„Wenn es mir doch gruselte….!“ Flusser zum Hundertsten

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Wenn Vilém Flusser schrieb: Wir bauen uns nach Belieben eine Geschichte, wir sind mit unseren Fingerspitzen spielerisch kreativ. Dafür steht uns alles digitalisiert zur Verfügung, was frühere Zivilisationen geschaffen haben, wir brauchen keine Lehrer mehr ….. kam mir das Gruseln.


Es waren zutreffende Prognosen, auch wenn das Ergebnis selbstverständlich anders aussieht als damals imaginiert.

Die Großrechner haben die Menschen – Flussers „wir“ – längst verzwergt. Großrechner organisieren unsere globalisierten Spiele, angefangen von Quatschen auf allen Kanälen, über einen individualisierten und zugleich formatierten Welttourismus zu Welthandel, Weltsport, Weltbörse, Fake News und anderes.

Das was Flusser unter „kreativem Umgang“ anschaulich ausmalte, können die Rechner doch inzwischen so gut, dass der Beitrag der sogenannten Kreativen nichts anderes darstellt als „Multiple choice“, gewürzt durch eitle Selbsttäuschung. Schon gleicht die Frage, welche Seite den entscheidenden Impuls gibt – das Angebot oder die Auswahl – dem Prinzipienstreit zwischen Huhn und Ei. Überall im Kulturbereich treffen wir auf Simulation, Revival und Remake, Hybridkunst und so weiter. Den perfekten Musikmix etwa organisiert uns das System, und es lernt – als normalerweise brav auftretender Sklave – schnell dazu. Die Hand des DJ auf dem Plattentellergehört da nicht mehr hin.

Das Internet nimmt den Nutzern idealiter alle Sorgen ab. “Du brauchst kein Gepäck mehr, welcher Art auch immer – dein Werkzeug sind die Fingerspitzen, von Lagerungsaufgaben kannst du dich über die Cloud befreien, du musst dir nur den – selbstverständlich sicheren – Zugang sichern, aber das nehmen wir dir auch noch ab. Sag etwas oder lass deine Iris sehen!“

Das globale Internet hat sich von den dienenden Funktionen emanzipiert und gewährt seine Dienste nur noch auf der Basis stillschweigender Gegenleistung in Nutzerdaten, die durch geeignete Analysetools in pure Macht verwandelt werden.

Die wenigen echten Revolutionäre im Sinne Flussers sollten im Cockpit des Apparats strategische Entscheidungen treffen, natürlich menschenfreundliche. Das war seine argumentative Setzung. In beiden Aspekten irrte Flusser: Es gibt keine zentrale Steuerung, und die Revolutionäre sind keine Humanisten, auch wenn sie sich gern als solche darstellen. Sie sind zu mieten, an wechselnden Orten für beliebige Zwecke eines jeden, der sie bezahlen kann, also flussersche Funktionäre. Seine Vision einer Hierarchie programmierter Programmierer war nach oben offen, charakterisierte eine undurchschaubare Anarchie.

Das erinnert an die ziemlich dummen menschlichen Akteure großartiger Science-Fiction-Filme wie „Darkstar“ von John Carpenter, die immer wieder von einer einschmeichelnden ‚weiblichen’ Kunststimme zur Ordnung gerufen werden müssen. Denken wir an die Milliarden „Monitore“ in allen möglichen „Kontrollzentren“ der Welt, so erscheint das jeweilige Computersystem als einzige zuverlässige Ordnungsmacht, die „menschliches Versagen“ in Grenzen halten muss.

Sogar seinen ungeheuren Energiehunger stillt das globale Computersystem sich selber. Denn es ist ‚alternativlos’. Wer denkt daran, es abzuschalten? Höchstens in verbrecherischer Absicht. Das Apparat weiß als einziger, wo etwas zu holen ist. Menschen sind zu seinen Informanten und Zuträgern geworden. Was lässt sich vor seinen Analyse-’tools’ noch verbergen? Das ausgelagerte dezentrale, aber vernetzte ‚Gehirn’ der Menschheit diktiert. Seine Programmierer sind zur Servicetruppe degradiert. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig als den Apparat zu reparieren, zu verbessern, dringend benötigte Upgrades zu entwickeln, um den Horrorszenarien zu entgehen, die der Apparat sichtbar werden lässt, wenn er sie nicht aufgrund fehlerhafter Programme und unzureichender Daten bloß erfindet.  

