Wer knackt Vilém Flusser im Interview? Etwa Klaus Nüchtern? Und wozu?

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EIN EXTRA ZUM 100. GEBURTSTAG

Nach der Veröffentlichung in der Wiener Stadtzeitung „Falter“ 1990 befand Vilém Flusser: “das erste Interview, das mich wirklich wiedergibt.“

 „European Photography“ von Andreas Müller-Pohle veröffentlichte es 1991 als „Vilém Flusser – Ein Gespräch“ ein zweites Mal und setzte den Interviewer Klaus Nüchtern oben auf die Titelseite, dort, wo normalerweise der Autorenname steht.

 Wer ist Klaus Nüchtern?

Wikipedia sagt: Geboren in Linz 1961 und fährt fort: „Klaus Nüchtern studierte Anglistik und Germanistik und schloss mit einer Diplomarbeit zu Hans Robert Jauß ab.[2] Seit 1989 schreibt er für die Wiener Stadtzeitung Falter, wo er von 1990 bis 2015 das Kulturressort leitete. Seine populäre wöchentliche Kolumne “Nüchtern betrachtet” (mit einem auf dem Rücken liegenden Tapir als eigenem Maskottchen) erscheint auch in Buchform.“ Die hießen dann zum Beispiel: „Kleines Gulasch in St. Pölten. 78 ganz brauchbare Kolumnen mit 5 exklusiven, bislang unveröffentlichten Vorworten (= Nüchtern betrachtet. Band [2]). Falter-Verlag, Wien 2003“. „Von 2004 bis 2008 war Nüchtern Juror beim Ingeborg-Bachmann-Preis.“

In einem Interview mit der Webseite 2007 des “Hauptverbandes des österreichischen Buchhandels” wurde er gefragt, welche Themen es wert seien, mit einer Kolumne bedacht zu werden? (LINK)

“In dieser Beziehung lebe ich von der Hand in den Mund. Ich habe nicht 15 Themen, aus denen ich dann das beste wähle, sondern es sind solche Themen gewinnbringend zu lesen, wenn ich sie entsprechend herrichten oder aufmascherln kann. (….). Es geht nicht darum, Kommentare zum Tagesgeschehen abzugeben oder etwas anzuprangern, sondern darum, Alltagsbeobachtungen oder vermeintlich banale Dinge so aufzupolieren, dass sie zu funkeln beginnen.” 

Was passiert zwischen den beiden?

Der furchtlose junge Straußritter sticht gleich in den Panzer des Propheten: „Herr Flusser, nehmen wir einmal an, in dem Saal, in dem sie gerade Ihren Vortrag gehalten haben, wäre kein einziger Mensch, nur eine Videokamera gewesen, die hätte das Ganze aufgezeichnet, dann wären Sie rausgegangen, Hunderte von Menschen hinein, denen man anschließend den Videofilm Ihres Vortrags vorgespielt hätte. Was hätte das für uns als Publikum für einen Unterschied gemacht, vom Live-Charakter einmal abgesehen?

Eine kaum verhüllte Kritik an der Art des Vortrags! Und wie reagiert Vilém Flusser (VF)?

Er öffnet sein Visier, schiebt die wohlbekannte Standardmaske samt den zwei Brillen nach oben und bekennt:

In meinem speziellen Fall hätte es keinen großen Unterschied gemacht. Sobald ich vorzutragen beginne, vergesse ich, daß jemand da ist, bin ich völlig in der Sache. Das Publikum stört mich eher. Ich kann nur richtig vortragen, wenn maximal zwanzig Leute da sind.“ (7)

Klaus Nüchtern will damit die These Flussers testen, „daß der technische Charakter dem Medium nicht äußerlich, sondern der sogenannte Inhalt weniger wichtig ist als das Faktum der prinzipiellen technischen Verfasstheit der Bilder.“ (8) – Bei dem steilen Anspruch an die Abstraktionsfähigkeit  hat das ‘Falter’-Publikum sicher schlucken müssen!

