Geschminktes Mali – mein Blues bei „Mali Blues“ (Lutz Gregor 2017)

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Filmkritik

Die ersten sechzig Minuten   (Geschrieben am 13.8.2017)

 

Ein Geschenk also. Der Schenkende hatte keine Chance, die DVD–Verpackung steckt voller kleiner Lügen. (LINK), ( L. Gregor LINK)

Kein Ruhmesblatt für die deutsche TV-Dokumentation! Mit einem weiblichen Shootingstar der gut vernetzten Musikszene von Bamako sich komfortabel in der Hauptstadt herumfahren zu lassen. Das Volk in seinem bekannten Elend vom Autofenster oder vom Boot aus zu betrachten, gern auch in unauffälliger Zeitlupe. Romantische Blicke auf die Stadt aus verschiedenen Perspektiven, öfter in malerischer Dämmerung. Nur kein Kommentar! Informationen würden ja die Atmosphäre nur stören. An einer Stelle sage ich mir:  Gewiss ein warmer Abend, wie man ihn hier nicht einmal im Sommer mit Gewissheit erwarten darf! Einmal hält sich die Sängerin Fatoumate Diawara an der offenen Autoscheibe für Sekunden ihr Seidentuch vor die Nase, klar, eine kleine offene Müllverbrennung. Wie ist die nur in den Film geraten?

Lieber seichte Liedertexte zur Elektrogitarre und inszenierte scheinpolitische ‚Gespräche’, malerisch auf dem Boden hockend auf der Dachterrasse. Die jungen Leute sind von ihrem unvermuteten öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag ‚in Zusammenarbeit mit ARTE’ überfordert. In ihren Songs haben sie doch bereits alles gesagt: dass ihr Herz schwer ist, dass sie den Dschihadismus ablehnen, die Armut der Leute, die Korruption und den Streit zwischen den Völkern in Mali. Der prominenteste, Erbe einer Dynastie traditioneller Sänger, Griots, wurde schon ins staatliche Fernsehen gebeten, um die offizielle Geschichtsversion zu verbreiten. „Wir haben alle dieselben Ahnen.“

Vier Musiker mimen fürs Fernsehen die Volksgruppen in offizieller Eintracht: Den entwurzelten Tuareg aus dem Norden, den Peul, die Bamana, die sich angeblich nach der Wüste sehnt – Fatoumata  kennt sie bloß von Wüstenfestivals her. Warum sollten die Vier nicht Freunde sein? Der schmächtige geleckte Rapper wagt es in einem geschlossenen Club, den Erwerb eines Privatflugzeugs des Präsidenten zu erwähnen. Das und alles andere pfeifen doch längst die Spatzen von den Dächern.

Von den geschichtlichen Tragödien, dem Traditionsverlust, vom wirtschaftlichen und sozialen Niedergang des Landes – Davon wissen die jungen Promis doch gar nichts! Und wenn sie das größenwahnsinnige Pathos der Makeba, von Felakuti oder Bob Marley… oder von Freude, schöner Götterfunken imitieren, langweilen sie bloss.

Für den ‘typischen Tuareg-Klang’ tunen sie die E-Gitarre. Die vielseitige Harfe Koora kann keiner mehr spielen. Malis Musik ist schon lange am Ende. Die legendären Alben Desert Blues von network (LINK) klaubten in den achtziger Jahren die verbliebenen Reste der Sahara-Traditionen auf. Nicht die Flucht von Musikern aus Timbuktu, Djenne und Mopti vor den Drohungen der Milizen ist das Problem, sondern der lange Krieg der neuen ‚Nationalstaaten’ gegen die Tuareg, die Zwangsansiedlung vieler Nomaden in den Städten, wo sie untergehen.

Der in Bamako gestrandete Tuareg-Musiker darf vor der Kamera über Waffen und Gefahr in der Wüste jammern, als sei die Sahara früher ein Streichelzoo mit Kamelen gewesen.

Unseren jungen Helden wäre ein Auftritt in Timbuktu noch zu gefährlich. Bleibt also im Süden oder geht auf Tournee im Ausland! Was ist bei den armen Schluckern im Norden schon zu holen? Mali Blues Ein Film über die vereinende Kraft der Musik ist war billig und ist gefällig. Wie konnte er für den „Deutschen Dokumentarfilmpreis 2017“ auch nur nominiert werden!

Lutz Gregor, der Regisseur, hat sich als Tanzfilmer profiliert. Man sagte sich wohl: Warum dann nicht ein „musikalisches Roadmovie“ mit passendem Soundtrack in Mali? Da stehen sogar ein paar Bundeswehrsoldaten (oder doch nur im Norden?) Mit der richtigen Botschaft und der richtigen Begleitung kann doch nichts schief gehen. – Doch ich meine: Auch Tänzer und „freie Filmemacher“ könnten nachfragen und nachdenken, kurz: informieren, statt sich und uns schäufelchenweise sentimentalen Sand in die Augen zu streuen.

 

Dreißig Minuten vermögen den Film zu retten ! Sehen Sie selbst.

Ich habe den Textentwurf lange zurückgehalten, weil ich den Schluss des Films darin nicht mehr berücksichtigen konnte.

Dann wird die Crew bei einem Gottesdienst in der Moschee kritisch beäugt und darf anschließend im Wohnbereich dem islamischen Würdenträger Fragen stellen. Der sagt (Untertitel): „Im Koran steht nicht geschrieben, dass die Musik im Ganzen verboten ist. Denn so wie Gott den Menschen geschaffen hat, braucht dieser Musik, um leben zu können. Musik hilft auch beim Vergessen und beruhigt den Menschen. Musik hilft bei Sorgen und Qualen.“ Das ist keine Überraschung, ebenso wenig wie die Einschränkung: „Es gibt Unterschiede bei den Konzerten. Mit manchen geht der Islam konform. Wenn nichts Ausfallendes vorkommt, das zum Bösen verleitet, wenn man also im Guten feiert und gut miteinander spricht, dann verbietet der Islam die Musik nicht.“ Nach einem kurzen Zwischenschnitt auf zwei zu seinen Füßen spielende Kleinkinder fährt er unvermittelt fort: “Schon seit langem werden die Dschihadisten, wenn man das richtig betrachtet, entweder von den Amerikanern selber geschaffen (als Fremdwort ‚fabriqué’), oder von den Europäern, damit sie ihre Interessen durchsetzen können. Nun sind die Dschihadisten außer Kontrolle geraten. Wir Malier glauben, dass ihr Europäer Gruppen erschafft und sie zu Islamisten macht. Nun greifen sie euch an.“ Die Stimme seines Sekretärs: „Alle wissen, dass die Probleme nicht von hier kommen….“ „Ganz deiner Meinung.“ Einverständiges Lachen. Schnitt und Schluss der Szene.

Eine geschickt plazierte Botschaft!  Doch es fehlt noch die innenpolitische Seite – vergleichbar mit dem Fall von ‘Boku Haram’ in Nigeria. (Harnischfeger 2011 LINK)

Substanz und Emotionalität gewinnt der Film erst in den letzten zwanzig Minuten mit der Reise  der erfolgreichen Fatoumata Diawara in ihr Heimatdorf und einer bewegend orchestrierten Versöhnung mit eben den Frauen, vor denen sie vor Jahren in die Hauptstadt geflüchtet war.

Zwei atmosphärisch gute Konzerte der Musiker – vom am Ufer vertäuten Schiff aus und auf einem Festplatz – runden den Film ab.

Also Geduld ist gefragt, und mehr Toleranz als ich noch aufbringe.    10.3.2019

 

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