Wort des Ausstellungsflyers muss man auf die Goldwaage legen, das schließlich zwei Herren dienen muss: dem Kunsthandel und dem Akademismus. Jetzt: Vom Publikum durchgedrĂŒckt, als Ergebnis raffinierten Marketings, so etwas wie Franz Marcs Blaue Pferde o.Ă€., könnte sich Georgia als Erste GrĂ¶ĂŸe etablieren.

Ihre kleinen Zugaben, ihre Pinsel-Diktatur ĂŒber eine ĂŒberlegene NATUR, seien es die blau ĂŒbermalte AtmosphĂ€re, eine gigantische Erosionslandschaft oder … Im „Westen“-Buch tauchen weiterentwickelte Fassungen auf, die kuratorisch zu versammeln wĂ€ren, statt einzelne unsichere Schritte zu Ikonen zu machen.

Die LektĂŒre der Sarah Whittacker Peters vorher war wertvoll, da ich die SchlĂŒsselwerke erkannte und von ihrem Selbst-Recycling (von den dreißiger Jahren an) klar unterscheiden konnte.

SchlĂŒsselwerke, die sie und ihre Umgebung als Werke der Heilsgeschichte gewertet wissen wollte, die es aber unbestritten nur im Horizont der KĂŒnstlerbiografie sind. Was fĂŒr kleine Götter vermitteln da ihre Legenden! Was fĂŒr bescheidene Botschaften! Die in den historisch bedeutenden Religionen sich bloß als Handwerker begriffen hĂ€tten, werfen sich zu Göttern, zumindest Heiligen auf! Georgias Eskapaden neben die Krischnas stellen?

Ab den 30er Jahren sumpfte Georgia im Westen vor sich hin. Irgendwann kam ihr der American Spirit in Form des Schulmalkastens ĂŒber, dann zwischen den Zeitschriften eine mit Dalis surrealen Körperteilen in sonniger Landschaft. Selbst die Titel werden zuweilen einfach banal.

Die GrĂŒnde, weshalb StieglitzÂŽverzweifeltes Konkurrieren mit der Malerei fĂŒr aussichtslos waren, gelten fĂŒr die Malerin Georgia am wenigsten: Selten erreichen ihre Bilder die Ausstrahlung selbstverstĂ€ndlicher Existenz! Fast immer zeigt sich ein Gemurkse am Rand oder im Hintergrund, die schon normalen ‚Muttermale’ der KunstrevolutionĂ€re der Klassischen Moderne. Nirgendwo trĂ€gt eine absichernde Routine, auch die des degenerierten Akademismus nicht, weil da immer der Dreizack des Neptun-Modells hervorragte.

Mo 5.1.

Die Ausstellungsnotizen im BĂŒchlein bearbeiten, statt Arbeiten zu korrigieren oder Briefe zu schreiben.

Was ein Getue um den Dildo (im Darkroom), so klein und fein wĂ€re er der Stolz eines jeden Gentleman, Heilige OstkĂŒste!

Entscheidend beim AbstraktionsgeschÀft ist, ob die Natur als Vorlage trÀgt oder eben nicht, wie z.B. beim uninspirierten Laubverschnittbild.

Immer wieder die Pinselarbeit, der Pinselstrich: Bei den fantastischen „Calla Lilies, 1928“ erscheint er geordnet, gezĂ€hmt zu textiler Wirkung. Das ist aber auch das GĂŒnstigste, was sich von den Originalen berichten lĂ€sst. Kleines sorgfĂ€ltiges Handwerk, sagt die Quilterin Karin! Sie berichtet von spezieller Grundierung.

Frage: Warum kommen die Bilder in den Reproduktionen so gut? frage ich mich auch heute. Vielleicht das Beste, was aus ihnen werden kann! Zum Beispiel „Birch Tree“ – K. erkennt „das gelbliche Licht“ auf der Rinde wieder. Da ist aber „viel abgeschĂ€lt“ worden! Auch die „Dark Tree Trunks“ von 1932, die sich aneinander reiben: In der Reproduktion stört mich die sexuelle Schlangenassoziation nicht.