VF kontert ähnlich anspruchsvoll: „Ich meine, Sie haben in Ihrem Beispiel ein Video erwähnt, auf das die Leute nicht reagieren können. (….) Wäre jedoch das Video dialogisch geschaltet gewesen, das heißt, hätten die Leute während meines Vortrags den Apparat so manipulieren können, dass ich mich selbst von verschiedenen Seiten sehe, und hätte ich durch die Bewegung des Videos auf die Reaktion der Menschen schließen können, dann wäre der Vortrag ganz anders verlaufen, je nachdem, ob Leute da sind oder nicht.“ (7/8)

Wenn! Wenn! Wenn ihn durch eine ‚dialogische Schaltung’ während des Vortrags Informationen erreichen würde, aus denen er die Publikumsreaktion erschließen könnte…. Wie soll dabei der Vortragende VF völlig in der Sache bleiben können und vergessen, dass jemand da ist? Vom technisch-organisatorischen Aufwand ganz abgesehen.

Nüchtern beendet den Angriff mit einer scheinheiligen Frage: „Es waren Leute da, im Grunde genommen hätte das Ganze ja dialogisch verlaufen können. Man hätte ja dazwischenrufen können. Hätte Sie das gestört?

VF: „Es hätte mich sehr gefreut. Nur ist es bei dieser Menge nicht möglich. Aber wenn nur wenige Leute da sind, dann beginne ich so: Ich behaupte nichts, auch wenn es so klingt, als ob ich etwas behaupten würde. Alles, was ich sage, ist eine Provokation. Lassen Sie sich provozieren, und unterbrechen Sie mich.

Selbstverständlich hätten „Zwischenrufe“ ihn aus Prinzip „gefreut“  – das weiß der Leser seiner Schriften. Auch „ Alles, was ich sage, ist eine Provokation“ hat man bei ihm schon gelesen.

Wie das aber funktionieren soll, zumal zu Beginn eines Vortrags, ist mir schleierhaft. Erstens müssen Hörer die Provokation überhaupt erkennen, zweitens muss die Geduld, die ein zivilisiertes Publikum dem Redner entgegenbringt, erst einmal genügend strapaziert werden, bis einzelne sich spontan vorwagen. – Ich rede aus der praktischen Erfahrung eines alten Zwischenrufers. Klaus Nüchtern tut gut daran, das so stehen zu lassen, um die privilegierte Eins-zu-Eins-Konstellation für wichtigere Fragen zu nutzen. Ich erinnere mich da an den Essay „Exil und Kreativität“ in „Von der Freiheit des Migranten“, worin Flusser betont, dass “Dialoge” beinhart sein können.

VF bekommt gleich zu Beginn zu spüren, dass ihm hier kein Bewunderer gegenübersitzt, der auf seine Belehrungen wartet, sondern ein kühler Vertreter der Leserschaft des Wiener „Falter“. In Frankfurt wäre es das Szene-Blatt Pflasterstrand gewesen. Der stellt Fragen – „soweit ich Sie richtig verstanden habe“ (8) – ohne Rücksicht auf Flussers Spiel mit Begriffen und auf dessen Empfindlichkeiten. Nur wer Flusser gelesen hat, bekommt das überhaupt mit. Aber jedesmal müsste VF eigentlich weit ausholen. Auf die Schnelle hat er keine befriedigenden Antworten parat. Er ist offensichtlich vom Tempo der ungeschützten Gesprächssituation und vom eigenen Rechtfertigungsdruck überfordert. Der treibt ihn von einem Thema und Motiv zum nächsten.

Ein Potpourri krass verkürzter Motive bei Vilém Flusser

Klaus Nüchtern kommentiert das wie von Flusser erfundene Motto „Auf und davon. Für eine Nomadologie der neunziger Jahre“ der Tagung Steirischer Herbst, wo WF gerade aufgetreten ist, mit dem Satz: „Mir ist das Ganze immer etwas verdächtig, als wollte man neue Schlagworte finden, die angeblich den Zeitgeist auf den Punkt bringen.“ (10).

Und Flussers Lob „faltbarer, tragbarer Architektur“ (11) beantwortet er mit einer Stichelei: „Sie haben aber schon noch ein stabiles Haus … und dann der Frage: Und sie können sich vorstellen, in so einem mobilen Haus zu leben?“ (12) Die Antwort Flussers ist bemerkenswert zahm: „Lange Zeit habe ich es gedacht. Ich habe mir immer gewünscht, einen Wohnwagen zu haben.“ – So verhielt sich das also?  Bei dem, was VF über das “Regenwurmglück” des “Wohnwagentiers” geschrieben hatte (posthum veröffentlicht) !

