“Bedrohungsgefühle und Gestaltungszuversicht” – Zwei Positionen

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Von meinem alten Freund in Halle hatte ich lange nichts mehr gehört oder gelesen. Als ich ihn vor zwei Wochen anrief, gab er mir auch den Hinweis auf seinen Essay zum Thema “Corona”, den die Kultur-Webseite von VERDI  bereits im Mai veröffentlicht hatte.

Vom Einstieg und vielen Beobachtungen war ich begeistert. Aber der Essay schien mir zu lang, ich hatte noch keine Zeit. Die Überschrift machte mich auch neugierig: “Panzer zu Krankenwagen – Bedrohungsgefühle und Gestaltungszuversicht – ein Essay”. Heute nahm ich mir Zeit. Da reizte mich darin manches zum Widerspruch.

Aber urteilen Sie selbst . Das erste Drittel des Textes liefere ich hier frei haus. Wenn sie ihn zu Ende lesen wollen, müssen Sie sich schon verlinken.  Denn hier folgt auf das Drittel  mein Kommentar.

Panzer zu Krankenwagen – Bedrohungsgefühle und Gestaltungszuversicht – Ein Essay von Christoph Kuhn

Neulich dachte ich an einen Winter meiner Kindheit in den sechziger Jahren in Dresden als die Familie zu fünft nur eines der beheizbaren Zimmer bewohnen konnte. Für uns Kinder spannend, für die Eltern beängstigend: Es würde wohl noch längere Zeit kalt bleiben, und die Kohlen gingen zur Neige. Vielleicht war der Ausnahmezustand nur regional begrenzt, offiziell gab es darüber keine Informationen.

In der DDR ist immer irgendetwas knapp gewesen, aber existenziell wichtige Dinge waren meist bald wieder vorhanden, auch weil sie aus einheimischer Produktion stammten. Kommt es heutzutage zu Engpässen bei Medikamenten oder anderen täglich benötigten Dingen, liegt das an „ausgelagerter“ Produktion, an Lieferketten, die bis in fernöstliche Regionen reichen und instabil werden können – was besonders in Krisenzeiten prekär ist.

Als Krisen wurden Ausnahmezustände in der DDR nicht bezeichnet. Krisen waren politisch, extern, spielten sich anderswo ab, tangierten den Alltag kaum, beispielsweise die Kuba-, später die Falklandkrise. Im Zweiten Weltkrieg, während des Mauerbaus, nach dem GAU in Tschernobyl – sprach man da von Krise, hatten wir ein „Krisengefühl“?

Vergleiche mit vergangenen Zeiten und anderen politischen Systemen sind natürlich gewagt. Doch wenn aktuell vom „Herunterfahren des gesellschaftlichen Lebens“ die Rede ist, zeigt sich, wie viel komplexer und damit fragiler, abhängiger und verwundbarer unsere Gesellschaft geworden ist; wie kompliziert und damit (vor allem auf wirtschaftlicher Ebene) unvorhersehbar folgenreich – aber natürlich dennoch ohne Alternative – ein „Herunterfahren“ ist. Ebenso wird das Wieder-Hochfahren nicht problemlos von statten gehen.

Die Coronakrise ruft – mehr als die Euro- oder Klimakrise – Gefühle der Bedrohung und Angst hervor, die sich in der Gesellschaft „ansteckend“ ausbreiten. Sie rückt uns direkt auf den Leib. Jeder will sich und seinen Angehörigen die neue unbekannte Krankheit ersparen. Hauptsache Gesundheit! lautet schon immer der häufigste Wunsch.

Das Interesse an Informationen über Covid-19 ist groß und wird auf allen Kanälen bedient. Stündlich verändern sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die daraus entstehenden Konsequenzen. Gleichzeitig verstärken die Nachrichten auch die Ängste, wenn die rasch um sich greifende Pandemie, als Seuche, größte Gefahr seit Jahrzehnten für die Gesellschaft, die Menschheit, eingeordnet, wenn sie mit Sars, Ebola und der Spanischen Grippe verglichen wird und Anlass gibt, an die Pest zu erinnern; wenn die Bundeskanzlerin in Ihrer ersten Sonderansprache von einer schweren Prüfung spricht, von der größten Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg, die unsere Vorstellung von Normalität infrage stellt; wenn wir Begriffe hören wie Bewährungs- und Belastungsprobe, heilsamer Schock, Stresstest für die Gesellschaft, absolutes Novum, historischer Markstein …

Verglichen mit der Klimakrise hört die Politik der meisten Staaten besser auf Expertenmeinungen, auf Forschungsergebnisse, und die Verantwortlichen reagieren vielgestaltig und relativ schnell: Dann muss es ja wirklich schlimm sein, sagen wir uns. (Wir kennen zudem eher die politische Funktionslogik: reagieren auf entstandene Umstände statt vorausschauend zu agieren. An Warnungen fehlte es nicht, und die WHO hat früh von einer Pandemie gesprochen.)

