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28. Juli 2019

Gardemass und radikaler Bauplan bei den Lengola (?)

Pakete aus dem Regenwald

 Über die Jahre erhĂ€lt L. immer wieder Pakete von seinen Agenten aus dem Nordosten des Regenwaldgebiets beiderseits des Kongo. Die Objekte sind meist unscheinbar, manche intakt und mit durchdringendem Harzgeruch, manche verdreckt und provisorisch repariert, nie aufgehĂŒbscht. Wer weiß, wo sie die letzten Jahrzehnte verbracht haben. „In den Dörfern“ behauptet L., und das scheint mir plausibel.

Mbole, Lengola, Metoko, Jonga, Kumu und andere

 

Beleg. Felix - 100 peoples...

Felix: 100 Peoples …. pp. 110/111 METOKO : „Figures have multiple use. 6 : Kasimbi, placed in the initiation hut. 11 : some kalungu janus figures kept by lineage elders, .…“

Als Ituri, Maniema und Cuvette steht die Region in den BĂŒchern. Die Stammesnamen sind beispielsweise Mbole, Lengola, Metoko, Jonga, Komo und andere. Die wissenschaftliche Literatur ist spĂ€rlich gesĂ€t. In den Kunst-Katalogen sind ihre Objekte recht zufĂ€llig gestreut. Das daraus resultierende Puzzle von Zuschreibungen und ErklĂ€rungen weckt keine Vorstellung eines Regionalstils, geschweige denn seiner Entwicklung im 20. Jahrhunderts. Die – etwa bei Felix : 100 Peoples … – hingeworfenen exotischen Bezeichnungen von Vereinigungen und Objekten bleiben ebenso stumm wie einzelne Stichworte zur traditionellen Verwendung. Da könnte nur Tervuren mit seinem dokumentarischen Schatz weiter helfen, und ein paar Zeitschriftentitel aus der belgischen Kolonialzeit, von denen ich nur hoffen kann, dass meine Bibliothek sie damals abonniert hat.

 

Große Figuren von radikaler Bauart

Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich ein paar Skulpturen erworben, die durch ihre GrĂ¶ĂŸe und Eigenart beeindrucken. Ihre Formen sind schlicht zu rechteckigen Blöcken gehauen worden. So befremdlich „unafrikanisch“, so „modernistisch“, so „technisch“ diese radikale Bauart zunĂ€chst wirken mag, sie liegt mitten auf dem Weg eines jeden afrikanischen Figurenschnitzers, der zunĂ€chst den Stamm mit der Hacke in nach Wunsch proportionierte Quader zurecht schlĂ€gt, bevor er die Rundungen des Körpers herausarbeitet. Und zwar dort, wo er sie braucht. Auch diese drei kantigen Körper zeigen unauffĂ€llige Rundungen, vor allem am Kopf, aber auch an Schultern und in Armbeugen.

 

Nr.1 und Nr.2 bilden ein Paar

Bilddokument Objekt. GvDie beiden 80 und 63 cm großen und mit einer krĂ€ftigen Haut an Pigmenten und Harz versehenen Figuren stammen zweifellos „aus einem Dorf“, in dem sie lange miteinander gestanden haben mĂŒssen. Ihre jeweils ausgeprĂ€gten Eigenheiten machen aus ihnen ein sehr vitales Ensemble in der Spannung zwischen formaler Sperrigkeit („Blockstil“) und warmem farbigen Schmelz.

Auf einer dicken Harzschicht, die nach L. (auch) Geister abwehren soll, sind weiße und rote Tupfen verteilt. Ich nehme an, dass die Harzschicht zur Ausstattung, zur Einkleidung gehörte. Auf dem Sockel ziemlich abgerieben. Das gilt fĂŒr beide Figuren, der Turm ist außen stĂ€rker verkrustet, abgesehen von Stellen zwischen den Beinen und am Hals der 2. Figur. Mir fĂ€llt ein, dass der Schnitzer bloß den Rohling geliefert haben und schon die Harzschicht vom Zauberer aufgetragen sein könnte, die farbigen Tupfen ohnehin.

