Fortsetzung des Dialogs aus dem vorigen Monat, den man aber nicht kennen muss. Denn an die Stelle des SelbstgesprĂ€chs tritt der Dialog mit dem 4.Kapitel von Urs App und mit ein paar weiteren interessanten Autoren.  Â
        Vorbemerkung des Herausgebers am 3.4.2012
Die Rede vom Absoluten bereitet mir fĂŒnfzig Jahre nach den Hegel-Studien in Frankfurt noch immer Probleme. Auch das Ding an sich geht mir kaum ĂŒber die Lippen. Lebenserfahrung sagt mir, dass es fĂŒr andere einen Zugang geben muss.
Urs App fĂŒhrt behutsam in die Ideenwelt vor zweihundert Jahren ein, nimmt den Leser mit auf den Bildungsweg des jungen Schopenhauer. Diesmal spielt die groĂe Europareise keine Rolle, dafĂŒr aber die vielfĂ€ltigen Ideen aller möglichen Autoren, die damals in der Luft lagen: die von Tieck und Wackenroder (23ff), der Mystiker des 17.Jh. Jakob Böhme und Madame Guion (25), die in den Dramen von Zacharias Werner (27-34). Dann begegnete er 1809 der turbulenten Naturgeschichte, deren Fossilien weit mehr Fragen stellten als sie beantworteten. (38-40). Von da war es nicht weit zu allgemeineren Fragen , etwa zu Schellings âWeltseeleâ und seinen âIdeen zu einer Philosophie der Naturâ (41ff.).
Die ersten drei Kapitel des Buches, deren LektĂŒre man vielleicht ungeduldig und kopfschĂŒttelnd absolvierte, erweisen sich nun als Segen. Denn auch bei App bewegt sich der im 4.Kapitel anklingende Streit zwischen den Doktrinen der GroĂphilosophen (âchampions leagueâ) des Deutschen Idealismus in den bekannten Bahnen. Ich erkenne sie wieder und kriege die alten Bauchschmerzen: Diese Problemstellungen sollen noch irgendwie relevant sein fĂŒr unsere Zeit? Lebhaft kann ich das Ringen des jungen Schopenhauer mit den Vorlesungen Fichtes (65f. ) und mit den Texten, seine leidenschaftliche, die eigene Existenz einbeziehende Parteinahme nachvollziehen, doch ihr Gegenstand und der Bereich, in dem (Er)lösungen gesucht werden, bleiben mir ein exotisches RĂ€tsel.
Erst der Blick ĂŒber den Tellerrand der zĂŒnftiger Philosophie fĂŒhrt mich weiter, zunĂ€chst mit Beat Wyss (Bochum) zu Hegels klassizistischer Ăsthetik (âTrauer der Vollendungâ), dann mit Robert Darnton (Harvard) zum âEnde der AufklĂ€rung in Frankreichâ (âDer Mesmerismusâ, dt.1983). Darnton ist einer der BegrĂŒnder der âMentalitĂ€tsgeschichteâ. Auch wenn man sie nicht anpeilt, treten MentalitĂ€ten als HintergrundsphĂ€nomene unweigerlich auf, sobald man historische Denkprozesse konkret in ihren VerĂ€stelungen rekonstruiert, wie Urs App dies tut. Auf der Rezeptionsseite werden egal wie klar formulierte Botschaften seit jeher abgewandelt, weitergedacht oder schlicht missverstanden. In den erwĂ€hnten ersten Kapiteln tritt der Zeitgeist in Deutschland nach 1800 sozusagen unwiderstehlich in den Vordergrund. Der HandelschĂŒler und junge Student Schopenhauer reagiert auf ihn, erscheint noch ganz in ihm befangen.
Urs Apps Darstellung hĂ€lt mit ruhiger Hand Kurs in Kenntnis der schlieĂlich entwickelten philosophischen Position her, ohne uns die Sicht zu versperren.