Einerseits beruhigen nicht-pharmazeutische Interventionen, also eilige drastische Schutzvorkehrungen zur Verlangsamung der Virusausbreitung: Grenzkontrolle, Streichung von Flügen, Verbot öffentlicher Veranstaltungen, Schließung von Schulen und Freizeiteinrichtungen, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Ausgangssperre, Ausrufung des Katastrophenfalls, des Ausnahme-, Alarm- oder Notstandsfalls, Mundschutzpflicht … Andererseits wächst die Befürchtung, selber diese Krankheit zu kriegen – oder eine andere schwere, bei der einem dann nicht genug Hilfe zuteilwird, wenn sogar das Krankenhauswesen überfordert sein könnte.

Bedrohlich sind zudem die Epiphänomene: fehlende Schutzkleidung und -masken, der Mangel an Lebensmitteln wegen Hamsterkäufen. Und immer noch kursierende Verschwörungstheorien: Das Virus wurde in amerikanischen, chinesischen oder russischen Biowaffenlabors erzeugt; es dient als Brandbeschleuniger einer baldigen Revolution, die Maßregeln sollen das Volk auf einen Systemwechsel vorbereiten usw. – apokalyptische Fakenews, welche Menschen, die sich unkritisch informieren, zu falschem Verhalten verleiten und bei ihnen zusätzlich Angst schüren. Voraussetzung für richtige Information ist die Wahl seriöser Medien, geprüfter Quellen. Faktencheck.

An manchem Morgen wache ich mit dem Gedanken an Corona auf. Die Nachrichten beginnen mit dem Top-Thema, die Zeitungen sind davon voll, das Internet auch; in die Suchmaschine gebe ich nur „Co“ ein, und es wird (gleich nach „Commerzbank“ und „Kohlenstoffmonoxid“) zu „Coronavirus“ ergänzt; seit Wochen enthält jede dritte Email die Absage eines Projekts, einer Veranstaltung oder Zusammenkunft …

Unser Blick droht sich zu verengen. Fehlt uns nicht jetzt besonders in der „globalisierten Welt“ der Weitblick, der uns bescheidener, geduldiger, dankbarer machen könnte, der uns aber auch überfordert? Welche Probleme, Konflikte und Katastrophen finden außer Sars-CoV-2 noch ausreichend Beachtung? Die Not, der Hunger in vielen afrikanischen Ländern, z.B. in Burkina Faso; in Südamerika, z.B. in Venezuela; das Flüchtlingselend auf Lesbos; der Krieg in Syrien; die Zerstörung des Regenwalds, überhaupt die ökologische Krise und die der wachsenden ökonomischen Ungleichheit.

Wie luxuriös unser Leben ist, zeigt sich auch daran, dass hier Corona als Thema Nummer eins gilt. In armen Ländern wird es als weniger real und präsent empfunden; die Sorge um Wasser und Lebensmittel und die Angst vor Terror überwiegt dort; die Viruserkrankung kommt zu all dem hinzu.

Welche gravierenden politischen Maßnahmen sind auf die ökologische Krise – die seit einem halben Jahrhundert andauert – im Unterschied zur aktuellen erfolgt? Der Weltklimarat IPCC forderte schon vor Jahren „rasche, weitreichende, beispiellose Veränderungen in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft.“ Haben wir das erlebt? Auf wen und auf welche Interessen wurde und wird mit übereinstimmender Ignoranz allzu große Rücksicht genommen? (Bei den Bürgerinnen und Bürgern erleben wir ja gerade eine ausreichende Akzeptanz der meisten Ge- und Verbote; die Leute hören auf die Behörden. Auch in der Vergangenheit wurden Einschränkungen ohne Proteste hingenommen, zum Beispiel das Rauchverbot oder das Tempolimit auf Autobahnen in fast allen Ländern der Welt.)

Doch diese ökologische Krise ist für die meisten Menschen der nördlichen Hemisphäre ein noch viel zu abstraktes, noch zu wenig erkennbares Phänomen – die Auswirkungen liegen für uns hier noch zu sehr in der Zukunft. Voraussagen der Wissenschaft sind das eine, sie zu verinnerlichen und in Maßnahmen, bzw. Gewohnheiten umzusetzen etwas anderes. Der April mag noch so sommerlich, das Missverhältnis zwischen Sonnenschein und Regen noch so groß sein – ohne Arg wird von schönem Wetter geredet. Solange Tempolimits nicht gesetzt sind, wird gerast; solange benzinbetriebene Laubgebläse nicht verboten sind, wird mit ihnen umhergelaufen; solange Heizpilze nicht verpönt sind, sitzen Menschen unter ihnen; solange Plastikverpackungen nicht unzulässig sind, werden sie mitgekauft – die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Noch sind die Prognosen zur Entwicklung und zu den Folgen der Coronakrise spekulativ. Bezüglich der Klimakatastrophe ist die Faktenlage klarer, das Szenario deutlicher vorhersehbar. Wird die Zahl der Toten durch das Virus Covid 19 an die Zahl derer heranreichen, die weltweit durch Dürre, Hitze und Überschwemmungen sterben? (Die Weltgesundheitsorganisation gibt sie mit jährlich 150.000 an – Tendenz steigend.) Aber zählt das und gilt dieser Vergleich? Das eine ist Wetter, das andere Krankheit – wir sind schnell bereit, hausgemachte mit höherer Gewalt zu verwechseln. Wir erschrecken vor den Bildern aus norditalienischen Krankenhäusern, vor den Leichentransporten in Militärfahrzeugen, vor der steil ansteigenden Kurve infizierter Menschen. Der Tod rückt ins Bewusstsein. So nah, konkret und existenziell bedrohlich ist uns die Veränderung des Klimas noch längst nicht. (……)   (LINK)