 

Figur Nr. 1 Der bisexuelle Turm mit vier Köpfen

Blockartig, scheinbar kunstlos, auch der Hals nur die Fortsetzung des Torso. Doch sind die Quader außen jeweils durch einen Hieb abgerundet, an den Armen stĂ€rker als an den Beinen. Die Mitte der Figur ist durch die Masse der Köpfe nach oben verschoben.

Die Frontalansicht wirkt breit, die Seitenansicht aufrecht und ‚stolz’. Das Körperschema mit seitlichen Armen und geraden Schultern ist anthropomorph.

Proportionen (vertikal):  Runder Sockel: 5,5cm  – Beine, HĂŒften 21cm – Torso 22cm – Hals, Köpfe 21 cm –  Krone: 10

Bilddokumentation. GvObjektdoku.Gv

Die Krone ĂŒber den vier Gesichtern hat einen gerundeten sechskantigen Grundriss, möglicherweise eine verschlossene Öffnung. Die Gesichter sind ausgesprochen streng, der Blick durch die stilisierten Augenschlitze nach innen gekehrt.

Die – unten abgeschnittenen – herzförmigen Gesichter sind nicht schematisiert. Bereits vor dem HarzĂŒberzug sind zwei Augenbreiten und Mundtypen jeweils auf den Gegenseiten zu erkennen. Nach vorn und hinten sind die MĂŒnder gespitzt und die Augenschlitze schmaler, die Gesichter weiß; die an der Seite sind rot.

 

Figur Nr. 2   Der janusköpfige Bisexuelle mit großer leerer Mitte

 Die Konzeption ist raffinierter, aber die Botschaft scheint auch eine andere zu sein.

Bilddokumentation. GvObjektdoku.GvDer Doppelkopf ist extrem plastisch und auffÀllig tief (15,5 bei einer Breite von 11).

Die herzförmigen Gesichter sind breiter als hoch ( 10,5 zu 8 ) und stark ausgehöhlt: Der Nasensteg steht 2 cm vor. Die parallelen Doppelstriche, welche die Augen bilden, sind geradezu ĂŒppig, der Mund ganz unten quadratisch und klein (1,5 cm). Das Gesicht auf der weiblichen Seite wirkt feiner. Woran liegt das?

Der Torso ĂŒber dem krĂ€ftigen runden Sockel strebt noch lotrecht nach oben, aber der Hals bildet einen unauffĂ€lligen Winkel, und auf der Ebene des Kinns schaut das MĂ€nnergesicht etwas nach oben, das Frauengesicht leicht nach unten. Die Krone sitzt naturgemĂ€ĂŸ schief darĂŒber.

Die irritierende Zartheit verdankt sich einer abstrahierten Feingliedrigkeit, unauffÀlligen Rundungen und AbschrÀgungen bei klaren Kanten.

 

Im Vergleich zum ‚Turm’ 1 sind die Stege, aus denen der in der Mitte leere Torso besteht, noch dĂŒnner, sogar atemberaubend dĂŒnn. Die Arme und Beine vertretenden senkrechten Stege sind extrem schmal (3 zu 3,5/4 cm Tiefe) und wirken abgerundet zart. KrĂ€ftig erscheinen demgegeĂŒber der Sockel, der Beckenbereich mit den hĂ€ngenden Genitalien, der stĂ€mmige Hals, ein Quader von 5,5 mal 6 cm (Breite zu LĂ€nge).

Die Krone Àhnelt einem Trichter, ist aber oben geschlossen, flach.

Proportionen (vertikal): Sockel mittig ansteigend bis 6,5 cm, Oberkante HĂŒfte 17,5, Schulterhöhe 15, Hals 6,5, Kopf 12, Krone 7 = 64,5 (bei 63 Höhe durch Rundungen)

 

Auch die Figur Nr. 3 hat  geradezu ‚preußisches’ Gardemass!