Ich notiere: „Aus der NĂ€he das Formprinzip“ erkennen – und spĂ€ter finde ich 1924 bei Frank Stella das NĂ€mliche an Themen und Prinzip. Dem nachgehen!   (Cicerone,Halbjahresband1924 ii)

In den Vierzigern  ĂŒbersetzt  Georgia OÂŽDalis surreale Anatomien in ihre Cowboysprache, das heißt in gebleichte Skelette; von fern lĂ€sst schon Gunther von Hagen grĂŒĂŸen.

Noch einmal zu den  „Calla Lilies, 1928“  und den anderen: Auch wenn die Ausstellung nicht optimal bestĂŒckt ist – Manche Varianten sind mir schon als Ansatz nicht nachvollziehbar, als Teil des „Werks“ schon gar nicht. So krasse QualitĂ€tsunterschiede!

Was hat das mit der Entdeckung des Amerikanischen Nationalgeistes (von Baudrillard  ironisch gefeiert!) und der rÀumlichen Trennung von Stieglitz zu tun ?

Katchina, Kreuz mit Herz Jesu ( grĂŒnes Gras grĂŒn), der Krimskrams „from the Lake“ und das Farmhaus ( weißer Schnee schneeweiß) – ein Neuanfang ganz elementar:

GefĂŒhlswerte? –  Objekte sind isoliert und auf Elementarschulform gebracht in das Fenster der Leinwand gestellt.

Und dann die Remakes: Die spĂ€ten  „Calla Lilies“ usw. werden nicht besser oder etwa die Trauerblumen von 1932 :„Weiße Trompetenblumen“. Ebensowenig die fĂŒr sie biografisch wichtigen Motive von 1915-17.

Daran stört mich anachronistisch – heute 2004 – die Strategie der Verwerter, beim Publikum eine bestimmte Rezeption zu erzeugen, die eines Heftromans wĂŒrdig wĂ€re: Jeder dieser KĂŒnstler reprĂ€sentiert eine klitzekleine Heilsgeschichte, die soll man ganz ernst nehmen. Erfolg: die Distanzlosigkeit zu den kleinen OhrflĂŒsterern ist den Besuchern vom Gesicht abzulesen. Alle diese kleinen DurchbrĂŒche addieren sich letztlich doch bloß zu atemberaubenden Auktionserlösen und Versicherungssummen.

In „Black Place I,1943“ hat sich eine nackte Erosionslandschaft in ein halblebiges Phantom verwandelt: Wann steht denn der Riese auf, dessen weite faltige Hose der Bildausschnitt vorstellt? Im entsprechenden Buch finde ich spĂ€ter eine weniger infantile Version.

Der Gestus einer Fotografie von Edward Weston – „Zabriskie Point Death Valley 1938“ – ist trotz des kleinen Formates der Abbildung viel stĂ€rker. Übrigens geht Georgia mit dem Schwarz achtlos um.

„Ist gemalt besser?“ Nicht, wenn Georgia BĂ€ume zur BĂŒhnenfigur verkleidet oder aus den „Black Hills“,1944 einen dicken Arsch macht. Was macht Georgia angesichts dieser grandiosen Natur (die ich vielleicht doch noch einmal erleben darf)? Sie versucht ihre kleine kĂŒnstlerische Zutat unterzubringen.

Sie nimmt nicht einmal die MĂŒhen der Freilandmalerei auf sich, indem sie z.B. das Licht grob und willkĂŒrlich behandelt.

Und die Kunstformen? Da bieten FlĂŒsse beliebige Kurven, Adlerschwingen beliebige Zacken. Das heraufziehende Gewitter wird auf ein paar Bytes Information reduziert. Nur manchmal erreicht ein Bild das Niveau des ihr Gebotenen, wie vielleicht das Gewitter „From the plains“ 1954. Und das wird gleich x-mal als Highlight reproduziert!

Die Kohlezeichnungen haben mir gefallen: Studien, prÀzis in der Kontur und klar in der Form.

Ein paar Stunden spÀter: Der erste Blick auf die Asiatica des Rietberg-Museums hat das ganze OŽKeeffe-Zeugs und den Rummel darum disqualifiziert.

3.1.04, ĂŒberarbeitet 8.12.2013

Eine Liste der verwendeten KunstbĂŒcher folgt.

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