 

KOMMENTAR  20.12.2020  – SPÄT IST HIER NICHT ZU SPÄT

Lieber Christoph,

Furioser Beginn, atemberaubender Zeithorizont zwischen Gestern und Heute! Und der ist mein Thema mit fast Siebenundsiebzig!

Aber auf der zweiten Seite – meines vierseitigen Ausdrucks – machst du ein zweites Fass auf, ohne dass ich das Gefühl bekomme, es gehöre hier wirklich dazu: “Klima”. Zumal kein frischer Lösungsansatz sichtbar wird. Das wird bereits an der Sorgfalt erkennbar, mit der du den Zeigefinger verhüllst: „Auf wen und auf welche Interessen wurde und wird mit übereinstimmender Ignoranz allzu große Rücksicht genommen?“

Ja, welche „gravierenden politischen Maßnahmen“ aus Berlin, Brüssel und so weiter kommen denn nicht regelmäßig bis zur Unkenntlichkeit verändert an? Noch die erfolgreichsten werden – wenn nicht schlicht umgangen – gleich zu neuen Geschäftsmodellen mit unabsehbaren sozialen, wirtschaftlichen, politischen Kollateralschäden.

Meine Überlegungen versinken im Morast der medialen Bilder, der überreichlichen Statistiken, der Kommunikationsstrategien.Wer kann die noch überprüfen, geschweige denn durchschauen? Auch wenn einmal im Monat ein Beispiel von investigativem Journalismus irgendwo im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sein Minderheitspublikum piekst.

Ich rate, das Große Ganze erst einmal stehen zu lassen – meinetwegen in  ‚irrationalem’ Gottvertrauen – und den Blick auf die Nähe zu fixieren.

Nicht bloß sind „die meisten Menschen“  heillos überfordert von „viel zu abstrakten”, „zu wenig erkennbaren Phänomenen“. Wir alle sind es! Jeden Tag geben Politiker davon Beispiele, ebenso wie die sogenannten Wirtschaftslenker, wenn sie uns nicht mit ihren sorgsam gewählten Worten einwickeln, einlullen. Nicht so schwierig, wenn man bedenkt, „wie luxuriös unser Leben ist“ .

Mich erschrecken inzwischen ein wachsendes Labyrinth bürokratischer Regelungen, eine Flut von Verlautbarungen, die gewaltige Geldvermehrung beim ‘Staat’, die gigantische Logistik globalen Maßstabs, die verschleierte Unterbrechung ohnehin mangelhafter Bildungsprozesse (Schulen), die Machtübernahme digitaler Diener („Alexa, führ’ den Hund aus!“), die Gewöhnung an Verbote generell, die Ausbreitung einer politischen Haltung unserer Repräsentanten, die sich weniger um die tatsächliche Umsetzung von Gesetzen kümmern – die ohnehin oft absehbar scheitert (Symbolpolitik) – sondern um die moralische Ertüchtigung der Menschen in diesem Lande.

“Wir”  gehorchen? Wer gehorcht? Die Älteren mehr als die Jüngeren? Geborene Optimisten, Dickköpfe, leidenschaftliche oder dreiste Zeitgenossen weniger als eingeschüchterte, kranke oder depressive,  als vernunftgesteuerte Rationale oder Asketen, Intelligentere mehr als Dumme (oder umgekehrt) … ? Und warum? Welche Rolle spielen der Blick über die Schulter oder die Angst? Oder der Blockwarttyp, der uns anschnauzt?

„Die Welt nach Corona“ wird keine andere sein, jedenfalls nicht besser. „Die Veränderung des westlichen Lebensstil“ wird materiell das Heer ‘sozialer Verlierer’ betreffen. Und Zahl und Art der Verbote und der cleveren Umgehungen, also die Art der Doppelmoral wird sich ändern.

Du wirst den Kopf schütteln. Kann aus so negativen Vorstellungen irgend etwas Gutes entstehen?

Selbstverständlich!

Besser geht immer!  Was sagte noch Dr. Faust über den Teufel ?

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