Objektdokumentation. GvDie hochgewachsene mĂ€nnliche Figur ist 84 cm hoch, erhebt sich auf Objektdokumentation .Gveiner schmalen Bodenplatte von nur 7 cm StĂ€rke. Sie steht mit durchgedrĂŒcktem Kreuz wie eine Eins. Sie ist an den Schultern gerade mal 13 cm breit und sogar nur 5 cm tief. Sie wird dominiert vom mĂ€chtigen Kopf. Der Abstand zwischen Hinterkopf und Stirn ist 13 cm. Das Kinn ist vorgestreckt, der halb geschlossene Blick richtet sich leicht nach oben. Der kleine Mund ist geschlossen. Mitten auf dem SchĂ€del sitzt eine MĂŒtze in Form eines umgedrehten Kegelstumpfs.

Der Rumpf besteht formal aus vier SĂ€ulen, die durch zwei Querstreben auf einem kreisrunden Sockel verbunden sind. Dazwischen formt eine fĂŒnfte SĂ€ule von beeindruckender Breite und LĂ€nge den Hals.

Die Gesamtmasse der Figur nimmt von unten nach oben zu, ebenso werden die Abschnitte von unten nach oben lĂ€nger. Das sind „afrikanische“ Proportionen. Bemerkenswert ist der im Profil sichtbare Spannungsbogen des Körpers, bemerkenswert, da der Torso sich aus schlichten Quadern aufbaut. Man möchte sagen: „Die Form“ besteht vor allem in der Haltung.

Nur das fĂŒr die Gestalt Wesentliche ist – andeutungsweise – ausgearbeitet. Fassen wir zusammen, von oben nach unten:

  • Eine Kopfbedeckung so abstrakt geformt wie ein ostafrikanischer Fez
  • Das fĂŒr die Metoko-Figuren typische herzförmige Gesicht mit abgeschnittenem Kinn,
  • Plastisch hervortretende Bohnenaugen,
  • Lange Nase mit schmalem Steg,
  • Gespitzter Mund durch eine verbreiterte Oberlippenrinne.
  • Der gesamte Hinterkopf ist leicht gerundet. Er ist durch eine leichte Rinne vom Hals abgesetzt, ohne die kraftvolle Linie des Halses abzuschwĂ€chen.
  • Auch in der Frontalansicht geht der Hals direkt in Unterkiefer und SchlĂ€fen

Wenn bei formalen Reduktionen hĂ€ufig Arme ĂŒberflĂŒssig erscheinen und stattdessen die Kraft der Körpermitte dominiert, so ist es hier umgekehrt. Die sich mittig etwas verjĂŒngenden Arme begrenzen eine leere Mitte von der Breite des Beinabstands. Sie enden gerade an der abgesetzten Hosennaht, wo sie aufsitzen. Das und eine leicht vortretende Schulterpartie suggerieren eine militĂ€risch stramme Haltung. Ein Dreieck fĂŒr das Geschlecht ist in eindeutig abgesetzte schmale Khaki-Shorts eingeschnitten. Folglich steht die Figur wie ĂŒblich „breitbeinig“ vor uns.

 

Angaben zur Provenienz !  – Zweifel und eine plausible ErklĂ€rung

L. bietet mir die Figuren 1. und 2. zusammen an und schlĂ€gt – wie bei den Schreinfiguren der Yombe frĂŒher bereits – ein kleines Tischchen vor. Den Dorfnamen soll die Zweitfrau des Lieferanten in Kinshasa erfragen.

Email 11.10.2018: Hallo Detlev, das Dorf von Lengola Figuren ist LOSATIKULA.

Doch wo liegt dieses Dorf? Auf einem Zettel hatte er mir tags zuvor „Lengola. Groupement: EPULU. CollectivitĂ© Bambesa“ aufgeschrieben.