Der Wissenschaftshistoriker Paul Feyerabend könnte ihm zur Seite stehen, etwa mit der an den Naturwissenschaften der Neuzeit gemachten Erfahrung, dass alle Theorien zu Beginn höchst angreifbar sind, voller Ungereimtheiten und LĂŒcken, und von den etablierten FachautoritĂ€ten unter Druck gesetzt werden. In seiner drastischen Art hat er im Interview von 1993 die Empörung der Vertreter bewĂ€hrter Fachdisziplinen ĂŒberungebildete Newcomer nachgespielt. Seinen berĂŒhmten Kommentar âAnything Goesâ (wenn Forschung tatsĂ€chlich Ergebnisse bringt) hat er keineswegs frei erfunden und man muss ihn sich eigentlich zusammen mit einem Achselzucken vorstellen. Doch gerade Pioniere mĂŒssen GlĂŒck haben, ob sie nun Galilei oder Charles Darwin heiĂen. Dem wurde die Chance seines Lebens aufgrund der Empfehlung seines Vorgesetzten geboten, als er kaum mehr Vorkenntnisse als die eines Grundstudiums hatte.
Erst im Nachhinein scheinen wissenschaftliche Traditionslinien einfach gezogen, und ihre angeblichen Meilensteine treten so deutlich hervor, als ob sie kunstvoll herausprĂ€pariert wĂ€ren. Und das sind sie ja auch. Ăber die Dummheit der MitlĂ€ufer siegreicher Theorien hat Feyerabend ĂŒbrigens auch geschrieben.
Robert Darnton weitet unseren Horizont systematisch aus auf das Publikum der Wissenschaften, auf die ganze wissenschaftliche und philosophische Ăffentlichkeit einer europĂ€ischen Metropole, am Beispiel von Paris vor 1789.
Da erscheinen die faszinierenden Irritationen, die in Göttingen Professor Blumenbach (38ff) bei Schopenhauer auslöst, als Nachhall der StĂŒrme des vorangegangenen Jahrhunderts.
âEs war ein Jahrhundert der Systeme, genau so wie es ein Jahrhundert des Empirismus und der Experimente war. Wissenschaftler, oftmals Geistliche, trieben Wissenschaft, oftmals unter dem Namen Philosophie, und stiegen die groĂe Kette der Wesen aufwĂ€rts, bis sie jenseits der Physik bei der Meta-Physik und beim Höchsten Wesen anlangten.â (Darton 20)
Darnton benennt beilĂ€ufig eine ganze Reihe obskurer âFiktionenâ aus heutiger Sicht, mit denen sich Philosophen und Wissenschaftler ebenso ernsthaft beschĂ€ftigt haben wie mit den Theorien und Entdeckungen, durch die sie berĂŒhmt geworden sind.
Und was war alles entdeckt worden: Schwerkraft, ElektrizitÀt, neue Gase, die den Ballonflug erlaubten. Der resultierende Hype soll mit dem des ersten Mondflugs vergleichbar gewesen sein.
Das ehrwĂŒrdige Element Wasser wurde vom Chemiker Lavoisier seines Rangs entkleidet, dafĂŒr isolierte man neue Elemente. In den Forschungsmethoden herrschte Anarchie, ein Anything Goes.
Die Verwirrung war groĂ, die Grenzen zwischen Fachwissenschaft und Scharlatanerie unklar und hart umkĂ€mpft. PopulĂ€rwissenschaft war ein eintrĂ€gliches GeschĂ€ft fĂŒr Verleger, VortragskĂŒnstler und Wunderheiler. Auch die Ausstatter von âAmateuren, die mit Phosphor und ElektrizitĂ€t herum- spieltenâ (33) verdienten Geld. Das Personal der engagierten Forscher war noch nicht eingegrenzt.
âDie fortschreitende Scheidung der Wissenschaft von der Theologie im 18. Jahrhundert befreite die Wissenschaft nicht gleichzeitig von Fiktionen, weil die Wissenschaftler ihre ganze Phantasie zusammenzunehmen hatten, um ĂŒberhaupt etwas VernĂŒnftiges bei den Tatsachen zu denken, und jene hĂ€ufig bloĂ zu sehen, die von ihren Mikroskopen, Teleskopen, Leydener Flaschen, bei der Jagd nach Fossilien und in den Sektionen (Anatomie) enthĂŒllt wurdenâ (21).
