Paul Feyerabend über Experten in einer freien Gesellschaft

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PAUL FEYERABEND – ES IST HÖCHSTE ZEIT, IHN WIEDER ZU LESEN, UM DEM KONZEPT FREIER MENSCHEN  IM ZANGENGRIFF WISSENSCHAFT-TECHNISCHER  PRAXIS ETWAS MEHR BEACHTUNG ZU SCHENKEN.

Die folgenden Texte beruhen auf einem Prüfungstext und zwei Arbeitsblättern, die ich 1998 -2001 für den Ethik-Unterricht der Klassenstufe13 zusammenstellte.

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Experten in einer freien Gesellschaft

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„Ökologisches Handeln und ökologische Philosophie“

 Text: Paul Feyerabend: Redet nicht herum, organisiert euch, in „Thesen zum Anarchismus, Karin Kramer Berlin 1996, S. 207-212 ( Auszüge)

In den achtziger Jahren erhielt Feyerabend aus New York die Aufforderung, zu einer Sondernummer von TELOS , Titel: “Ecology,Philosophy, and Politics“ ,einen Beitrag zu schreiben. “Wir dachten”, hieß es in dem Brief, “dass Sie an den ökologischen Auswirkungen der jüngsten Debatten in der Wissenschaftstheorie interessiert sein könnten.” Zunächst wollte er absagen. Doch eine wichtige Bewegung wie die Ökologie sollte nicht durch fruchtlose akademische Debatten aufgehalten werden. Und schließlich waren es keine „ Dinosaurier“, die zu der Debatte einluden, sondern engagierte Intellektuelle. Also antwortete er der Redaktion kurz. (Ich habe meinen Schülern Ausdrücke verwandter Bedeutung mit einem * versehen.) Unter anderem schrieb er :

Ich bezweifle, dass das ökologische Handeln durch eine ökologische Philosophie wesentlich gefördert werden wird. Ganz im Gegenteil, eine solche Philosophie kann mit ihren Debatten einen Schutzring bauen, der größere Veränderungen des Status quo verhindert. Die Kritik mag klar und einschneidend sein, sie mag das Zentrum der Sache treffen – aber alles das geschieht an einem sicheren Ort, wo es keinen Schaden anrichtet, auf den Seiten einer respektablen Zeitschrift oder innerhalb der Mauern von „Akademia“.

 Was heißt politisch handeln? Politisch handeln heißt versuchen, Köpfe und Situationen in der Welt zu verändern. Politisches Handeln kann demokratisch oder totalitär, abstrakt oder persönlich sein.

Totalitäres Handeln versucht die Menschen zu beeinflussen, es. gibt ihnen aber keine Möglichkeit, auf den Einfluss zurückzuwirken. Es ist eine Einbahnstraße. Beispiele sind fast alle Erziehungsprogramme (oder Rehabilitationsprogramme in Gefängnissen) und ein großer Teil der modernen medizinischen Praxis.

Es ist klar, dass das abstrakte Handeln, das abstrakte Denken eingeschlossen, totalitäre Züge hat – man hält es einfach für selbstverständlich, dass das reduzierte* Menschentum, das es fordert ( z.B. der vernünftige* Mensch ), allein der Beachtung wert ist.

Abstraktes Handeln ist auch elitär: Nur ganz besondere Leute haben die Bildung und die Kenntnisse, um die Karikaturen* zu verstehen. Das erklärt die totalitären und elitären Aspekte des Liberalismus, des akademischen Marxismus und anderer „fortschrittlicher“ Ideologien. Es ist zuzugeben, dass Liberale und Marxisten fortwährend von Freiheit, Gleichheit und Wahrheit reden. Aber die Gleichheit, die sie verteidigen, gibt nicht allen Lebensformen gleiche Rechte, z.B. behandelt sie Indianer und Harvard-Akademiker keinesfalls als gleich. Andere Lebensformen gibt es dann einfach nicht. Und die Wahrheit ist nicht ein Seinsgrund, der alle Aspekte des Menschseins umfasst, – den Leib wie auch die Seele, das Irdische wie das Göttliche im Menschen – sondern sie ist ein Ergebnis des Herumspielens in einem (ideologischen) Gebäude. Wir haben weder Freiheit noch Erkenntnis – wir haben bloß eine neue Sklaverei, gegründet auf neue Vorurteile.

