Betrifft: „Lesefrüchte vom Dritten Ufer“ – Baitello Jr.

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Nachtrag, der den ersten Beitrag verschlingt. Oder doch nicht?

Norval Baitello Júnior : „Schrift verschlingt Bild verschlingt Schrift. Auf der Suche nach dem anthropophagischen Denken bei Vilém Flusser. Kommunikation als das Verschlingen des Anderen“, in: Susanne Klengel/Holger Siever (Hg.) „Das Dritte Ufer. Vilém Flusser und Brasilien“, Königshausen&Neumann Würzburg 2009, S.145 – 158     

Als ich jüngst diesen Essay von 2006 las, merkte ich, dass in der Versammlung meiner „Lesefrüchte“ etwas Wesentliches fehlt. Und plötzlich war es, als ob auch die Tagung in Lissabon 2011 und die darauf basierenden  flusser-studies 11 daran anknüpfen würden.

Norval Baitello sucht mit Spürsinn brasilianische Wurzeln im flusserschen Denkstil und findet welche. Vilém Flusser erscheint als Kind der intellektuellen Rebellion in Brasilien gegen „meist unkritische“ „pret-a-porter-Übernahmen“(146) aus den Metropolen. Die brasilianische Moderne sah sich als genialer und ungebärdiger Schüler der Alten Welt. (146). Die Alternative des Modernismo war radikal eklektisch.  In Deutschland schätzte der Herausgeber der Zeitschrift „Merkur“ Hans Paeschke die Wildheit an Flusser[1], ebenso dachten wohl die FAZ-Redakteure in den Sechziger Jahren über ihren schrillbunten Korrespondenten.

Flusser  hatte mit der Vertreibung aus Europa 1939-40 einen dramatischen Verlust erfahren. Was kam dem ins Bodenlose Stürzenden gelegener, als an der Peripherie der bewohnten Welt aufgefangen zu werden  von unschuldigen  Anthropophagen – Vicente und Dora Ferreira-Silva – die eine intellektuelle und künstlerische, nicht eine ökonomische imperialistische Anthropophagie praktizierten. Er erlebte eine allgemeine Aufbruchsstimmung in den Künsten und der Literatur, wo man Ursprungsmythen als ureigene Ausscheidung betrachtete – synthetisch und disparat wie Candomble, Voodoo, Capoeira, Samba und die Geschichten des Sertao. Flusser rührte seinen eigenen Zaubertrank. Oswald de Andrade und Kafka, Seume und der Buddhismus kamen hinein, die jüdische Tradition wohl erst später. Diese Ingredenzien hatten ebenso viel Einfluss auf ihn wie die europäischen Philosophen Wittgenstein und Heidegger.

Kreative Menschen verschlingen und verdauen seit jeher. Waum soll man diesen Vorgang nicht anthropophagisch nennen?[2] Es war doch egal, wer die Vorlagen lieferte, ob mit Hans Staden ein transatlantischer Simplizissimus des 16.Jahrhunderts oder ein Ethnologe der Jahrhundertwende wie Koch-Grünberg[3]. Hauptsache, ein brasilianischer Pfad führte aus der Vorgeschichte unmittelbar  in die Nachgeschichte der modernen Zivilisation., Was Vilém Flusser als großer, alles überwölbender  Zivilisationsprozess erschien, war zugleich sein persönliches Thema: Traditionen auszuweiden und zu verschlingen, die mit den Katastrophen seines Jahrhunderts an ihr Ende gekommen waren.

In seiner „Historia do Diabo“trug seine Kritik an der industriellen Produktion und dem Konsumismus das tropisch-barocke Gewand der „Völlerei“. (ebd.: 150) „Völlerei“ ist ein weit gespannter Begriff, der zum Beispiel von der Todsünde der christlichen Theologie bis zur Physiologie[4] reicht – geradezu eine anthropologische Konstante. Darauf hat gerade wieder Achim Peters in der FAZ (4.6.11,S. Z3 ) in Verbindung mit dem Energiebedarf des Gehirns hingewiesen. Flusser entleerte den Begriff nicht nur, sondern stülpte ihn noch übermütig um wie eine Socke – oder eher wie einen Damenstrumpf.

