DAS LACHEN KINSHASAS – Eine postkoloniale Stadt und ihre unsichtbare Architektur. Gedanken beim Lesen

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FILIP DE BOECK – DAS LACHEN KINSHASAS – Eine postkoloniale Stadt und ihre unsichtbare Architektur. Über Infrastrukturen aus Verfall und Humor, aus Geld, Macht, Mode und Sex (L. I. No.76. S. 38-46) – Meine Notizen vom Juli 2017, erst im Oktober 2019 hochgeladen, von allem Ballast an Details befreit.

 

Ich entdecke den Aufsatz des Anthropologen im großformatigen Magazin „LETTRE INTERNATIONAL“ vom Frühjahr 2007, unter der Rubrik „Das Potential der Städte“. Ich krieche im Schneckentempo über eine große Bleiwüste.

 

 

„Wimmeln“ und „Schwärme“ in Kinshasa  (RDC)

Zwei Ausdrücke – „das Wimmeln“ und „Schwärme“, in Verbindung mit „Menschen“ gesetzt (40) – wecken Bilder von „Warschauer Ghetto“ und „Kalkutta“. Adelin N’Situ, Psychiater und Bewohner Kinshasas („Kinois“), thematisiert denn auch bald „die Angst vor dem Verschwinden. Du kannst jederzeit von der Bildfläche verschwinden. Trotzdem wehrst du dich und versuchst, einen Anschein von Stabilität aufrechtzuerhalten, um deinem Leben einen Sinn zu verleihen und in dieser Stadt einen Platz einzunehmen.“ (41) Egal, welchen Status du erreichst, „die Triumphe beschränken sich auf einen kurzen Augenblick“. (43)

Die sozialen Kontakte und alternativen Formen von Solidarität sind von extremer Härte“ (41)

Ich denke wieder, ich sollte keinesfalls hinfahren – vor dreißig Jahren vielleicht, nicht als alter Mann. Gewiss aber in die Filiale Brüssel, zusammen mit Kongolesen. Ich brauche kleine Portionen.

De Boeck (Link) umreißt „das urbane Bewusstsein in Zentralafrika“ (39). Doch dieses urbane Bewusstsein greift allmählich auf Großstädte des Nordens über. Der Text zitiert die Prognose des Urbanisten Rem Koolhaas (um 2000), dass „die westlichen Städte früher oder später mit denselben urbanen Problemen konfrontiert werden wie das aktuelle Lagos“ (38) Er spricht von urbanen Infarkten, aber das geht viel weiter.

 

Die Sehnsucht nach einer angenehmeren Stadt .. dem Kinshasa ihrer Jugend“ und „das exzessive Bedürfnis auszuwandern“ (40)

Beides zielt auf uns, auf unsere Städte, die zwar nicht so ideal sind wie erträumt, aber doch ein Stück weit.

Und dann ist die Stadt nur noch das, was die Bewohner, die sich darin einrichten, daraus machen (41), zum Beispiel aus einer der wenigen funktionierenden Straßenlaternen (41), aus der Verkehrsinsel (40), der schattigen Allee, all den Bauruinen … Bleiben „Geld, Macht, Mode, Sex und der Körper als Spiegel“.

Massive Zuwanderung aus postkolonialen Krisen- und Elendsgebieten bleibt nicht ohne Wirkung auf ‚die Stadt’, und sei es mit Zeitverzögerung. Viele sind aus einer Misere aufgebrochen, die uns aus Medienberichten bereits bekannt ist. Sie hatten im Gegensatz zu uns vom Staat noch nie viel zu erwarten, und sie sind die Feindseligkeit konkurrierender Bevölkerungsgruppen gewohnt. Das gegenseitige Misstrauen in ihren Gesellschaften wächst seit Jahrzehnten. Sind sie nicht perfekt eingestellt auf die neue Umgebung?

Der zweimalige Emigrant und Philosoph Vilém Flusser beschrieb den Immigranten und den Dialog mit ihm ohne Beschönigung:

Wer im Exil menschenwürdig leben will, muss kreativ sein. Im Essay „Exil und Kreativität“ betrachtet er speziell „die Bewohner, die ihn (den Migranten) aufnehmen sollen“, und den „Dialog“ mit ihnen:

Diese dialogische Stimmung ist nicht notwendigerweise ein gegenseitiges Anerkennen, sondern sie ist meist polemisch (um nicht zu sagen mörderisch). Denn der Vertriebene bedroht die Eigenart des Ureinwohners, er stellt sie durch seine Fremdheit in Frage.“(Flusser „Von der Freiheit des Migranten“,1994 und später, S.109) Beiden Seiten stellt sich die Aufgabe, aus der Situation für sich das Beste zu machen. (Link: Flusser an die Schule.pdf ab S.22)

 

Sturmreif!

Das alles würde ja wie früher in einer Apartheid-Gesellschaft münden, wenn eine gesellschaftliche ‚Wagenburg’ existierte, etwa ‚Leitkultur’. Die existiert aber nur in den wildesten Träumen bereits marginalisierter Ureinwohner. Die Gründe für ihr sang- und klangloses Verschwinden sind bekannt, unnötig, sie ein weiteres Mal aufzulisten. Bis auf drei wenig genannte Aspekte:

Das formalisierte und skelettierte Ausbildungssystem (‚Bildungssystem’) wird seit einem halben Jahrhundert immer menschenfeindlicher, gibt Jugendlichen immer weniger Raum für sinnvolle Perspektiven jenseits Karriere, Konsum und Zerstreuung, was ich als junger Lehrer noch für selbstverständlich nahm. Das System lässt viele in einem rat’s race als Versager zurück.

Eine alternde Linke liefert seit Jahrzehnten ideologisches Bruchgestein für eine schleichende Diktatur von – auf neue Art – ‚furchtbaren Juristen’. Sie munitionieren alle Arten individueller Ansprüche, verfolgen überall ‚Diskriminierung’, treiben eine Spirale angeblich dringender ‚Gleichstellung’ an – fiat iustitia pereat mundi (deutsch: auf Teufel komm’ ’raus).

Dazu das linke Konzept, dass alle Menschen unterschiedslos ‚Brüder’ und ‚Schwestern’ seien, zusammen mit der jugendbewegten Ideologie von der ‚kulturellen Bereicherung’ durch jede Art von ‚Kulturaustausch’. Fremdsprachen werden ja kaum erworben, nicht ’mal unbedingt im Kontext der Zuwanderung. Die Verblödung der Massen ist im Vormarsch…

Habe ich mich etwa heißgeredet? Wo waren wir stehen geblieben?

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