Osterspaziergang im Deutschen Architekturmuseum DAM, Frankfurt Â
Wie auf einer Achterbahn wechseln wir zwischen Bewunderung und ErnĂŒchterung, und da endet sie schlieĂlich: Angesichts der ĂŒber dreihundert Projekte auf der Banderole ist die erste Bilanz: Beton bleibt Beton. Die gerade Linie  hat sich durchgesetzt – und deren Auftraggeber. Man muss aber Macho-Feuilletonisten nur etwas von âFormen einer Frauâ faseln und sie schlieĂen die Augen selbst vor deutlich anderen Formen. Die dĂŒnnen SĂ€ulenfĂŒĂe können â wie Karin andeutet â auch etwas anderes vermitteln als ihre angebliche „Leichtigkeit“: fehlende Bodenhaftung. Ein einziges Mal – im eigenen Privathaus von 1955 – entstand in der Achtung vor dem Felsbrocken und in der Luftigkeit des Bungalow ein paradiesisches Miteinander von Innen und AuĂen, einem tropischem Garten.
Der nĂŒtzliche Idiot – Sorry, aber eine WortprĂ€gung von RevolutionĂ€ren – diente den MĂ€chtigen und ihren Agenturen. Als Kind der Dritten Welt fand Niemeyer im Kalten Krieg seinen Platz auf der entsprechenden richtigen Seite, und zwar als Dekorateur der postkolonialen Macht und ihrer Agenturen. Wenn er 1964  „verhört“ worden ist, so nicht wegen seiner Bauten. Und bald war er in Brasilien wieder am Bau, auch fĂŒr die MilitĂ€rs.
Vergeblich hielten wir nach sozialem Bauen Ausschau, wie es – autoritĂ€r auch er – Ernst May in Frankfurt praktizierte. Mit ClubhĂ€usern und Schulen war das ĂuĂerste an VolksnĂ€he erreicht. Als Mensch suchte er allerdings – neben der groĂbĂŒrgerlichen Idylle – die warme NĂ€he der freien Bretterbudenstadt. Entgegen seinen Beteuerungen im Filmfeature war ihm die Gestaltung von InnenrĂ€umen wohl erst ab einem gewissen Grad an Pathos und einer MindestgröĂe interessant: da, wo die Ă€uĂere ReprĂ€sentation auf die InnenseiteÂ ĂŒbertragbar war.
Zu viel Symbolik und freischwebende Schönheit. Zuviel Bildende Kunst. Niemeyer diente der Macht- und Prachtentfaltung und der symbolischen Legitimation seiner Auftraggeber. Brasilia reprĂ€sentiert eine der Menschenfeindlichkeit des Sertao ebenbĂŒrtige Menschenfeindlichkeit der Staatsutopie. VilĂ©m Flusser hat bereits 1970 das Nötige angemerkt.
Bei ihm wiederholt sich die NaivitĂ€t vieler Kreativer und die Versuchung, ĂŒber dem GröĂenwahn des Auftraggebers in einen Schaffensrausch zu verfallen. Auch Leni Riefenstahl oder Sergej Eisenstein haben mit ihrem Talent blind gedient. Der sensible Ernst Fischer hat in seinen Erinnerungen seine entsprechende Rolle – damals in der psychologischen KriegfĂŒhrung Moskaus – klar formuliert: Unverdauliches verdaulich zu machen. Oder war Niemeyer 1957 vielleicht ein tropikaler Stalinist?
Die Gigantomanie erschreckt. Die riesigen planierten und versiegelten FlĂ€chen zwischen den Bau-Körpern, die weiten aufgestauten WasserflĂ€chen, die an die notwendigen hygienischen MaĂnahmen gemahnen und irgendwie auf eine Nierentischform hinauslaufen.
Welch öden UniversitĂ€tsgelĂ€nde in Constantine und hier im Nirgendwo in Brasilien: diese Massenquartiere, die das lernende Individuum verzwergen! Und was fĂŒr ein gigantischer Eingang ins Bildungsministerium! Ein unglaublich wirkender Plan einer Villa entschlĂŒsselt sich als Privat-BĂŒhne des VizeprĂ€sidenten. Wohin zog der Mann sich eigentlich zurĂŒck? frage ich mich spontan. – Louis Quatorze zog sich auch nicht zurĂŒck.
P.S. 2013-10-27:  Ziehen wir uns noch zurĂŒck. Doch, dann und wann.