16.1.2020 Leserbrief an die FAZ : Kritik am Angebot der Rubrik „Natur und Wissenschaft“
Ich lese seit Jahrzehnten die Seiten „N“ und verwandte sie auch gern im Oberstufenunterricht (Ethik). Das lag auch an der Sprachkultur. Im Unterschied zur damaligen FR wurde nicht einfach akademische Essays unbearbeitet über eine oder zwei Druckseiten gekippt, sondern der Kern der jeweiligen Frage fachjournalistisch zubereitet. In den vergangenen Jahren hat sich der Umfang von „NuW“ leider zweimal verringert. Damit muss man leben, aber in der letzten Zeit scheint mir auch der Inhalt immer dünner und in die Abteilung ‚Vermischte Nachrichten’ abzugleiten. Dabei sollte man fordern: Nur noch das Wichtigste!
Zwei Ausgaben sollen meine Kritik illustrieren.
„Kein Ende des Organmangels“ (8.1.20, N2 scheint Bezug zu nehmen auf einen entsprechenden transplantations-lobbyistischen Artikel im Feuilleton ein paar Tage zuvor. Das ist aber keine Debatte. Daneben standen isoliert ein paar Krümel aus der Forschung „Hält dein Seil?“ oder „Vegane Fehlerkultur“.
Am 31.12.19 wurde schon unter dem sibyllinischen Titel „Kann man politisches Vertrauen bauen“ der „Blockchain“-Experte Jason Potts befragt zu „noch in einer frühen Experimentierphase“ befindlichen Anwendungen der Technologie in der politischen Sphäre. Im Ergebnis, versichert er hemdsärmlig, bekämen Regierungsapparate mehr Freiräume für wesentliche Aufgaben. Kommt dieses „Interview“ nicht zehn Jahre zu früh? Es ist unausgegoren und nutzlos.
Ein drittes Beispiel, meinem Bereich näher liegend: „Papers sind geduldig“. Auch ich bin häufiger „zu Gast“ bei academia.edu (8.1.20 N3). Ich bekomme von deren ‚Algorithmus’ Lesevorschläge aufgrund vorhergehender Downloads. Ich lachte anfangs noch, wenn es gleich ein „bulk“ dreißig angeblich passenden Artikeln aus aller Welt sein sollte, der mir Wochen weiterer Recherchen zu ersparen versprach, aber das wäre dann ja schon kostenpflichtiges „Premium“ gewesen, also harmlos. Und es gibt die Antworttaste mit der Frage: „Ein guter Vorschlag?“, um weitere abzuwehren. W.Kemp spekuliert von „Utopie“ und „vielleicht die reine Digitalität zu fassen“, vom digitalen Unbewussten“, von den ‚Heroen’ W.Benjamin und Mc Luhan und vom „offenem Kunstwerk“. Seine Beispiele sind blutleer, schon weil er nicht Seiten und Namen nennt. Welchen Zeitungsleser soll das Raunen auf der spekulativen Couch interessieren?
Dass „mit relativ wenig Forschung“ auch akzeptable Paper“ erstellt und hier publiziert werden – ein Eindruck, den ich teile – hängt von den Autoren ab, und die kann man kontaktieren und ihnen „folgen“ will oder nicht. Man muss sie ja nicht lesen, wie der Artikel auf N4 („Wie weit darf Verfälschung gehen?“) in vergleichbaren Fällen vorschlägt. Über academia.edu führen viele Wege in die reale Welt wissenschaftlicher Forschung, an Institute und zu lohnendem Austausch mit unterschiedlichen Autoren, zu ‚Grünschnäbeln’ wie zu Experten. Es ist eine „Kontaktseite“. Der beklagte Konformismus der angebotenen „Papers“ hat natürlich mit der ‚personalisierenden’ Orientierung an meinen vorigen Downloads zu tun und mit dem globalisierten Angebot.
Der Konformismus („ziemlich konform“) in den kulturwissenschaftlichen und „sozialpsychologischen“ Sektoren spiegelt in meinen Augen vor allem den Einfluss von Moden, political correctness und zunehmenden Konformismus in der Universitätsausbildung und in den – die raren Jobs anbietenden – Kulturinstitutionen. Beunruhigend an academia.edu finde ich die gefühlt hundert Seiten ihrer zudem fremdsprachlichen Geschäftsbedingungen, die mich von weiteren Uploads abhalten.
Der folgende Leserbrief war am 16.1. durch Bundestagsbeschluss überholt, darum habe ich ihn nicht abgeschickt, doch man wird es wieder versuchen!