Aber wer sagt mir denn, dass nicht doch Idealisten in einem Cockpit sitzen? Irgendwann, versprechen ihre Pressesprecher, soll niemand mehr auf traditionelle Art negativ „diskriminiert“ werden, denn das ist jetzt die größte Sünde. Frühere Diskriminierungen sollen einem jetzt mit „positiver Diskriminierung“ Bonus-Pakete und Quoten einbringen, wenn man die Berechtigung nachweisen kann. Im übrigen verliebt sich alle sieben Minuten ein menschliches Paar nur dank des gewaltigen Apparats, und das allein über eine Netzadresse! Die Dunkelziffer ist also unendlich viel höher.

Geschrieben am 27. November 2018

 

4. April 2020          

Vorsichtiger Widerspruch aus aktuellem Anlass

Originalkommentar v.graeve

Mein Mitoko – allzeit bereit!       c: Gv

Das Studiogespräch des hr-info-Redakteurs mit dem Kulturwissenschaftler Jochen Hörisch (*1952) heute Mittag war so gut ‘geerdet’ und von einer so heiteren Gelassenheit: das bleibt nicht ohne Einfluss auf meine aktuelle Fortschreibung von Flusserschen Szenarien. (Der podcast erscheint Dienstag immer noch nicht auf der entsprechenden Seite von hr-info; hier ist der mir per Email übermittelte LINK )

 

Ich schrieb oben über das Cockpit, es überlebe nur als entleerte Idee, als Sehnsuchtsort oder Fatamorgana – denn dort herrschten auch nur noch die ‚Apparate’.

Sind die Menschen mit ihren Tugenden (und Lastern) als entscheidender Faktor zurück?

Jetzt meine ich im Cockpit über Medien Menschen wahrzunehmen, und gleich viele Menschen in vielen Steuerungszentralen. Und beobachtet  von einem massenhaften Publikum, das mancher Sozialwissenschaftler als politischen Faktor schon abgeschrieben hatte. Die Politiker und die sie flankierenden Experten müssen sich rechtfertigen, ihre Maßnahmen erklären. Sie sollten sich das vielleicht generell angewöhnen und auch ihre  ‘spin doctors’  (PR-Berater, schönrednerische Pressesprecher) auswechseln .

Das Publikum kann in dieser globalen Krise Maßnahmen und Rechtfertigungen unterschiedlicher Akteure weltweit vergleichen. ‘Durchschauen’ wäre fürs erste zu viel verlangt. Aber wann bekommt man das so billig und frei Haus? In einem liberalen Land sind überdies Irrtum und Stolpern – so Kant über „Aufklärung“ als realer Prozess – erlaubt.

Die Akteure im Cockpit sind auch konfrontiert mit der Entschiedenheit vieler Bürger, ihre Handlungsspielräume zu verteidigen und neue zu entdecken, listig, denn Einschüchterung wirkt und Sanktionen sind angedroht. Ich habe erst kürzlich über diese praktische Intelligenz unter den unterdrückten und vernachlässigten Bewohnern tropischer Kolonien und Diktaturen gelesen. Ob die nicht nur in präsidialen Sonntagsreden gepredigten sogenannten Bürgertugenden ihren Stresstest im Großen und Ganzen ‘bestehen’, ist noch nicht ausgemacht.

‚Die Geschichte’ zeigt uns wohl Tendenzen, aber keine eine unausweichliche Richtung, unter der  Flussers  Spiel mit Phantasie-Szenarien wirklich Angst machen dürfte. Die weltweite Krise wirbelt alle möglichen Faktoren durcheinander, ob sie in seine Bewertung eingegangen sind oder nicht. Er war als typischer ‚Denker’ des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt von den linearen Konzepten „Fortschritt“ – in der einen oder anderen Färbung – oder „Weg der Zerstörung“ bis in den Untergang. Und wir Überlebenden des zwanzigsten Jahrhunderts, die wir ‘die eigene geschichtliche Erfahrung’ weitergeben wollen?

Hat nicht uns Hans Blumenberg bewusst „Umwege“ im Denken empfohlen? Aber wer liest den schon, und erinnert das Wichtigste zur rechten Zeit? Zum Beispiel in den nachgelassenen Essays und Glossen “Die Vollzähligkeit der Sterne” (1997 Suhrkamp) ?

 

 

 

 

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