Josephson und Tichy im MMK – ich betroffen davor

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 Josephson und Tichy im MMK – ich betroffen davor und erst recht danach  22.3.08      

Die Rauminstallation ist Alles – dafür hat J. übrigens schon seinem „Kesselhaus“ gesorgt. Trotz Vorahnung enttäuschen mich die Exponate. Sie sind nicht einmal raumbeherrschend, im Gegenteil wirken sie in den größeren Räumen verloren.

 

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Steinmetz-Imitate! Ihre Aufbahrung im Musentempel beleidigt Bildhauer – Steinhauer wie solche, die in Ton arbeiten und nicht Kelle auf Kelle Gips zu ungeschlachten Volumina aufspachteln. Nicht zum Anfassen, wirklich nicht!

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Der Eindruck von etwas Bekanntem, vertrauten Bildwerken. Man spricht doch heute von Simulacren, von Simulation. Zum Beispiel der helle Blickfang im Eingangsbereich: die Frauenbüste erinnert an eine etruskische Grabfigur, ein anderes Stück an karthagische Steinplatten oder sie bieten Anklänge an Skulpturen der klassischen Moderne. Abgewittert erscheint, was bloß abgegossen und täuschend alt patiniert worden ist. Oder als hätten klassische Werke „Hiroshima und Nagasaki“ überstanden.Geliehene Ausstrahlung für gutwillige Betrachter.

Seifenopern Der Traum des alt gewordenen Dilettanten von gesellschaftlicher Anerkennung wird endlich erfüllt.  Und wir in Frankfurt bekommen erst jetzt etwas davon mit. Josephson: „Ich wollte seit meinem fünfzehnten Lebensjahr Bildhauer werden“. Man fügt unwillkürlich hinzu: und ist es nie geworden. Das pubertäre Moment teilt Josephsons Story mit Tichys.

Tichys Aura. Tichy arbeitete in seiner kleinen Welt,  während ein Privatmuseum Josephsons Schrott die förderliche Umgebung bietet. Doch liefert auch Tichys häusliche Vermüllung den interessierten Kreisen die unverzichtbare Aura. Ich bin peinlich berührt von der unverschämten Exhibition (Ausstellung) seiner Privatheit. Angeblich mit Hintersinn. Als man ihn aufspürt, ist der hormonelle Quell seiner Obsession lange versiegt. Das Weib hat lange schon die Herrschaft über seine Phantasien an den Alkohol verloren, „Slibowitz oder Bier“.

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Wurde Tichy früher von seinen Mitbürgern im Provinznest angeglotzt, wenn er im Straßengraben lag, glotzt nun ein globales Publikum in alle Winkel seiner Existenz. Er selbst legt in dem von seinen Zuhältern organisierten Filmdokument von dem Missbrauch Zeugnis ab. „Sieh mal, das war deine erste Ausstellung!“ Man gibt ihm einen Katalog in die Hand, er blättert ihn durch. – „Nein, das war deine Ausstellung“. Das Museum zeigt den Film und vertreibt ihn öffentlich; es gibt auch eine Pornografie mit hilflosen Alten!  Modell „Irrenkunst“. Beide Ausgestellten sind – bei allen Unterschieden – wohl nachdenkliche Menschen gewesen, aber vielleicht doch mehr Käuze. Meine Zeit ist mir für eine genauere Beschäftigung zu schade.

 

Den Schluss des Textes habe ich kräftig auf seine Hauptaussagen zusammengestrichen. 22-11-2013

Die Gegenwart führt uns vor Augen, mit welcher Gleichgültigkeit knorrige Typen, innerlich Getriebene, Abhängige von Drogen, Psychosen, Ideosynchrasien und Obsessionen im Kulturbetrieb – gern auch unter dem Label „trash“ – verwertet werden, um der ebenso blassen wie gefräßigen Populärkultur frisches Blut zuzuführen. Phantasien aller Arten für Fantasy!

Dazu kommt eine Infantilisierung des Publikums durch raumgreifende Museumspädagogik für Jedermann. Seitenstück zur Sakralisierung des Trivialen. Eine Bastelschnur gibt mir den Anlass zum Schimpfen: Dürftige Faden-Installationen im 1.Stock müssen einen ganzen Raum mit Sinn erfüllen. „Als ob es keine Obdachlosen in Frankfurt gäbe!“ Es wird  ein endlos verschweißter Faden gereicht, zum Nachspielen. Unten im Keller laufen die besagten Filme zum Beglotzen und Hören. Aus Kunst bäckt man einen Kult für die neue globale Konsumistenklasse.

Wer aber etwas anderes versteht, macht das andere. Stammelt nicht und knetet, schmiert und kleistert nicht, schlägt nicht aus hartem Material, setzt nicht in Noten und Regieanweisungen, sondern sagt und tut was er denkt in einer freien Gesellschaft, in der wir uns immer noch bewegen. Interessante Texte stimmen mich heiter. Dabei ist es fast egal, wie negativ ihre Botschaft ist. Die bildenden Künste sind im Grunde schwerblütig, Paul Parin –  jedenfalls im poetisch freien Buch „Zu viele Teufel im Land“ , heute S.79ff -leichtblütig. Auch Wissenschaften, soweit sie nicht von Sklavenseelen betrieben werden. Und der erinnernde Blick auf traditionelle Alltags- und Gebrauchskultur! Die sehe ich gern, fasse sie noch lieber an und sammle auch gern etwas davon.

Lasst uns das MMK ausräumen und das MdW – in Worten: Museum der Weltkulturen – in das wunderschöne Gebäude einziehen!

 

 

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