Demokratisches Handeln arrangiert die Situation so, dass im Prinzip alle von der Handlung Betroffenen an ihr teilnehmen können.

Persönliches Handeln befasst sich mit Freunden, nicht mit theoretischen Einheiten*. Es folgt, dass das ökologische Handeln aus den Träumen, den Problemen, Ängsten, den Hoffnungen von kleinen Gruppen hervorgehen sollte und nicht aus anonymen Philosophien, die von objektiven, d. h. unfreundlichen und gesichtslosen Denkern geschaffen wurden.

Zwischen den Ideen der verschiedenen Gruppen entstehen langsam Ähnlichkeiten, aber diese Ähnlichkeiten treten zur Vielfalt hinzu, ersetzen sie nicht; und weil sie aus einem konkreten und historisch einzigartigen Prozess der Wechselwirkung hervorgehen, haben sie sehr konkrete und einzigartige Züge. Eine Philosophie, die unabhängig von einem solchen Austausch entwickelt wird, kann diese Züge nicht vorhersehen, und ihre Begriffe können sie keinesfalls ausdrücken.

Demokratische Handlungen kleiner Gruppen sind nicht nur menschlicher als Massenbewegungen mit Schlagwörtern, sie haben auch entscheidende politische Vorteile: Man kennt die Probleme, man lebt mit ihnen, und daher besteht kein Bedürfnis, einen künstlichen Ärger an unbekannten Gefahren zu erzeugen. Man kennt auch die lokalen und Bundes-Behörden. Also braucht auch nicht ein abstraktes Misstrauen an allen Institutionen verbreitet zu werden, welches unterstellt, dass die Regierungsinstitutionen Probleme prinzipiell nicht lösen können.

Dabei ist es eher so, dass einige Institutionen fähig, aber ineffizient sind, andere fähig, effizient, aber nicht willens zu helfen, wieder andere sehr langsam, aber am Ende sehr wirksam. Das politische Handeln sollte sich solcher Unterschiede bedienen.

Rationale Argumente und demokratische Handlungen gehen fast immer verschiedene Wege.

Das ist auch der Grund, warum eine rein philosophische oder wissenschaftliche Diskussion ökologischer Streitfragen entweder nutzlos oder potentiell intolerant ist. Sie ist nutzlos, denn das demokratische Handeln führt höchstwahrscheinlich zu ganz anderen Ergebnissen, und sie ist potentiell intolerant, weil die Philosophen ja oft annehmen, sie hätten es mit Voraussetzungen tun, was heißt, dass man ihnen zuhören muss, während sie nur sich selbst zuzuhören brauchen.

 

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Streitgespräch über Feyerabend

Aufzeichnung von Ulrich Steinvorth (*1941), publiziert in „Versuchungen – Aufsätze zur Philosophie Paul Feyerabends“, von Hans Peter Duerr herausgegeben, S. 315-28 , Suhrkamp (Textauszug)

„Vor einigen Semestern hatte ich die Ehre, einen Lehrstuhl für Philosophie an einer kleinen Universität (Osnabrück) zu vertreten. Als meine Hoffnungen auf einen Ruf schwanden und ich die Gunst der Entscheidenden an ihresgleichen… gehen sah, las ich mit Vergnügen Feyerabend und beschloss, ein Seminar über sein Buch „Erkenntnis für freie Menschen“ (I979) zu veranstalten.