Sein Befreiungsschlag besteht im Wechsel zum digital voll ausgestatteten Lieblingsmodell: „In dem Moment, wo das Haus intelligent wird, wo es also zu einem Ort des Prozessierens von Daten wird, ist die Verankerung im Raum ein Hindernis. Es gibt erste Anzeichen dafür, dass sich das Haus entankert.“ (13)

Das (traditionelle) Haus sei ein „Gefängnis“ (wie im Essay „Häuser bauen“): „In Städten wie Sao Paulo merken Sie das. Ganze Viertel sind abgetrennt und bewacht. Die Bewohner der bürgerlichen Viertel sind Gefangene….“ (14) Ich denke: Warum sagt er es nicht? Er muss doch wissen, warum und wogegen ‚gated communities’ abgetrennt existieren. Stattdessen: „Die Frage ist, inwieweit schützt ein Haus vor Steuerbeamten, vor dem Staat, vor dem verbliebenen öffentlichen Raum. (….) Wir sind auf der Flucht vor dem Staat. Die Grenzen fallen, weil ja der Staat als solcher die Freiheit beschränkt. Nomadismus ist Anarchie. Vergessen Sie bitte nicht, daß die Grenzen darum fallen, um die Bewegungsfreiheit im Kommen und Gehen von Personen, Gütern und Gedanken zu erhöhen. Europa ist deshalb interessant, weil die einzelnen Staaten verschwinden.“ (15) Auf Nüchterns Vorhaltung nennt er für die Dritte Welt „die Gefahr der Polizei“ und die sogar für sie gefährliche „Favela“. (16) Diese Runde hat VF mit einer Schrotladung an essayistischen Pointen überstanden.

Doch Nüchtern lässt nicht locker: Sie haben zuerst den Nomadismus als Anarchismus definiert. Wie würden Sie sich selbst im politischen Spektrum verorten?

Er verletzt gleich zwei Tabus im korrekten Umgang mit VF: „sich definieren“ und „politisches Spektrum“. VF belehrt ihn: „Also erstens einmal möchte ich sagen, daß jeder Standpunkt, weil er ein Standpunkt ist, falsch ist.“, es gehe darum, „von Standpunkt zu Standpunkt zu springen“. Überspringen wir die Erwähnung der Fotokamera als „ erster Apparat, der dafür gebaut wurde“!(17)

“Was die Politik betrifft”, mobilisiert VF eine “nie richtig verwundene furchtbare Enttäuschung durch den Marxismus seit dem Jahre 1936, seit den Moskauer Prozessen“ – da war er sechzehn – und geht dann zu „Politiker als Marionetten ….“ über, hinter denen „nicht irgendwelche Machthaber stehen, sondern unpersönlich gewordene, intersubjektiv gewordene Relationen“(19).

Diese Auskunft lässt sich selbst ein diplomierter Literaturwissenschaftler wie Nüchtern nicht gefallen: Dagegen würde ich halten, daß selbst dieses intentionslose Spiel oder dieser eigendynamische Ablauf von Prozessen doch tendentiell eher denen in die Hände spielt, die ohnehin schon oben sind.“ (19) Kann man feiner ausdrücken, woraus die Dynamik der europäischen ‚Integration’ sich speist? Oder heute der atemberaubende Triumph von Apple, Google und Amazon?

VF fällt in die Pose des ‚terrible simplificateur’: „Ich glaube, wenn Sie sich einen Kapitalisten ansehen, so ist es völlig klar, daß nicht der Mann die Fabrik besitzt, sondern die Fabrik den Mann. Entscheidungen werden zwar getroffen, aber sie werden in Funktion getroffen. Es gibt keine Entscheidungen im Interesse. Das gibt es nicht mehr. (…) (19/20) Darin steckt sein Begriff des „Funktionärs“. VF verweist explizit auf sein Buch „Ins Universum der technischen Bilder“ (20) – fürs Interview etwas unpraktisch – und drängt weiter zum Ideal einer Verwaltung und zwar zur konfuzianistischen Mandarinenadministration, bei der die Kompetenz das Kriterium ist und bei der die Entscheidungsträger immer wieder Prüfungen zu bestehen haben. Klaus Nüchtern ist ihm aber dicht auf den Fersen: Ergibt sich natürlich die Frage, wer sind die Prüfer und wer überprüft deren Kompetenz? Kommt man da nicht in einen infiniten Regreß? (21)