Zum Artikel „Die geringere Zumutung“ von Philosoph Nikolaus Knoepffler und Chirurg Utz Settmacher Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8.1.2020, S.9 (Feuilleton)
Kurzfassung: Wir sind hungrig auf Transplantationsorgane und fordern die bequemere „Widerspruchslösung“
Zwei Experten betätigen sich als Propagandisten, um die Leser von weiteren Eingriffen in das Sterben zu überzeugen. Sie behaupten, dass ihr Pool über mehr geeignete Organe verfügen wird, wenn die Duldung einer Entnahme von Organen auch in Deutschland „Normalität“ wird. Dazu versuchen sie, das Problem auf die Frage der „Zumutbarkeit“ der Beschaffung einzuengen. Sie setzen „Duldung“ mit „Spende“ gleich und versprechen zudem einfachere „Angehörigengespräche“, das sei doch für beide Seiten „humaner“. Dabei sind Sorge und Rücksichtnahme auf Patienten und Angehörige im Gesundheitssystem zur Farce geworden. Sie werden in der Praxis kaum vergütet, während immer teurere technische Apparaturen und Anwendungen Geld bringen und das Sozialprodukt mehren.
Zwar wird von den Autoren das „Mephisto“-Urteil des Verfassungsgerichts soweit zitiert, „dass die Menschenwürde nicht mit dem Tod endet“, aber das soll nur für das „Persönlichkeitsrecht“ eines Verstorbenen gelten, etwa gegenüber einem Biografen, aber nicht für seinen Leib. Denn man konstruiert einen „kategorialen Unterschied zwischen der Würde der Lebenden und der Würde der Toten“. Der eben noch unter uns lebende potentielle „Spender“ wird umstandslos seiner integralen „Menschenwürde“ entkleidet und bekommt eine eingeschränkte „Würde des Leichnams“ übergestreift, flatternd wie ein Patientenkittel. „Der Ganzhirntod ist mit einer inneren Enthauptung vergleichbar.“
Eilfertig betonen die Autoren, es seien „keine Nachteile für die Ablehnenden“ zu erwarten, wo ihre Ablehnung sie dauerhaft im System begleiten wird! Man muss nicht in die VR China schauen, um zu erkennen, was auch in Europa droht.
Und nehmen wir einmal an, von der Angebotsseite her könnten alle Transplantationswünsche erfüllt werden, dann kämen bereits die nächsten systemischen und „ethischen“ Probleme, etwa eine Beschränkung der Empfänger wegen für die Gesamtheit der Versicherten untragbarer Kosten.
Wo es um so persönliche Dinge wie Leben und Sterben in Würde geht, wagen es elitäre Mitglieder akademischer „Ethikzentren“, aus juristischem Begriffsreservoir plus willfähriger Medizinstatistik sogenannte „Kriterien“ zu destillieren, die anschließend mit staatlicher Sanktionsgewalt versehen werden sollen. Für das breite Publikum werden dreist die ausgeleierten Parolen „Solidarität“ und christliche „Nächstenliebe“ mobilisiert.
Ein andauernder Skandal ist, dass die Mediziner als Berufsgruppe nach den medizinischen Verbrechen im 20. Jahrhundert immer noch öffentlich einen „humanitären“ Anspruch vor sich hertragen dürfen. Ähnliches gilt für ‚die furchtbaren Juristen‘ (des ‚Dritten Reichs‘ und danach). Damit sollte sich vielleicht der Philosoph und Dekan auch noch einmal beschäftigen. Akademische Historiker sind leider zu diskret.
4.1.2020 Wer stoppt die ’nützlichen Idioten‘ einer forcierten Digitalisierung?
Während man den Bürgern noch den Umgang mit Behörden über die App des Smartphone als verlockend darstellt, werden in Hessen getrade mal ein paar Stadtverwaltungen und eine Universität (Gießen) erfolgreich ge’hackt‘ und für einige Zeit außer Gefecht gesetzt.
Und wie lautet die Antwort darauf? ‚The Game Must Go On‘, also Versprechungen weiterer Aufrüstung und eines Ausbaus der notorisch unterbesetzten Cybersicherheit. Dabei muss jeder wissen, dass „Wettrüsten“ eine schier endlose und immer teurere Spirale in Gang setzt.
Was war so schlimm am Papierverbrauch für den Schriftverkehr mit der Obrigkeit ? Mit dem Wechsel des Mediums haben sich doch nur die Formen der Unterwerfung geändert, oft sogar verschärft. Auf jeden Fall muss man nach den Profiteuren fragen und nach ihren ’nützlichen Idioten‘ (Lenin) in den Verwaltungen.
Die Perspektiven für den privaten Internetnutzer verfinstern sich. Selber in seinen Aktivitäten immer umfassender durchleuchtet, bleibt er (oder sie) immer häufiger in immer höheren ‚Fire Walls‘ und in Bezahlsystemen hängen. Wiederholte Daten-Lecks und immer raffiniertere ‚Viren‘ und ‚Trojaner‘ lassen Dienstleistungen ausfallen, auf die man sich früher verlassen konnte. Wenn gefälschte Adressen nur noch für Experten erkennbar sind und ein einziger Mausklick bereits Datendiebstahl und Erpressung das Tor öffnet, ist der ‚Nutzer wider Willen‘ unübersehbaren Risiken ausgesetzt ( > ein aktueller Link zum Thema ‚Emotet‘ in „hr info ’netzwelt‘-Interview“ unter der Suchfunktion, 28.5.20). Sobald man aus dem Netz aussteigt, ist man abgemeldet, kann man sich wohl bald die Kugel geben.