Zur ersten Sitzung kamen Massen, so daß ich in einen ungemütlichen Vorlesungssaal umziehen mußte. Aber bald waren es so wenige, daß ich die Parallelkurse zusammenlegen mußte, die ich eingerichtet hatte, um diskutieren zu können. Mit dem Rest zerbrach ich mir den Kopf über die Gründe. Es bildeten sich zwei Parteien. Die eine meinte, schuld sei ich, ich stellte Feyerabend in einem zu negativen Licht dar, das sei frustrierend. Die andere Partei meinte, schuld sei Feyerabend, der entgegen den Erwartungen nichts zu sagen habe. Schließlich hatten wir die Idee, das Seminar mit einem öffentlichen Streitgespräch über Feyerabend enden zu lassen….

Was dabei herauskam? Die kleine Universität hatte ihren Spaß gehabt, und da ihr die Pflege der Beziehungen zur Stadt zur Pflicht gemacht war, bat mich die Leitung um eine Aufzeichnung der Diskussion zur Veröffentlichung in der Schriftenreihe „Bürger und Universität“. So entstand die folgende Wiedergabe, die in Klammern die Seitenzahlen aus dem genannten Feyerabend-Buch angibt.

Der Wortführer der Anhänger iFeyerabends ist Karl, der schon sehr viele Fächer studiert hat und erst kürzlich aus Kassel kam, wo er Feyerabend selbst hörte. Die Sprecherin der Kritiker ist Jutta; sie kam im 2.Bildungsweg an die Universität und übte vorher eine Reihe verschiedenartiger Berufe aus. Sie bat Karl zu beginnen. 

 

KARL

Ich beginne mit dem Ursprung von Feyerabends Ideen, den man kennen muß, um sie richtig einzuordnen. Ich muß deshalb ein längeres Zitat vorlesen:

»Im Jahre i964 kamen als Ergebnis der neuen Erziehungspolitik Kaliforniens zahlreiche Mexikaner, Indianer, Schwarze in meine Vorlesungen … Wer war ich, um diesen Menschen zu erklären, was und wie sie denken sollten? Ich hatte keine Ahnung von ihren Problemen … Waren die trockenen Abstraktionen, die die Philosophen über die Jahrhunderte hin angesammelt und die Liberale mit einigen schmalzigen Phrasen umgeben hatten, um sie geschmackvoller zu machen, das richtige Angebot an Menschen, die man ihres Landes, ihrer Kultur, ihrer Würde beraubt hatte und die nun die dürren Ideen der Sprachrohre ihrer so menschlichen Sklaventreiber geduldig absorbieren und wiederholen sollten? … Ihre Vorfahren hatten lebendige Kulturen … Und doch sind sie nie mit der Ehrfurcht und Aufmerksamkeit untersucht worden, die sie verdienen … Mit Ekel schrak ich vor der Aufgabe zurück, die ich durchführen sollte. Denn diese Aufgabe … war die eines gebildeten und vornehmen Sklavenhalters. Und ein Sklavenhalter wollte ich nicht sein« (2o8 f.).

Wer hat so gut wie Feyerabend die Rolle der akademischen Philosophie erkannt? Wer hat sie so einfach dargestellt? Wer hat besser die Notwendigkeit einer ganz anderen, in Inhalt und Form neuen Philosophie nachgewiesen? Worüber sich seine Kritiker so gern aufregen, seine Witze und Späße, das gehört zur neuen Form.

 JUTTA

Warum hat sich Feyerabend, als ihm seine Rolle klar wurde, nicht darauf beschränkt, die nicht-europäischen Kulturen mit der verdienten Ehrfurcht zu untersuchen? Warum hat er stattdessen den trockenen Abstraktionen der Philosophen eine weitere hinzugefügt, deren schmalzige Hülle die aller anderen an Eingängigkeit übertrifft?

Liegt es daran, dass jeder, der wie Feyerabend Erkenntnis-, Wissenschafts- und politische Theorie für überflüssig erklärt (23 f.), damit schon selbst eine Erkenntnistheorie und politische Theorie vertritt, nur eine, die zur Mangelhaftigkeit verurteilt ist, weil sie nicht offen ausgeführt werden darf? Oder handelt es sich um ein privates Problem, das in dem Maß vom Charakter der Allgemeinheit zeugt, in dem andere sich mit ihm identifizieren?….

