Oscar Niemeyer – der naive Held

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Osterspaziergang im Deutschen Architekturmuseum DAM, Frankfurt  

Wie auf einer Achterbahn wechseln wir zwischen Bewunderung und Ernüchterung, und da endet sie schließlich: Angesichts der über dreihundert Projekte auf der Banderole ist die erste Bilanz:  Beton bleibt Beton. Die gerade Linie  hat sich durchgesetzt – und deren Auftraggeber. Man muss aber Macho-Feuilletonisten nur etwas von „Formen einer Frau“ faseln und sie schließen die Augen selbst vor deutlich anderen Formen. Die dünnen Säulenfüße können – wie Karin andeutet – auch etwas anderes vermitteln als ihre angebliche “Leichtigkeit”: fehlende Bodenhaftung. Ein einziges Mal – im eigenen Privathaus von 1955 – entstand in der Achtung vor dem Felsbrocken und in der Luftigkeit des Bungalow ein paradiesisches Miteinander von Innen und Außen, einem tropischem Garten.

Der nützliche Idiot – Sorry, aber eine Wortprägung von Revolutionären – diente den Mächtigen und ihren Agenturen. Als Kind der Dritten Welt fand Niemeyer im Kalten Krieg seinen Platz auf der entsprechenden richtigen Seite, und zwar  als Dekorateur der postkolonialen Macht und ihrer Agenturen. Wenn er 1964  “verhört” worden ist, so nicht wegen seiner Bauten. Und bald war er in Brasilien wieder am Bau, auch für die Militärs.

Vergeblich hielten wir nach sozialem Bauen Ausschau, wie es – autoritär auch er – Ernst May in Frankfurt praktizierte. Mit Clubhäusern und Schulen war das Äußerste an Volksnähe erreicht. Als Mensch suchte er allerdings – neben der großbürgerlichen Idylle – die warme Nähe der freien Bretterbudenstadt. Entgegen seinen Beteuerungen im Filmfeature war ihm die Gestaltung von Innenräumen wohl erst ab einem gewissen Grad an Pathos und einer Mindestgröße interessant:  da, wo die äußere Repräsentation auf die Innenseite  übertragbar war.

Zu viel Symbolik und freischwebende Schönheit. Zuviel Bildende Kunst. Niemeyer diente der Macht- und Prachtentfaltung und der symbolischen Legitimation seiner Auftraggeber. Brasilia repräsentiert eine der Menschenfeindlichkeit des Sertao ebenbürtige Menschenfeindlichkeit der Staatsutopie. Vilém Flusser hat bereits 1970 das Nötige angemerkt.

Bei ihm wiederholt sich die Naivität vieler Kreativer und die Versuchung, über dem Größenwahn des Auftraggebers in einen Schaffensrausch zu verfallen. Auch Leni Riefenstahl oder Sergej Eisenstein haben mit ihrem Talent blind gedient. Der sensible Ernst Fischer hat in seinen Erinnerungen seine entsprechende Rolle – damals in der psychologischen Kriegführung Moskaus – klar formuliert:  Unverdauliches verdaulich zu machen. Oder war Niemeyer 1957 vielleicht ein tropikaler Stalinist?

Die Gigantomanie erschreckt. Die riesigen planierten und versiegelten Flächen  zwischen den Bau-Körpern, die weiten aufgestauten Wasserflächen, die an die notwendigen hygienischen Maßnahmen gemahnen und irgendwie  auf  eine Nierentischform hinauslaufen.

Welch öden Universitätsgelände in Constantine und hier im Nirgendwo in Brasilien: diese Massenquartiere, die das lernende Individuum verzwergen! Und was für ein gigantischer Eingang ins Bildungsministerium! Ein unglaublich wirkender Plan einer Villa entschlüsselt sich als Privat-Bühne des Vizepräsidenten. Wohin zog der Mann sich eigentlich zurück? frage ich mich spontan. – Louis Quatorze zog sich auch nicht zurück.

P.S. 2013-10-27:  Ziehen wir uns noch zurück. Doch, dann und wann.

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