Für den von Baitello hypothetisch der Glosse unterlegten „Feminismus“  hätte sich eine selbstbewusste Leserin der Zeitung „Globo“ sicher bedankt. In dieser Form hat der eine lange Tradition und ist auf allen Kontinenten verbreitet. Ich erkenne darin etwa Kali-Durga wieder, die nur ein paar Täler weg neben dem „Buddhismus“ beheimatet ist. Auch die  Geister des afro-brasilianischen Voodoo lagern bedrohlich nahe bei der Shopping Mall des Konsumismus. Diese Geister verschlingen mit Vorliebe Luxusgüter wie Parfums, Cognac.

Seien wir ernsthaft: Wir vermögen dem Dichterdenker – „Literapensante“ (Giannotti; ebd.: 146) – ja in seine kühnsten Kapriolen der Zeitkritik zu folgen, weil wir selber das Grundthema gut kennen. Immerhin erwägt Baitello auch die Möglichkeit, das Buch sei „Flickwerk“. Er will seine Antwort von der rettenden „überzeugende(n) gedankliche(n) Verknüpfung“ abhängig  machen. (ebd.: 152) 2013: Was ist übrigens daraus geworden?

Ich resümiere meinen Erkenntnisgewinn aus diesem Aufsatz, und der ist überraschend groß:

Ich lerne das brasilianische Nichts – genauer das des poetischen „Konkretismus“ (ebd.: 154) –  kennen, nachdem ich – in seinem brasilianischen Nachruf auf Hannah Arendt – bereits dem brasilianischen „Funktionär“ begegnet bin. Die zitierten fröhlich spielenden Funktionäre (ebd.: 156) liegen offensichtlich Flussers telematischen Phantasien zugrunde. Und für den geliebten Essay „Häuser bauen“ erhalte ich brasilianische Kontexte. Obwohl mir die Kontexte aus der eigenen Lebenswelt vorher auch plausibel erschienen sind.

Wir kennen in Europa aus den späteren Schriften vorwiegend ein europäisiertes Bild von Vilem Flusser. Man betrachtete ihn vielleicht als Rückwanderer – solche Leute meinen wir Deutschen zu kennen – und er gab sich nach Jahrzehnten in Brasilien als moderner Nomade ohne feste Bindungen. In seiner Person wird die Vorspiegelung von Nähe bis heute von seinem böhmischen Akzent und überhaupt seiner sprachlichen Gewandtheit verstärkt. Das Bild von Brasilien ohnehin für viele von uns kaum detailreicher als die Vorstellung von  Zuckerhut, Regenwald, Favelas und Brasilias Kolossalbauten. Wer las und liest in Europa schon brasilianische Literatur oder gar ‚konkrete Poesie, zumal in Übersetzung? Die dreißig Jahre seines Lebens drüben waren im Grunde für uns Deutsche eine irritierende Lücke in seinem Lebenslauf, von ein paar zögernd mitgeteilten Daten notdürftig überbrückt. Das wird jetzt anders:

Auch der autodidaktische Vilém Flusser erhält in Baitellos Darstellung mehr Zeichnung und Tiefe: Er ist rebellisch und neugierig – nimmt Anregungen auf,  so wie Kinder Bücher verschlingen und frei in ihren Kosmos einbauen. Ganz in diesem Sinne thematisiert Baitello die brasilianische Kinderbuch-Rezeption von Stadens Kannibalen.(Vgl. ebd.: 147/8  4.Kap.)

„Unvorhergesehene(r) überraschende(r) Formate“ (147) –  In solchen  „Gesten“ sehe ich den aufblitzenden Schalk Vilem Flussers. Die „Geschichte des Teufels“ ist Flussers erstes Buch (149) – Wäre das nicht der auszuschildernde Anfang eines Ariadnefadens durch sein labyrinthisches Werk?      –   17.12.11


[1] Brief vom 12.8.1990 an Flusser: „… am Anfang unseres Kontaktes … empfand ich Ihr Temperament noch als exotisch und ihre Gedanken als eine höchst originelle Paraphrase der so lianenhaft verschlungenen Gewächse in den Urwäldern Brasiliens.“ Berliner Flusser-Archiv, Ordner : Briefwechsel mit „Merkur“ u.a. deutschsprachigen Publikationen, S.109

[2] Nur der moderne Wissenschaftler muss – übrigens ebenso wie seine Versuchskaninchen- seine Verdauung weitgehend nach außen verlegen, damit sie auf die korrekte Anwendung der  vorgeschriebenen Prozeduren kontrolliert werden kann. Oder doch nicht, weil sie niemand liest? (so Sloterdijk im „Spiegel“ 49/2011,126)

 

 

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