Bei Recherchen mit Google Maps fand ich zwar kein Losatikula, wohl aber die beiden ĂŒbergeordneten Verwaltungseinheiten. Sie lagen freilich einige hundert Kilometer nördlich der auf diversen Kartenskizzen markierten Siedlungsgebiete der Lengola, ganz am Nordrand des Regenwaldes an den Ufern des Uele. – Ich bezweifelte als typischer MitteleuropĂ€er die gemachten Angaben als bloße Erfindung und ließ die Frage auf sich beruhen.

Wohl zu Unrecht, nachdem ich mir mit Jan Vansina ein Bild des halben Jahrhunderts zwischen 1865 und 1920 mache, von einander folgender Kriege, von Zerstörung, Tod und Vertreibung in der Region. Das passierte alles wohlgemerkt  lange, bevor 1954 unser Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek das fantastische Okapi aus dem Urwaldidyll „Ituri“ in den Zoo geholt hat und ich mit „Okapi“ bei einer AufnahmeprĂŒfung glĂ€nzen konnte.

Und ob es nun versprengte „Lengola“ oder „Metoko“ waren, welche die Figuren dort  – oder vielleicht doch anderswo – in den letzten Jahrzehnten in Ehren gehalten haben: Was macht das schon fĂŒr einen Unterschied?

 

doku. wiki

Congo_concessions on map 1890 wikipedia

Dokumentation

Vansina Paths ch.8 p.241 map      Karten anklicken!

Jan Vansina ( in “Paths in the Rainforests – Toward a History of Political Tradition in Equatorial Africa”, London 1990) betont: Die meisten GeschichtsbĂŒcher verschleiern die Tatsache, dass dessen Eroberung 40 Jahre dauerte.

Die historische Karte von Claudine Vansina vermittelt von den Verheerungen zwischen 1865 und 1920 nicht einmal eine Ahnung – eher noch die daneben abgedruckte grelle Kartenmontage in Wikipedia.

Ich fasse zentrale Passagen aus dem 8. Kapitel zusammen: “Death of a Tradition” (239 – 247)

Das Wachstum der industriellen Weltwirtschaft förderte bereits im 19. Jahrhundert eine starke kommerzielle Expansion in das Ă€quatoriale Afrika. (239) Die meisten GeschichtsbĂŒcher verschleiern die Tatsache, dass die Eroberung 40 Jahre dauerte. Eine Kombination aus Krieg, Zerstörung durch Feuer, Krankheit und Hunger tötete in diesen Jahrzehnten schĂ€tzungsweise die HĂ€lfte der Gesamtbevölkerung.

1865 tauchten rĂ€uberische Milizen aus dem Sudan auf und setzten sich bis 1885 fest. 1869 grĂŒndeten Zanzibari die Station Nyangwe am Lualaba River. Unter dem legendĂ€ren Tibbu Tip erreichte ihre Eroberung 1887 die TĂ€ler Uele, Ituri, Upper Lopori und Upper Tshuapa. Sie zwangen die Bevölkerung, sich in großen Dörfern niederzulassen und verhalfen dort den “Sultani“, jungen ehrgeizigen MĂ€nnern zu Macht, denen die traditionellen Eliten wenig entgegenzusetzen hatten, um ein kollektives Gegengewicht zu bewahren. (242) Nach 1890 begannen bedeutende europĂ€ische MilitĂ€reinsĂ€tze und systematische Eroberungen im Regenwald. Vom unbarmherzigen Terror der Gummiunternehmen ging der stĂ€rkste Impuls zur Gewalt aus. Sie spannten auch die Armee des Staates ein, um den Widerstand der lokalen Bevölkerung zu unterdrĂŒcken. Manchmal wurden betrĂ€chtliche Truppenkontingente eingesetzt. Die Gummikriege dauerten im kongolesischen Teil der RegenwĂ€lder von 1893 bis etwa 1910.  (244)