 KARL

 Feyerabend erkennt den Zusammenhang der vorherrschenden akademischen Philosophie mit der westlichen Kultur und ihrem Imperialismus insgesamt: Muss er deshalb aufhören, an der Universität Philosophie zu lehren? Er wird ja nicht so ängstlich sein, selbst aufzuhören, bevor man ihn zwingt.

 JUTTA

Das kritisiere ich nicht. Ich kritisiere den Inhalt, daß er nämlich …. selbst eine politische Theorie propagiert, und dazu eine schlechte, die zurückfällt auf die Stufe, auf der Menschen anfangen, für gesellschaftliche Missstände eine Erklärung zu suchen. Dann schieben sie nämlich gewöhnlich die Schuld auf bestimmte Gruppen oder Personen, auf den Teufel oder Hexen, auf die Juden, die Kapitalisten oder die Kommunisten. So unglaublich es klingt, sucht auch er sie bei einer Gruppe, den Intellektuellen… Deren Erkenntnistheorie sei »das Instrument, mit dessen Hilfe es den Intellektuellen gelang, ihre Herrschaft trotz der Kindlichkeit ihrer Ideologie zu befestigen und ständig weiter auszudehnen« (220). …

 KARL

Du vergisst, daß Feyerabend mit den Intellektuellen die typischen Vertreter der westlichen Kultur, die Speerspitze ihres Imperialismus meint.

 JUTTA

Und er? Und wir? Sind wir keine Intellektuellen?

 KARL

Wir sollten uns den Intellektualismus etwas abgewöhnen. … Was ist der Inhalt seiner Kritik? Dass es nicht nur den Indianern, sondern auch uns schlecht gehen wird, solange man sich an folgendes Prinzip hält:

Gesellschaftliche Verhältnisse sind nur vernünftig, wenn sie sich begreifen lassen, das heißt durch eine Formel beschreiben oder nach ,Regeln und Maßstäben bestimmen lassen, die von Intellektuellen formuliert und angewandt werden. Die Geschichte des Abendlands ist für Feyerabend, ganz ähnlich wie für Hegel und Max Weber, nur mit unterschiedlicher Bewertung, eine Geschichte des Versuchs, solche Regeln und damit den Einfluss derer durchzusetzen, die eitel genug sind zu glauben, mit einigen ihrer Worte ließe sich die Komplexität einer Gesellschaft erfassen. Sollte dieser Versuch gelingen, dann kann das nur den Niedergang der Gesellschaft bedeuten.

Die menschliche Praxis, wie Feyerabend am Beispiel der Wissenschaftsgeschichte gezeigt hat, muss, um zu gedeihen, »prinzipienlos« sein (23) – Oder um Feyerabend selbst sprechen zu lassen: »Rationalisten wollen, dass man immer rational handle; d. h., man soll Entschlüsse nach Regeln und Maßstäben fällen, die sie und ihre Freunde für wichtig und grundlegend halten. Das Beispiel der Naturwissenschaften zeigt, dass solches Handeln zu nichts führt: die physische Welt ist zu komplex, als dass sie mit Hilfe ‚rationaler‘ Methoden beherrscht und verstanden werden könnte. Aber die soziale Welt, die Welt des menschlichen Denkens, Fühlens, der menschlichen Phantasie, die Welt der Philosophie, der Dichtung, der Wissenschaften, die Welt des politischen Beisammenseins ist noch viel komplizierter.« Und ich brauche nur weiterzulesen, um seine Alternative klar zu machen: « Ist es daher nicht besser, soziales Handeln auf die konkreten Entscheidungen von Menschen zu gründen, die ihre Umgebung sowie die Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen, die Phantasien ihrer Mitmenschen genau kennen, statt auf die Regeln von Gelehrten, die dieser Umgebung höchstens in den Büchern ihrer Kollegen begegnet sind…?» (22)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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