Wenn ich die immer wiederkehrende Botschaft heutiger Wissenschaftsjournalisten recht verstanden habe, gilt diese Feststellung auch in unserer fĂŒr die Wissenschaften ungeheuer fruchtbaren Zeit. Und auch heute arbeiten Wissenschaftler und Philosophen keineswegs unbeeinflusst vom Zeitgeist. Die Beziehungen zur Politik, der Wirtschaft, dem Markt ĂŒberhaupt und einer gebildeten Ăffentlichkeit sind enger denn je und damit auch das VerhĂ€ltnis von Experten und gebildeten Laien brisant. Auch dazu hat Paul Feyerabend einiges in seinen âThesen zum Anrchismusâ (Karin Kramer Verlag, Berlin 1996) gesagt.
Sind wir zu weit vom Thema abgekommen? â So wenig wie die Wissenschaftsgeschichte im Nachhinein aus Unwissen oder Desinteresse simplifiziert werden darf, so wenig vertrĂ€gt das die Philosophiegeschichte. Anders als Naturwissenschaften, die in den zweihundert Jahren sich in methodologisch festigen konnten und einen geregelten Diskurs untereinander fĂŒhren, was aus interdisziplinĂ€ren Forschungen erfolgreiche neue Disziplinen entstehen lĂ€sst, leben Geisteswissenschaften und Philosophie in einer Dauerkrise, vergleichbar der Situation aller Wissenschaften am Ende des 18. Jahrhunderts. Das hat natĂŒrlich auch mit den GegenstĂ€nden zu tun, die in sich das Zeug haben, Verirrung zu erzeugen und einen um den Verstand zu bringen. Gerade die Totgesagten beweisen ein zĂ€hes Leben: Theologien, Kosmologien und Okkultismen aller Herren LĂ€nder besetzen unbeirrt ihre Nischen und werden von Zeit zu Zeit darin wiederentdeckt. âLeben wir in einem aufgeklĂ€rten Zeitalter?â fragte Kant. Er antwortete: âNein, aber in einem Zeitalter der AufklĂ€rungâ. Wir wissen wie er 1788, dass das nur unter Vorbehalt gilt. Die Fronten verschieben sich nur. Man könnte sehr wohl hinter Kants Kritik der reinen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft zurĂŒck. Wer war schon Kant? (âŠ)
Man kann sich fragen, wozu man seine Zeit eigentlich mit dem Denken von Vorfahren vertun sollte, das zweifelsfrei mit ĂŒberwundenen, oder gar irrationalen Zeitströmungen kontaminiert war. Man könnte bei der Suche nach Einsparungen die finanziellen Zuwendungen fĂŒr deren Erforschung streichen wollen. Gehören solche historische GeistesgröĂen nicht wie andere antike Promis in den Bereich einer ausgeklĂŒgelten Tourismusförderung, so wie etwa das Wohnhaus eines berĂŒhmten Philosophen eigentlich neben ein Romantik-Museum an die Frankfurter MĂ€rchenstraĂe gehörte?
Vielleicht besteht der Nutzen vor allem im unzeitgemĂ€Ăen und anachronistischen Charakter ihrer Lehren. Woran sollte sich sonst unsere eigene MentalitĂ€t stoĂen? In welchem Spiegel können wir uns noch fremd werden, um âuns von unserer Selbstbezogenheit zu erlösenâ? Damit meinte er emeritierte Ethnologe Fritz Kramernicht nur das Individuum, nein, auch die â immer mehr Menschen gemeinsame âLebenswelt computergesteuerter AblĂ€ufe und formalisierter Entscheidungen, in derdas Absolute in der musealen Vitrine Platz finden wĂŒrde, wenn es nicht die vielenNischen oder wilden Deponien gĂ€be.