Heimliche Deponien in Deutschen Museen

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Blick in renommierte Ethnologie-Museen in Deutschland, den ein investigativer Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung mit frechem Blick, Jörg Häntzschel, interessierten Lesern gewährt: Ethnologische Museen Deutschlands: Verseucht, zerfressen, überflutet, SZ vom 9. Juli 2019

Vorgeschichte. Seit der Wende zum 20. Jahrhundert hatten mäßig interessierte Kulturbehörden im Deutschen Reich lästigen Museumsdirektoren erlaubt, Beispiele der materiellen Kultur von Kolonialvölkern zusammenzuraffen und in Depots aufzubewahren. Man könnte nun meinen, es wäre diesen Sammlungen mit der Überwindung der kolonialistischen Verachtung dieser Völker in Deutschland und der Beseitigung der vor langer Zeit erlittenen Kriegsschäden nun besser gegangen.

Diese Hoffnung muss man wohl begraben. Auch Museen wurden – abgesehen von ‚Leuchtturmprojekten’ zum integralen Bestandteil unserer totgesparten und verfallenden Infrastruktur. Dazu gehört auch der radikale Personalabbau. Bei gleichzeitiger Aufforderung der Politiker  zu gesteigerter Außenwirkung. Die Reportage deckt das konzertierte Schweigen von Akteuren auf, deren Interessen – wen wundert’s noch – sich ergänzen.

Ich zitiere ein paar kurze Absätze, in denen die dafür typischen Strukturen sichtbar werden.

Wenn Parzinger (SPK) auf die „infrastrukturellen Probleme“ der afrikanischen Museen hinweist, dann scheint er damit auch zu sagen: Wir haben diese Probleme nicht. Es gibt denn auch kaum eine Diskussion zur Restitutionsfrage, bei der nicht behauptet wird, den Afrikanern sei doch am besten gedient, wenn man die Dinge vorerst hier behalte, in der sicheren Obhut deutscher Museen. Blickt man dort aber hinter die Kulissen (….) dann zerbröselt der Nimbus, den diese Institutionen ausstrahlen, wie eine vom Holzwurm zerfressene Maske: Seit Jahrzehnten ausgehungert durch die Politik, schlecht besucht und nach innen gewandt, haben sich in den Museen gewaltige Defizite angehäuft. Diese sind nicht überall gleich dramatisch, es gibt positive Ausnahmen wie das sehr moderne Stuttgarter Depot. Doch das ändert nichts am generellen Eindruck: Die Museen verwalten den Notstand.

In der von ihnen kürzlich veröffentlichten “Heidelberger Stellungnahme”, eine gemeinsame Wortmeldung zur Kolonialismusfrage, versprechen die Direktoren der ethnologischen Museen “ein größtmögliches Maß an Transparenz”, ohne zuzugeben, dass sie oft selbst nicht wissen, was in ihren Depots liegt. Sie werben für “kooperative Provenienzforschung als allgemeinem Standard”, ohne einzugestehen, dass die dafür nötigen Vorarbeiten längst nicht gemacht wurden.

Der Museumsforscher Dirk Heisig beklagt den (…) schleichenden Verfall der Objekte durch überfüllte Lager und unzureichende Konservierung. Er spricht von einem “passiven Entsammeln”.

Neben den baulichen Mängeln der Depots oder konservatorischen ‘Sünden’ (Vergiftung)  schockiert mich die Schilderung mangelhafter Dokumentation:

Natürlich können sie nichts dafür, dass im Zweiten Weltkrieg große Teile ihrer Sammlungen, Archive und Inventare in Flammen aufgingen. Doch der Krieg ist seit 75 Jahren vorbei. Seitdem haben viele Museen nicht die Zeit gefunden, die Verluste zu prüfen und die Inventare zu aktualisieren.

