Falschinformation in den Netzwerken (Hany Farid, Berkeley)

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Interview von  Marie-Astrid Langer (NZZ) mit Hany Farid 13.08.2021, 05.30 Uhr

Titel Falschinformationen zu Corona: «20 Prozent der Leute glauben, Bill Gates wolle ihnen einen Mikrochip einsetzen»”

Falschinformationen zur Corona-Pandemie seien dank den sozialen Netzwerken ein Massenphänomen, sagt  Hany Farid, Professor an der Fakultät für Computerwissenschaften und der School of Information der Universität Berkeley in Kalifornien. Die Frage, wo man die Grenze zwischen wahr und falsch ziehe, ist für ihn nebensächlich – er propagiert eine ganz andere Lösung. Als Experte für Falschinformation und Deepfakes hat er Programme wie Photo-DNA mitentwickelt, mit deren Hilfe Microsoft, Facebook, Twitter und Google heutzutage extremistische und kinderpornografische Inhalte im Netz aufspüren und offline nehmen.

Quelle:  https://www.nzz.ch/technologie/allen-verschwoerungstheorien-ist-ein-gefuehl-der-ueberlegenheit-gemein-ld.1639199?kid=nl101_2021-8-14&mktcid=nled&ga=1&mktcval=101&trco=

Zitat

Sie sind ein Experte für Deepfakes, computergenerierte Fälschungen. Welche Rolle spielen solche Aufnahmen in der Verbreitung von Falschinformationen zur Pandemie?

( ) Es hat sich gezeigt, dass wir gar keine anspruchsvollen Fälschungen brauchen, dass wir letztlich viel dümmer sind, als wir meinen. Das Problem mit Deepfakes ist aber, dass die Leute wissen, dass man theoretisch einfach falsche Inhalte erstellen kann. ( ) Wenn du in einer Welt lebst, in der jede Audioaufnahme, jedes Video und jedes Bild gefälscht sein könnte, dann muss gar nichts mehr wahr sein.

Wie sollten soziale Netzwerke denn Falschinformation definieren?  ()

Wir definieren Falschinformation nicht gemäss dem, was wahr und falsch ist, sondern gemäss dem, was unser bestes Verständnis nach jetzigem Wissensstand ist. Das ist der einzige plausible Ansatz. Die Ursprünge von Covid-19 sind nach wie vor unbekannt, über die Wirksamkeit von Masken wird nach wie vor diskutiert.

Ich werbe auch nicht für eine Kategorisierung in erlaubt und nicht erlaubt. Denn dann begibt man sich auf den wackligen Grund der Redefreiheit und der freien Meinungsäusserung, sowohl hier als auch in Europa. Stattdessen bin ich dafür, sich die den Empfehlungen der Plattformen zugrunde liegenden Algorithmen anzuschauen. Diese muss man so konfigurieren, dass sie belastbare, bedächtige, anständige, zivilisierte und ehrliche Inhalte bevorzugen.

Man kann den Leuten weiterhin erlauben, auf Facebook alles zu posten, was sie wollen. Wenn man diese Beiträge nicht mithilfe von Algorithmen aus dem Meer von Inhalten herausfischt und künstlich über die Newsfeeds verbreitet, dann sind sie recht harmlos. Wenn die Firmen stattdessen entscheiden, Verschwörungstheorien zu vervielfältigen, dann müssen sie dafür die Verantwortung übernehmen. ( )

Die sozialen Netzwerke verteidigen sich damit, dass sie nur ein Spiegel der Gesellschaft seien.

() Ja, die Firmen spiegeln die menschliche Natur in dem Sinne, dass sie nicht selbst die Inhalte erstellen. Aber sie spiegeln eine stark ausgewählte Teilmenge der menschlichen Natur – diejenige, welche einem zuträglich ist, wenn man Engagement und Profite generieren will. Sie wählen die schlimmsten Akteure aus, vervielfältigen deren Ansichten, und dann sagen sie: «Hey, so was machen die Leute nun mal.» Das Gleiche trifft auf Tiktok, Twitter und Youtube zu. Alle diese Plattformen wählen Gewinner und Verlierer danach aus, was ihre Profite maximiert. ( )

Was wäre denn für Sie eine Lösung?

( ) Die wahre Lösung besteht für mich darin, den sozialen Netzwerken eine Pistole auf die Brust zu setzen und damit zu beginnen, die monetären Strafen gegen sie zu erhöhen. Die Busse von 5 Milliarden Dollar, welche die Wettbewerbsbehörde FTC gegen Facebook verhängt hatte, hat die Firma kaum interessiert. Man trifft solche Billionen-Dollar-schweren Firmen nur, wenn man es möglich macht, dass jedermann sie wegen Verstössen hinsichtlich ihrer Haftbarkeit verklagen kann.

Die Gesetzesentwürfe, die ich zurzeit am besten finde, sind jene aus Grossbritannien, Brüssel und dem Capitol, welche eben nicht sagen, welche Inhalte auf den Plattformen erlaubt sein sollten; das ist ein gefährliches Spiel für eine Regierung. Sondern diese Entwürfe schreiben Facebook dann Verantwortung zu, wenn seine Algorithmen bestimmte Inhalte für den Newsfeed auswählen und deren Verbreitung somit fördern.

Also ist Regulierung Ihrer Meinung nach die einzige Antwort?

( ) Ich hätte es gut gefunden, wenn die Plattformen das Problem eigenständig gelöst hätten. Aber sie verdienen einfach so viel Geld mit ihrem jetzigen Ansatz. Facebook hat gerade erst mitgeteilt, dass es seinen Gewinn im Vorjahresvergleich verdoppelt habe. ( ) Haftbarkeit ist das, was Firmen in diesem Land zum Handeln bringt.

Kurzkommentar  Admin.

Klar, eine amerikanische Perspektive! Vor allem die Drohung von Schadensersatzprozessen, aber auch die im ZITAT gestrichenen Hinweise darauf, dass falsche Informationen heute in den USA viel stärker politisiert sind als früher. Wichtig waren mir die politischen Hebel.

Ich experimentiere mit dem Format. ZITAT soll den Beitrag nicht überflüssig machen oder diskutieren. Wenn, dann mit einem passenden Beitrag verlinken.Die passende Kürze lässt sich auch nur durch wiederholte Kürzungen erreichen, ist vielleicht auch das Ergebnis genauerer Lektüre, da sie die Perspektive und Schwächen aufdecken kann.   16.8.21

 

 

 

 

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