Der Zeitzeuge ist ein Schamane. (Skizze)

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Der Schamane reist auf eine Anforderung aus seiner Gemeinde hin in einem Ritual in die entfernte Welt der abgeschiedenen Geister. Er versetzt sich dafür in Trance. Die Abläufe und – so welche gesprochen werden – die Worte sind weitgehend festgelegt.

Der zur gesellschaftlichen Rolle des Zeitzeugen Berufene versetzt sich mental nach den Einsatzplänen seiner Organisation in den ihm vertrauten Bezirk seiner Vergangenheit. Auch dieses Ritual ist öffentlich, es findet in Schulen und Gedenkräumen statt. Wie tief seine Trance ist, wage ich nicht zu beurteilen, schließlich sind auch bei schamanistischen Praktiken Zweifel daran erlaubt. Die Filmdokumentation der schamanistischen Praktiken in den achtziger Jahren in Westnepal  (Oppitz: „Schamanen im blinden Land“) bestärkt bei mir solche Zweifel, sogar durch rituelle Texte. Sie wirken wie exotische Dorfpfarrer. Der traditionelle Schamane verfolgt therapeutische Ziele, oder erzieherische. Er holt Rat bei den Ahnen, er soll Krankheiten und Übel heilen, die aus der Vernachlässigung von Geistern entstanden sind. Das hat er mit dem Zeitzeugen gemeinsam. Auch der Zeitzeuge verkörpert als Medium eine ansonsten unsichtbare Realität. Er ist auf unbegreifliche Weise mit einer fernen Wirklichkeit verbunden, jedenfalls für sein Publikum. Wenn man ihm die Hand drückt, fasst man Geister an. Mich würde es bestimmt dazu drängen, denn ich hätte in meiner Jugend auch dem auferstandenen Christus gern in die Wunden gegriffen.

Vieles am Auftritt von Zeitzeugen ist banal geworden:  Die KZ-Nummer ist lebenslang eintätowiert? Tatoo ist heute Mode. Herkömmliche Geschichtsdidaktik bestimmt seine Rede, die er in abgegriffenen Alltagsworten hält, was manchen jungen Hörer bald zum Widerspruch reizt. Die Regie der Veranstaltung liegt ohnehin selten in seiner Verantwortung. Als Lehrer zog ich einem solchen Auftritt fast immer andere Medien vor. Wir sind schließlich überwiegend moderne, meist agnostische Menschen.

 Niedergeschrieben am 7.6.10 nach einem angeregten Gespräch mit dem Dokumentarfilmer Malte, der ein Jahr lang Zeitzeugen begleitet hatte, und Fritz Kramers ethnologischer Vorlesung über ‚Kult und Kunst’ an der Universität am selben Tag.

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