In Stuttgart etwa soll es laut Inventar 290 000 Objekte geben. In Wahrheit, so schätzt das Museum, seien es nur 160 000. Genau weiß man es nicht, weil nur 140 000 inventarisiert sind, davon 110 000 auch digital. In Hamburg liegt der “Sollbestand” bei 265 000 Objekten, doch die Direktorin, Barbara Plankensteiner, vermutet, es seien nur noch 200 000. In München schätzt man den Bestand auf 160 000 Objekte. Eine Inventur wurde in den Fünfziger- und Sechzigerjahren durchgeführt, aber “wohl nicht abgeschlossen”, sagt die Museumsleiterin Uta Werlich, bei 40 000 Objekten gab man auf. 2015 hat man neu angefangen. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Viel an Material ist über die Jahrzehnte auch noch gar nicht aufgenommen worden, anderes hat seine Etiketten verloren oder ist irgendwann verlegt worden. “Nicht verstandortet” nennt man das höflich. An der unterbliebenen Überarbeitung der analogen Daten scheitert auch die ständig versprochene Digitalisierung der Bestände.

Doch wie soll das ohne ein Vielfaches des heutigen Personals gehen? Wie soll, etwa in Berlin, ein Afrika-Kurator die 70 000 Objekte in seiner Abteilung nebenher bearbeiten? Bis sämtliche 320 000 Objekte des 1992 eröffneten Pariser Musée du Quai Branly online standen, arbeiteten 70 Leute sechs Jahre lang.

Als Bénédicte Savoy und Felwine Sarr von Präsident Macron beauftragt wurden, in Afrika die Möglichkeiten von Restitutionen zu recherchieren, konnten sie den Museumsleuten in Kamerun oder Mali dicke Stapel Papier vorlegen: es waren die Bestände des Museums aus diesen Ländern, die die Datenbank ausgeworfen hatte. In Deutschland kann man davon nur träumen.

Ich könnte mir denken, dass mancher Stratege diplomatischer soft-power in Richtung Afrika mit klammheimlicher Freude das deutsche Rumpelstilzchen mimt („Ach wie gut, dass niemand weiß ….“) , weil so trotz Bénédicte Savoy und Felwine Sarr sich nichts ändern muss.

Fragt man in den Museen, wie dieser jahrzehntelange Rückstand entstanden ist, hört man überall dasselbe: Kein Personal, kein Geld, kein Interesse bei den Trägern. Was zähle, seien immer nur Ausstellungen. Nur wenige wollen das jedoch auch öffentlich erklären. Und die meisten tun so, als sei all das, was von ihnen nun zusätzlich verlangt wird, mit einer halben Stelle hier und etwas Drittmitteln dort bestimmt auch noch zu schaffen.

Dieses Arrangement hatte Vorteile für beide Seiten. Die Museen verzichteten auf überzogene Forderungen und spielten die Rolle der honorigen Institution, mit der sich die Politik gerne schmückte. Im Gegenzug ließen die Kultusminister die Wissenschaftler ungestört forschen. Die ethnologischen Museen und ihre öffentlichen Geldgeber konnten so lange den Fragen ausweichen, die sich eigentlich schon zu stellen begannen, seit sich ihre Aufgabe, den Kolonialismus zu bewerben, erledigt hatte. Wie also kamen die Objekte in die Museen? Was haben sie vor mit diesen Hunderttausenden, teils bedeutenden, teils aber auch wahllos zusammengerafften und nie gezeigten Artefakten, an denen sie permanent zu ersticken drohen? Und warum wehren sie sich – trotz ihrer jüngsten Bekenntnisse – weiter gegen Restitutionen, wenn ihnen an den allermeisten Dingen doch offenkundig so wenig liegt?

 

Der politische Schirm über dem Ganzen

In einem Porträt der Kulturstaatsministerin Monika GrüttersMacht und maximale Verflechtung“ in der SZ vom 26. Oktober 2018 – hat Jörg Häntzschel das fein gesponnene Netz der Hardcore-Politikerin skizziert. (LINK)

 

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