Die Jagd setzt sich noch ebenso viele Druckseiten fort, über die ‘sinnlose Teilnahme’ an demokratischen Wahlen, Brasiliens Militärdiktatur, Identität, ‚Liebe’, Auschwitz, Selbstmord, Yoga, Entsetzen, Telepräsenz und Körperinflation, Tod und Unsterblichkeit. VF: Ich glaube, Humanismus ist etwas ganz Miserables. Ich glaube statt an Humanismus an Altruismus. (52) 

Am Ende hat VF doch seine Themen durchgesetzt.

Doch was meinte er mit: „das erste Interview, das mich wirklich wiedergibt“?

War es die Dynamik, das Temperament, der Furor der Begegnung?

VF: „Aber das ist ja das Neue, das Neue ist immer entsetzlich – und begeistert. (…) Ich sehe das orphisch. Da haben die Mänaden diesen Bock zerfetzt, diesen Jesus da in Stücke zerfetzt, haben von seinem Blut und seinem Fleisch genossen und sind jetzt besoffen. (41) Oder „Hoffentlich sehen sie das Lachen dabei!“ (42) „Warum müssen sie so stabil denken?“ (43) VF fordert den Nüchtern auf: „nein, nein, radikalisieren Sie mich nicht!“ (44)

Was versprachen sich der Verleger und VF von der Veröffentlichung?

Vilém Flusser würde als bunter „Falter“ „zu funkeln“ beginnen?

Selbstverständlich. Nur stocknüchterne Banausen wie ich einer bin – wollen das nicht wahrhaben.

Der (für mich leider anonyme) Redakteur der ZEIT, der im Dezember 1991 den (Teil)abdruck des Flusser-Textes „Vom Rad“ (LINK einleitete (ZEIT-Texte), hat Performance und Wirkung Vilém Flussers viel besser verstanden:

Zuletzt war er immer seltener im provenzalischen Häuschen anzutreffen. Die Denkveranstalter haben ihm keine Ruhe mehr gelassen. Hier eine Tagung, dort ein Seminar, da ein Konvent. Vilem Flusser genoß die Kathederprominenz, die vollen Säle, das ungläubige Staunen, wenn es ihm, dem entfesselten Assoziierer, wieder einmal gelungen war, die Götter vom Himmel zu holen und sie auf Winkelwegen durch enge Mikrochips zu zwängen. Seine Rede, seine Texte, die unverwechselbaren Glossen schienen fast mühelos allen Klippen der Abstraktion auszuweichen. Vielleicht war ja der freundliche Weißbart ein allerletzter Universalgelehrter, der etwas unerwartet im nachideologischen Restsäkulum den homo philosopbicus traditionalis zu mächtigem Wort kommen ließ. Flussers dynamische Auftritte hatten allemal etwas von der Performance, sein gewaltiger Wissensaufruf etwas Magisches. Geschichtsvergessenen Futuristen spannte er ganze Bildungshorizonte zwischen kulturweiten Haltepunkten auf. Den Zukunftsächtern erzählte er das Neue als das eigentlich Alte. Und allen verwebte er das scheinbar Unzusammengehörige, das Inkohärente zum Netz, in dem sich Wahrheit allein im Spiel immer neuer Zuordnungen bilden sollte, im Suchen freier Valenzen, im Lösen, Verlieren und jähen Wiederfinden. Mit Molluskentücke verwandelte sich dabei die Metapher in den Begriff und der Begriff in die Metapher, versank im mythischen Weichgrund aller möglichen Sprachen, um die Sprache des Computers als eigentliche Weltsprache zu entdecken. Im Computer, den er nie bedienen lernte, sah er die real gewordene Utopie schierer Universalität und Fernelosigkeit. (….)“

P.S.  (zur Abbildung)

 

 

Das exotische Flusserporträt verkörperte ursprünglich einen mächtigen Ahnen der Mambila, mit einem Maskengesicht, das klare Sicht in zwei Welten versprach, dessen Bart Altersweisheit verkörperte. Der Bauch hat Raum für magische Medizinen und zeigt Potenz. Auch die kampfbereite Pose hätte Vilém Flusser gefallen.

 

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