„Die Gewalt und völlige Zerstörungskraft solcher Kolonialkriege werden oft noch immer nicht richtig eingeschĂ€tzt“, schreibt Vansina. „RoutinemĂ€ĂŸig wurde Dorf fĂŒr Dorf niedergebrannt, die Menschen flohen, manchmal jahrelang, in tiefe WĂ€lder, in denen sie nur die elementarste SchutzhĂŒtten bauten und in hohem Maße von dem abhingen, was sie zum Essen sammeln konnten. WĂ€hrend der KĂ€mpfe und unmittelbar danach waren die Verluste unter den Afrikanern hoch, jedoch starben spĂ€ter noch mehr an den kombinierten Folgen von UnterernĂ€hrung, Überlastung und Epidemien wie Pocken, Masern, Ruhr und vor allem der an Schlafkrankheit. In einigen Bezirken dauerte die Phase der Eroberung Jahre. Der daraus resultierende Tribut an Krieg, Hunger und Krankheit war furchterregend. Die vertrauten alten Lebensweisen kollabierten unter den neuartigen Katastrophen. (244)

Vansina ist aber auch die VerknĂŒpfung zur nĂ€chsten Phase der Kolonisation wichtig:

Die sich unmittelbar anschließende administrative Unterwerfung nahm den Afrikanern die Möglichkeit, eine auf den eigenen Traditionen fußende Antwort zu finden, wie das vorher möglich gewesen war. Von Anfang an arbeiteten alle Kolonialisten wie selbstverstĂ€ndlich daran, die fremden bĂŒrokratischen Praktiken aus Europa im Regenwald zu implementieren, ob es sich nun um die Erbfolge von Chiefs, den gleichen Rechtsstatus unter Dörflern, Ehegesetz und öffentliche Moral oder die Aushöhlung traditioneller Rechtsverfahren und -grundsĂ€tze handelte, die danach als ‚Gewohnheitsrecht’ etikettiert wurden.

Die Mission griff entschlossen zu allen ihr verfĂŒgbaren Mitteln, um die ĂŒberkommene soziale Hierarchie und ihre Sanktionsgewalt zu schwĂ€chen oder abzuschaffen, sie trieb die Spaltung der Gemeinschaften voran, insbesondere die Entfremdung der jungen Generation.

Die Völker des Regenwalds fingen an, ihr eigenes kulturelles Erbe anzuzweifeln und Teile der fremden Tradition zu anzunehmen. Nur an ihren Sprachen hielten sie fest und damit an manchem Àlteren Inhalt, den die Sprache mit sich schleppte. Und so erlebten sie eine kulturelle Persönlicheitsspaltung.

FĂŒr Vansina waren die Traditionen der Ă€quatorialen Gesellschaften Ende der 1920er Jahre nicht mehr als eine konservierte leere HĂŒlle. (246-247)

Leider bricht Jan Vansina seine historische Darstellung  vor der Widerstandsbewegung Kitawala ab, eine fremdenfeindliche vom nahen Weltende beseelte Pfingstkirche,  aus den ‚Zeugen Jehovas‘ Amerikas hervorgegangen. Wie war deren VerhĂ€ltnis zu den widerstĂ€ndigen Traditions-Vereinigungen Bukota und Bwami der traditionellen Eliten und zur 1902 unter den Azande entstandenen Mani-Sekte am Uele-Fluss? In den kommenden Jahrzehnten erfassten spirituelle Bewegungen ganz Zentralafrika und bereitete Kolonialverwaltungen und Katholischer Mission grĂ¶ĂŸte Sorge. FĂŒr die neu entstandene Unruhe steht auch Prophet Kimbangu und der Kimbangismus an der Kongo-MĂŒndung (Kongo und Yombe, LINKS). Und diese Entwicklung hat bis heute nicht aufgehört. (LINK) – Vansinas EinschĂ€tzung solcher ‚hybriden‘ religiösen Bewegungen im 20. Jahrhundert ist als Krisensymptom wahrscheinlich nicht positiv.

