Die „Petite Messe Solennelle“ von Rossini verführt zur „Unterwerfung“

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Der Hochschulchor der HfMDK führt am 26.1.2022 in der lutherischen Wartburgkirche in Frankfurt „Petite Messe Solennelle“ von Gioachino Rossini (1792-1868) auf. Und in meinem Kopf rumort das Motiv „Unterwerfung“ von Houellebecq. Was für ein Mangel an Bildung!

Im Faltblatt druckt man den Text Latein und Deutsch. Das wie in Stein gemeißelte Kirchenlatein erscheint zunächst irritierend kurz, bevor man darin die Vorlage für ausgiebigen Belcanto erkennt, in der Oper gewöhnlich als Übertitel projiziert.

(Der Text wird unten angehängt)

Ich phantasiere eine Auftragsarbeit für den Vatikan, meinetwegen in einer späteren Bearbeitung für zwei Klavier,  Harmonium und 50 Personen starkem Chor. Ausgehend von einer dummen Verwechslung  des Komponisten „Rossini“ mit „Puccini“ versetze ich die Entstehung in die Reichweite der triumphalistischen Unfehlbarkeitslehre des damaligen Papstes.

Neunzig Minuten Überwältigung mittels aller Register der Musik mit unüberbietbar redundante Botschaft von begeisterter Unterwerfung unter den Dominus Deus, Herrn und Gott.

Herrschaftsmusik für das Volk! Keine gregorianisch spröde Spiritualität, sondern knackiger Barock zwischen Zurbaran’schen Tränen und den Hollywoodparties einer  Himmelsnoblesse mit satten Pobacken.

Ein schmetternder Tenor feiert dramatisch seine starke, entschlossene mannhafte Unterwerfung unter den Altissimus, den Allerhöchsten. Unbeschreiblich süße weibliche Klagegesänge erklingen in getragenem Ton, der große Chor verkörpert das benebelte Kirchenvolk. Unermüdlich wird das Konzert angetrieben von stampfenden oder hüpfenden Rhythmen der zwei Steinways und dem veritable Orgelklänge produzierenden Harmonium. Die Zuhörer mögen den Originaltext nicht verstanden haben, aber wurden gewiss hinweggespült von den Wogen süchtig machender Musik. Die Aufnahmefähigkeit des modernen Zeugen ermüdet, aber man wünscht doch, es möge nie aufhören.

Verwendung findet ausgefuchste Opernmusik – einmal selbst mit Jacques-Offenbach’schen Wendungen in der Begleitung. Sie irritiert als „dramatische Oper“ ohne Drama, ist nicht mehr als formelhaft verknappte Andeutung und endlos wiederholte Anrufung. Das musikalische ‚Kleid’ passt nicht.

Geradezu gotteslästerlich erscheint der kritische Moment der Station L’Offertoire in der Hl. Messe  – diskret übertragen als „Offertorium“. Im Duden- Fremdwörterlexikon erfahre ich später: „Darbringung von Brot und Wein mit den dazugehörigen Messgebeten, die deren Konsekration (Heiligung, Wandlung) vorbereiten“. Die im Konzert logischerweise leere Zeit wird zu einem Prélude Réligieux, einem instrumentellen Potpourri genutzt: Machtvoller Glockenklang, intime Trauermusik und das übliche Orgelzwischenspiel auf dem Harmonium, mit einem Anklang an Valse Musette und einer Ahnung von Libertango (Piazzolla).

Im 21. Jahrhundert scheint alles und jedes zu Kunst, zu Kulturerbe zu werden.

Aber war es das nicht bereits im 19. Jahrhundert?

 

Wie ist die „ Kleine feierliche Messe“ wirklich entstanden?

Der Paris Operjungstar Rossini übernahm im Alter und dreißig Jahre nach seiner letzten Oper den Auftrag der für ihre Salons bekannten Gattin eines französischen Bankiers und Mitglieds der Banque de France. Er sollte für die Einweihung ihrer neuen Hauskapelle eine „kleine Messfeier“ schreiben. Eigentlich war er in Paris zum Feinschmecker geworden und vschrieb nur noch Gelegenheitsstücke, die er unter dem humorvollen Titel „Alterssünden“ sammelte. In seiner „Messe“ spielte er alle seine kompositorischen Trümpfe aus.

Mit dem BelCanto war er freilich der letzte seiner Epoche. Mit der Abwendung der jungen Komponisten verloren die Sänger für fast ein Jahrhundert die dafür notwendigen speziellen Gesangstechniken. Die „kleine Messe“ eignete sich nicht für populäre Kirchenpropaganda. Heute werden Spezialisten ausgebildet, so wie für die Anforderungen der Barockoper.

Ich hänge an den Lippen der Solisten. Ich prüfe das Mienenspiel der Solistinnen. Mir kommen die muslimischen Gattinnen in Houellebecqs Roman „Unterwerfung” in den Sinn.

Über die Auftraggeber weiß noch kaum etwas. War der Gatte, aus Genf gebürtig, für hohe staatliche Funktion in Frankreich zum Katholizismus konvertiert? Oder müssen ‘Doppelmoral’ und ‘Eitelkeit’ im Second Empire als Erklärungsansätze herhalten?

S.2-3

S.4-5

PROGRAMM HFMDK 26.1.2022 19.30 – S. 6

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