Wenn wir  den Blick wieder auf die Skulpturen richten, fragen wir uns: Was bedeutet dieser Hintergrund fĂŒr das VerstĂ€ndnis der heute zugĂ€nglichen Bildwerke aus der Region? In anderen Regionen – etwa bei den westlichen Pende – mag ja eine folkloristische SĂ€kularisierung im Maskenwesen fĂŒr Entspannung gesorgt und zu formalen Neuentwicklungen gefĂŒhrt haben, wie ZoĂ© Strother in entsprechenden Studien zeigt. Doch sie schreibt auch: “dass die Maskerade vollstĂ€ndig aus ihrem ursprĂŒnglichen rituellen Kontext entfernt wurde und die Skulptur tot ist.” („Suspected in Sorcery“ 1996,73) (LINK), aber die Figuren, von denen ich rede, sind ernst, wahrscheinlich so ernst wie einstmals die „traditionellen“.

Erlaubte Spekulationen

…… ĂŒber einen Neubeginn in der figĂŒrlichen Kunst der Metoko, Lengola & Co.

FĂŒr mich verlangt die stilistische Besonderheit der Figuren nach ErklĂ€rungen

Nehmen wir an, den Metoko seien die professionellen Holzhandwerker weggestorben, da wĂ€re technischer Minimalismus eine pragmatische Lösung fĂŒr jeden gewesen, der neue Figuren herstellen sollte, gar noch große fĂŒr gemeinschaftliche Zwecke. ‚Primitive‘ Anmutung war in Zentralafrika kein Hinderungsgrund, man denke an diverse PfĂ€hle an sakralen Orten und andere nur rudimentĂ€r gestaltete Objekte.

Wie die gezeigten Figuren aber zeigen, könnte aus der Not ein Tugend, ein neuer Stil  geworden sein, dessen Feinheiten zwar unauffĂ€llig wirken, aber deshalb nicht unwichtig sind, wie Sie an den Abbidungen bemerken können. Eine Sache fĂŒr professionelle Schnitzer.

Da der militÀrische Aspekt an den Figuren, besonders Haltung und KörperlÀnge, nicht zu leugnen ist, bietet er eine zweite gestalterische Orientierung. Gewiss leisteten nicht nur die Tetela Söldnerdienste.

Generell kann aber auch eine moderne Ausstrahlung, welche an die ‚Technik‘ der EuropĂ€er und deren Materialien erinnert, gewĂŒnscht sein. Mir fĂ€llt spontan die Übernahme des westlichen Liegestuhlmodell durch HĂ€uptlinge Zentralafrikas ein oder die Ă€ußerst beliebte flĂ€chige Dekorierung durch PolsternĂ€gel.

Vor allem ist aber an einen Typ Steckfigur zu erinnern, der die Kunst der benachbarten Lengola in allen möglichen KunstbĂ€nden reprĂ€sentiert, ohne dass sein Bau irgendwo kunsthistorisch erörtert worden wĂ€re:  Aus jeweils sechs wie oberbayrische Stuhlbeine gedrechselten Stangen von meist sechzig Zentimetern LĂ€nge entsteht eine oft ĂŒber zwei Meter hohe breitbeinige Figur mit erhobenen Armen. Die Konstruktion ist wenig stabil und kann ihre Zugehörigkeit zur europĂ€ischen Möbelfertigung nicht verleugnen. Nur die eingeschnitzten HĂ€nde, FĂŒĂŸe und der plastisch gestaltete Kopf lassen sich als bedeutungsstiftende afrikanische Elemente betrachten. Die ErklĂ€rung, die Bestandteile wĂŒrden zwischen den Zeiten der Verwendung  zwischen den Dachsparren von RitualhĂŒtten gelagert, reicht gewiss nicht aus, um den Einsatz dieser fremden Konstruktion zu erklĂ€ren. Ich suche noch das Katalogzitat, dass der Typ erst im 20. Jahrhundert auftauchte.  Objektdokumentation. Gv

Mit diesen Spekulationen muss ich Sie heute allein lassen. Hier ist es gerade kĂŒhl.

v. Graeve

 

 

 

 

 

 

 

 

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